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„Ungeschminktes Bild der DDR-Realität“: DIE-Reihe ist wieder da – Interview zum Relaunch der Kult-Krimi-Serie

DIE-ReiheKrimi-Kenner wissen: DIE Reihe in punkto Suspense aus Deutschlands Osten heißt genau so, nämlich „Delikte – Indizien – Ermittlungen“, abgekürzt DIE. Sogar die Wende hat die DIE-Reihe überlebt, das Millenium aber nicht, 2001 erschien der letzte Band. Doch nun feiert die klassische Krimi-Serie erneut Premiere: der Verlag „Das Neue Berlin“ (Eulenspiegel-Verlagsgruppe) gibt die Kultbücher in E-Book-Form neu heraus, inklusive der klassischen Cover. Zum Start erscheinen 20 Titel von Autoren wie Barbara Neuhaus, Dorothea Kleine, Tom Wittgen oder Fritz Erpenbeck. Anlässlich des elektronischen Relaunches sprach E-Book-News mit Simone Uthleb und Matthias Oehme von der Eulenspiegel-Verlagsgruppe über Krimi-Konzepte, Krimi-Verständnis und nicht zuletzt Krimi-Marketing in der DDR. Übrigens: als Einstiegsangebot gibt’s ab heute eine Woche lang Bernd Diksens Krimi „Der Verlierer zahlt“ als Gratis-E-Book.

E-Book-News: Seit wann gab’s DIE Reihe, warum heißt sie „Delikte – Indizien – Ermittlungen“, und: wie sahen die Bände überhaupt aus?

Simone Uthleb/Matthias Oehme: Die DIE Reihe gibt es bereits seit 1970, das Coverdesign haben wir auf Grund des Wiedererkennungseffekts beibehalten, im Anhang ein Beispiel. Aus dem Namen „Delikte – Indizien – Ermittlungen“ geht eigentlich alles hervor, was den Leser in dieser Reihe erwartet und ist wunderbar als „die“ Reihe abzukürzen. Man sieht, auch in der DDR gab es kreative Marketingideen. Im Kern handelte es sich aber um ein neues, ein sehr nüchternes und faktenorientiertes Krimiverständnis. Denn Krimis (und auch Krimireihen) gab es natürlich auch schon vorher. Besonders hier im Verlag Das Neue Berlin, wo 1952 der erste DDR-Krimi überhaupt erschienen war, Wolfgang Schreyers „Großgarage Südwest“. „Delikte – Indizien – Ermittlungen“, das war damals cool: nicht marktschreierisch, nicht sensationslüstern, nicht räuberpistolenhaft. Und in der Abkürzung eben von höchster Eingängigkeit.

Krimis müssen ja die Schattenseiten der Gesellschaft zeigen können, sonst gäb’s gar keine Spannung, die DDR sah sich aber als perfekter Staat – wie konnte eine Krimi-Reihe da trotzdem funktionieren und sogar Kult-Status erlangen?

Sicherlich war genau das der Grund für diesen Kultstatus, in diesen Krimis hat man Geschichten gefunden, die ansonsten im Osten seltener erzählt wurden. Es stimmt, Kriminalität wurde im großen und ganzen nicht an die große Glocke gehängt, nicht nur, weil es objektiv weniger davon gab, sondern auch, um die Bevölkerung nicht zu verunsichern. Boulevardjournalismus etwa war im Osten verpönt. Die DIE-Reihe, und besonders die Bücher ihrer Hauptautoren wie Tom Wittgen, Wolfgang Kienast, Barbara Neuhaus, Dorothea Kleine u.a., bot ein ungeschminktes Bild der DDR-Realität in allen Facetten, zu denen eben auch Verbrechen gehörten. Unterschiede gab es dann sicher in der Darstellung von Ursachen und Folgen der Untaten, der sozialen Hintergünde der Verbrecher, aber auch der Ermittlungsarbeit.

