Funding ist Pop: Leser-Crowd hilft Ventil-Verlag aus der Finanz-Klemme

Wenn ein kleiner, aber feiner crowd-rettet-ventil-verlagVerlag mit dem Schwerpunkt Pop- und Subkultur Geld braucht, liegt es ja fast schon nahe: zapf die Crowd an! Schließlich ist Crowdfunding nicht nur Pop, es kommt auch aus dem Sektor Populärkultur — gut vernetzte Fan-Communities waren schon immer eine besonders zuverlässige Basis für Massenspenden. Im Fall des Ventil Verlag ging diese Rechnung auf, eine engagierte Leserschaft half den Mainzer Buchmachern aus der buchhalterischen Bredouille. Insgesamt 292 UnterstützerInnen sammelten in wenigen Wochen mehr als 15.000 Euro.

Kollektivbetrieb gerettet, Herbstprogramm dito

Der vor zwanzig Jahren gegründete Kollektivbetrieb, in dem alle Mitarbeiter auch Eigentümer sind, kann jetzt wie geplant sein Herbstprogramm herausbringen, unter anderem „Glam – Glitter Rock und Art Pop von den Siebzigern bis ins 21. Jahrhundert“, den Punkrock-Erzählband „Many Injured, More Dead“, sowie „Schwarz Rot Pop – Popmusik im Echoraum des Rechtspopulismus“. Und auch das eine oder andere vegane Kochbuch.

Krautpublishing kompensiert geklaute Tantiemen

Hintergrund des finanziellen Engpasses war ironischerweise ebenfalls eine Art Kollektivierung, bzw. Re-Kollektivierung: der Ventil-Verlag muss wie viele andere Verlage auch nach dem juristischen Streit zwischen Autoren und der VG Wort in Kürze einen ganzen Batzen unrechtmäßig einbehaltener Tantiemen an die elenden Skribenten erstatten, die Rede ist von knapp 20.000 Euro.

(via boersenblatt.net)

„Absolut Independent“: Alle Mikrotexte des Jahres 2017 jetzt vorab via Startnext abonnieren

mikrotext-aboDie E-Book-Flatrate der etwas anderen Art gibt’s auch 2017 wieder, made in Berlin: via Startnext kann man das diesjährige Verlagsprogramm von Mikrotext per Pre-Order abonnieren. „Abonnenten bekommen die E-Books bequem per E-Mail-Downloadlink geliefert, als ePub, mobi und PDF. Nur die Abonnenten erhalten das PDF, ein echtes Plus“, heißt es auf der Kampagnenseite.

Zielgruppe sind laut Mission Statement „neugierige digitale Leserinnen und Leser, die sich für politische-literarische Texte interessieren“ und „für neue Stimmen offen sind“, denn in dem von Nikola Richter vor vier Jahren gegründeten Digital-Verlag erscheinen oft auch literarische Debüts (mittlerweile übrigens auch im Print-Format). Das Abo via Startnext gibt’s ab 30 Euro.

In Frühjahr erscheint bei Mikrotext u.a.: Arunika Senaraths Erstlingswerk „Diese eine Nacht“, Jesper Clemmensens preisgekrönte Flucht-Reportage „Die Entscheidung der Familie Sender“, „Hoffnun'“, ein Sammelband mit Weltuntergangs-Kurzprosa von Puneh Ansari, sowie „Hacking Koyote“, ein transkultureller Hipster-Trickster-Essay zum Thema Digiale Souveränität. Siehe auch den Ankündigungs-Katalog.

Apropos Souveränität: Mit dem Mikrotext-Abo ist eben nicht nur für Lesefutter gesorgt, man unterstützt auf diese Weise ein von Amazon, anderen Shops oder Zwischenlieferern komplett unabhängiges Distributionssystem — die digitale Lektüre geht von Verlag & Autor direkt in Richtung Leser. Also „absolut independent“, wie Nikola Richter betont, auch in der Gegenrichtung: „So geht das Geld ohne Umwege an Autoren und Verlag“.

Erstmals gab es das Mikrotext-Abo im Jahr 2015, damals wurden knapp 200 Abos vorbestellt und auf diese Weise das ambitionierte Funding-Ziel von 10.000 Euro locker eingespielt. Im letzten Jahr ging’s dagegen mit einem Fundingziel von 1.000 deutlich bescheidener weiter, am Ende wurden mit 80 Abos 2.000 Euro erreicht. Die aktuelle Kampagne – diesmal mit einem Fundingziel von 2.000 Euro — läuft noch bis Mitte Januar.

