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Neue IVW-Zahlen: Regionalzeitungen weiter stark im Minus

Der Blick auf die aktuellen IVW-Auflagenzahlen der Regionalzeitungen ist ja für Print-Journalisten immer so eine Art Horror-Show — die Zahl der Blätter, deren Auflagen sich konsolidieren, also insgesamt (Print plus Digital) nur wenig verlieren, war auch im letzten Quartal 2019 mal wieder überschaubar. Die Gießener Allgemeine zum Beispiel oder die Oldenburger Nordwest-Zeitung könnten bald die Schubumkehr schaffen, wenn sie noch mehr Digital-Abos verkaufen. Manche renommierte Blätter verlieren dagegen sogar zweistellig, etwa ausgerechnet die sich gerade neu erfindende Berliner Zeitung (minus 12 Prozent) und die Hamburger Morgenpost (minus 19 Prozent!).

Mich interessieren natürlich immer ganz besonders die Zeitungen der Funke-Mediengruppe, für die ich schreibe & als Redakteur arbeite. Da ist der Auflagenschwund eher so im Durchschnitt, nur die Berliner Morgenpost verliert mit 8,1 Prozent besonders stark (passt ja zur Ankündigung, zukünftig mit dem Tagesspiegel zu kooperieren), in Hamburg (Hamburger Abendblatt), Thüringen (Mediengruppe Thüringen) und NRW (WAZ-Gruppe) geht’s jeweils nur 6 Prozent bergab. Trotzdem haben die Funke-Blätter bundesweit immer noch eine Auflage von knapp über 700.000 Exemplaren.

Großes Vorbild in punkto Konsolidierung bleiben auch weiterhin der Berliner Tagesspiegel (nähert sich wieder der 100.000er-Marke) und die Rheinische Post, als einzige große Regionalzeitungen im Bundesgebiet gewinnen sie leicht hinzu, und das nicht zum ersten Mal. Beides keine Blätter, die ich wirklich lesen möchte, aber innerhalb ihrer Zielgruppe scheinen die ja offenbar ein gelungenes Konzept zur Digitalvermarktung zu haben. (via Meedia)

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„User First“ heißt „Print second“: Funke Mediengruppe setzt verstärkt auf Digital-Angebote

funke-medienFünfstellige Auflagenzahlen bei Print, das gibt’s noch, zum Beispiel bei den Blättern der Funke Mediengruppe, die vor allem in NRW, Berlin, Hamburg und Thüringen aktiv ist — erst vor wenigen Jahren hatte die ehemalige „WAZ-Gruppe“ die Berliner Morgenpost und das Hamburger Abendblatt von Springer übernommen. Doch je weiter die Gesamtauflage sinkt, desto mehr muss gespart werden — gerade wurde die neueste Kürzungsrunde eingeläutet. Zu den Maßnahmen gehören die „Klassiker“ in den Zeiten der (Regional-)Zeitungskrise: man schließt nicht mehr rentable Druckereien, reduziert die Zahl der Redakteure und Volontäre, schließt Lokalredaktionen und nicht zuletzt auch Geschäftsstellen.

Ungewöhnlich ist allerdings, dass auch in Funkes Berliner Zentralredaktion ein Viertel der Redakteure gehen muss — schließlich werden dort seit der letzten Sparrunde 2015 hochwertige Inhalte für die Mantelteile aller zum Konzern gehörenden Blätter produziert. So will man u.a. ausgerechnet das Geld für Investigativ-Recherchen zukünftig einsparen.

Das Management hat neben erhöhten Zustellungskosten (siehe die Mindestlohndebatte) vor allem drei Felder benannt, in denen der Kostendruck zum Handeln zwingen würde: „die Entwicklung unserer Auflagen und der Werbeerlöse“ (dort gehts abwärts) sowie „steigende Papierpreise“. Mit den Einsparungen solle ein Umfeld geschaffen werden, in dem trotz alledem „unabhängiger und professioneller Regional- und Lokaljournalismus gedeihen kann“, so Funkes Zeitungschef Ove Saffe in einer Pressemitteilung.