Welche Rolle spielten für die DIE-Reihe Autoren & Stories aus anderen Ländern, auch aus dem „nicht-sozialistischen Ausland“?

Im Mittelpunkt standen Krimis und Fälle aus der DDR, nur ein kleiner Prozentsatz der Bücher kam aus anderen Ländern. Natürlich gab es Übersetzungen aus osteuropäischen Sprachen, Krimis aus Polen, Ungarn, der CSSR oder der Sowjetunion. Und interessanterweise auch einige Stars aus dem Westen: Eric Ambler, Ruth Rendell, -ky. Aber das blieben Ausnahmen, im Handel freilich besonders begehrte.

Die DIE-Reihe bestand bis 2001 – wie hat sich denn die Wende- & Nachwendezeit auf die Krimis ausgewirkt?

Es gab eigentlich nur eine wesentliche Strukturveränderung. Auf dem Buchmarkt stand die DIE-Reihe plötzlich einer erdrückenden Konkurrenz gegenüber. Aber man muss sagen, dass sie trotz sinkender Verkaufszahlen sich doch recht lang und tapfer behauptet hat. Ansonsten blieben die Autoren bei der Stange, nahmen in Sujet und Schreibweise die realistische Tradition auf und die neue Wirklichkeit in den Blick. Nachwendekriminalität, wirtschaftliche und soziale Einschnitte, Niedergang von Institutionen und Illusionen, die Veränderungen im Alltagsbewusstsein – all das spiegelte sich in den Romanen nach der Wende genau und in guten Plots wider. Experimente in Covergestaltung und Marketing, Verbreiterung des Themenspektrums, Versuche mit neuen Autoren – das alles ist dann mit wechselndem Erfolg ausprobiert worden, hat aber am Ende des Jahrzehnts und der unmittelbaren Nachwendezeit schließlich doch die Einstellung der Reihe nicht aufhalten können.

DIE-Reihe-Der-Verlierer-zahlt-Krimi Bernd Diksen,
Der Verlierer zahlt
(DIE-Reihe)

Als Ernst Katzer in einer kleinen Stadt Westdeutschlands aus dem Gefängnis entlassen wird, hat er kaum mehr als zwanzig Mark in der Tasche. Keine Arbeit, keine Bleibe. Keine Chance. Eine Garage bietet ersten Unterschlupf. Im Auto ist es warm, die Polster sind bequem. Das Risiko, entdeckt und vom Besitzer verjagt oder angezeigt zu werden, zählt im Augenblick nicht. In diesem Versteck wird Ernst Katzer Beobachter eines Verbrechens. Als er die Zusammenhänge durchschaut, plant der Schriftsteller Rainer Grünthal schon die Beseitigung des Mitwissers…

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[Sponsored Post] „Wer stiehlt schon Unterschenkel?“: Sci-Fi-Krimi made in DDR

Science-Fiction aus der DDR? Klar, das gab’s, auch wenn man es damals „Wissenschaftliche Phantastik“ nannte, oder, siehe Franz Fühmann, „Saiäns-fiktschen“. Obwohl der Arbeiter – und Bauernstaat erklärtermaßen „der Zukunft zugewandt“ war, die natürlich nur kommunistisch sein konnte, eignete sich gerade Sci-Fi als Nische für oppositionelles Gedankengut. Ähnlich wie bei Märchen aus der Vergangenheit schaute die Zensur bei Märchen von morgen nicht so genau hin. Einer, der davon profitierte, war der Berliner Krimi- und Kinderbuchautor Gert Prokop. Bereits 1977 erschien unter dem Titel „Wer stiehlt schon Unterschenkel?“ seine Sammlung von Sci-Fi-Krimis rund um den kleinwüchsigen Chikagoer Meisterdetektiv Timothy Truckle. 1983 folgte dann mit „Samenbankraub“ eine Fortsetzung.