Literatur als Zuschauersport: Tilman Rammstedt schreibt „morgen mehr“ – exklusiv für Abonnenten

morgen-mehr-tilman-rammstedtMorgen mehr – das versprechen Autoren gerne ihren Lektoren, die auf neue Kapitel warten. Auf Startnext gilt dieses Versprechen nun auch gegenüber den Lesern von Tilman Rammstedts nächstem Roman „Morgen Mehr“. Wer „Morgen Mehr“ ab einem Preis von 8 Euro abonniert, kann zwischen Januar und April 2016 live mitverfolgen, wie der Berliner Autor die Geschichte von Tag zu Tag weiterschreibt.

Dargeboten wird der literarische Booksprint auf allen Kanälen: mitlesen können die Subskribenten auf morgen-mehr.de, via WhatsApp, oder direkt per E-Mail, mithören geht aber auch, denn eine vom Autor gelesene Audio-Fassung gehört gleichfalls zum Paket dazu.

Im weitesten Sinne dürfte das Projekt wohl unter das Label Krautpublishing fallen, denn immerhin wird die Crowd hier marketingtechnisch sehr clever von Anfang an eingespannt. Speedpublishing ist es auf jeden Fall: Bereits ab Mai 2016 soll der komplette Roman als E-Book und Printversion erscheinen, ganz traditionell in einer vom Autor überarbeiteten und vom Verlag lektorierten Fassung.

Apropos Lektorat: die ganz rohen Seiten bekommt nur das „Team Rammstedt“ zu lesen. Jedes Tageskapitel werde vor der Veröffentlichung nämlich „selbstverständlich“ lektoriert, so Hanser-Chef Jo Lendle gegenüber literaturcafé.

Und was ist, wenn dem Autor nichts einfällt? Besonders groß dürfte das Risiko bei dieser Work in Progress wohl nicht sein, Literatur als zeitnah improvisierte Performance ist für Rammstedt nichts neues. Viele seiner kürzeren Texte sind für das Berliner Lesebühnen-Publikum entstanden.

Insofern darf man wohl auch die vorläufige Inhaltsangabe als eine Art Aufwärmübung für einen Roman verstehen, über den selbst der Autor eigentlich noch gar nichts weiß:

Es ist Sommer 1972. Seit Jahren schon. Die Farben verblassen, die Musik leiert, und ein Mann sehnt sich nach der Zukunft. Er vermisst all das, was es noch nicht gibt: Navigationssysteme, Glutenintoleranz, die Nostalgie nach klareren Zeiten. Er vermisst auch seine Frau, die er noch nicht hat, seine Kinder, die es nicht gibt. Er will nicht länger warten. Er beschließt, die Uhr nach vorne zu drehen. Und zwar nicht nur seine eigene, sondern die Koordinierte Weltzeit, an der sich alle Uhren orientieren. Dafür muss er nach Paris. In einem gestohlenen Taxi fährt er durch ein merkwürdiges Europa und sammelt auf dem Weg all diejenigen ein, die auch endlich in die Zeit fallen wollen, am besten mit Karacho.

„Bookazine“ im iPad-Format: SHIFT soll an den Kiosk – mit Hilfe der Crowd

SHIFT-ErsteindruckEs ist halb Buch, halb Magazin, es wird gemacht von Digital Natives, es kommt im iPad-Format, aber nicht auf’s Display, sondern an den Kiosk: SHIFT ist da, oder zumindest fast. Mit Hilfe der Crowd möchte Daniel Höly ein Print-Magazin für all jene aus Internet-Generation an den Start bringen, die gesellschaftspolitisch engagierten Journalismus auf Papier noch bzw. wieder schätzen. Dass so etwas funktioniert, hat der Juiced.de-Gründer schon mal gezeigt: 2013 wurde nämlich bereits die Nullnummer von SHIFT in kleiner Auflage via Startnext finanziert und im Direktvertrieb an die Vorbesteller verschickt.

10.000 SHIFTs für die Bahnhofskioske der Nation

Diesmal darf’s aber eine Nummer größer sein: Mit einer Auflage von 10.000 Exemplaren soll die gedruckte SHIFT erstmals im Buchhandel an Bahnhöfen und Flughäfen erhältlich sein, und dann idealerweise vier mal pro Jahr erscheinen. Die Veröffentlichung der kommenden Ausgabe ist für Anfang April geplant. Gelingt das Crowdfunding, wird die neue SHIFT einen Umfang von 120 Seiten haben und zahlreiche Interviews, Porträts und Debattenbeiträge zum Thema „Break“ enthalten.


