Cash only: Wallstreet-Journal startet deutsche Online-Ausgabe

„Nur im Netz, nie am Kiosk“: Das Wall Street Journal Deutschland ist online – und damit die „erste rein digitale Wirtschaftszeitung im deutschsprachigen Raum“. Optisch kommt das neue Nachrichtenportal im gewohnten schwarz-orangenen Design des New Yorker Originals daher. Der deutsche Ableger möchte einen Blick über den Tellerrand bieten: „Eine globale Sicht nicht nur auf das, was in Deutschland passiert, sondern auch auf die neuesten Geschehnisse in Washington, London, Tokio und in den aufstrebenden Märkten Asiens oder Lateinamerikas.“ Global ist der Blick schon deshalb, weil viele internationale Berichte vom deutschen Redaktionsteam nur übersetzt und angepasst werden. Mitgebracht hat man aber auch das Paid-Content-Prinzip: viele Artikel lassen sich nur lesen, wenn man WSJ.de zum Preis von 2,92 Euro pro Woche abonniert. Dafür kann man dann aber die Smartphone- und Tablet-App nutzen.

WSJ nähert sich deutschem Markt nur vorsichtig

„Die Straßen Detroits sind wie ausgestorben … In einer der ehemals reichsten und wichtigsten Metropolen der Vereinigten Staaten flaniert schon lange niemand mehr“ – so beginnt eine Reportage über „verlorene Träume und neue Hoffnung“ in Amerikas legendärer „Mo-Town“. Der Artikel ist Teil eines Dossiers zur Detroiter Automesse, mit dem das WSJ die deutschen Leser vom neuen Angebot überzeugen will. Dazu gibt’s am ersten Tag von wallstreetjournal.de ein großes Interview mit Siemens-Finanzchef Kaeser über die nicht ganz so rosigen Aussichten für 2012, und zahlreiche aktuelle Krisenberichte zum Thema Euro, Wulff und FDP. Während das Dossier und auch diese Artikel aus der Feder deutscher Autoren stammen, sind viele internationale Berichte und Reportagen ursprünglich für die englischsprachigen Ausgaben entstanden. Denn das WSJ nähert sich dem hiesigen Markt nur vorsichtig – die Kernredaktion in Frankfurt am Main besteht aus einem knappen Dutzend Mitarbeitern. Eingespannt für die Befüllung der Online-only-Ausgabe werden vor allem 50 Dow-Jones-Agenturjournalisten sowie Korrespondenten in Berlin, München oder Hamburg.

Flexible Paywall „je nach Nachrichtenlage“

In den USA gilt das WSJ als auflagenstärkste Blatt überhaupt mit einer verkauften Auflage von mehr als 2 Millonen, darunter 1,3 Millionen Online-Abos. Die Netz-Ausgabe der zur News Corporation von Rupert Murdoch gehörende Zeitung gilt weltweit als größte News-Website mit Bezahlschranke. Anders als etwa beim „metered access“-Modell der New York Times bekommt man auf der Website grundsätzlich nur Anreißer zu lesen, gefolgt vom Hinweis: „To continue reading, subscribe now“. Ein reguläres jährliches Print-Abo kostet allerdings mehr als 300 Dollar, ein Online-Abo knapp 200 Dollar. Für das deutsche Angebot sind 152 Euro zu berappen, das sind umgerechnet zur Zeit etwa 190 Dollar. Die Subskribenten in den USA können sich das Abo leisten: zwei Drittel der Leserschaft gehören zum gehobenen Management mit einem Durchschnittsgehalt von 191.000 Dollar. Wer nicht ganz so reich ist, kann aber in Deutschland trotzdem hier und da mitlesen – denn WSJ.de-Chefredakteur Knut Engelmann will die Paywall erklärtermaßen flexibel „je nach Nachrichtenlage“ handhaben.

Paid Content andersrum: taz.de erzielt 2011 fast 30.000 Euro via Crowdfunding

Von wegen Zeitungskrise – der taz geht es so gut wie nie. Seit 2009 schreibt die alternative Tageszeitung wieder schwarze Zahlen. Neuerdings kommen auch Gewinne herein, von denen andere Blätter nur träumen können: die Leser von taz.de spenden nämlich freiwillig für die Online-Inhalte. „taz-zahl-ich“ nennt sich die im Frühjahr gestartete Kampagne, die jetzt eine erste Bilanz gezogen hat: „Im Jahr 2011 sind bis jetzt über taz-zahl-ich und flattr 27.716,77 Euro eingegangen. Wahrscheinlich  knacken wir die 30.000-Euro-Marke und hoffentlich geht es nächstes Jahr so weiter“, freute sich Aline Lüllmann jetzt auf dem taz-Hausblog. Mittlerweile gehen jeden Monat knapp 3000 Euro an Spenden ein, die Zahl der regelmäßigen „FreizahlerInnen“ wächst.