Mit Print alleine wird das allerdings nicht gehen — deswegen setzt das Unternehmen inzwischen vermehrt auf das Prinzip „User First“. Sprich: die Redaktionen sollen sich bei ihrer Arbeit vor allem auf die digitale Vertriebsschiene konzentrieren. Irgendwann könnten die sinkenden Printauflagen dann von steigenden Digital-Abos ausgeglichen werden, so die Hoffnung. In Sicht ist die Talsohle aber noch nicht.

(via Meedia)

Print ist links, digital neoliberal, Meinungsfreiheit ein Fall für die Wochenendausgabe…?

Ist Print links, Digital liberal? Eine interessante Frage. „Selbst als links geltende Medienhäuser sind damit beschäftigt, ihre Tageszeitungen abzuschaffen“, tadelte kürzlich die „Junge Welt“ in einem Editorial, und meinte damit taz und Neues Deutschland. Die würden nämlich beide ihre Wochenendausgaben „aufblasen“ und den Ausstieg aus der werktäglichen Printausgabe planen. Tatsächlich „bastelt“ auch das ND nicht nur an „diversen digitalen Formaten“ herum, sondern serviert seinen Lesern Ende Oktober eine Blattreform: die dann bereits im Titel als „ND. Der Tag“ erkennbare Wochentags-Ausgabe schrumpft (außer donnerstags) von 20 auf 16 Seiten, Themen die nicht ganz wegfallen (wie etwa die Panorama-Seite) werden auf die jeweilige Wochenend-Ausgabe („ND. Die Woche“) verschoben. Zugleich wirbt ein grafisch frisch gestyltes Online-Magazin namens „Supernova“ um junge LeserInnen.

Die taz hat ja schon vor einiger Weile viele Ressourcen in Richtung Wochenend-Ausgabe und Online-Redaktion verschoben, und kurz vor dem Umzug ins neue Gebäude den GenossInnen schon mal den Ausstiegstermin in Sachen Werktags-Print prophezeit: 2022. Hintergrund dieses bisher nur „vorgeschlagenen“ Szenarios: Schon jetzt zahlt die Hälfte der pro-aktiven Lesergemeinde nicht für die gedruckte Ausgabe, sondern nur für die Samstagsausgabe, für das E-Paper oder spendet freiwillig für die kostenlos lesbare Online-Ausgabe.

„Mit dem aktuellen Schritt hinkt das ND der taz zwar mehr als drei Jahre hinterher — dafür wird das ND keine vier Jahre brauchen, um sich selbst als Tageszeitung abzuschaffen“, ätzt die JW. Und setzt selbstbewusst ihren eigenen Plan dagegen: weiterhin gedruckt und digital zu erscheinen, und damit — jetzt wird’s spannend — die grundgesetzlich garantierte Meinungs- und Pressefreiheit sicherzustellen. Artikel 5 (1) zufolge hat ja jeder das Recht, sich aus „allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten“.

Wie „allgemein zugänglich“ online-only-Inhalte sind, ist angesichts diverser Gatekeeper und oft unbemerkt waltender Filtermechanismen eine gute Frage. Die JW fordert deswegen lieber die Aufrecherhaltung „einer adäquaten (Print-)Infrastruktur, wie es mit dem deutschen Grossosystem entwickelt wurde“. So hätten auch kleinere Verlage „zumindest eine Chance, an Zeitungsverkaufsstellen präsent und damit allgemein zugänglich zu sein“.

Außerdem, so das Kalkül der JW, kann eine gedruckte Zeitung natürlich zusätzlich auf Demos verteilt oder im Kollegen- und Bekanntenkreis weitergegeben werden. Letztlich setzt die JW also auf den politisch-gesellschaftlichen Gebrauchswert der gedruckten Ausgabe — und stellt tatsächlich dann auch die These auf: wenn dieser Gebrauchswert stimmt, kann man „gegen alle Trends die [Print-]Auflage steigern“. 1.300 Print-Abos sollen bis Anfang 2019 hinzugewonnen werden, nebst 600 Online-Abos. Angesichts der politisch aufgeheizten Stimmung im Land könnte diese Rechnung tatsächlich aufgehen…

