taz testet Flattr: Alternative Tageszeitung setzt auf Crowdfunding made in Sweden

flattr-crowdfunding taz.gifDie taz testet Flattr: das Online-Angebot der alternativen Tageszeitung aus Berlin enthält jetzt kleine Spenden-Buttons des schwedischen Crowdfunding-Netzwerks. Leser können sich für jeden Artikel mit einem Klick auf den Flattr-Knopf bedanken. Die taz-Community scheint für diese Alternative zu Paid Content besonders geeignet zu sein: bei einem Probelauf im April kamen in einer Woche fast 2000 Euro an Spendengeldern zusammen.

Absage an die Bezahlschranke: „Barrieren aufbauen ist unsere Sache nicht“

Die vor mehr als dreißig Jahren gegründete taz hat immer mit der medialen Avantgarde geliebäugelt, sei es mit der forschen Einführung eines digitalen Redaktionssystems schon Mitte der Achtziger, sei es mit dem frühen Webauftritt der “digitaz” Mitte der Neunziger. Auch beim E-Paper ist man ganz vorn: Ab zehn Euro bekommt man ein digitales Abo in verschiedenen Formaten, seit letztem Jahr sogar als epub für den E-Reader. Mehr als 1800 zahlende Abonnenten soll es mittlerweile geben. Die Online-Ausgabe ist dagegen grundsätzlich auch weiterhin für lau zu lesen – „Barrieren aufzubauen, das ist unsere Sache nicht. Möglichst auch keine Bezahlschranken“, so Matthias Urbach, Leiter der Online-Ausgabe. Trotzdem ist vielen die Lektüre offenbar einiges wert. Als die taz im April eine Woche lang unter jedem Artikel eine Kontonummer einblendete, war man vom Erfolg der Aktion überrascht: „165 Leser haben Geld überwiesen – von 5 Cent bis 100 Euro. Insgesamt kamen 1.842,83 Euro zusammen“, konnte taz-Hausblogger Sebastian Heiser vermelden. Mit echtem Crowdfunding hatte dieses Experiment rein technisch natürlich wenig zu tun – dafür sind normale Überweisungsvorgänge viel zu aufwendig. Bei Flattr sieht das anders aus…

Es geht nicht nur um’s Geld: Flattr-Klicks geben ein besseres Feedback

Mit Peter Sundes Mikro-Payment-Bezahlsystems ist die taz nun mitten drin in der Thank-You-Economy, die sich im gerade im Web 2.0 etabliert. Unter jedem Artikel auf taz.de wird ein Flattr-Button eingeblendet – per Mausklick können sich Mitglieder des Crowdfunding-Netzwerks bei der taz bedanken. Ein Teil ihres monatlichen Mitgliedsbeitrags kommt dann der alternativen Tageszeitung zu Gute. Außerdem weiß die Redaktion nun etwas genauer, was die Leser wirklich gut finden: „Anhand von Klickzahlen konnte man bisher eigentlich nur erkennen, wie gut die Präsentation eines Artikels auf den Übersichtsseiten ankam, nicht aber wie der Artikel selbst aufgenommen wurde. Die flattr-Klicks geben da nun eine weiteres Feedback“, so Filip Moritz, taz.de-Webmaster. Insgesamt bleibt Flattr aber vorerst ein Experiment – was auch daran liegt, dass der Crowdfunding-Service noch in der Testphase ist. Um eine komplette Zeitung finanzieren zu können, fehlt schlicht die kritische Masse an Teilnehmern. Ähnliches gilt zur Zeit auch noch für den Flattr-Konkurrenten Kachingle, auf den seit kurzem die Online-Ausgabe des Vorwärts setzt. Doch das könnte sich in Zukunft schnell ändern. Sobald Crowdfunding zum Breitensport wird, dürften gerade solche Projekte einen Startvorteil haben, hinter denen eine starke Community steht. Immerhin haben in den letzten Jahren auch schon fast 10.000 taz-Leser Genossenschafts-Anteile erworben – zum Stückpreis von 500 Euro.

Nur Info-Häppchen für das Tablet: iPad-App der New York Times verärgert die Leser – und Steve Jobs

apple-ipad-app-new-york-tim.gif„Editor’s Choice“ heißt die iPad-App der New York Times – das klingt exklusiv. Ist es leider auch. Denn die „Graue Lady“ bringt ihren Premium-Content nur häppchenweise auf Apples Tablet. Das ärgert viele Leser – und vor allem Steve Jobs. Denn die multimediale iPad-Version der „Times“ war von Anfang an wichtiger Teil der Werbestrategie für das neue Gadget. Noch ärgerlicher: Auf Amazons Kindle ist die New York Times vollständig lesbar – wenn auch nur in Schwarz-Weiß.

Nachrichten-Häppchen auf dem Tablet: „Wo ist der Content?“

Zum iPad-Hype hat die New York Times nicht wenig beigetragen – in Anzeigen und Promotion-Videos musste sie als prominentes Beispiel für das virtuelle Zeitungslesen auf Apples Tablet-PC herhalten. Der optische Eindruck ist tatsächlich atemberaubend – der Traum vom E-Newspaper scheint zum Greifen nahe. Die Wirklichkeit ist jedoch etwas prosaischer. Denn im Vergleich zur NYT-Website bietet die Anwendung namens „Editor’s Choice“ nur einen kleinen Teil des vielfältigen Angebots. Das macht nicht nur Steve Jobs wütend, sondern auch die normalen Leser. „Where’s the content???“ fragen viele von ihnen in den iTunes-Reviews der iPad-App, manche wollen auch ganz einfach wissen: „is an upgrade with full content planned?“

Amazon hat sich für den Kindle eine „Meistbegünstigten-Klausel“ gesichert

Doch auch wenn die iPad App „Editor’s Choice“ heißt, haben die Herausgeber eigentlich keine Wahl: sie können nicht so einfach den vollen Content aufs Tablet bringen. Das hat zum einen etwas mit den Bedingungen zu tun, unter denen die NYT schon seit längerem eine E-Paper-Version auf Amazons Kindle bringt. Im Februar konnte man auf dem bits-blog der Times lesen:

Seit Dezember hat Amazon die Verlage dazu gedrängt, neue Vereinbarungen zu unterzeichnen, die sicherstellen sollen, dass der Content auf Kindle immer zum selben Preis oder günstiger verbreitet wird als auf anderen elektronischen Lesegeräten, wie etwa dem iPad oder dem Sony Reader. Die Vereinbarung ähnelt dem im Außenhandel angewendeten Prinzip der „Meistbegünstigten-Klausel“ und soll garantieren, dass Amazon-Kunden immer von den besten Preisen für E-Mags, E-Newspaper oder E-Books profitieren können.