Springer setzt auf Bezahlschranke bei WELT online

Die Rudi-Dutschke-Straße in Berlin-Kreuzberg ist der Schauplatz für einen Clash der Zeitungs-Kulturen – auch, was Paid Content-Strategien betrifft. An einem Ende Springer, am anderen Ende taz. Für das nächste Jahr hat Springer-Chef Döpfner bereits den forcierten Galopp in Richtung Bezahlschranken angekündigt: „Wir werden 2012 noch entschiedener auf Bezahlinhalte im stationären Web umschwenken“. Als erstes wird es wohl die Webseite der Tageszeitung Die Welt treffen – ihre Inhalte sollen über ein „metered access“-Modell verwertet werden. Vorbild ist dafür die finanziell klamme New York Times, die seit Anfang des Jahres regelmäßige Besucher des Portals zur Kasse bittet. Bei Springer steckt hinter der Paid Content-Ausweitung natürlich auch die Hoffnung, bereits jetzt kostenpflichtige Apps für Smartphones und Tablets besser vermarkten zu können, wenn es kein Schlupfloch mehr im freien Internet gibt.

taz-Leser spenden bevorzugt per Lastschrift

Am anderen Ende der Rudi-Dutschke-Straße denkt man genau andersherum: taz.de soll dauerhaft frei zugänglich und kostenlos bleiben. „Unsere Idee ist, dass man den Leuten erst etwas gibt und sie dann fragt, ob sie dafür bezahlen wollen“, so Online-Redaktionsleiter Matthias Urbach. Bezahl-Apps und kostenpflichtige E-Paper-Abos gibt es im taz-Universum zwar auch. Die Website jedoch setzt auf Crowdfunding-Effekte. Am Anfang standen flattr-Buttons, seit dem Start der taz-zahl-ich-Kampagne gibt es eine ganze Phalanx an Bezahlformen, von PayPal und Kreditkarte bis zur Handy-Abbuchung. Den wichtigsten Anteil am Spendenkuchen machten aber interessanterweise Lastschrift- und Direktüberweisungen aus, während die flattr-Zahlungen stagnieren. Immer mehr User nutzen in den letzten Monaten die Möglichkeit regelmäßiger Abbuchungen per Lastschrift, wählten also quasi ein freiwilliges Online-Abonnement. Anders als bei flattr oder PayPal fallen bei einer Einzugsermächtigung keine Gebühren an – für viele Spender offenbar ein wichtiges Argument.

Crowdfunding-Potential noch längst nicht ausgereizt

Insgesamt bleibt der Erfolg noch überschaubar – bei knapp 3000 Euro pro Monat kommt der Gegenwert von 80 regulären Print-Abos (Preis: 37,90 Euro) bzw. 300 E-Paper-Abos (Preis: 10 Euro) zusammen. Das als PDF, HTML oder epub erhältliche E-Paper verkauft sich im Vergleich dazu deutlich besser – mehr als 3000 Abonnenten bringen der taz monatlich soviel ein, wie an Spenden im ganzen Jahr 2011 zusammengekommen sind. Im E-Paper-Bereich ist die taz damit sogar erfolgreicher als der Springer-Verlag mit seinen Titeln Welt/Welt Kompakt sowie BILD. Doch man sollte das Crowdfunding-Potential von taz.de auch nicht unterschätzen. Mit mehr als vier Millionen eindeutigen Besucher (Unique Visitors) pro Monat erreicht die taz weitaus mehr Leser online als auf dem Papier. Wenn es gelingt, ein paar Prozent der aktuellen UserInnen für die taz-zahl-ich-Kampagne zu gewinnen, könnte auch die bisher defizitäre Online-Ausgabe demnächst schwarze Zahlen schreiben.

Abb.: flickr/ЯAFIK ♋ BERLIN

Wallstreet-Journal startet 2012 deutsche Online-Ausgabe – erstmal ohne Paywall

Die Expansionsstrategie des Wallstreet-Journal geht weiter: nach Online-Ablegern in Asien und Südamerika ist Anfang 2012 nun Deutschland dran. Das neue Portal wallstreetjournal.de wird übersetzte Artikel aus dem amerikanischen Original enthalten, aber auch originären Content einer zehn Mann starken deutschen Redaktion. Eine lokalisierte Print-Ausgabe ähnlich wie im Fall der Financial Times Deutschland ist vorerst offenbar nicht geplant. Neben Werbeeinnahmen setzen die Blattmacher auf Paid Content. Das WSJ kommt Meedia zufolge „im digitalen Paket mit Apps und mobilen Anwendungen, für die Nutzer bezahlen müssen“. Die Website soll allerdings kostenlos zugänglich sein.

