Wem gehören Photonen? E-Comic „Bound by Law“ erklärt Copyright & Public Domain

„Wem gehören Photonen? Wenn das Objektiv der Kamera sich öffnet und all die Lichtreflexe einsammelt, die von Gebäudeoberflächen, Gesichtern, T-Shirts, Gemälden, Skulpturen und Fotos ausgehen, ist man dann ein Gesetzesbrecher? Verstößt das Mikrofon gegen Gesetze, wenn es Luftbewegungen aufnimmt, die durch Stimmen, Gesang oder Hintergrundmusik entstehen?“ Eine gute Frage – gestellt vom kanadischen Digital Rights Aktivisten Cory Doctorow in seiner Einführung zu „Bound by Law“, einem Comic zum Thema US-Copyright versus Public Domain.

Dokumentarfilm ist kein Kavaliersdelikt

Die Antwort auf die Frage ist nicht ganz so trivial, das machen Comiczeichner & Jura-Prof Keith Aoki und seine Kollegen James Boyle und Jennifer Jenkins dem Leser am Beispiel einer (fiktiven) Dokumentarfilmerin schnell deutlich – denn deren Projekt, den New Yorker Alltag auf Zelluloid und Tonspur zu bannen, stößt auf viele juristische Hindernisse. Will man nicht viel Geld für Anwälte und aufwändige Prüfungen ausgeben, bleibt oft nur das Herausschneiden von ganzen Szenen oder die Ersetzung von Miles Davis aus dem Saxophon des Straßenmusikers durch Mozarts kleine Nachtmusik.

E-Comic wird via cc-Lizenz verbreitet

In den Worten von Cory Doctorow: „Copyright soll eigentlich Kreativität fördern, tatsächlich wurde es aber von ein paar Playern aus der Unterhaltungsindustrie als Geisel genommen und pervertiert“. Wie es besser gehen könnte, zeigt der Comic im zweiten Teil – dort geht es nämlich um die Vorteile von Creative Commons-Lizenzen. Die Vorteile von cc-Inhalten erfährt der Leser des im klassischen Stil von Will Eisner & Co. gezeichneten Comics aber auch ganz praktisch: die E-Comic-Version ist nämlich selbst cc-lizensiert und kann kostenlos heruntergeladen werden, z.B. im PDF-Format.

Bald auch deutsche Version?

Und vielleicht gibt’s „Bound by Law“ irgendwann auch mal auf Deutsch – denn die cc-Lizenz des erstmals 2006 veröffentlichten Comics erlaubt Übersetzungen, mittlerweile existieren bereits Versionen auf Portugiesisch, Französisch und Italienisch. Entstanden ist der Comic nicht ganz zufällig am „Center for the Study of the Public Domain“ der Duke University/North Carolina. „Merkwürdigerweise scheint unser Zielpublikum nicht sehr motiviert zu sein, akademische juristische Abhandlungen zu lesen“, stellen die Autoren in einem Nachwort fest – in Wort und Bild haben sie nun deutlich mehr Leser bekommen.

Aoki/Boyle/Jenkins:
Bound by Law (Tales from the Public Domain)
E-Book (kostenlose cc-Version) PDF/HTML/Flash
Taschenbuch (via Amazon.de) 9,65 Euro

(via Open Culture)

[Aktuelles Stichwort] Ersatzrate – oder: wie gut oder schlecht ist Piraterie für’s Business?


[Dieser Artikel ist eine Preview aus: „das große e-book & e-reader abc“, das mehr als 200 aktuelle Stichwörter von Adobe-ID bis Zweifinger-Zoom enthält. Es ist digital und gedruckt im Oktober 2014 erschienen – und kann direkt bei ebooknews press bestellt werden…]

Schätzwert, um die Auswirkungen illegaler Downloads von urheberrechtlich geschützten Inhalten auf den Umsatz einer Branche zu berechnen. Bei den Auswirkungen der →E-Book-Piraterie auf den Buchhandel wird von Marktbeobachtern z.T. eine sehr hohe Ersatzrate angenommen. Eine Entsprechung finden solche Hypothesen u.a. im Einsatz von →Digital Rights Management (DRM) durch große Verlage, während die meisten erfolgreichen Self-Publisher und Indie-Verlage darauf verzichten.