Online-Informationsflut als Titelthema

„Die Informationsflut nimmt immer weiter zu und überfordert zunehmend auch unsere Generation – da finde ich es wichtig, nicht einfach ganz abzuschalten, sondern vernünftig darüber zu reden“, so der Kölner Start-Up-Journalist. Über 15 Autoren haben für die neue SHIFT geschrieben, angelehnt an das Konzept von Juiced.de und dessen Ressort-Aufteilung in „Hirn“, „Herz“, „Horizont“ und „Mehrwehrt“. Schafft es SHIFT, wird es der Printableger des 2008 gestarteten „Blogazines“ sein.

Crowdfunding-Kampagne läuft gut an

Gute Chanchen hat die Blog-Auskopplung auf Papier durchaus, immerhin konnte Hölys Projekt auf der Crowdfunding-Plattform Startnext schon ein Viertel der benötigten Summe von 17.500 Euro einsammeln, die Kampagne läuft noch bis Anfang März. Um Geld allein geht’s Höly dabei nicht: „Crowdfunding ist für mich in erster Linie keine Vorfinanzierung, sondern das Aufbauen von Beziehungen“, so der Jungunternehmer. Zugleich ist SHIFT auch die Verbindung von Theorie und Praxis – der Titel von Hölys Diplomarbeit lautete: „Konzeption eines Printmagazins für Digital Natives“.

150 Prozent: „Drachenväter“ wird zum Krautpublishing-Erfolg

Die „Drachenväter“ haben den nächsten Level erreicht – auf Startnext sammelte das Krautpublishing-Projekt zur Geschichte des klassischen Rollenspiels (E-Book-News berichtete) schon fast 15.000 Euro ein, das Minimum lag bei 10.000 Euro. Neben direkten Spenden wurde das Buch selbst fast 300 mal vorbestellt (in der Version Print sowie Print plus E-Book). Damit haben es die Drachenväter-Väter Tom Hillenbrand und Konrad Lischka im Bereich Literatur in die Top 3 von Deutschlands größter Krautfunding-Plattform geschafft.

Bisher waren nur zwei Publikations-Projekte auf Startnext noch erfolgreicher: das „Sushi-Buch“ von Jens Nink erreichte vor kurzem 15.400 Euro, der Bildband „Alltagstourist“ von Eva Jung (E-Book-News berichtete) sogar 25.000 Euro. Die bisherige Top 3 war mit knapp 14.000 Euro Dirk von Gehlens Projekt „Eine neue Version ist verfügbar“ (E-Book-News berichtete) – das dem Thema E-Publishing und Digitalkultur gewidmete Buch setzte allerdings einen schwer einholbaren Geschwindigkeitsrekord, denn schon nach fünf Tagen waren ursprünglich anvisierten 5.000 Euro im Kasten.

In allen hier genannten Fällen wird mit dem gekrautfundeten Geld vor allem die Produktion der Printversion finanziert – immer mehr Self-Publisher nutzen diesen cleveren Weg, um das Investionsrisiko zu minimieren und ihr Buch schon vor dem Erscheinen zu vermarkten. Alleine auf Startnext wurden auf diese Weise in den letzten zwei, drei Jahren schon mehr als 50 Buchprojekte realisiert. Kommt deutlich mehr als die geplante Spendensumme zustande, kann auch mehr investiert werden – eins der „Stretchgoals“ bei den Drachenvätern ist z.B. eine verbesserte Ausstattung: ein Lesebändchen sowie Blindprägung (versenkter Titel) auf dem Cover.

Abb.: Screenshot

Nur Print, kein Amazon: Hamburger Krautpublishing-Projekt „Alltagstourist“ setzt auf „Buy Local“

Krautpublishing-Projekte gab es schon einige auf Startnext.de, doch was die Hamburgerin Eva Jung derzeit versucht, hat noch keiner gewagt: für ihren geplanten Bildband zum Thema „Alltagstourismus“ sammelt sie nicht nur Vorbestellungen im Wert von 20.000 Euro – zumindest die erste Auflage gibt’s auch nicht überall. „Nix mit Amazon & Co. – wir unterstützen die Buchhandlung um die Ecke! Bestellung und Versand wird über einen lokalen Hamburger Buchhändler laufen“, so die gelernte Texterin und Kommunikationsdesignerin. Wie man bereits an der Spendensumme erkennen kann, geht es natürlich auch nicht um ein E-Book, sondern um „ein echtes, schön gedrucktes Buch. Mit vielen Bildern und Texten, zum Anfassen und Fühlen“. So ganz undigital ist „Alltagstourist“ dann aber auch nicht: Ohne die Crowd und Web 2.0 wäre dieses Projekt wohl nicht machbar.