Weltweit größtes News-Portal mit Bezahlschranke

In den USA ist das WSJ das auflagenstärkste Blatt überhaupt mit einer verkauften Auflage von mehr als 2 Millonen, darunter 400.000 reine Online-Abos. Die Netz-Ausgabe der zur News Corporation von Rupert Murdoch gehörende Zeitung gilt nämlich weltweit zugleich als größte News-Website mit Bezahlschranke. Anders als etwa beim „metered access“-Modell der New York Times bekommt man auf der Website grundsätzlich nur Anreißer zu lesen, gefolgt vom Hinweis: „To continue reading, subscribe now“. Ein reguläres jährliches Print-Abo kostet allerdings mehr als 300 Dollar, ein Online-Abo knapp 200 Dollar. Die Subskribenten in den USA können sich das aber auch leisten: zwei Drittel der Leserschaft gehören zum gehobenen Management mit einem Durchschnittsgehalt von 191.000 Dollar.

Konkurrenten sind Handelsblatt & FTD

Zuletzt machte Rupert Murdoch Schlagzeilen mit dem Start von The Daily, einer iPad-only -Tageszeitung, die dem Paid Content-Modell endgültig zum Durchbruch verhelfen soll. Eine Umsonst-Alternative in ähnlicher Form haben die Leser in diesem Fall schließlich nicht. Im Fall von wallstreet-journal.de sieht das ganz anders aus. Eine allzu aggressive Paywall würde hierzulande wohl nicht funktionieren. Größte Mitbewerber im deutschen Online-Blätterwald sind schließlich das Handelsblatt und Financial Times Deutschland. Deren Webseiten sind frei zugänglich, es gibt aber neben Premium-Abonnements mit zusätzlichem Service auch kostenpflichtige Apps für Apples Tablet. Diesem geteilten Modell folgt nun offenbar auch Murdochs mediale Offensive in der deutschen Zeitungs-Landschaft.

Das Taxameter tickt: New York Times setzt (erneut) auf Bezahlschranke

new-york-times-paywallArthur Ochs Sulzberger Jr., Herausgeber der The New York Times, kündigt in einem “Brief an unsere Leser” an, dass die Times von heute an wieder hinter einer Bezahlschranke verschwinden wird. Zuerst in Kanada, damit die Times “das Kundenerlebnis feiner abstimmen kann” (”will enable us to fine-tune the customer experience” – auch die NYT ist sich leider längst nicht mehr für dieses Brechreiz hervorrufende PR-Gefasel zu schade), bevor dann am 28. März alle Leser weltweit zur Kasse gebeten bzw. ausgesperrt werden, sobald sie mehr als eine bestimmte Anzahl Artikel gelesen haben.

Das bedeutet:

* Auf der Website NYTimes.com kann man pro Monat 20 Artikel kostenlos lesen (das beinhaltet Slideshows, Videos und andere Inhalte). Danach muss man “digitaler Abonnent” werden und zahlen.
* Auf den Smartphone- und Tablet-Apps wird die “Top News”-Rubrik kostenfrei bleiben. Für alle anderen Inhalte muss man “digitaler Abonnent” werden.
* Alle, die ein Printabo der NYT oder der International Herald Tribune haben, lesen weiter das komplette Angebot kostenfrei.
* Leser, die durch Links bei Suchmaschinen, Blogs und Social Media wie Facebook und Twitter zu einem Artikel kommen, können ihn weiterhin lesen, auch wenn sie bereits ihr Kontingent ausgeschöpft haben. Bei einigen Suchmaschinen wird es ein tägliches Kontingent an Artikeln geben, auf die man über die Suchmaschine zugreifen kann.
* Die Startseite und alle Ressortseiten werden kostenfrei lesbar bleiben.

Drei Gedanken dazu:

1. Es wird spannend sein zu sehen, ob ein Angebot, das auch im Web wirklich einflussreich und gut gemacht ist, seine Leser davon überzeugen kann, für Inhalte zu bezahlen. Der letzte Versuch, Leser davon zu überzeugen, war 2007 gründlich gescheitert. Seitdem ist eine Menge geschehen, aber die Diskussion darüber, ob die Nutzer bereit sind, für Inhalte zu zahlen, ist genauso wenig ausgemacht wie damals.

2. Die Differenziertheit, mit der die NYT Inhalte anbietet (z.B. für Nutzer von Social Networks die Artikel weiter lesbar zu halten), zeugt einerseits davon, wie gut die Times die Dynamiken des Webs verstanden hat. Auf der anderen Seite beruht das Modell dadurch auf einer Art Soli-Prinzip, denn viele Leser werden die Artikel, die sie wirklich dringend lesen wollen, weiter lesen können – z.B. indem sie den Umweg über eine Suchmaschine oder Twitter gehen. Sulzberger schreibt denn auch in seiner Begründung:

Das ist ein wichtiger Schritt, von dem ich hoffe, dass die Leser ihn als eine Investition in die Times sehen – ein Schritt, der unsere Möglichkeiten stärken wird, allen Lesern weltweit auf allen Plattformen hochqualitativen Journalismus anzubieten.

