Ist das nett, oder muss das weg? Blogger Schlecky Silberstein rechnet per Print-Buch mit dem Internet ab

internet-muss-wegUnter Deutschlands Bloggern gilt Online-Comedian Schlecky Silberstein alias Christian Brandes als der „nette Influencer von nebenan“. Nun hat der beliebte „Beeinflusser“ ein Buch drucken lassen (eine E-Book-Version gibts aber auch…), und redet darin Tacheles: „Das Internet muss weg“, lauten Titel und zentrale These, im Untertitel wird noch draufgelegt: „Eine Abrechnung.“ Im Fadenkreuz der Kritik steht dabei allerdings nicht „das“ Internet in toto, sondern seine modernste und populärste Erscheinungsform: die sozialen Medien, wie sie uns täglich auf den Touchscreens der Mobilgeräte entgegen blinken.

Millionen Tote durch soziale Medien?

Silberstein versteht sich im übrigen auch nicht als Internet-Experte, sondern als „Insider“ mit mehr als zehn Jahren Blogger-Erfahrung. Irgendwann in dieser Zeit ist aus dem guten Internet das böse Internet geworden — genauer gesagt, als die Social Media Maschine kommerzialisiert wurde. Das grundsätzliche Gefahrenpotential von Facebook & Co. vergleicht der bloggende Silbersurfer mit dem des … Buchdrucks. Kein Witz. Gedruckte Propaganda habe schließlich kurz nach Gutenberg zum Glaubensstreit und dann zum Dreißigjährigen Krieg geführt, mit Millionen von Toten, fast die Hälfte der Einwohner Mitteleuropas sind also schon mal einem sozialen Medium zum Opfer gefallen.

Heute sei die Gefahr sogar noch größer, warnt Silberstein, denn die Social-Media-Industrie habe das Belohnungszentrum unseres Gehirns gehackt. Wir seien süchtig nach Status-Updates, Likes und Direktnachrichten. Um uns am mobilen Screen zu halten, würden die Internet-Konzerne Extremismus und Hass-Sprache noch zusätzlich fördern, denn Wut verkaufe sich besser als Nettigkeiten. Der Autor outet sich hier als gebranntes Kind — seine eigene Mutter mutierte im Bestreben nach mehr „Gefällt mir“-Klicks ihrer „Freunde“ zum Internet-Troll und unterstützte plötzlich Pegida, Putin und Trump.

Verarschung, Vermarktung, Verzeihung…?

Dass jemand wie Silberstein, der erklärtermaßen „einzig und allein vom Internet lebt“ nun so netzkritisch auftritt, hat wohl auch mit dieser direkten Betroffenheit zu tun. Zum Maschinenstürmer berufen fühlt sich der Berliner Blogger aber keineswegs. Nachdem er detailliert, zutreffend und durchaus lesenswert die Funktionsweise der „größten Verarschungsmaschine aller Zeiten“ — und zugleich natürlich auch der größten Vermarktungsmaschine aller Zeiten — seziert hat, mag er die Netzgemeinde aber nicht mal zum Austausch des Smartphones gegen ein Tastenhandy oder zum Wechsel von Facebook oder Twitter zu non-kommerziellen Alternativen wie Diaspora oder Mastodon ermuntern. Nur dazu, das Internet „bewusster“ zu nutzen, etwa mit mehr Offline-Zeiten und produktivem Nichtstun, mehr direkter Kommunikation in Echtzeit („Vier-Augen-Gespräch“) und mehr Bedacht auf Datensicherheit.

Eigentlich droht der dritte Weltkrieg, weil in den Köpfen der Massen nur noch Gehacktes vor sich hin fermentiert, aber vorläufig sollen wir mehr oder weniger so weiter machen wie bisher? Hmmmm. Ist das nun eine „Abrechnung“, oder wird hier nur die Getränkerechnung einer Orgie für die Steuer abgeheftet? Ich bin da etwas ratlos. Aber vielleicht haben wir es ja einfach mit einer generationstypischen Mischung aus Faulheit und Fatalismus zu tun. „Mittelschwere Abhängigkeit“, so bekennt Schlecky Silberstein (Jahrgang 1981) am Ende, falle ihm selbst leichter als völlige Abstinenz — Komikerkollege Harald Juhnke klickt im Trinker-Himmel jetzt bestimmt gerade auf „Like“.

Segeln zwischen Shit- & Candy-Storm: Social Media pusht mobile News-Angebote

social-media-treibt-news-portaleWer nach all dem Print-Geschwächel endlich mal wieder Media-Rankings mit überwiegend positiven Zahlen sehen möchte, muss wie Kafkas Maus lediglich die Perspektive wechseln: in den IVW- Zahlen für digitale „Nachrichtenangebote“ gibt’s regelmäßig eine Menge Dynamik nach oben zu entdecken, zumindest im Mobile-Bereich. Nicht nur bei reinen Netzaufsteigern wie der Huffington Post, sondern genauso an der traditionell besetzten Spitze, zu der inbesondere SPOL, Focus, WELT, Zeit online und faz.net gehören.