„Produktion kostet 30.000 Euro“

Als Krautfunder ist man zum Subskriptionspreis von 22 Euro dabei, regulär soll der 176seitige, vierfarbig gedruckte Band im Format 250×230 mm dann 25 Euro kosten. Ja, Print ist eben nicht immer billig, falls jemand das schon vergessen haben sollte. Doch was kostet die Produktion der Erstauflage genau? Jung gibt Auskunft: „Ich habe vor, es in einer Auflage von 1965 Exemplaren drucken zu lassen. (…) Um genau zu sein, kommen mit allem Drum und Dran etwa 30.000 Euro auf die Uhr. Ein Drittel davon versuche ich selbst zu finanzieren.“ Mit anderen Worten: pro Band wurden knapp 15 Euro Produktionskosten veranschlagt.

Zweite Auflage überall im Buchhandel erhältlich

Natürlich ist es bei Startnext auch möglich, das Spendenziel zu übertreffen – sollten mehr als 30.000 Euro zusammenkommen, wird gleich die 2. Auflage mitgedruckt. Die ist ohnehin geplant – und wird dann auch über den gesamten Buchhandel zu haben sein, inklusive Amazon. Zumindest für das Erreichen der 20.000 Euro sieht es momentan ganz gut aus, denn schon nach kurzer Zeit hat das Projekt ein Viertel der Summe erreicht. Wer zusammen mit Eva Jung und den bisherigen Unterstützern das Besondere im Hier und Jetzt entdecken möchte, hat dafür aktuell noch 68 Tage Zeit.

Abb.: Screenshot

Schulbuch-o-mat sammelt 10.000 Euro für erstes cc-lizensiertes Biologiebuch

Spannendes Finish, und dann Punktlandung: das Crowdfunding-Projekt Schulbuch-o-mat ist nach knapp zweieinhalb Monaten finanziert! Unter dem Motto „Freies Netzwissen rein – offenes eSchulbuch raus“ wollen Heiko Przyhodnik und Hans Hellfried Wedenig das erste freie elektronische Schulbuch Deutschlands publizieren: „ohne Verlage, ohne Urheberrecht, alles frei zu verwenden und zu kopieren“. Dafür setzen die Projektinitiatoren einerseits auf die Creative Commons-Lizenz (CC-BY), andererseits auf die Kraft der Crowd. Die hat sich bereits bewährt: Auf der Spendenplattform Startnext.de wurden in den vergangenen Wochen knapp 10.000 Euro von mehr als 200 Supportern gesammelt. Für die Krautfunding-Szene ein nicht alltäglicher Betrag – die meisten Kampagnen auf deutschen Plattformen haben deutlich niedrigere Zielmarken.

In der Pilotphase des Schulbuch-o-maten wird nun als erstes ein Biologiebuch für die Klassenstufe 7/8 realisiert, und zwar „lehrplankonform“. Das heißt: die meisten Inhalte können bundesweit im Biologieunterricht der Sekundarstufe I Verwendung finden. Zentraler Dreh- und Angelpunkt des Projekts wird die Online-Plattform Schulbuch-o-mat – dort sollen die einzelnen Inhalte gesammelt und der Publikationsprozess koordiniert werden. Eine Vorabversion ist bereits seit Dezember online: unter der Adresse www.oer.io können cc-lizensierte Texte, Fotos, Grafiken und Animationen hoch- und auch heruntergeladen werden.

Als Software-Grundlage für die gemeinschaftliche Online-Erstellung des Bio-Schulbuches dient zukünftig das Autorensystem LOOP, programmiert von oncampus, einer E-Learning Tochter der FH Lübeck. Während der Spendenkampagne konnte Schulbuch-o-mat zahlreiche neue Kooperationspartner gewinnen. Neben engagierten Bio-LehrerInnen gehört dazu auch Apple-Profi Dirk Küpper, der in Kooperation mit einem Düsseldorfer Gymnasium eine iBooks-Version entwickeln möchte. Das Berliner Unternehmen equeo plant zudem, eine eigene App für ausgewählte Inhalte des Bio-Schul-E-Books zu entwickeln, unter anderem als Quiz und Lernkartei. Eins haben wir jetzt schon gelernt: die Kombination von Crowdfunding und Creative Commons könnte in Deutschland Schule machen.