Die methodische Grundlage für die Berechnung von Ersatzraten ist ohnehin sehr umstritten. Zum einen ist angesichts eines begrenzten Budgets der Konsumenten anzunehmen, dass nicht jeder zusätzliche, unbezahlte →Download tatsächlich einen bezahlten Download ersetzt.

Zum anderen wird der Markt durch kostenlose legale Downloads beeinflusst, sowohl bei Gratisaktionen von Autoren und Verlagen zu Marketingzwecken wie auch durch →Onleihe und →Public Domain-Titel. Schon dabei sind sowohl konsumdämpfende wie konsumfördernde Effekte denkbar, denn durch solche Angebote lernen viele Leser erst bestimmte Autoren oder Themen kennen, die kostenlosen Downloads verbessern also die →„Discoverability“.

Dass die möglichst freie Zirkulation von Inhalten besondere Vorteile für selten verlangte Titel bietet, belegen u.a. Studien zu Musikdownloads: nach dem die Major Labels Ende der Nuller Jahre auf DRM verzichteten, stieg der Umsatz mit →Backlist-Titeln um dreißig Prozent, während generell ein Zuwachs von zehn Prozent verzeichnet wurde.

Eine ebenso wichtige Rolle spielt aber auch die Breite des verfügbaren legalen Angebots. Die Erfahrungen aus der Musikindustrie zeigen, dass gerade seit der Einführung von Streamingdiensten wie Spotify, die Content im Rahmen von →Flatrate-Abos anbieten, die Nutzung von illegalen Download-Portalen abgenommen hat.


[Dieser Artikel ist eine Preview aus: „das große e-book & e-reader abc“, das mehr als 200 aktuelle Stichwörter von Adobe-ID bis Zweifinger-Zoom enthält. Es ist digital und gedruckt im Oktober 2014 erschienen – und kann direkt bei ebooknews press bestellt werden…]

Copyright killt Backlist: Neue Studie zum „Verschwinden“ von Büchern

Muss man geistiges Eigentum mit intensivem Copyright schützen, damit über Jahrzehnte hinaus eine kontinuierliche Verwertung gesichert ist? Nein, behauptet Jura-Prof Paul Heald (University of Illinois) schon seit vielen Jahren, ganz im Gegenteil: die Ausweitung der Schutzfristen habe geradezu zum Verschwinden eines Großteils der Backlist geführt. Eine wichtiger Zweck des Copyrights werde damit ad absurdum geführt – nämlich die Verfügbarmachung von Literatur. Zahlen gefällig? Bitteschön: für sein aktuelles Paper „How Copyright Makes Books and Music Disappear“ hat Heald die Probe auf’s Exempel gemacht, und sich ein zufällige Sample von 2.300 neu bei Amazon.com veröffentlichten Büchern angeschaut – mit erstaunlichem Ergebnis. (OpenAccess-Version der Studie via „Social Science Research Network“ erhältlich).

„Kurz gefasst, Copyright lässt Bücher verschwinden“

Das Ergebnis könnte nämlich eindeutiger nicht sein: „Es gibt eine hohe Korrelation zwischen dem Copyright und dem Verschwinden von Werken, aber nicht mit ihrer Verfügbarkeit“, so Heald. „Kurz nach dem Werke entstehen und mit Copyright versehen werden, neigen sie zum Verschwinden aus der Öffentlichkeit, und kehren erst dann wieder ins Blickfeld zurück, wenn sie in die Public Domain fallen und keinen Eigentümer mehr haben.“ So seien bei Amazon.com dreimal mehr Titel aus den 1850er Jahren lieferbar als aus den 1950er Jahren, obwohl im 19. Jahrhundert weitaus weniger Bücher produziert wurden. „Kurz gefasst, Copyright scheint Bücher verschwinden zu lassen“ Die gute Nachricht: Es gäbe durchaus einen Markt für all diese “missing books”. Die schlechte: Durch das Copyright werden die Marktkräfte jedoch ausgeschaltet.