Preise rauf, oder Preise runter? Pricing-Modelle für den iPad-Content

Wie das Online-Magazin Gawker berichtet, gibt es aber noch einen anderen Grund für das iPad-Problem. Denn die NYT bastelt noch eifrig an der Preisgestaltung für das zukünftig Paid-Content-Modell. In der Chefetage der Grauen Lady gibt es eine starke Front von Hochpreis-Befürwortern, die sich eine vollständige iPad-Version für 20 bis 30 Dollar pro Monat wünschen. Damit würde man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: einerseits wäre die Gefahr des Kannibalisierungs-Effekts zuungunsten der Printausgabe nicht so groß. Zum anderen läge man damit auf jeden Fall über dem Preis der Kindle-Version (anfänglich 15 Dollar, jetzt 20 Dollar pro Monat). Nun sind 30 Dollar nicht gerade attraktiv für eine digitale Zeitung. Doch liegt der Preis zu nahe an der Kindle-Version, wäre das laut Gawker auch wiederum problematisch: wie soll man Amazon-Kunden gegenüber begründen, dass man für wenige Dollar mehr statt einer schwarz-weißen E-Ink-Ausgabe eine multimediale, bunte App bekommt? Allerdings gibt es bei der NYT auch eine Low-Price-Fraktion rund um Martin Nisenholtz, seines Zeichens „Senior Vice President for Digital Operations“. Dort denkt man eher an eine Marke von zehn Dollar. Dafür müsste man natürlich die Verträge mit Amazon nachverhandeln.

Noch ein Problem: Kostenlose Apps als gefährliche Konkurrenz

Am Ende könnte sich natürlich zeigen, dass beide Kalkulationen das eigentliche Problem der New York Times nicht lösen – denn um zurückgehende Print-Abonnements und schwindende Anzeigenerlöse zu kompensieren, müsste man eine große Zahl von neuen Lesern gewinnen, die überhaupt bereit sind, für die digitale Zeitungslektüre Geld zu zahlen. Doch kostenlose Alternativen gibt es schon jetzt genug. Besonders beliebt sind zur Zeit etwa die Apps von USA Today, BBC News oder Associated Press. Solange die Bezahlschranken und Paywalls bei der NYT noch nicht greifen, ist die direkteste Alternative zur iPad-App aber wohl die iPhone-App: denn auf das Display von Apples erfolgreichem Handy kommt „all the news that’s fit to print“ bisher nicht nur kostenlos, sondern auch komplett. Nur wer die NYT offline auf Laptop oder Netbook lesen will, musste bisher schon etwas blechen. Die „Times Reader„-Software gibt’s nur im Abo – für knapp 20 Dollar pro Monat.

Graue Lady mit Taxameter: New York Times führt ab 2011 Bezahlschranke für Viel-Leser ein

new-york-times-metered-access-paid-content-e-newspaper1Bad News: Auch bei der New York Times setzt man in Zukunft auf Paid Content – auf der Website nyt.com werden in absehbarer Zeit nur noch eine begrenzte Zahl von Artikeln kostenlos zur Verfügung stehen. Good News: NYT-Chef Arthur Sulzberger Jr. will nichts überstürzen, Start des neuen Bezahl-Modells ist erst 2011. Verschont bleiben ohnehin Abonnenten der Print-Ausgabe sowie Gelegenheitsleser im Netz.

Vorbild ist das „metered access“-Modell der Financial Times

Nach dem Wall Street Journal und der Financial Times nun also auch die graue Lady! Überraschend kommt die Ankündigung in eigener Sache, die nun in der Rubrik „Media and Advertising“ zu lesen ist, allerdings nicht. Schon seit Tagen war das Thema Paid Content bei der NYT durch Blogosphere und Presselandschaft gegeistert – nun schaffte die Redaktion endlich Klarheit. Zumindest, was den Zeitpunkt und das grundsätzliche Modell angeht. „Von Januar 2011 an kann jeder Besucher auf NYTimes.com eine bestimmte Anzahl von Artikeln pro Monat kostenlos lesen. Für unbegrenzten Zugang muss man dagegen eine Flatrate zahlen.“ Vorbild beim sogenannten „metered access“ ist die in London erscheinende Financial Times – dort können Leser maximal zehn Online-Artikel jeden Monat unentgeltlich konsumieren. Unbegrenzten Online-Zugang gibt es ab 3,59 Dollar pro Woche, für die Kombination Print, Online und die Nutzung verschiedener Research-Tools muss man 7,55 Dollar berappen. Medienberichten zufolge ist die Entscheidung der NYT, diesem Modell zu folgen, aber nicht nur am allgemeinen Paid-Content-Trend orientiert: offenbar musste sich das finanziell klamme Blatt auch dem Druck des Investors Carlos Slim beugen. Der mexikanische Milliardär war auf dem Höhepunkt der Krise bei der NYT eingestiegen und kontrolliert mittlerweile etwa 16 Prozent der Aktien.

Die New York Times hat bereits einige Erfahrung mit Paid Content

Trotzdem ist für die New York Times Paid Content kein absolutes Neuland: bereits in den Neunziger Jahren gab es ein Bezahlmodell für Leser außerhalb der USA, und zwischen 2005 to 2007 testete man mit dem sogenannten „TimesSelect service“ ein Premium-Modell, bei dem man für das Lesen von Editiorials und Kommentaren zur Kasse gebeten wurde. Das Times-Select-Modell kostete 50 Dollar für 12 Monate – bei knapp 200.000 Abonnenten brachte es der NYT schließlich 10 Millionen Dollar zusätzliche Einnahmen pro Jahr. Im Vergleich zu mehr als 300 Millionen Dollar Gesamtumsatz pro Quartal (!) waren das allerdings nur Peanuts. Damit das neue Modell einen echten Beitrag für die finanziell klamme Zeitung leistet, müsste man also eine viel größere Zahl erreichen. Die gedruckte Ausgabe lesen etwa 600.000 zahlende Abonnenten. Die werden jedoch das Online-Angebot offenbar auch weiterhin kostenlos lesen können. Die Paywall zielt also auf die Masse der reinen Web-Leser unter den knapp 17 Millionen monatlichen Besuchern von nytimes.com.

Das Finetuning wird schwierig: was sollen Kombi-Abos kosten?