Abb: Screenshot

Best-Of der deutschen Blogosphäre als Print-Magazin?

Die Netzbürger der deutschen Blogosphäre haben ein eigenes Print-Magazin verdient, findet der Freisinger Verlagskaufmann Alex Grossmann. Unter dem Titel „Blogger“ sollen die Perlen aus den Untiefen des Webs deswegen schon bald monatlich am Kiosk zu kaufen sein. Als „Internetausdrucker“ versteht sich Grossmann gleichwohl nicht. Eher geht es ihm darum, mit den Webautoren frische, unverbrauchte Federn zu finden, die sich online bereits ihr Publikum erschrieben haben, nicht ganz so netzaffinen Lesern aber bisher verborgen blieben. Anders als Online hat Gedrucktes natürlich seinen Preis. Das notwendige Startkapital für den „Blogger“ in Höhe von 15.000 Euro soll deswegen eine Crowdfunding-Kampagne auf der Spendenplattform Startnext liefern.

Erst Print, dann online

Viele Zeitungen denken fieberhaft über die richtige Print-to-Online-Strategie nach. Doch längst gibt es auch umgekehrte Konzepte. Nicht immer sind sie allerdings erfolgreich. Die Macher von Niiu etwa, einer personalisierten Print-Zeitung mit wählbaren Nachrichten- und Blog-Inhalten, scheiterten Ende 2010 nicht nur an mangelndem Interesse der Leser, sondern auch an hohen Vertriebskosten. Ein monatliches Magazin könnte sich dagegen am Markt wohl einfacher behaupten. Zumal, wenn sich die Reihenfolge des Erscheinens umdreht: „Der Blogger wird ein Printmagazin, in dem Blogger als freie Autoren tätig sind und exklusiv neue Artikel verfassen, die dann erst print, und erst später online zu lesen sein werden“, umreißt Alex Grossmann das Konzept. Unabhängig von Verlagen soll der Blogger dabei ebenfalls sein, unabhängig von Anzeigenkunden allerdings nicht. Denn um mehr als nur die Startnummer des Magazins zu finanzieren, werden Werbeeinnahmen gebraucht.

Neue Leser für die Blogosphäre

Besonders interessant ist natürlich die Idee, den Bloggern ein Publikum zu erschließen, das ihnen bisher vorenthalten blieb: „Der Blogger richtet sich im Besonderen an diejenigen, die mit solchen Dingen bisher nichts anfangen konnten. Dem traditionellen Print-Leser soll eine Alternative geboten werden, die er in dieser Form gegenwärtig am Kiosk nicht bekommen kann“, so Grossmann. Lohnen dürfte sich der Blogger für die Blogger aber auch in finanzieller Hinsicht: Die Gesamtsumme der Startnext-Kampagne ist so kalkuliert, dass davon nicht nur Druckerei, Vertriebspartner und das Layout des ersten Hefts bezahlt werden können, sondern auch die Autoren. Vorher muss natürlich erstmal das Startkapital zusammenkommen. Dreißig Unterstützer haben in wenigen Tagen bereits knapp zehn Prozent der benötigten Summe zusammengetragen – bis Mitte Januar wird weitergesammelt.

Mit der Crowd zum Verlag 2.0

Anlässlich der Frankfurter Buchmesse, der größten Buch- und Medienmesse der Welt, lohnt es sich einen Blick auf die Bedeutung von Crowdfunding für Autoren, Journalisten und Verlage zu werfen. Einige Crowdfunding-Projekte aus dieser kreativen Ecke – von Magazinen über Hörspiele bis hin zu Fotografiebüchern – haben schon gezeigt, dass die Finanzierung von Projekten über das Geld der Masse nachweislich funktioniert.

Vorfinanzierung durch die Crowd

Die freiwillige Unterstützung der Crowd ermöglicht die Vorfinanzierung der Produkte und damit die Realisierung der Ideen beziehungsweise die Aufrechterhaltung der kreativen Angebote. Auf Startnext sind einige Magazine (Bsp.: Low – Das Kunstmagazin) zu finden, die beispielsweise ihre kommende Ausgabe über Crowdfunding vorfinanziert haben und diese ohne die finanzielle Zusage der Leser vermutlich nicht hätten produzieren können. Damit verändert sich die Rolle des Publikums: Die Leser kaufen nicht mehr nur das Magazin oder das Buch im Laden, sondern können den kreativen Prozess begleiten, Feedback geben und sich möglicherweise sogar bei der Auswahl von Themen und Inhalten einbringen. Wenn die Leser Ideen mitentwickeln und sie durch ihre Beteiligung zum Leben erwecken können, werden sie von alleine in ihrem Netzwerk darüber reden und das Projekt bekannt machen.