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„At first, kill the press“: New York Times bald nur noch sonntags in Papierform?

nyt-app-nowÜber die in den USA beliebte Quartalszahlen-Vergleicheritis mag man denken, was man will, im Fall der NYT bestätigen die aktuell vorliegenden Ergebnisse letztlich nur den allgemeinen Trend: und der geht – in Sachen Print & Anzeigengeschäft – deutlich nach unten. Die Kehrseite der digitalen Erfolgsstory – mehr als 2 Mio. Digital-Only-Subskribenten – ist nämlich die kontinuierliche Aushöhlung des traditionellen Papier-Standbeins. Auflagenzahlen wie auch die mit den werktäglichen Ausgaben realisierten Anzeigenerlöse schmelzen dahin wie westantarktische Gletscher.

Zeitungskrise ist „nur“ eine Print-Krise?

An wohlfeilen Ratschläge herrscht kein Mangel, besonders weitgehende Tipps verteilte jetzt Journalismus-Experte Frédéric Filloux in seinen populären „Monday Notes“ (sozusagen die „Fuchsbriefe“ der US-Tech-Branche): stellt die Druckerpresse ab, bis auf die Sonntagsausgabe, und konzentriert euch auf die digitale Expansion außerhalb der USA.

Wahnsinn oder Methode? Nun ja. Fünfzig Prozent der Print-Umsätze, so schätzt Filloux, würden ohnehin am Wochenende gemacht. Und überhaupt: Wenn man schwarze Zahlen nur schreiben könne durch regelmäßige Abopreiserhöhungen, sei das ein eindeutiges Indiz für ein sterbendes Geschäftsmodell.

Internationale Digi-Expansion als Cash-Cow

Die eigentliche Cash-Cow, so Filloux, sei dagegen noch gar nicht so richtig gemolken worden: nur 14 Prozent der 2 Millionen Digital-Only-Abonnenten kämen aus dem internationalen Ausland, und das Wachstum betrug hier zuletzt 80 Prozent. Weiter so auf diesem Wege, empfiehlt Filloux, denn dieser Bereich werde auch zunehmend interessanter für Werbetreibende.

Gibt’s in Zukunft also nur noch die NYT am Sonntag, als edel gestaltetes Upmarketing-Produkt, und ansonsten nur Bits und Bytes? Und vor allem: wie nah ist diese Zukunft? Ganz so nah wohl doch nicht, das gibt selbst Filloux zu. Denn die Print-Kultur in den Köpfen der Blattmacher sei einfach noch zu stark.

Zeitungen darben, Facebook boomt: Werbe-Dollars wandern von Print in Richtung Mobile

mit paywall auf dem weg zur leserfinanzierten zeitungZwei Headlines, eher zufällig vom selben Tag, aber durchaus nicht ohne Zusammenhang: „Print Newspapers are dying faster than you think“ ,titelt heute Vox. Der Guardian wiederum schlagzeilt: „Facebook’s profits soar as it continues to swallow online advertising market“. Alte Regeln scheinen im Anzeigengeschäft längst nicht mehr zu gelten — das früher mal gewohnte Auf- und Ab entlang der Konjunkturzyklen hat sich seit den Nuller Jahren für viele Print-Blätter in ein ständiges Abwärts entwickelt. Trotz konjunktureller Erholung nach der Wirtschafts- und Finanzkrise: „Instead, over the past six years, the opposite has happended: Newspaper advertising revenues have continued to deteriorate even as the economy booms.“

Vox verweist auf eine interessante Statistik in Sachen Aufmerksamkeits-Ökonomie: nur noch vier Prozent der dem Medienkonsum gewidmeten Zeit verbringen die US-Amerikaner mit einer gedruckten Tageszeitung, 22 Prozent ihrer Zeit dagegen vor den mobilen Screens von Smartphone und Tablet. Allerdings hat Print immer noch einen Anteil von 16 Prozent an den Werbeausgaben, das mobile Internet dagegen nur 12 Prozent. Fazit: „This situation can’t last.“

Ein guter Indikator für die Umschichtung der Werbeetats ist Facebook: es strömt spürbar mehr Geld in Richtung Mobiles Web, und der Social Media Gigant sichert sich selbst einen immer größeren Anteil am Online-Werbekuchen. Besonderer Umsatztreiber war zuletzt der US-Wahlkampf: Alleine im dritten Quartal 2016 haben sich laut Guardian Facebooks Werbeeinnahmen im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht, von zuvor 896 Millionen Dollar auf 2,38 Milliarden Dollar. 84 Prozent der Anzeigen wurden via Smartphone ausgeliefert, gegenüber 78 Prozent im Vorjahr.