Das Finetuning dürfte jedoch äußerst schwierig werden – schließt man zuviele Nutzer aus, sinken die Einnahmen bei der Online-Werbung. Gewinnt man zuwenige Online-Abonnenten, lohnt sich der ganze Aufwand nicht mehr. Peter Kafka hat auf All things D die wichtigsten Fragen so zusammengefasst: „Es gibt drei Probleme zu lösen: Wie ermöglicht man den kostenlosen Zugang für Abonnenten der Print-Ausgabe und ermöglicht parallel dazu das Funktionieren des Les-o-Meters für die Nicht-Abonnenten, wie wird die E-Commerce-Plattform aussehen, mit der man Online-Abos freischaltet, und außerdem: wie gestaltet man Kombi-Angebote – was soll beispielsweise der Online-Zugang zusammen mit einem Kindle-Abo kosten?“
Ein Kindle-Abo kostet zur Zeit 13,99 Dollar pro Monat. Doch dem gemeinen Internet-Surfer kann man so viel wohl nicht abknöpfen – dafür gibt es zu viele Gratis-Alternativen. Selbst das elitäre Wall Street Journal, neben der NYT eine der auflagenstärksten Zeitungen in den USA, bekommt man im Online-Abo für 1,99 Dollar pro Woche, also für knapp 100 Dollar pro Jahr. Eine Million Leser nutzen dieses Angebot bereits. Allerdings ist bei den Beziehern des WSJ wohl auch mehr zu holen: ihr mittleres Haushaltseinkommen liegt bei geschätzten 135.000 US-Dollar – sie sind damit die reichsten unter allen Subskribenten zwischen Ost- und Westküste. Die Leser der Grauen Lady fahren dagegen pro Jahr im Durchschnitt fast 20.000 Dollar weniger in die Scheuer.

Von „Good Luck“ bis „Good Bye“: Die Leser haben bereits reagiert

Auf Kritik von seiten der Leser-Gemeinde ist man bei der NYT auf jeden Fall vorbereitet. In einem Memo an die Belegschaft sprechen Arthur Sulzberger Jr. und Janet Robinson davon, dass „bedeutende Veränderungen zwangsläufig zu Kontroversen führen“. Es werde eine „fortlaufende öffentliche Debatte darüber geben, was wir tun“. Man hoffe jedoch auch auf hilfreiche Kommentare. Einige Leser haben tatsächlich prompt reagiert – neben Lob&Verständnis („great idea“) drohten zahlreiche Leser bereits an, sich in Richtung anderer News-Seiten zu verabschieden: „Good Luck & Good Bye“. Manche Internet-Surfer waren vor allem mit dem Vergleich zwischen NYT und Wall Street Journal nicht einverstanden: „Das WSJ liefert sehr spezifische Nachrichten über eng abgesteckte Themenbereiche. Es gibt aber eine Menge Seiten, die genau das liefern, was auch die NYT liefert.“ Selbst Leser, die durchaus eine Handvoll Dollars für die Graue Lady übrig hätten, sind nicht unbedingt erfreut: „Wenn ich zahle, wird die NYT-Site doch immer noch mit Anzeigen vollgepflastert sein, oder nicht!?“

„Entdecken Sie Gold“ – Süddeutsche Zeitung startet Premium-App für’s iPhone

sueddeutsche-zeitung-iphone-app-gold-e-newspaper„Entdecken Sie Gold“, warb eine norddeutsche Brauerei mal für ihr neues Bier. Die Süddeutsche Zeitung wirbt nun für „Gold“ auf iPhone & iPod Touch: für 1,59 Euro pro Monat kann man eine neue Premium-App nutzen. Die Basic-Version gibt’s im App Store aber weiterhin umsonst. Lohnt sich das Upgrade auf „SZ-Gold“ – oder ist mehr Schaum als Content in der Flasche?

Die Online-Aktivitäten der SZ lohnen sich – die „crossmediale“ Leserschaft wächst


In punkto Qualität ist die Süddeutsche Zeitung immer noch Nummer eins in Deutschland: bei einer Umfrage unter Journalisten landete die „SZ“ vor einigen Jahren sogar noch vor dem SPIEGEL. Auch die Leser sehen das so. Die SZ gehört nach wie vor zu den größten überregional gelesenen Abonnementszeitungen. Daran haben auch das E-Paper der Print-Ausgabe und eine speziell aufbereitete Online-Ausgabe ihren Anteil – deren Content via iPhone-App auch den Nutzern von Apples Edel-Handy zur Verfügung steht. Die Redaktion von sueddeutsche.de ist mittlerweile auf 25 festangestellte Redakteure und mehr als zehn Pauschalisten gewachsen. Die Online-Leserschaft scheint diese Anstrengungen auch zu goutieren – die Zahl der Seitenaufrufe stieg auf mehr als 140 Millionen pro Monat. Das kostenlose Online-Angebot hat die Reichweite deutlich erhöht: Bei einer gedruckten Auflage von knapp 500.000 Exemplaren gibt die SZ eine „crossmediale“ monatliche Leserschaft von 1,95 Millionen an.

Paid Content bei der SZ reicht vom E-Paper bis zum Handy-Abo


Schon bisher gab es bei der SZ bestimmte Inhalte als Paid Content – so etwa das E-Paper im PDF- oder Textformat, das pro Monat für 19,90 Euro kostet, im Vergleich zu knapp 40 Euro für die Printversion. Für eine speziell für Mobiltelefone aufbereitete Version (szmobil.sueddeutsche.de) zahlt man 9,90 Euro. Auf dem iPhone liest man dagegen bisher umsonst – die SZ-App lässt sich via iTunes kostenlos herunterladen. Im gewohnten iPhone-Look&Feel bietet SZ-Basic etwa Scroll-Down-Menus mit Überschriften und kleinen Thumnails, Rubriken-Übersichten und die Möglichkeit, einzelne Artikel via Facebook oder Twitter zu empfehlen. Eins hat sich allerdings seit Anfang des Jahres geändert: beim Öffnen wird nun jedesmal ein Werbebanner eingeblendet: „Vergolden Sie ihren Lesestoff“, werden die Leser aufgefordert – denn für 1,59 Euro kann der Nutzer der „Basic“-App upgraden auf die „Gold-App“. Man muss sich also entscheiden: „Jetzt lesen“ für lau oder „Im App Store kaufen“. Nun sind 1,59 nicht viel – doch womit kann das Gold hier glänzen?