Sherlock 2.0 im Chikago des 21. Jahrhunderts

Schon zu DDR-Zeiten galt der 1994 verstorbene Prokop als veritabler Kultautor, was die Antiquariatspreise seiner „Klassiker“ auch jetzt noch in die Höhe treibt. Doch zum Glück hat der Verlag Das Neue Berlin beide Erzählbände nun als E-Book herausgebracht, fortschrittlicherweise sogar DRM-frei. Eine epub-Version gibt’s z.B. bei epubbuy.com, dem offiziellen Sponsor von E-Book-News. Die Lektüre lohnt sich, alleine schon deshalb, weil Prokops futuristische Kriminalfälle in der USA des 21. Jahrhunderts spielen, ironischerweise die „ALTE WELT“ genannt. In der fiktiven Welt des Sci-Fi-Krimis ist Nordamerika zum autoritären Überwachungsstaat mutiert, beherrscht von Hightech-Trusts, abgeschottet von der nebulösen “NEUEN WELT”. Selbst Literatur, von Lyrik abgesehen, ist verboten.

Meisterdetektiv Timothy Truckle ist dabei als eine Art Sherlock Holmes 2.0 angelegt –
statt Dr. Watson steht ihm ein virtueller Assistent namens “Napoleon” zur Seite, als digitale Datenträger dienen Kristalle, geschossen wird mit “Rayvolvern”, und die quasi-unlösbaren “Closed Room”-Rätsel werden durch Ausflüge in Biosensorik, Kryonik oder Klon-Technik aufgepeppt. Ausflüge in die Kulinarik sind ebensowenig ausgeschlossen – schließlich besitzt Truckle eine bedeutende Sammlung antiker Kochbücher des 20. Jahrhunderts, deren Besitz eigentlich streng verboten ist.

Zwiegespräch im abhörsicheren Raum

Die High-Society des 21. Jahrhunderts heißt nicht nur so, sie lebt tatsächlich in kilometerhohen Wolkenkratzern, fernab von Armut und Smog. Auch Truckles Appartement befindet sich immerhin im 827. Stockwerk eines Wolkenkratzers, Preisstufe „Super“, denn schließlich hat er solvente Kunden. Diskretion ist dabei Ehrensache – als einer der wenigen Zivilisten besitzt Truckle ein „Mausoleum“, einen abhörsicheren Raum. Immer wieder wird der private Ermittler als Problemlöser angeheuert, was ihn am Ende durch wachsendes Insiderwissen selbst zum Problemfall werden lässt. Auch der Geheimdienst NSA heftet sich bald an Truckles Fersen – man vermutet, er habe Kontakte zum „GROSSEN BRUDER“, dem Anführer des „UNDERGROUND”.

Tatsächlich erweist sich der kleinwüchsige Detektiv als bei weitem nicht so eitel und versnobt, wie er sich nach außen gibt. „I’m just a truckle, but I don’t like to truckle“, lautet nicht zufällig sein Wahlspruch, „Ich bin nur ein Rädchen, aber ich mag nicht zu Kreuze kriechen“. Ein Satz, der den DDR-Zensoren eigentlich in den Ohren klingeln musste – doch reichte offenbar der Trick, den Sprecher nicht nur in die USA zu versetzen (schon gedanklich so weit weg, dass sie etwa Günter Kunert in einem Reisebericht Anfang der 70er Jahre als den „anderen Planeten“ bezeichnete), sondern zugleich in die ferne Zukunft. Aufschlussreich auch das (vorläufige) Ende von „Wer stiehlt schon Unterschenkel“: Timothy Truckle verschwindet spurlos. Doch immerhin gelingt es ihm vorher noch, dem fiktiven Herausgeber im abhörsicheren „Mausoleum“ seine Fallgeschichten zu erzählen. Der wiederum sie in seinem Kopf als zerebrale Konterbande außer Landes schmuggelt, um sie in der „NEUEN WELT“ zu übersetzen und zu veröffentlichen.

Abb.: flickr/chop1n (cc)

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