Aber getroffen werden natürlich genau die Stammleser:

Der Umbau wir in erster Linie diejenigen betreffen, die die Inhalte der Times sehr stark nutzen.

Ob gerade diese Stammleser das gut finden und sich so solidarisch zeigen, wie Sulzberger sich das wünscht, ist der spannende, aber auch heikle Kern des Experiments.

3. Wie ausgefeilt ist die Technik? Wenn allein über IP-Adresse und/oder Cookies bestimmt wird, wie viele Artikel bereits gelesen wurden, ist die Kontingentierung leicht zu umgehen. Ich wüsste im Moment nicht, wie es anders funktionieren sollte. Das ist zwar dennoch nervig und aufwändig, aber wann werden die ersten Tools erhältlich sein, die einen die NYT vollständig kostenlos lesen lassen, ohne sich um den Krams selbst kümmern zu müssen? Am 28. März?

Autor & cc-Lizenz: Matthias Spielkamp

Der Originalartikel erschien am 17.3.2011 auf immateriblog.de

Abb.: flickr/Dom Dada

US-Studie: Je durchlässiger die Paywall, desto weniger Zeitungs-Leser springen ab

paywall-online-zeitungen-paid-contentWenn Zeitungen ihre Online-Inhalte hinter Paywalls verstecken, geht das auf Kosten der Reichweite. Diese Erfahrung machte zumindest große Blätter wie das Wall Street Journal oder die Londoner Times. Der New York Times steht dies mit der Einführung ihres „metered access“-Modells in diesem Jahr möglicherweise noch bevor – jedoch nicht zwangsläufig. Neue Ergebnisse aus den USA scheinen diese Gesetzmäßigkeit der negativen Paywall-Bilanzen zu relativieren. Laut Journalism Online kommt es nämlich darauf an, wie durchlässig die Paywall ist.

„Paywalls are a nonevent for 95 percent of the people“

Der Auswertung von Erfahrungen zufolge, die zwei Dutzend kleinere und mittlere US-Zeitungen gemacht haben, kann man mit flexiblen Bezahl-Modellen die Leserverluste bzw. Rückgang von Seitenaufrufen auf etwa zehn bis zwanzig Prozent begrenzen. „If you set this meter conservatively which we urge people to do, it’s a nonevent for 85, 90, 95 percent of the people who come to your Web site“ so Steve Brill von Journalism Online gegenüber der New York Times. Die meisten der untersuchten Zeitungen würden zwischen fünf und zwanzig kostenlose Zugriffe pro Monat zulassen und ihre Digi-Abos für Preise zwischen 3,95 und 10,95 Dollars anbieten.

„Keine Zeitung kann sich allein mit Anzeigen finanzieren“

Mit anderen Worten: kassiert wird ausgerechnet bei den treuen Lesern – so lange die nicht im wahrsten Sinne des Wortes die Seite(n) wechseln. Bei Journalism Online gehört der Glaube an Paid Content ungeachtet dieses Dilemmas zum Prinzip, unter anderem betreibt das Unternehmen die Plattform press+, eine Art digitalen Kiosk, der Lesern mit einem Passwort den Zugang zu möglichst vielen kostenpflichtigen Seiten ermöglichen soll. Zur zentralen Firmenphilosophie gehört Steve Brills Postulat, dass auch zukünftig keine Online-Zeitung sich allein durch Anzeigenerlöse finanzieren kann. Zahlen müssen bald wohl auch regelmäßige New York Times-Leser, doch mehr als 20 Dollar pro Monat zu kassieren, traut sich auch die „Graue Lady“ nicht.

Wissensvorsprung gegen Cash: „Handelsblatt First“-App informiert iPad-Leser exklusiv

handelsblatt-first-app-ipadDas Handelsblatt bringt seine neueste Cash-Cow in Stellung: die iPad-App „Handelsblatt First“ bietet rund um die Uhr aktualisierte Nachrichten aus der Wirtschaft- und Finanzwelt, und zugleich einen Wissensvorsprung im Vergleich zur handelsblatt.com-Website. Für den kontinuierlichen News-Flow auf dem Touch-Screen sorgt eine eigene iPad-Redaktion. Bis April kann man die App kostenlos nutzen, danach kostet die exklusive Information 11,99 Euro pro Monat bzw. 119 Euro pro Jahr.