Viel dran ist am „Gold“ nicht – die Premium-App bietet nur zwei neue Features


Wer schon bisher die iPhone-App der SZ genutzt hat, wird sehr schnell merken: viel ist es nicht. Im Vergleich zur „Basic“-Variante bekommt man nämlich lediglich zwei neue Features geliefert: im Offline-Modus lassen sich nun mit einem Klick alle aktuellen Inhalte auf das iPhone oder den iPod Touch herunterladen. Dabei kann man auswählen, ob man nur die Artikel-Texte haben möchte, oder auch die dazu gehörenden Bilder bzw. „Klickmonster“-Bildstrecken. Als weiteren Premium-Dienst kann man den „News-Alert“ aktivieren. Gibt es was neues in ausgewählten Themenbereichen, wird man ähnlich wie bei SMS-Services direkt informiert, und zwar auch dann, wenn die App selbst nicht geöffnet ist. „Noch näher am Puls der Zeit kann man kaum noch sein“, verspricht die Süddeutsche Zeitung. Das mag sein – doch insgesamt muss man sich doch genau überlegen, ob man wirklich zum zahlenden Premium-Kunden werden möchte. Immerhin hat man diese Wahl, denn die SZ fährt einen kundenfreundlicheren Kurs als etwa Springer mit der Welt-App – die hat zwar ein paar mehr grafische Highlights, dafür gibt’s sie überhaupt nur gegen Cash. Will man kostenlos via iPhone auf Springers intellektuelles Flaggschiff zugreifen, muss man das über den Safari-Browser tun. Ach ja, bevor wir’s vergessen, einen weiteren Vorteil hat die Gold-App der SZ natürlich doch – es gibt beim Start der App keine Werbeeinblendung mehr.

Crowdfunding statt Paid Content: Warum „Kachingle“ eine gute Lösung ist

kachingle crowdfunding und micropayment statt paid content.gifKaum ist die Paid Content-Debatte so richtig eskaliert – siehe Murdoch, Döpfner & Co. – da wächst schon das Rettende: Crowdfunding als clevere Alternative nicht nur für Online-Zeitungen, sondern auch für die Blogosphere. Kachingle.com will diese Methode der webbasierten „Umverteilung“ professionalisieren: die Web-Community verteilt Mitgliedsbeiträge je nach den Besucherzahlen an die assoziierten Webseiten.

Jenseits von Paywalls und Piraterie gibt’s zum Glück bessere Lösungen

Paid Content – welch garstig Wort. Doch wen wundert’s: Mit dem „Bezahl-Internet“ verbinden die meisten Surfer zu Recht das Aufrichten von „Pay-Walls“ – und damit das Ende der großen Informationsfreiheit im Netz. Vor allem die Zeitungsverlage haben in letzter Zeit den Ton verschärft – der hohe Kostendruck zwingt sie zum Strategiewechsel: nutzten sie bisher die kostenlosen Online-Angebote zur Reichweitensteigerung, so soll es nun zumindest den „Premium-Content“ nur noch für Abonnenten geben. Andere Lösungen wie etwa die Kulturflatrate sind wieder in weite Ferne gerückt – stattdessen wird „Filesharing“ in manchen Ländern nun mit Strafen bis zur Netzsperre sanktioniert. Es gibt aber zum Glück Alternativen, die zwischen der Paywall und Piraterie liegen – eine davon ist Kachingle. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein Crowdfunding-Netzwerk, das erst vor kurzem an den Start gegangen ist. Der von Silicon-Valley-Unternehmerin Cynthia Typaldos gegründete Service verbindet zwei tpyische Elemente der Internet-Ökonomie: Micropayments und Web 2.0. Die von den Mitgliedern des Netzwerks monatlich gezahlten Beträge sind betont niedrig gehalten – zur Zeit liegen sie bei 5 Dollar, die via Paypal entrichtet werden können. Langfristig denkt Typaldo an Beträge zwischen 30 und 40 Dollar – also in der Größenordnung eines konventionellen Zeitungsabos.

Kachingle setzt auf die soziale Dynamik des Web 2.0

Content-Provider wie Blogs oder Online-Magazine können sich bei Kachingle registrieren und ein „Medaillon“ genanntes Widget auf ihren Seiten installieren. Wenn den aktiven „Kachinglern“ ein Blog oder ein bestimmtes Posting gefällt, klicken sie ganz einfach das Medaillon an – und zählen damit zu den offiziellen Unterstützern dieser Seite. Die Umverteilung der aus der Crowd gesammelten Funds richtet sich danach, wie oft eine Seite im Abrechnungszeitraum besucht wurde. Die aktuelle Zahl der Unterstützer kann man an einem kleinen Zählwerk im Widget ablesen, auf Kachingle.com kann man zudem erfahren, welche Mitglieder die Seite unterstützten. Die beidseitige Transparenz gehört für Cynthia Typaldos zum Prinzip von Kachingle. Sie setzt auf die soziale Dynamik des Web 2.0: wen oder was man unterstützt, soll zu einem Teil der „Online-Persönlichkeit“ werden. Wirtschaftswissenschaftler Paul Romer (Stanford Center for International Development) unterstützte im Gespräch mit CNET diesen Ansatz: „Es geht einmal nicht darum, alle Trittbrettfahrer auszuschließen, sondern darum, freiwillige Aktivitäten zu fördern, Altruismus und bürgerschaftliches Engagement. Das gefällt mir an diesem Modell. Ökonomen genau wie Politiker unterschätzen leider oft das Potential solcher Lösungsansätze.“ Kachingle selbst ist dabei kein reines Goodwill-Projekt von unbezahlten Enthusiasten: Achtzig Prozent der von Kachingle eingesammelten Beträge werden umverteilt, zwanzig Prozent werden für den technischen und organisatorischen Aufwand genutzt.

Schon gesehen? Auch E-Book-News unterstützt Kachingle!

Besondere Hoffnungen setzt man bei Kachingle auf die finanziell klammen Zeitungsverlage. Tatsächlich arbeitet seit Ende 2009 mit dem Miami Herald bereits eine größere Tageszeitung mit Micropayments. Leider außerhalb des Kachingle-Netzwerks. Viele Medienhäuser haben allerdings bereits Interesse an einer Kooperation gezeigt. Kachingle-Erfinderin Typaldo betreibt zudem die Ausweitung des Netzwerks auf Europa – vor allem auf Frankreich und Deutschland. Als erster deutscher Blog ist CARTA zum Kachingler geworden – schließlich geht es dem Online-Magazin ja auch um die politische Ökonomie der digitalen Öffentlichkeit. Bisher setzte CARTA selbst in Sachen Crowdfunding vor allem auf eine Art virtuelle Kaffekasse – via Paypal konnten die Leser direkt spenden. Wie auf CARTAs Kachingle-Widget zu sehen ist, hat man mittlerweile 48 Kachingler für sich gewinnen können und knapp 160 Dollar an Ausschüttungen erhalten. Das ist zwar nicht viel, doch das Netzwerk ist schließlich erst vor wenigen Monaten offiziell gestartet. Insgesamt nehmen mittlerweile 133 Websites am Kachingle-Netzwerk teil. Auch E-Book-News hält Crowdfunding für eine gute Idee – denn elektronisches Lesen und die Informationsfreiheit des Internets gehören für uns untrennbar zusammen. Deswegen sind wir seit Anfang Januar ebenfalls zum Kachingler geworden, wie man an dem Medaillon in der Sidebar sehen kann. Wer ebenfalls kachingeln will, kann sich übrigens über diesen Link anmelden.