Zufällig erzeugte ISBN-Nummern als Basis

Die gängige Praxis geht offenbar von ganz anderen Prämissen aus: „Mächtige Copyright-Lobbyisten umrunden den Globus und empfehlen immer längere Schutzfristen, mit dem Argument der mangelnden Verwertungsmöglichkeiten für den Fall, das ein Werk in den Bereich der Public Domain fällt“, so Heald. Schon bisherige Studien (u.a. von Heald selbst) hatten eher gegenteilige Ergebnisse geliefert, indem etwa die Lieferbarkeit von ausgewählten Bestsellern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts untersucht wurde. Um das Argument erneut zu testen, wurden dieses Mal zufällig ISBN-Nummer erzeugt und in die Suchmaske von Amazon.com eingegeben. Handelte es sich dabei um die Kategorie „Literature and Fiction“, wurden die Titel in das Sample aufgenommen. Im zweiten Schritt versuchten die Forscher, das Erstveröffentlichungsdatum herauszufinden. Das gelang bei 2.317 von insgesamt 7.000 Titeln. Nur diese Bücher wurden für die statistische Analyse verwendet.

„Interesse der Verlage hält nur wenige Jahren“

Schon die erste grobe Auswertung bietet eine kleine Überaschung: 72 Prozent (1665 Titel) fallen in den Public Domain-Bereich, nur 28 Prozent (652) stehen unter Copyright. Der eigentliche Hingucker ist jedoch die Verteilung der Werke über die einzelnen Jahrzehnte. Gäbe es überhaupt kein Coypright, so Heald, müssten man eine langsam abflachende Kurve erwarten, denn man dürfe ja annehmen, dass die Werke mit zunehmenden Alter an Popularität verlieren und dementsprechend das Interesse an einer Verwertung abnimmt. „Stattdessen fällt die Kurve stark und schnell ab, und steigt dann ebenso spektakulär wieder an für Bücher, die vor 1923 veröffentlicht wurden.“ Aus den 1980er Jahren etwa sind aus dem Sample nur 29 Titel lieferbar, gegenüber 254 aus den Jahren 2000 bis 2010. Healds Diagnose: „Verleger haben offenbar kein Interesse daran, ihre Bücher länger als ein paar Jahre nach der Veröffentlichung auf Amazon zu verkaufen.“

„Oldies but Goldies? Gilt nur für die goldenen 1850er“

Noch krasser ist das Mißverhältnis, wenn man die Zahlen mit dem geschätzten Publikationsvolumen der jeweiligen Jahrzehnte abgleicht. Schließlich wurden im 19. Jahrhundert deutlich weniger Bücher gedruckt als im 20. Jahrhundert – Heald nimmt beispielsweise an, das in den 1850er Jahren sechsmal weniger Titel auf den Markt kamen als zwischen 1950 und 1960. Berücksichtigt man diesen Proporz-Unterschied, werden derzeit auf Amazon.com sogar 18 mal mehr Titel aus den 1850er Jahren verkauft. Also von wegen „Oldies but Goldies“ – das gilt für die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts nicht. Übrigens auch nicht im Musikbusiness, das Heald für seine Studie ebenfalls untersucht hat. Auf dem DVD-Markt gibt es eine vergleichbare Verwertungslücke bei älteren Titeln. Anders als bei Büchern, so Heald, existiere jedoch in den USA bereits funktionierendes Modell, die lähmende Wirkung des Copyrights bei Songs zu durchbrechen: Youtube. Bevor die Plattform Videos wegen Urheberrechtsverstößen ausliste, würden die Rechteinhaber nämlich gefragt: „Möchten Sie nicht lieber eine Anzeige schalten und mit dem Titel Geld verdienen?“.

(via Teleread)

Abb. oben: flickr/pfv (cc)

Abb. unten: Statistik aus Heald, How Copyright Makes Books and Music Disappear (2013)

Coolerbooks meets Google Books: Erste Kooperation mit eBook-Store außerhalb der USA

Coolerbooks kooperiert mit Google Books - bietet nun eine Mio. E-Books an.gifCoolerbooks.com übernimmt als erster E-Book-Store außerhalb der USA den Public Domain-Bestand von Google Books in das eigene Angebot. Damit werden in Europa etwa eine halbe Million freier E-Books über Coolerbooks.com verfügbar sein. Nach eigenen Ankündigungen bietet Coolerbooks nun insgesamt mehr als 1 Mio. kommerzieller wie kostenloser E-Books an und erklärte sich einstweilen zum größten E-Book-Store weltweit.