Nur wer zahlt, bekommt die Nachricht zuerst

„Das wichtigste: Zuerst“ ist das Motto der neuen iPad-App des Handelsblattes. Das wichtigste zuerst: Deutschlands größte Wirtschafts- und Finanzzeitung will mit diesem Premium-Angebot möglichst viele neue Abonnenten gewinnen. Denn wenn auch die Konjunktur wieder an Fahrt aufnehmen mag – die Druckauflagen sinken selbst beim Handelsblatt, in den letzten vier Jahren von 180.000 auf knapp 160.00 Exemplare. Um zahlende Kunden für die iPad-App zu bekommen, muss man natürlich einen Mehrwert bieten gegenüber dem kostenlosen Web-Angebot und der ebenfalls kostenlosen iPhone-App. Und der besteht in der Exklusivität, sprich: der Bevorzugung in punkto Aktualität. Brandheiße Meldungen über explodierende Bohrinseln, platzende Spekulationsblasen oder geschasste Top-Manager bekommen die Nutzer von „Handelsblatt First“ zukünftig garantiert zuerst – die anderen Leser müssen warten.

Gratis dank „freundlicher Unterstützung“ von Siemens?

Multimedia gibt’s auch: neben Video-Reportagen zu Einzelthemen bringt die Redaktion drei mal täglich eine 99-Sekunden-Zusammenfassung der wichtigsten Nachrichten auf das Tablet, präsentiert durch TV-Moderatorin Adeline von Drateln (zumindest ab Ende Januar). Wie es sich für eine Premium-App gehört, kann man viele Inhalte zudem offline lesen. Über eine Watchlist lassen sich bestimmte Börsenkurse oder Devisenbewertungen ständig en detail im Auge behalten. Interessantes Detail der Markteinführung: dem Handelsblatt zufolge kann man „mit freundlicher Unterstützung“ des Sponsoring-Partners Siemens die App bis Ende April kostenlos nutzen. Übersetzt heißt das wohl: in der Einführungsphase ist wie bei anderen Apps auch das „Handelsblatt First“ umsonst zu haben, der Verlag kassiert aber für die Nennung des Unternehmens ein gewisses Sümmchen.

Handelsblatt-Insider hält von der App gar nichts

Deftige Kritik an der App gab’s gleich zum Start von einem ehemaligen Handelsblatt-Reporter: auf „Indeskretion Ehrensache“ wirft Thomas Knüwer den Machern schwere handwerkliche Fehler vor. Darunter nicht funktionierende Push-Benachrichtigungen, dürftige Möglichkeiten zur Personalisierung, schlecht lesbare Kursanzeigen, Videos mit körnigem Bild und schlechtem Sound und nicht zuletzt eine fehlende Suchfunktion. Zweifel hat Knüwer auch am Exklusivitäts-Charakter:

„Das “Handelsblatt” verbreitet eine Exklusivnachricht über First. Spiegel Online berichtet über das Berichtete. Natürlich wird nicht verlinkt – deutsche Redaktionen mögen Qualitätsjournalismus nicht fördern. Der interessierte Leser aber geht vielleicht auf Handelsblatt.com weil er das Original lesen möchte. Dort findet er dann – nichts.“

Zur Exklusivität gehöre zudem die völlige Abschottung von Social Media-Plattformen. Die Breaking News bleiben also unter sich – man kann sie weder twittern, emailen oder via Facebook weitergeben. Knüwer kritisiert zu recht: „Märkte sind Gespräche – das ‚Handelsblatt‘ aber mag keinen Gesprächsstoff liefern.“

Der Freelancer als armer Ritter? Verlagslobby will bei Web-Recherchen von freien Journalisten abkassieren

freie-journalisten-sollen-fuer-web-recherche-zahlen-leistungsschutzrechtWenn’s um’s Geld geht, sind freie Journalisten auch bloß Blogger. Meint zumindest die Verlagslobby, die zukünftig bei allen Freelancern kräftig abkassieren will, wenn diese Web-Inhalte zur Recherche nutzen. Mittel zum Zweck soll das sogenannte „Leistungsschutz-Recht“ (LSR) sein. Schützenhilfe gibt es jetzt ausgerechnet von den Gewerkschaften: freie Journalisten sollen ver.di zufolge für ihre Recherchen nicht mehr zahlen, als sie durch das LSR ausgeschüttet bekommen. Mit anderen Worten: ihre Tantiemen gehen komplett an die Verlage.