[Aktualisiere Fassung vom 15.04.2010]

„E wie Exklusiv und Euro“: Morgenpost & Abendblatt heizen die Paid Content-Debatte an

Paid Content Abendblatt Springer.gifSchluß mit der „Freibiermentalität“, findet das Hamburger Abendblatt – und schlägt den Weg in Richtung Paid Content ein. Ein gelbes Euro-Zeichen markiert Artikel, die man nur als Abonnent lesen darf – für 7,95 € pro Monat. Ähnliche Eurozeichen leuchten den Lesern der Berliner Morgenpost entgegen: sie sollen für Lokalnachrichten ab sofort 4,95 € zahlen. Beide Blätter gehören dem Axel Springer Verlag – der bereits letzte Woche durch kostenpflichtige iPhone-Apps für Bild und Welt von sich reden machte.

„Was erlauben, Strunz!“, dachten die Leser des Abendblatts…

„Was erlauben, Strunz!“, werden sich viele Hamburger gedacht haben, als sie beim Surfen plötzlich vor der verschlossenen Paywall des Abendblattes standen. Doch nicht dem Chefredakteur Claus Strunz war es vorbehalten, die Weihnachtsbotschaft der anderen Art zu verkünden – das übernahm sein Stellvertreter Mathias Iken. Der köpfte den Ball sehr hoch rein: „Es geht um das langfristige Überleben der Medien, es geht um die vierte Gewalt. Es geht um die Demokratie, wie wir sie kennen.“ Worum es vor allem geht, ist natürlich bekannt: Springers Blätter machen minus, weil sie im Printbereich nicht mehr so viele Anzeigenkunden haben wie früher. Das Geschäft mit Online-Werbung hat zwar in letzter Zeit zugelegt, doch damit lassen sich die Verluste nicht ausgleichen. Nun hofft man also darauf, aus den Online-Lesern massenhaft Online-Abonnenten zu machen. Die Berliner Morgenpost, ebenfalls ein Springer-Blatt, hat zeitgleich den selben Weg eingeschlagen. „Das neue, orange E-Zeichen auf der Website von Morgenpost Online steht für zweierlei: für ‚exklusiv‘ und für ‚Euro‘, hieß es in einer redaktionellen Mitteilung. Man wolle „neue digitale Angebote“ auf den Markt bringen, die gegen Bezahlung „attraktive Inhalte“ bieten würden. Damit waren in diesem Fall alle „umfangreicheren Berichte über Berlin und die Region“ gemeint. Während diese Ankündigung in der Hauptstadt kaum Wellen schlug, machte Ikens Philippika gegen Umsonst-Angebote so richtig Furore. Da wurden den Surfern „Freibiermentalität“ und eine Art digitaler Schnorrer-Mentalität vorgeworfen: für jeden Kaffe im Pappbecher Geld würden die Leute zahlen, nur nicht für das Abendblatt im Netz. Viele empfanden das als Publikumsbeschimpfung und gaben kräftig Kontra, ein besonders prominentes Flaming kam vom Medien-Blogger Stefan Niggemeier.

Rückzugsgefechte digitaler Grabenkrieger zwischen Gutenberg-Galaxis & Netzökonomie

Doch es lohnt sich auch, auf Ikens inhaltliche Argumente zu achten – denn sie sind ein schöner Beleg für die rhetorischen Rückzugsgefechte digitaler Grabenkrieger, die den Unterschied zwischen der Gutenberg-Galaxis und der Netzökonomie nicht wahrhaben möchten. „Berauscht von den Möglichkeiten des weltweiten Webs“, so wusste Iken zu berichten, habe man leider lange Zeit nicht an das „Naheliegende“ gedacht, nämlich daran, „Geld zu verdienen“. Was noch naheliegender war, verschweigt Iken hier allerdings – vom Spiegel bis zum Abendblatt haben alle Player in Deutschland das Netz gerne genutzt, um ihre Reichweite zu vergrößern. Denn nichts lässt sich besser und schneller absetzen als eine Ware, die nichts kostet – für den Nutzer, wohlgemerkt! Mit ökonomischer Unvernunft muss ein solches „Umsonst“-Angebot – anders als Iken es behauptet – überhaupt nichts zu tun haben. Denn zum einen macht es ja erst das Internet möglich, etwa die Inhalte des Abendblatts ohne große Distributionskosten von Blankenese bis über den Ozean an den Mann zu bringen. Natürlich kostet die Produktion von Qualitätsjournalismus auch im Netz weiterhin Geld, die Frage ist nur, wer es bezahlt. Wired-Chefredakteur Chris Anderson hat in seinem lesenswerten Buch „Free – The Future of a Radical Price“ die verschiedenen Bedeutungen von „umsonst“ sehr schön dargestellt. „Umsonst“ für die Leser muss eben nicht heißen, das überhaupt kein Geld eingenommen wird. Werbeeinnahmen im Online-Bereich sind nur ein Gegenbeispiel. Der Spiegel etwa konnte mit dem Umsonst-Angebot SPOL die Auflage der Print-Version stabilisieren. Free und Paid Content müssen sich nicht einmal ausschließen. Wie Anderson zeigt, rentieren sich viele Vertriebsstrategien im Netz wegen des riesigen Publikums schon dann, wenn nur fünf Prozent der Nutzer zu zahlenden Kunden werden, angelockt etwa von speziellen Premiumversionen. Deswegen macht es theoretisch auch nichts, wenn in Befragungen regelmäßig bis zu neunzig Prozent aller Internet-Surfer Bezahlangebote ablehnen. Es bleiben immer noch ein paar Millionen zahlungswillige Kunden übrig. Genau dieses Kalkül verfolgt eigentlich auch Springer – vielleicht im Fall von Abendblatt und Morgenpost nur etwas zu forsch. Besser scheint die Strategie bei Bild und Welt gelungen zu sein – hier gibt es mit den iPhone-Apps tatsächlich neue, zusätzliche Angebote, während die bisherigen Web-Angebote ohne Paywall auskommen. Warum also bei den Regionalblättern das mediale VaBanque-Spiel – vielleicht, weil sie als Springers Bauernopfer im Zweifelsfall verzichtbar sind!?