Das Angebot von Coolerbooks ist für alle gängigen E-Reader und Formate offen

Der E-Book-Store ist für alle gängigen E-Reader offen, Betreiber Interread zielt aber vor allem auf Benutzer des Anfang 2009 gelaunchten Cool-E-Readers. Das Lesegerät mit 6-Zoll-Display ist Mac- und PC kompatibel und unterstützt alle gängigen E-Book-Formate inklusive epub. Technisch unterscheidet sich der Cool-E-Reader mit E-Ink-Display, USB-Port und SD-Kartenslot nicht von anderen Readern seiner Preisklasse (aktuell 225 Euro). Mit einem bunten, iPod-ähnlichem Gehäuse in acht verschiedenen Farben versucht Interread allerdings eine neue Nutzergruppe zu erobern: ‘Unser Ziel war von Anfang an, E-Books für normale Buchliebhaber interessant zu machen, nicht nur für Technik-Freaks“, so Neil Jones, Gründer des Unternehmens. Doch egal zu welcher Gruppe man gehört: Zur Zeit sind die Lesegeräte leider nicht lieferbar, im Online-Shop von coolreaders.eu werden lediglich Vorbestellungen aufgenommen.

Sony bietet mehr als eine Million E-Books und vier verschiedene E-Reader

Sony und Google weiten ihre Kooperation aus: schon bisher waren für die Nutzer der Sony E-Reader bereits mehr als 500.000 Public-Domain-Titel kostenlos als E-Book verfügbar. Jetzt sollen es bereits mehr als eine Million Titel sein. Profitieren werden von dem größeren Angebot auch die Käufer der neuen Sony Reader PRS 300 und 600, die im Herbst in den Handel kommen.

„Ihr wolltet mehr Bücher? Sony hat Euch erhört!“

Wohl noch nie waren soviele Bücher so bequem für umsonst lesbar – aber auch noch nie war Public Domain so exklusiv: lesen dürfen auf diese Weise nur Sony-Kunden in den USA und Kanada.
Auf seiner Internet-Präsenz gibt sich Sony trotzdem ganz volksnah: „You said you wanted more books and we heard you“! Und mächtig stolz: Man gebe den Kunden mit dem neuen Angebot die größte, umfassendste Auswahl von E-Books, die derzeit verfügbar sei. Außerdem seien die epub-Versionen aus der GoogleBooks-Bibliothek für das Lesen mit einem der aktuellen Sony-Reader optimiert. Auch andere Anbieter von E-Books, wie etwa Barnes&Noble, kommen derweil an Google nicht mehr vorbei und integrieren den Public Domain-Bestand in ihre Verkaufsplattformen. Es gibt allerdings eine große Ausnahme: Amazon-Kunden haben bisher nichts von GoogleBooks.

Mit dem Google-Books-Angebot kann Sony die neuen E-Reader PRS 300 & PRS 600 besser vermarkten

Sonys Strategie ist klar: die Preise für kommerzielle E-Books sind im Sony-Store deutlich höher als bei Amazon oder Barnes&Noble. Der privilegierte Zugang zu Google Books bietet somit einen zusätzlichen Kaufanreiz für einen der Sony-Reader. Bald gibt’s ohnehin mehr Modelle: denn wie diese Woche bekannt wurde, kommen im Herbst mit dem PRS-300 und dem PRS-600 gleich zwei neue Reader auf den Markt, einmal mit 5-Zoll, einmal mit 6-Zoll-Display. Vielleicht werden ja auch einige Besitzer des älteren PRS-500 zu den Käufern gehören: mit ihrem schon etwas betagten Gerät kommen sie nämlich nicht in den Genuss des neuen PublicDomain-Angebots.

Sony weiß vieles, doch niemand kennt die Leser besser als Google…

Für viele Beobachter verträgt sich allerdings der Public Domain-Anspruch wenig mit der exklusiven Kontrolle durch Branchenriesen wie Sony oder Google. Doch nicht nur das. Google Books selbst geriet in letzter Zeit verstärkt in die Kritik – nicht aus Gründen des Urheberrechts, sondern auch aus Sicht des Datenschutzes. Ein offener Brief von US-Bürgerrechtsorganisationen legte vor wenigen Tagen noch einmal deutlich den Finger auf die Wunde: „Under its current design, Google Book Search keeps track of what books readers search for and browse, what books they read, and even what they ‚write‘ down in the margins“. In der deutschsprachigen Presselandschaft blieb das bisher allerdings eher eine Randnotiz.