Die Verlage lieben freie Journalisten – denn die sind billig & flexibel

Leistungsschutzrecht: Kaum ein Projekt ist für die finanziell klamme Verlagsbranche mit mehr Hoffnungen verbunden als dieses sperrige Wort. Je weniger Geld sich mit alten Geschäftsmodellen verdienen lässt, desto stärker liebäugeln vor allem die Zeitungsverleger mit einer neuen Gebühreneinzugszentrale für Online-Content. Zahlen sollen alle, profitieren sollen nur die Verwertungsberechtigten. Vor allem die Verlage selbst, zum einem gewissen Teil auch die festangestellten Redakteure und Journalisten. Immer mehr Texte werde jedoch von freien Autoren geschrieben, denn die arbeiten auf Honorarbasis, sind also flexibler und verursachen weniger Kosten. Ausgerechnet bei der Vergütung des von ihnen mitproduzierten Online-Contents sollen die Freelancer aber offenbar außen vor bleiben. Selbst die Gewerkschaften interessieren sich vor allem für die Festangestellten. In einem Interview mit dem Fachmagazin promedia schob ver.di-Justitiar Wolfgang Schimmel formale Gründe vor: „Es ist nicht einfach, freie Journalisten im Gesetz von Vergütungsansprüchen freizustellen“. Die Berufsbezeichnung „Journalist“ sei schließlich in Deutschland nicht geschützt, so dass sich jeder mit diesem Titel schmücken könne. Die Verlage seien aber bereit, das Problem vertraglich zu lösen: wer ein berechtigtes Interesse nachweisen kann und sich registrieren lässt, muss dann nicht zu den selben Bedingungen recherchieren wie Blogger Müller.

“Droht eine Spaltung in Journalisten 1. und 2. Klasse?“

Zu verdienen gibt es dabei für die freien Autoren nichts. Denn was nicht nur den Verlagen, sondern offenbar auch ver.di dabei finanziell vorschwebt, ist reine Kostenneutralität. Schimmel versprach den freien Journalisten, sie würden „auf keinen Fall mehr für die Nutzung zahlen müssen, als sie an Ausschüttungen erhalten“. Mit anderen Worten: bei den zukünftigen Ausschüttungen würden die ohnehin schlecht bezahlten Freien im Zweifelsfall ganz einfach leer ausgehen. Beim Verband der Freischreiber, dem der Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten, spricht man zu recht von „einer drohenden Spaltung in Journalisten 1. und 2. Klasse“. Neben einer Entsolidarisierung der Gewerkschaften mit den Working Poor der schreibenden Zunft scheint aber noch eine anderes Motiv hinter dem sich anbahnenden Deal zwischen ver.di und der Verlagslobby zu stecken. Die Befürworter des Leistungsschutzrechtes, vermuten die Freischreiber, „wittern offenbar die Gefahr, dass sich zu viele von der Zahlungspflicht an die Verlage befreien lassen könnten, indem sie als Berufsbezeichnung ‚Journalist‘ angeben“. Während ein gewisses Quantum an „Leserjournalismus“ durchaus erwünscht ist, scheint ein Volk von Bürger-Journalisten für die Machern der gedruckten Meinung geradezu eine Horrorvorstellung zu sein.

Abb.: Flickr/TheGiantVermin

Huffington Post, oder: Wie 80 Redakteure und 6000 Blogger eine Zeitung machen

huffington-post-e-newspaper-alternative-paid-contentHuffington Post, das klingt wie eine Verbalhornung der Washington Post. Doch dort wird die Konkurrenz aus dem Netz längst ernst genommen. Die HuffPo liegt mit mehr als 24 Mio. Besuchern pro Monat vor der Internet-Ausgabe der Washington Post, und knapp hinter der New York Times. Das 2005 gestartete Nachrichtenportal beschäftigt 178 Mitarbeiter, dazu kommen mehr als 6000 Blogger. Als Gründerin Arianna Huffington jetzt ihren 60. Geburtstag feierte, berichteten große Blätter fast schon ehrfürchtig von der Grande Dame des Online-Journalismus. „The Huffington Post may have figured out the future of journalism“, schrieb etwa Newsweek. Doch der HuffPost geht’s nicht um ein neues Geschäftsmodell, sondern vor allem um eins: Agenda Setting.

Die HuffPost bietet “News, Blogs, Video, Community“

Am Anfang stand politischer Aktionismus. Huffington und ihre linklsliberalen Freunde wollten im Web ein Gegengewicht zu konservativen Politblogs wie dem Drudge Report schaffen.
Kommentare aus der Community waren dabei von Anfang an sehr wichtig – mittlerweile werden auf den HuffPo-Seiten jeden Monat mehr als eine Million Leserkommentare hinterlassen. Ebenso wichtig sind jedoch Gastbeiträge aus prominenter Feder. Zu den ersten „Bloggern“ auf den HuffPo-Seiten gehörten Arthur Schlesinger, Norman Mailer und Saskia Sassen. Mittlerweile ist aus der Polit-Postille ein vollwertiges „Internet Newspaper“ mit zahlreichen Rubriken geworden, das neben Text und Bildberichterstattung auch auf Videos setzt. Nach und nach eröffnete Lokalausgaben bringen Nachrichten aus Chicago, New York, Denver und Los Angeles. An die dreißig Mitarbeiter des HuffPo-Teams kümmern sich alleine um die technische Weiterentwicklung der Seite und die Auswertung von Traffic-Daten. Denn für die Themenwahl ist nicht politische Opportunität oder Aktualität entscheidend, sondern auch das erwartbare Google-Ranking. Da sind dann oft auch mal „Nipple Slips“ und ähnlich nichtige Promi News dabei. Wichtiger für die Leser ist allerdings zu wissen, wo die HuffPost in zentralen politischen Fragen steht. Also etwa kontra Bush & Irak-Krieg, gegen Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit 9/11 und kritisch gegenüber Israels Außenpolitik.