Die darbenden Print-Blätter reagieren auf diese Entwicklung wie schon bisher: mit Sparrunden und Einschnitten beim Personal. In den letzten Wochen, so der Guardian, hätten die Verlagsgruppen von Daily Mail, NYT und WSJ weitere Entlassungen angekündigt — und der Guardian selbst auch.

Abb.: NS Newsflash/Flickr (cc-by-2.0)

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Zeitungskrise, nächste Folge: Britischer „Independent“ schafft Print-Ausgabe ab

indie-und-sindie-geben-aufIndie, Sindie & der Guardian, so übersichtlich sah bisher die britische Presselandschaft links von der Mitte aus. Ab 26. März 2016 wird sie noch ein bisschen übersichtlicher: dann gibt’s gedruckt am Kiosk nämlich auch den „Independent“ bzw. „Independent on Sunday“ nicht mehr. Denn der letzte Besitzer Alexander Jewgenjewitsch Lebedew wirft das Handtuch, zumindest in Sachen Papier: nachdem der russische Oligarch seit 2010 viele Millionen Pfund in das Projekt gesteckt hatte, will er nun nur noch eine Online-Ausgabe finanzieren.

“Die Zeitungsindustrie ändert sich, und diese Veränderung wird von den Lesern vorangetrieben“, wird Lebedew vom Guardian zitiert. „Sie machen uns deutlich dass die Zukunft im digitalen liegt. Diese Entscheidung erhält die Marke Independent und ermöglicht es uns, weiter in die hochwertigen redaktionellen Inhalte zu investieren, die immer mehr Leser auf unsere Online-Plattformen lenken“.

Wieviele der bisher 150 Vollzeit-Redakteure am Ende noch übrig bleiben werden, ist noch ungewiss — mehr als zwei, drei Dutzend werden es aber wohl nicht sein. Viele Branchenbeobachter hatten den großen Kladderadatsch beim Independent schon erwartet, denn längst war das 1986 gegründete Blatt mit einer Auflage von nur noch knapp über 40.000 Exemplaren in der Todeszone angekommen.

Deutlich besser lief das 2010 gelaunchte Schwesterblatt „i“ (die Auflage liegt derzeit immerhin noch mehr als 250.000 Exemplaren) — wie zeitgleich bekannt wurde, hat Lebedew die Kompaktausgabe aber an einen anderen großen Verlag verkauft, sie wird weiterhin erscheinen.

Der Oligarch selbst herrscht zukünftig also nur noch über den Online-Rumpf des klassischen Independent, der mit monatlich 58 Millionen Besuchern angeblich bereits Profite abwirft. Der digitalen Konkurrenz von Guardian, Daily Mail, Telegraph und Mirror hinkt independent.co.uk aber doch deutlich hinterher.

Was eine Guardian-Kolumnistin dem Indie gerade auf den Weg in die potentielle Online-Gruft hinterherrruft, klingt insofern auch nicht gerade optimistisch: „In the end it was the internet which killed the Independent newspaper and not Rupert Murdoch“. Das Blatt habe schlicht viel zu spät auf die Online-Herausforderung reagiert. Nun muss ausgerechnet Online die Rettung bringen.