Bild, SPOL und Focus an der Spitze

Kein Wunder, denn auch hier gilt in punkto elektronisches (Zeitungs-)Lesen immer öfter: Smartphone über alles. Um in die mobile Top 20 zu kommen, reichten auf dem deutschen Markt im Oktober 3 Millionen Visits pro Monat aus, wer ganz vorne in den Top 3 stehen möchte, braucht aber mehr als 70 Millionen Visits, das schaffen nur Bild, SPOL und Focus Online. Wobei die Details Überraschungen bergen: Bild steht zwar mit 129 Mio. Visits derzeit noch an Platz eins, stagniert aber (plus 0,2 Prozent), bei Online & Mobile kombiniert gibt’s sogar ein Minus von fast einem Prozent. Zu den großen Gewinnern gehört dagegen die Welt auf Platz Fünf mit plus 19 Prozent.

Tendenz-Medien sammeln Social Media Likes

Die Verluste bei Bild wiederum hängen wohl nicht nur mit rigiden Anti-Adblocker-Aktionen zusammen, bei den Social-Media-Likes hat Springers Flaggschiff dem 10000 flies-Ranking zufolge nämlich zweistellige Verluste einfahren müssen und erreicht nur noch Platz Zwei, während die Welt zweistellige Zuwächse verzeichnet. Ohnehin müssen sich die klassischen Nachrichtenmedien dieses thematisch offene Ranking aber schon im Top 20-Bereich mit gänzlich anders gelagerten Seiten teilen, von heftig.co bis zum Postillon und leider ernst gemeinten Tendenz-Medien wie Epoch Times oder Kronen Zeitung, denen die Flüchtlings-Krise genauso wie Welt, Focus & Co. kräftig Aufwind beschert.

… und was macht eigentlich die taz?

Aus nicht ganz uneigennützigem Interesse schaue ich auch immer ganz genau hin, wo sich die taz befindet. Nun denn, im Oktober bei 10000 flies immerhin auf dem sportlichen Platz 34, direkt vor dem Berliner Boulevardblatt B.Z. und direkt nach ran, mit knapp über 300.000 Likes (plus 36 Prozent im Vergleich zum Vormonat) erreicht die alternative Tageszeitung zehn Prozent vom derzeitigen Herrn der Fliegen, nämlich Focus Online. Wird hier die klare Refugees-Welcome-Positionierung sichtbar? Gute Frage. Im kombinierten Online- und Mobile-Ranking von IVW reicht’s bei der taz nur für Nullwachstum auf Platz 32.

(via meedia & 10000flies)

Abb.: mkhmarketing (cc-by-2.0)

2500 Fans bei Facebook sind nicht genug: Warum die CEBIT den Anschluss zur „Connected World“ verliert

cebit-verliert-den-anschlus.gif„Connected World“ heißt das Motto der CEBIT 2010 – doch die Messe selbst scheint langsam etwas den Anschluss zu verlieren. Die Zeiten, in denen das „Centrum für Büroautomation, Informationstechnologie und Telekommunikation“ immer neue Besucherrekorde vermelden konnte, sind längst vorbei. Je mobiler elektronische Medien dank Netbooks, E-Readern oder Smartphone werden, desto mehr Besucher bleiben zu Hause. Besteht da etwa ein Zusammenhang?

Las Vegas, Barcelona: Andere Messen laufen der CEBIT den Rang ab


CEBIT-Chef Ernst Raue vom Vorstand der Deutschen Messe AG gibt sich optimistisch: „Die CeBIT 2010 wird beeindruckend zeigen, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Leben, mobiler und stationärer Anwendung, On- und Offline zusehends verschwinden.“ Doch damit legt er den Finger in die Wunde. Denn gerade der Trend zum Überall-Computing hat die Spielregeln des Marktes verändert und ihn auch unübersichtlicher gemacht. Andere Messen laufen dem 1986 zum ersten Mal gestarteten Abkömmling der Hannovermesse mittlerweile den Rang ab. Tablet-PCs zum Beispiel gehörten zu den großen Hits auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas, die ebenfalls gut als Surfplattform geeignete neueste Smartphone-Generation sorgte auf dem Mobile World Congress in Barcelona für Aufsehen. Emanzipiert haben sich aber auch die E-Reader – sie gehören mittlerweile zu den heimlichen Stars auf der Leipziger wie auch der Frankfurter Buchmesse.