“Welche Titelstory kommt wirklich auf die Titelseite?“

Nicht vergessen darf man natürlich Arianna Huffington selbst als mediale Erscheinung – zunächst einmal in der HuffPost. Aber auch darüber hinaus: Selbst in Deutschland kennt man sie noch als zeitweise FOCUS-Kolumnistin. Das ist allerdings auch schon wieder zwei Jahre her. In den USA ist Miss Huffington dagegen weiterhin eine öffentliche Person mit Full-Time-Präsenz auf allen Kanälen. Die Rubrik „All Things Arianna“ auf huffingtonpost.com vermittelt einen kleinen Überblick zu aktuellen TV- und Radioauftritten, Podcasts und Print-Artikeln. Derzeit ist die Dame offenbar vor allem unterwegs, um ihr neuestes Buch „Third World America“ zu promoten. Huffingtons These: Die USA drohe in punkto Innovationsfähigkeit auf das Niveau von Drittwelt-Ländern zurückzufallen. Gepusht hat sie diese These auch schon auf Vorträgen und mit HuffPost-Artikeln. Mit ihrer publizistischen Macht kann Arianna Huffington sehr elegant Agenda Setting betreiben. Das war vor noch gar nicht so langer Zeit viel schwieriger, erzählt Huffington in einem Gespräch mit Wired-Autor David Weinberger: „The question always is, what page of the Washington Post the front page story is going to be on. Before the Internet, the Washington Post editors chose what they would put on the front page. But that might not have been what their readers, or at least some of their readers, believed should have been on the front page.“ Eine dieser Leserinnen war Arianna Huffington – nun entscheidet sie selbst mit, welche Titelstory tatsächlich auf die Titelseiten kommt.

Cash Cow in Spe: Die HuffPost wirft neuerdings sogar Gewinne ab

Was viele Beobachter immer wieder erstaunt: die HuffPost hat nicht nur viele Leser, sie ist als reine Online-Zeitung auch noch finanziell erfolgreich, im Jahr 2010 will man bereits knapp 30 Millionen Dollar Umsatz erreichen. Eine wirkliche Cash Cow ist das Unternehmen damit allerdings nicht, Analysten schätzen, dass pro Leser übers Jahr gerechnet nur ein Dollar an Anzeigenerlösen erzielt wird. Zum Vergleich: die Online-Ausgabe der New York Times erreicht mit einer vergleichbaren Zahl an Unique Visitors Anzeigenerlöse im Bereich von 200 Millionen Dollar pro Jahr. Dafür schleppt die HuffPost natürlich auch weitaus weniger Ballast mit sich herum: die wenigen festen Mitarbeiter passen locker auf ein paar Etagen eines Bürogebäudes im New Yorker Stadtteil SoHo, teure Druckmaschinen und Vertriebsabteilungen hat es nie gegeben. Der wichtigste Wettbewerbsvorteil gegenüber der Konkurrenz dürfte jedoch der freie Zugang zum Online-Content sein, denn aus Kostendruck haben sich Washington Post und NYT auf den abschüssigen Pfad von Paid Content & Bezahlschranken begeben. Für die HuffPost wäre das ein absolutes No-Go: ihre Stärke ist neben dem redaktionellen Angebot gerade die Verankerung in einer Community von freiwilligen Beiträgern, für die das Lesen und kommentieren von Nachrichten ein wichtiger Teil der Freizeitbeschäftigung geworden ist.

Keine Kulturflatrate, keine totale Kontrolle: Bundesjustizministerin beim Urheberrecht ein bisschen „schizo“

urheberrecht-berliner-rede-leutheusser-schizoNiemand hat die Absicht, im Internet Mauern zu errichten, könnte man Sabine Leutheusser-Schnarrenbergers „Berliner Rede“ zum Thema Urheberrecht zusammenfassen. Auch eine Online-Version des Kombinats „Horch&Guck“ soll es nicht geben: detaillierter Kontrolle des individuellen Surfverhaltens erteilte die Bundesjustizministerin eine Absage. Doch wie man das Urheberrecht von Journalisten, Schriftstellern oder Musikern schützt, ohne zugleich die Rechte aller Netz-Bürger zu beeinträchtigen, verriet die Ministerin leider nicht.