Ikens Irrtum: Im Netz wird Paid Content nie „alternativlos“ sein

Iken übte sich jedenfalls in wahrhaft nibelungenhaftem Trotz: „Vielleicht ist es aussichtslos. Vielleicht ist es selbstmörderisch. Vielleicht ist es auch unverschämt. Doch vor allem ist es eins: Es ist alternativlos“ Das blieb nicht unbeantwortet. „Anscheinend glaubt man beim ‚Abendblatt‘, die Redensart vom ‚Selbstmord aus Angst vor dem Tode‘ sei keine Warnung, sondern ein Ratschlag“, kommentierte Medien-BloggerStefan Niggemeier diese merkwürdige Argumentationskette. Tatsächlich dürften die ersten drei Aussagen von aussichtslos bis unverschämt einen hohen Wahrheitsgehalt haben. Die „Alternativlosigkeit“ jedoch entspringt wohl eher vom Wunschdenken des Redakteurs. Nicht umsonst mangelte es ja in letzter Zeit kaum an Aufrufen der Paid Content-Befürworter von Springer-Chef Döpfner bis hin zum britischen Zeitungszar Rupert Murdoch, der Rest der Branche solle doch bitteschön mitziehen. Das ist natürlich an Naivität kaum zu überbieten – gerade aus marktwirtschaftlicher Sicht. Denn der Schritt der einen Seite in Richtung Paid Content macht kostenlose Angebote der Mitbewerber erst so richtig konkurrenzfähig. Es gibt keinen Schritt zurück – die Regeln der Gutenberg-Galaxis sind durch die Netzökonomie ein für alle Mal abgelöst worden. „Paid Content“ und „Free“ werden auf absehbare Zeit parallel existieren – weltweit, und auch in Deutschland.

Paid Content kann funktionieren – wie etwa das Wall Street Journal zeigt

Es gibt sogar international bekannte Beispiele dafür, dass Paid Content in der Umsonst-Welt des Internets funktionieren kann: so hat etwa das Wall Street Journal mittlerweile 400.000 zahlende Online-Abonnenten, bei einer gedruckten Gesamtauflage von knapp unter 2 Millionen Exemplaren. Auch die zur Murdoch-Gruppe gehörende Londoner Times (Gedruckte Auflage: 600.000) plant den Schritt in Richtung Bezahl-Inhalte: ab 2010 soll es einen gebührenpflichtigen 24-Stunden Zugang sowie ein monatliches Abo geben. Die große Frage ist aber: können auch vergleichsweise kleine Blätter wie Morgenpost (Auflage: 143.000) oder Abendblatt (Auflage: 250.000) genügend neue Abonnenten gewinnen, die nur an der Online-Ausgabe interessiert sind? Gerade für die Berliner Morgenpost scheint das eher zweifelhaft zu sein – es gibt mit Berliner Zeitung, taz, Tagesspiegel oder ND genügend lokale Alternativen. In Hamburg könnte die Rechnung schon eher aufgehen – hier konkurrieren eher kleinere Blätter wie die HAN oder die Bergedorfer Nachrichten mit dem Springer-Produkt. Problematisch könnte für Iken & Co. am Ende genau das werden, was ihnen bisher genützt hat: die soziale Dynamik des Internets. “ Es bedarf ja nicht vieler Sätze, um sich mit der halben Nutzerschar im Netz anzulegen“, stellte der Vize-Chefredakteur verblüfft fest, und widmete sich persönlich der Widerlegung einzelner Online-Lesermeinungen. Doch nicht nur das – Iken schrieb sogar selbst eine Art Leserbrief, genauer gesagt: einen Kommentar auf Stefan Niggemeiers Blog. Besonders getroffen hatte den Vize-Chef des Abendblatts wohl der Vorwurf, angesichts der „Freibiermentaltität“ der Abendblatt-Leser „rumzuschimpfen wie ein einarmiger Renter 1968 über die langhaarigen Studenten“. Auf eine Entschuldigung bei den Lesern von Abendblatt.de hat Iken bis jetzt verzichtet – doch auch Worte des Bedauerns würden wohl nicht verhindern, dass man ihn im Netz wenn nicht für einen einarmigen Rentner, so doch für einen einarmigen Banditen halten dürfte.

Die WELT rotiert, das BILD-Girl schüttelt sich: iPhone-Apps als neue Cash Cow für die Springer Presse

Einen „Laborversuch“ in Sachen Paid Content wagt der Axel Springer-Verlag: seit Mittwoch sind die WELT sowie BILD als iPhone-App zu haben. Neben multimedialen Inhalten erwarten die Leser auch PDF-Versionen der gedruckten Ausgabe. Das intellektuelle Flaggschiff des Verlags gibt es im ersten Monat für 1,59 €, Deutschlands meistgelesene Boulevard-Zeitung für 79 Cent, danach verteuern sich die Abos.  Der Start war bis jetzt erfolgreich: im deutschen App Store rangieren Springers digitale Cash Cows bereits unter den Top 5.

Das iPhone-Abo als „zweite Säule der Monetarisierung“ neben Online-Werbeerlösen

Exklusiv war die BILD-Zeitung bisher vor allem aus einem Grund – es gab sie nur am Kiosk. Dass man Deutschlands meistgelesene Boulevard-Zeitung nun auch abonnieren kann, hat mit einer kleinen medialen Revolution zu tun. Der Axel Springer Verlag wagt nämlich in punkto Paid Content den großen Sprung nach vorn: am Mittwoch gingen parallel die WELT und BILD als iPhone-Apps an den Start. Springer-Vorstandschef Döpfner hat nämlich eine Vision – in einigen Jahren möchte er 50 Prozent der Konzernumsätze im Online-Bereich machen. Dabei setzt Döpfner auf „Premium-Content“. Mit „hochwertigen Hintergrundinformationen, exzellenten Services und einzigartige Benutzerfreundlichkeit“ will man den Besitzern von Apples Edel-Handy jeden Monat ein paar Euros aus der Tasche locken. Vor allem das stark eingebrochene Anzeigengeschäft im Printbereich macht Springer zu schaffen. Neben den bisher eher bescheidenen Online-Werbeerlösen hofft man auf das Handy-Abo als„zweite Säule der Monetarisierung in der digitalen Welt“. Auch das Nachrichtenmagazin SPIEGEL will noch im Dezember einen vergleichbaren Schritt wagen – mit einem PDF-Abo speziell für das iPhone. PDFs der gedruckten Ausgaben haben auch Springers iPhone-Apps im Gepäck – doch vor allem bieten sie multimedial aufbereitete Inhalte, die speziell auf das iPhone abgestimmt sind.

Was ist ein noch so schön animierter Globus gegen das Quietschen eines Schüttel-Girls?