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Zeitungskrise passé? Print schrumpft bis 2018 langsamer, Digital wächst stärker (lt. BDZV)

bzdv-studie-print-schrumpft-langsamer-digital-waechst-staerkerSilberstreif am Horizont oder schon echte Trendumkehr? Die deutschen Zeitungsverlage melden nicht nur langsamer schwindende Printauflagen, sondern auch zunehmendes Wachstum bei digitalen Produkten: einer repräsentativen BDZV-Studie zufolge wird es bis 2018 nicht nur ein jährliches Plus von 5 Prozent bei E-Paper und Paid Content geben, sondern auch bei den Einnahmen mit digitaler Werbung. Die ganz großen Player (Top 15 Prozent) erwarten sogar mehr als 20 Prozent Wachstum.

Zeitungskrise erzeugt Abkehr vom Kerngeschäft

Allerdings haben die Verlage auch strukturell aus der Zeitungskrise gelernt und stellen sich immer breiter auf – neben das Kerngeschäft treten vermehrt neue Geschäftsmodelle wie Reiseveranstaltungen, Messen, Web-Dienstleistungen, Gutschein-Deals etc. Die große Mehrheit der Verlage plant, bis 2018 sogar 25 Prozent oder mehr ihrer Erlöse außerhalb des Kerngeschäfts zu erzielen, einige der großen Verlage planen sogar mit 50 Prozent und mehr.

Große Verlage in Start-Up-Einkaufslaune

Neben Digital-Abos und weiteren Online-Angeboten gehen auch immer mehr Zeitungsverlage auf Einkaufstour oder beteiligen sich an anderen Unternehmen bzw. Start-Ups. Die Geldströme landen immer öfter außerhalb klassischer Formate: Im Jahr 2013 wurden im Durchschnitt bereits 40 Prozent der Investitionen im Digital- und E-Commerce-Bereich getätigt. Der Hauptgrund dafür ist wohl klar: auf Print hofft niemand mehr so richtig, die Auflagen und Erlöse sinken weiter. Einzige Hoffnung: 2015 dürften sich die Verluste im Vergleich zu den Vorjahren reduzieren.

Abb.: Nick Page/Flickr (cc-by-2.0)

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Letzte Ausfahrt Paid Content? E-Paper im Aufwind, Zeitungskrise schwelt weiter

Immerhin, mindestens eine gute Nachricht hatte der BdZV auf seiner Jahrespresskonferenz 2014: deutsche Zeitungen werden immer besser beim Verkauf von E-Paper-Ausgaben. Im Vergleich zum ersten Quartal 2013 gab es einen Anstieg von satten 64 Prozent auf knapp über 500.000 solcher Digital-Abos. Die Gesamtauflage aller Blätter sank aber trotzdem um 700.000 Exemplare – jetzt liegt sie bei 21 Millionen.

Im Jahr 1993, also kurz vor dem Boom des World Wide Webs, lag die Gesamtauflage dagegen noch bei mehr als 30 Millionen. Besonders schmerzhaft für die Branche sind die Verluste im Anzeigengeschäft, hier gingen die Umsätze im letzten Jahr um zehn Prozent zurück. Doch auch die Gesamterlöse der Zeitungsverlage sind weiter im Sinkflug, wenn auch „nur“ um 4 Prozent

Bietet Paid Content einen Ausweg? 80 Zeitungen in Deutschland setzen bereits auf zumeist flexible Bezahlschranken (inklusive der freiwilligen „Paywahl“ der taz), bis Ende des Jahres sollen es mehr als 100 sein. Ganz vorne dran ist der Springer Verlag: dort erzeugten digitale Inhalte im letzten Jahr bereits 50 Prozent des Umsatzes. Alleine die Tageszeitung Die Welt will in nur sechs Monaten seit dem Start der Paywall fast 50.000 Digi-Abos verkauft haben, BILD brachte im selben Zeitraum sogar mehr als 150.000 Abos an den Mann.

Im Schnitt, so der BdZV, bezahlen die Leser für ein Digital-Abo acht Euro pro Monat. Daneben böten viele Verlage zusätzlich Tagespässe, die durchschnittlich 1,10 Euro kosten. Anzeigenerlöse im Web ermöglichen dagegen nach Ansicht des BdZV keinen Ausweg aus der Zeitungskrise: „Werbefinanzierung wird es nicht bringen“, glaubt BDZV-Multimedia-Fachmann Hans-Joachim Fuhrmann.