Selbst die deutsche Reader-Hoffnung txtr bleibt der Messe fern


Doch ist Deutschland aus internationaler Sicht überhaupt ein Markt mit Potential? Besonders beeindruckende Verkaufszahlen können E-Book-Reader etwa hierzulande jedenfalls noch nicht vorweisen – so soll etwa Weltbild auf seiner E-Commerce-Plattform ingesamt erst 10.000 Geräte abgesetzt haben. In den USA werden bereits jetzt Jahr für Jahr viele Millionen Reader unter die Leute gebracht. Die Präsenz der renommierten Hersteller auf der diesjährigen CEBIT fällt dementsprechend mager aus. Selbst die deutsche Reader-Hoffnung txtr bleibt der Messe ganz fern, Sony, Amazon oder Google haben zwar Ausstellungsflächen gebucht, zeigen jedoch offiziell keine Lesegeräte. So wird die elektronische Lese-Landschaft in Hannover vor allen Dingen von zwei Playern beherrscht: dem chinesischen Hersteller Hanvon sowie dem ukrainischen Hersteller Pocketbook.

Die Computer werden mobiler, die CEBIT-Besucher bleiben zu Hause


Nun könnte man E-Reader im Vergleich zum gesamten IT-Bereich für ein Nischenprodukt halten, bei dem es nicht so viel zu verlieren gibt. Doch ähnliche Entwicklungsrückstände gibt es auf einem weitaus zentraleren Medienschauplatz – nämlich beim Internet-TV. Jeder vierte in den USA verkaufte Fernseher ist bereits webfähig. Nachdem Apple gerade die Übertragung des iPhone-OS auf andere Kommunikationsplattformen angekündigt hat, träumen Analysten bereits vom iTunes auf dem TV-Bildschirm. In Deutschland hat man bisher allerdings auch diese Entwicklung mehr oder weniger verschlafen. „Connected Living“, sprich: das Heimnetzwerk vom Fernseher bis zum Kühlschrank ist dagegen schon zu oft versprochen worden, um wirklich noch jemandem hinter dem Ofen hervorzulocken. Der einzige Bereich, auf dem die CEBIT auch dieses Jahr aus Sicht der Konsumenten glaubhaft punkten kann, ist das mobile Computing – ob mit Netbook, Tablet-PC oder per Smartphone. Diese Entwicklungen sind auch in Deutschland in unserem Alltag greifbar geworden – Apple allein etwa hat hierzulande bereits eine Million Geräte mit iPhone OS absetzen können. Der CEBIT hat der Trend zum Ubiquitous Computing insgesamt aber eher geschadet als genützt. In wenigen Jahren hat sich die Besucherzahl mehr als halbiert und dümpelt nun unterhalb von 500.000.

Das Problem der CEBIT: Die Geräte selbst verschwinden zunehmend aus dem Bewusstsein der Nutzer


In der taz sah am Wochende Jan Feddersen darin auch ein Problem der Nachfrage. „Irgendwie muss ein Völlegefühl in die potentielle Kundschaft eingesickert sein: Man hat, was man sich vor zwei Jahrzehnten noch nicht vorstellen konnte, aber nun reicht es. (…) Was soll jetzt noch kommen?“ Doch das scheint nur aus der Perspektive der Generation Ü 40 schlüssig zu sein. Silver-Surfer, die sich mit Facebook ebensowenig anfreunden können wie mit Smartphones, sind aber für die aktuelle Entwicklung des Internets ungefähr so wichtig wie Schallplattensammler für die Zukunft des iPods. Das wirklich spannende passiert derweil ganz woanders: die jüngere Internet-Gemeinde wandert nicht nur rasant ab in die sozialen Netzwerke, sondern nutzt die Social Media auch zunehmend mobil. Dabei wird die Software immer wichtiger als die Hardware. Die Geräte selbst verschwinden zunehmend aus dem Bewusstsein der Nutzer – was übrig bleibt, ist das große, bunte Touch-Screen der Smartphones oder Tablets. Dort kommt man mit dem Leben im Netz scheinbar direkt in Berührung. Das ist wohl auch das Problem der CEBIT. Denn um die Produkte von Unternehmen wie Youtube, Facebook oder Twitter kennenzulernen, muss man sich nicht mehr räumlich bewegen, es reicht ein Fingerstreich. „Was soll ich denn in Hannover, ich habe doch mein iPhone“, könnte man mit Kurt Schwitters sagen, der selbst die Provinz angeblich nicht gegen New York eintauschen wollte. Wobei: Natürlich könnte man die Welt auf dem iPhone immer noch gegen Hannover eintauschen – wenn es dort etwas besonderes zu erleben gäbe. Dafür müsste die CEBIT aber nicht nur ihren Live-Event-Charakter für Endkunden stärken, sondern ihn auch glaubhafter innerhalb der Social Media verankern. Bisher hat die CEBIT bei Facebook allerdings nur 2500 Fans – das dürfte für die Zukunft wohl nicht ausreichen.