Um die mediale Aufmerksamkeit braucht sich in der Chefetage des Zeitungskonzerns wohl keine Sorgen zu machen – denn man hat für genügend digitales Bling-Bling gesorgt. So dreht sich in der iPhone-Version von Springers intellektuellem Flaggschiff WELT ein Google-Earth-würdiger kleiner iWelt-Globus. Taucht man per Finger-Flip in die virtuelle Welt hinein, poppen Themenfenster auf, die aktuelle oder geschichtliche Daten mit geographischen Orten verbinden. Da liest man Richtung Brüssel etwa vom „Machtkampf über die Gehälter der EU-Beamten“, schwebt man nach Riga, erfährt man von Arbeitslosen, die ein Zeltdorf bauen, und bewegt man sich in Richtung Asien, tauchen Meldungen über Kampfkamele, Heilige Kühe und Schweingrippen-Tote auf. Im Geschichtmodus dagegen bricht Luther an einem 10. Dezember im Jahr 1520 mit Rom, in Skandinavien fällt Karl der Zwölfte an einem zehnten auf dem Schlachtfeld, und 1901 werden am zehnten die ersten Nobelpreise verliehen. Doch was ist ein noch so schön animierter Globus gegen die Rundungen von Alexandra, einer 22 jährigen Artzhelferin aus Köln? Während der Globus zwar etwas eiert, aber gar nicht quietscht, wirft das BILD-Schüttel-Girl begleitet von digitalem Juchzen die Garderobe ab. Geschüttelt wird natürlich per Hand – möglich macht das der G-Sensor des iPhones. Da bisher wohl kaum ein Bild-Girl oder Boy so viel Handbewegungen ausgelöst haben dürfte, hat sich BILD-Chef Kai Diekmann mit dem Schüttel-Feature ein viel besseres Denkmal gesetzt, als es andere Medienkünstler je tun könnten. Für Personen unter siebzehn Jahren, so werden die iPhone-Benutzer übrigens bei der Installation gewarnt, könnten manche Inhalte der BILD möglicherweise nicht geeignet sein. Gleiches gilt allerdings auch für die Welt-App…(!)

Die BILD-App lockt mit Rihannas heißen Höschen, die WELT eher mit Politik, Kultur und Webnews

Doch auch die jugendfreien Inhalte von WELT und BILD verdienen eine Würdigung – denn eins steht fest: Auswahl und Aufbereitung des Nachrichtenangebots sind sehr gut gelungen. Die BILD-Schlagzeilen auf der Startseite lehnen sich an das Layout der Print-Ausgabe an, die ineinander montierten Bilder und Schlagzeilen lassen sich per Fingerbewegung zur Seite scrollen – von Tiger Woods Edel-Huren geht es dabei über Guttenbergs Blitzbesuch an der Kunduz-Front und Rihannas heiße Höschen Show bis zum Marken-Test für Natur-Kosmetik. Tippt man die Schlagzeile an, kann man die eher nüchtern gelayouteten Artikel selbst lesen, an deren Kopf jeweils ein großes Farbfoto zu sehen ist. Der begrenzte Raum des iPhone-Displays zwingt deutlich zu gestalterischen Kompromissen – das zeigt auch der Rest des Startmenus. Thumbnails plus Anreißer – das sieht selbst bei der iPhone-App der BBC nicht sehr viel anders aus. Eingeschoben in die Startseite sind ein paar spezielle Info-Elemente, so etwa der Wetterbericht, die „Gewinner/Verlierer“-Rubrik sowie zwei Leisten mit Video-Stills und Fotos, die wie die Schlagzeilen zur Seite gescrollt werden können. Das Informationsangebot insgesamt ist äußerst reichhaltig – über das Ressort-Menü gelangt man auch auf sämtliche Regionalseiten (etwa Berlin, Bremen, Hamburg, Ruhrgebiet, München) inklusive Regional-Sport. Gut bedient wird man auch bei der Welt-App, besonders haben uns beim Testen die Rubriken Web-Welt, Kultur und Wissenschaft gefallen.

Doppel-Moppel von Multimedia & PDFs macht keinen Sinn – auf dem iPhone wirkt nur, was für das iPhone gemacht wurde

Wer einen Blick in die gedruckte Ausgabe werfen will, dem wird ebenfalls geholfen: schon am Vorabend ist das PDF der Print-Bild innerhalb der App lesbar – inklusive animierten Papierraschelns beim Umblättern. Doch bei aller Nostalgie: um eine Zeitung im großen nordischen Format auf dem iPhone-Display zu lesen, sind eindeutig zu viele Fingerbewegungen und Zooms notwendig. Zudem zeigt ja der Rest der multimedialen App, dass man in anderer Form die Inhalte viel komfortabler anbieten kann. Etwas leichter hat man es bei der Welt, die auf dem iPhone-Display als PDF in Form der WELT KOMPAKT präsent ist – und kompakt ist eben auch das Format. Sinnvoll dürfte aber auch die kompakte Welt erst auf einem zehn bis zwölf Zoll großen Display sein – irgendwo zwischen iPhone und Joo Joo. Wer ab Januar auch weiterhin die PDFs von BILD oder WELt lesen will, wird außerdem mit 3,99 bzw. 4,99 € pro Monat zur Kasse gebeten. Die normalen Apps werden im Abo dagegen nur 1,59 bzw. 2,99 € kosten – was im Vergleich zu einem richtigen Zeitungsabo durchaus günstig klingt. Doch man muss natürlich eins bedenken – es gibt bisher noch genügend kostenlos Alternativen, vor allem auch die Webseiten von BILD und WELT. „Um die für viele iPhone-Nutzer wichtigste Frage sofort zu beantworten: Nein, der bisherige Zugang zur Mobil-Plattform von WELT-Online wird nicht geschlossen oder mit einer Bezahlschranke versehen“, beeilte sich die Redaktion den Lesern diese Woche mitzuteilen.  Allerdings „empfehle“ man „dringend“, die neue App „zum Einführungspreis“ zu testen. Hat im Axel Springer-Haus wirklich niemand vor, eine Bezahl-Mauer zu bauen? Den Zeitpunkt werden wohl die Leser selbst festlegen – sobald genügend Abonnenten für die Apps von BILD und WELT gewonnen sind, dürfte am östlichen Ende der Berliner Rudi-Dutschke-Straße der digitale Schlagbaum heruntergekurbelt werden.

Internet-Studie: Mehrheit der Surfer in Europa lehnt Paid Content ab

EU-Studie-Mehrheit der Internet-Surfer in Europa lehnt Paid Content ab_Bild_Pixelio_Stihl024.gifBezahl-Angebote im Internet haben bei den Europäern keine Chance. Denn nur fünf Prozent der SurferInnen haben einer Studie der Europäischen Kommission zufolge in der letzten Zeit Geld für Online-Inhalte ausgegeben. Die Hälfte der Befragten gab sogar an, nicht einmal niedrigere Preise für Internet-Angebote könnten sie umstimmen. Der „Digital Competitiveness Report“ zeigt also vor allem eins: Paid-Content ist nicht mehr wettbewerbsfähig.