Crowdfunding als Instrument der Potenzialanalyse

Crowdfunding verbindet die Autoren oder Journalisten direkt mit dem potenziellen Publikum, so dass man sich fragen könnte, wie sich dabei die Rolle von Vermittlungsinstanzen wie Verlagen oder Labels verändert. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die Verlage und Labels im Hintergrund eher die Vermarktung des Projektes organisieren während die Kreatischaffenden die persönliche Kommunikation mit den Fans übernehmen. Die frühzeitige Einbindung des potenziellen Publikum in die Entwicklung von Kulturprodukten wie Büchern oder Hörspielen bietet für Verlage und Labels vollkommen neue Möglichkeiten in der Marktforschung und im Marketing. Das Resonanz des Community auf eine Projektideee ist ein früher Indiktator für die Erfolgschancen des Produktes auf dem Markt. Je größer die Crowd, in diesem Fall die Leser, die der Projektinitiator mitbringt, desto größer sind die Chancen das Projekt erfolgreich über die Crowd zu finanzieren und ein Publikum für das Produkt zu finden. Der Verlag oder das Label kann über die virale Verbreitung beim Crowdfunding mit geringen Kostenaufwand eine maximale Reichweite bekommen.

Neues Vertriebsmodell für Verlage und Labels

Betrachtet man das erfolgreiche Hörspiel-Projekt Richard Diamond und die Reaktionen der Fans auf die Crowdfunding-Initiative des Labels Lauscherlounge werden die Effekte von Crowdfunding für Labels oder Verlage deutlich. Obwohl sich ein großer Fan-Kreis um den Kult-Detektiv Richard Diamond etabliert hatte, konnte die 13. Folge der Krimi-Serie aufgrund mangelnden Kapitals nicht produziert werden, so dass die Produktion 2008 eingestellt wurden. Da das Label aber immer wieder Fan-Anfragen mit der Bitte um Fortsetzung der Serie bekommen hat, haben sie sich entschieden Crowdfunding zur Finanzierung der 13. Folge zu nutzen. “Auf diese Weise konnten wir einerseits ein Gefühl dafür kriegen, wie ernst es den Fans mit ihrenAnfragen war, indem wir ihnen quasi selbst die Macht über die Weiterführung der Serie in die Hände geben“, so Oliver Rohrbeck, Inhaber der Lauscherlounge. “Die mit Crowdfunding verbundenen Möglichkeiten der Fan-Beteiligung sind für uns sehr spannend. Projekte wie dieses geben der Hörspiel-Community die Chance, sich aktiv an der Weiterentwicklung ihres Lieblingsmediums zu beteiligen.“ Die Nachfrage nach den limitierten Dankeschöns war so hoch, dass das Projekt innerhalb kurzer Zeit überfinanziert wurde. Mit dem Modell den Unterstützern für ihre finanzielle Beteiligung im Gegenzug Dankeschöns oder Produkte anzubieten, entsteht für Verlage und Labels ein neues und charmantes Vertriebsmodell, bei dem die Finanzierung schon mit dem Marketing bzw. Vertrieb direkt verknüpft wird.

Startnext ist vom 12. bis 16.10. auf der Buchmesse mit einem Stand im Rahmen von Sparks, der digitalen Initiative der Buchmesse und wird über Crowdfunding-Möglichkeiten für Autoren, Verlage und Medienunternehmen informieren. Es wird zudem eine Auswahl von Startnext-Projekten aus den Bereichen Literatur, Journalismus, Fotografie sowie Hörbücher und -spiele dem Publikum vorgestellt. Wer zufällig da ist, kann gerne vorbeikommen am Stand D907 in der Halle 6.1. Mehr Informationen zu den Startnext-Aktionen zur Buchmesse:
http://www.startnext.de/frankfurterbuchmesse.html

[Der ursprüngliche Artikel erschien am 12. Oktober auf dem taz-blog „Wir Wollen Wenig Aber Von Vielen“. Crossposting mit frdl. Genehmigung der Autorin]