Abb.: Digital-Komplett-Angebot von Welt.de (Screenshot)

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Tablet-Boom geht weiter – Apps als Ausweg aus der Zeitungskrise?

Für die gedruckte Zeitung ist der November 2012 zum Trauermonat geworden – mit der Insolvenz der Frankfurter Rundschau steht ein Traditionsblatt auf der Kippe, während der relative Newcomer FTD jetzt das endgültige Aus für den Tag nach Nikolaus verkünden musste. Doch der Auflagenschwund bedroht auch andere Blätter: im letzten Quartal registrierte die IVW für die Tagespresse branchenweit einen Rückgang um 3 Prozent gegenüber 2011. Ein deutliches Wachstum gab’s zwar im Bereich E-Paper, doch der der Anteil digitaler Ausgaben (0,23 Mio) liegt bei gerade mal einem Prozent der Gesamtauflagen (21,7 Mio). Vielversprechender als PDF-Faksimiles gedruckter Auflagen scheinen da Zeitungs-Apps mit speziell aufbereitetem E-Content zu sein. In den USA setzen die hundert auflagenstärksten Titel alleine über den iPad-Zeitungskiosk „Newsstand“ Tag für Tag 70.000 Dollar um. Ein Grund dafür ist die große Gerätebasis: bereits jeder zweite US-Amerikaner besitzt mittlerweile ein Tablet. Doch die Deutschen holen auf: Inzwischen wischt auch jeder achte Bundesbürger (13 Prozent bzw. 9,1 Mio Personen) mit den Fingern über die Touch-Sceens von iPad & Co. Das ergab jetzt eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Hightech-Verbands BITKOM.

iPad-Nutzer spendierfreudig bei journalistischem Content

Gerade im Weihnachtsgeschäft werden Tablet-PCs wieder der Renner: insgesamt dürften BITKOM zufolge bis Jahresende 3,2 Millionen Geräte über den Ladentisch gehen. Am weitesten verbreitet sind die Flachrechner bei Nutzern im Alter von 30 bis 44 Jahren. Hier setzt bereits jeder Fünfte ein Tablet ein. Zeitungsapps erfreuen sich gerade bei iPad-Nutzern großer Beliebtheit – das zeigte vor kurzem eine Studie des BDZV. Fast die gesamte Apple-Gemeinde ist bereit, Geld für journalistischen App-Content auszugeben – im Durchschnitt etwa 8 Euro pro Monat. „Wenn eine Zeitungs-App richtig gut gemacht ist, dann könnte ich leicht auf eine gedruckte Zeitung verzichten“ – dieser Aussage stimmte eine Mehrheit von 53 Prozent zu. Die Integration in den Alltag scheint vor allem beim iPad gelungen, mehr als 80 Prozent nutzen es täglich. Das freut die Tagespresse: Inzwischen bieten mehr als 100 regionale und überregionale Blätter eigene iPad-Apps an. Die Zahl der Android-Versionen hinkt dagegen noch stark hinterher. Besonders beliebt sind aber auch Kombi-Abos, jeder zweite Tablet-Leser wünscht sich den Doppel-Zugriff auf Print und Digital.

Kombi-Ausgaben als Lösung?

Für 8 Euro ist das aber nicht realistisch, wohl aber eine Alternative, die bereits viele Blätter anbieten: Digital-Abo plus gedruckte Wochenendausgabe. Ein Grund, warum viele Redaktionen ihre Ressourcen bündeln, um am Samstag eine besonders ansprechende Ausgabe zu produzieren. Damit App-Konzepte wirklich aufgehen, müssten Tablet-Nutzer freilich erstmal gleichmäßig über alle Altersgruppen verteilt sein. Das sind sie noch nicht, Nachholbedarf besteht vor allem bei den Älteren, die Tablet-Quote bei der Generation Ü 60 liegt erst bei schlappen 6 Prozent. Was Blattmacher jedoch hoffen lässt: überdurchschnittlich viele Senioren lesen bereits E-Mags auf dem iPad, und auch als Zeitungsleser sind sie auf dem Retina-Display aktiv. Letzlich dürfte natürlich auch die Qualität des Contents entscheidend sein – ausgerechnet die Frankfurter Rundschau hatte in dieser Hinsicht alles richtig gemacht. Als erste überregionale Tageszeitung startet sie im Herbst 2010 eine sehr gut gemachte iPad-Ausgabe. Nun könnte die App mit etwas Glück am Ende alles sein, was vom finanziell angeschlagenen Blatt noch übrig bleibt. Die FTD dagegen zieht am 7.12.2012 endgültig den Stecker – auch bei der Digitalversion.