Paid Content funktioniert nur in virtuellen Nischen

Für die Befürworter von Bezahl-Inhalten kommt die Studie der europäischen Kommission zur Unzeit: nach dem britischen Verleger Rupert Murdoch hatten auch weitere prominente Medienmacher in den letzten Wochen die Branche aufgefordert, für ihre Inhalte in Zukunft abzukassieren. Financial Times-Chef Lionel Barber prognostizierte gegenüber dem „Guardian“ sogar, bis 2010 würden die meisten News-Portale dem Beispiel seiner Zeitung folgen und ihre Inhalte nur noch zahlenden Abonnenten liefern. Immerhin: Die FT hat immerhin mehr als 100.000 Online-Abos an den Mann bzw. die Frau bringen können. In Deutschland ist man allerdings nicht ganz so optimistisch: Springer-Chef Döpfner etwa hofft vor allem auf zahlungswillige mobile Surfer, die auf Bild.de & Co. vom iPhone zugreifen. Doch die Ergebnisse der Internet-Studie zeigen: mehr als eine Nische werden solche Angebote nicht besetzen können. Einige Surfer würden zumindest Paid Content zu niedrigeren Preise goutieren, doch andere Argumente wie ein verbessertes Angebot oder bessere Weitergabe- und Tauschmöglichkeiten überzeugten sogar nur ein Fünftel der Befragten.

Die Kultur-Flatrate gibt’s noch nicht, doch die Netzkultur ist vom Flatrate-Gedanken geprägt

Für einen „Mentalitätswandel“, wie ihn etwa Lionel Barber fordert, ist es längst zu spät. Es gibt zwar noch keine Kultur-Flatrate, doch die Netzkultur ist mittlerweile vom Flatrate-Gedanken geprägt. Die Studie der europäischen Kommission kommt zum Ergebnis: „Angebotene Inhalte verbinden die Surfer mit der Erwartung, dass sie umsonst sind oder ihre Kosten über ihre Flatrate-Internet-Verbindung abgegolten sind. Besonders die jüngeren User akzeptieren nur ‚All you can eat‘ im Austausch gegen eine Grundgebühr.“ Die „Digital Natives“ zwischen 15 und 25 haben sozusagen die „Kulturhoheit“ im Internet: niemand sonst nutzt das Netz so intensiv wie sie — drei Viertel von ihnen ist täglich online. Doch die Internet-Kultur betrifft letztlich alle Altersgruppen: mehr als die Hälfte der europäischen Haushalte verfügt bereits über einen Breitbandanschluß. Was natürlich auch bedeutet: die Hälfte der Haushalte zahlt zwar nicht für den Content, aber für den Zugang.

Bild: Pixelio/Stihl024

Springer setzt auf langen Marsch von Print zu Online – und auf Paid Content für iPhone & Co.

Bezahlen fängt mit B an – genauso wie BILD. Wie passend: Der Axel Springer-Verlag will in Zukunft verstärkt auf Paid Content im Web setzen – allerdings nur dort, wo mobil gesurft wird. Springer-Vorstandschef Döpfner hofft, dass iPhone-Nutzer anders sozialisiert sind Desktop-User: „Mobile Endgeräte bieten völlig neue Chancen. Hier sind die Nutzer gewohnt, zu bezahlen“, argumentierte Döpfner diese Woche bei der Präsentation des Halbjahresberichts. Vor allem Micro-Payment und Abomodelle böten „eine große Chance die Kostenlos-Kultur des Internets zurückzufahren“. Unterstützung gab’s gleich darauf von finanziell angeschlagenen WAZ-Konzern: dort hielt man Döpfners Plädoyer für Bezahlinhalte gar für die „wichtigste medienpolitische Initiative seit Jahrzehnten“.

Am östlichen Ende der Berliner Rudi-Dutschke-Strasse hat man sich auf den langen Marsch von Print zu Online begeben

Kein Wunder, dass man im Springer-Haus so große Stücke auf Big Money im Netz der Netze setzt: schließlich hat man sich an der Rudi-Dutschke-Straße auf den langen Marsch von Print zu Online begeben. Erst im Juni hatte Döpfner in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Dow Jones Newswire angekündigt, man wolle binnen zehn Jahren den Anteil des Onlinesegments am Gesamtumsatz auf 50 Prozent steigern. Derzeit wird er auf etwa 17 Prozent geschätzt. Und es tut sich tatsächlich was: Im Bereich Digitale Medien steigerte Springer trotz Krise im ersten Quartal 2009 den Umsatz um 28,5 Prozent auf 104,7 Millionen Euro. Doch das liegt nicht an Paid Content, sondern viel eher an höheren Werbeeinnahmen: hier haben Zuwächse im Online-Bereich nämlich Verluste im Print-Bereich (bei Zeitungen in Deutschland minus zehn Prozent, bei Zeitschriften minus zwanzig Prozent) ausgleichen können.

Wie das Verhältnis zwischen Free und Paid Content aussehen kann, zeigt der Hamburger IT-Dienstleister Heubach Media

Doch Döpfner plädierte ohnehin nicht für ein generelles Aus für kostenlose Inhalte. Sondern sprach von bestimmten Nischen, d.h. „spezialisierten sowie exklusiven Inhalten“. Schon jetzt hat man etwa auf BILDmobil Erfahrungen mit solchen Angeboten gesammelt. Konkrete Gewinnerwartungen gibt es aber auch noch nicht. In der Umsatzplanung für die nächsten Jahre sind keine Paid-Content-Erlöse enthalten. Wie ein reales Verhältnis von Free zu Paid Content auf dem iPhone im deutschen Marktumfeld aussehen kann, zeigt der Hamburger IT-Dienstleister Heubach Media. Dort setzt man nicht auf News, sondern auf E-Books. Im ersten Halbjahr 2009 verzeichnete man mehr als 100.000 Downloads über den App Store. Etwa 25.000 E-Book-Apps wurden zu Preisen zwischen 0,79 Euro und 24,99 Euro verkauft, die übrigen 75.000 E-Book-Apps waren kostenlose Marketing-Apps bzw. Leseproben der kostenpflichtigen Apps. Es geht vielleicht sogar mit noch mehr Free und noch weniger Paid: Chris Anderson schätzt in seinem aktuellen Bestseller „Free – The Future of a radical price“, dass bei einer genügend großen Zahl von Downloads lediglich 5 Prozent der User zahlende Kunden sein müssen, um ein funktionierendes Business-Modell zu erreichen.