Abb.: garryknight/Flickr

gedruckte zeitungen haben weltweit mehr leser als internet

Print vor Digital: Zeitungen erreichen weltweit mehr Menschen als das World Wide Web

Die „Zeitungskrise“ ist offenbar eine Frage der Perspektive – was für Europa oder Nordamerika stimmen mag, sieht global betrachtet ganz anders aus: weltweit liegt die tägliche Reichweite des gedruckten Blätterwaldes mit 2,3 Milliarden Menschen immer noch knapp 20 Prozent über der des World Wide Webs. Das zeigt die aktuelle Studie „World Press Trends“, vorgestellt vom Weltverband der Zeitungen und Nachrichtenmedien (WAN-IFRA). Doch auch wenn man im letzten Jahr vor allem in Asien mehr „Eyeballs“ erreicht hat – die Print-Auflagen gehen insgesamt leicht zurück. Regional unterscheiden sich die Trends jedoch stark: „Die Zeitungsauflagen sind wie die Sonne. Sie steigen weiterhin im Osten und sinken im Westen”, so Christoph Riess, CEO von WAN-IFRA. Weltweit konnten noch 519 Millionen Exemplare verkauft werden, ein Rückgang um „nur“ zwei Prozent.

Regelmäßige Leser werden seltener – auch online

Mehr als wettgemacht wurde der Rückgang dabei durch neu gewonnene Leser von Digitalausgaben – sie entsprechem bereits einem Drittel der Print-Konsumenten. Das Kaufverhalten verändert sich allerdings ebenfalls: „Wir haben weiterhin Leser, jedoch nicht mehr so regelmäßig“, so Riess. „Im digitalen Bereich stellen wir ebenfalls fest, dass das Problem nicht in der Zahl der Besucher besteht, sondern in der Häufigkeit und Intensität ihrer Besuche.“ Diese Erfahrung mussten auch stark frequentierte Medienmarken machen. So besuchten zwar 70 Prozent der Online-User in den USA die Websites von Zeitungen, nur 17 Prozent jedoch schauten täglich vorbei. Immerhin gibt’s auf dem Zeitungsmarkt offenbar keinen großen Kannibalisierungseffekt. Denn WAN-IFRA zufolge sind die Nationen mit den höchsten Zeitungsleserzahlen zugleich diejenigen mit dem besten Breitband-Zugang zum Netz.

Paid Content hilft nur bedingt weiter

Doch geringere Aufmerksamkeitsspannen sorgen natürlich auch für geringere Werbeeinnahmen. „Zeitungen haben, gemessen an den von ihnen erzielten Werbeeinnahmen, immer einen geringeren Zeitanteil der Mediennutzer eingenommen“, so Riess. Bisher ziehen sie 8 % der Mediennutzungszeit auf sich, generieren aber 20 % aller Werbeeinnahmen. Im Web wird das schwieriger. Obwohl der Online-Werbemarkt wächst, können die Online-Ausgaben der Zeitungen davon kaum profitieren. Das wird zunehmend zum Problem, denn der Anteil am Werbekuchen im Print-Bereich hat sich seit 2007 halbiert. Den Ausweg könnten Paid Content-Konzepte bieten, jedenfalls in den Regionen, die über genügend mobile Endgeräte verfügen. Doch auch hier gibt’s ein Problem – Gatekeeper wie Apple oder große Mobilfunkbetreiber halten die Hand auf. „Wenn wir in der Zeitungsindustrie nicht aufpassen, verlieren wir unser Geschäft an diese Anbieter“, so der WAN-IFRA CEO.

Abb.: badbrother/flickr