„Beim Thema Urheberrecht bin ich so schizophren, eigentlich müsste man mich einweisen“

In der Politik muss man oft schmerzhafte Kompromisse eingehen, die vom ursprünglichen Ansatz nicht viel übrig lassen. Wer wüsste das besser als die vielfach als „Umfaller-Partei“ geschmähte FDP. Noch schlimmer ist es aber, wenn man von Anfang an keine klare Linie hat. Vielleicht war es nicht ganz zufällig, dass Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in ihrer Berliner Rede den Linux-Erfinder Linus Thorvalds zitierte: „Leider stelle ich fest, dass ich dem Thema Urheberrecht derart schizophren gegenüber stehe, dass man mich eigentlich einweisen müsste“.
Ein bisschen schizo klang nämlich schon, was die vehemente Gegnerin der Vorratsdatenspeicherung Anfang der Woche in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ex cathedra verkündete. Sie verglich das Recht der Kreativen, über die Nutzung ihrer Werke zu bestimmen ausgerechnet mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung.

Um das Urheberrecht durchzusetzen, muss man den Surfern an die Wäsche gehen

Was denn nun – Daten schützen oder noch mehr Daten erheben? Denn um das Urheberrecht im Internet konsequent durchzusetzen, muss man den Usern an die Wäsche gehen, in ihre Privatsphäre eindringen. Selbst wenn man sie nur warnend am Schlawittchen packen möchte, wie Leutheusser Schnarrenberger:

Ein Vorschlag zielt darauf ab, diejenigen, die eine Urheberrechtsverletzung begehen, frühzeitig zu warnen. Da würde dann etwa ein User den automatischen Hinweis auf seinen Bildschirm bekommen: ‚Hallo, was Du da gerade tust, ist illegal und verletzt das Urheberrecht‘.

Da wünscht man sich schon eine ähnlich Regelung für Politikerreden: „Hallo, was Du da gerade forderst, ist illegal und verletzt die Bürgerrechte.“ Irgendwelche mentalen Warnlampen scheinen tatsächlich geblinkt zu haben, denn die Bundesjustizministerin beeilte sich hinzuzufügen, solch ein Modell sei für sie nur akzeptabel, wenn sich dies „technisch ohne eine Inhaltskontrolle und Datenerfassung realisieren ließe“. So wirklich scheint die Ministerin an diese Quadratur des Kreises selbst nicht zu glauben. Oder geht es letztlich doch nur um die Frage, wer hier wen überwacht? Wenn es nicht staatliche Cybercops sind, sondern Provider, die ihren Nutzern stärker auf die Finger schauen, weil sie sonst Regressforderungen von Rechteinhabern fürchten müssen, scheint das für L-S offenbar ganz okay zu sein.

Die Kulturflatrate – Internet-GEZ oder Zwangskollektivierung?

Staatsferne als ein Wert an sich, dem alles andere unterzuordnen ist? Beim Thema Kulturflatrate funktioniert das auch in die andere Richtung: „Eine Kulturflatrate – die stellen sich einige offenbar so vor, wie eine Internet-GEZ“, vermutet die Ministerin. Um dann gleich mal klarzustellen: Dies wäre eine „Zwangskollektivierung“ der Urheberrechte, was für L-S offenbar so etwas bedeutet wie digitaler Maoismus. Gleichzeitig fürchtet die Freidemokratin im Fall der Flatrate „gewaltige Verteilungskämpfe um die Einnahmen“. Verteilungskämpfe gibt es aber auch so – und sie führen, wie das von der FDP-Ministerin unterstützte Projekt „Leistungsschutzrecht für Verlage“ zeigt, am Ende ebenfalls zu einer Form von Zwangskollektivierung. Denn am Ende würde es bei diesem Szenario eine neue Verwertungsgesellschaft für Online-Inhalte geben, die das Geld der User einsammelt und an die Verlage weitergibt. Eine andere Form von Zwangskollektivierung gibt es bereits jetzt – denn die großen „Gatekeeper“ wie Apple, Amazon oder Google kassieren an der Paywall zu ihren Content-Plattformen schließlich alle anderen Marktteilnehmer ab. Es gibt eben nicht nur, wie L-S beklagt, „Verwerter fremder Kreativität, die ihre lukrativen Geschäftsmodelle der Vergangenheit verteidigen“, auch rückwärts gewandte Verwerter der Zukunft stecken ihre Claims ab.

Damit die Netzökonomie funktioniert, muss das Urheberrecht vom Kopf auf die Füße gestellt werden

Demokratische Kultur, so die Bundesjustizministerin, braucht einen funktionierenden „Markt der individuellen Entlohnung durch ein breites Publikum“. Dem kann man so sicher zustimmen. Doch weder Demokratie noch Markt sind zwingend mit Bezahlschranken und Paid Content verbunden. Es gibt sogar interessante Alternativen jenseits der Kulturflatrate – das Web 2.0 bietet eine ganze Palette neuer Möglichkeiten individueller Entlohnung. Kann man sich etwas demokratischeres vorstellen als Crowdfunding, also freiwillige Beiträge, die von der Netzgemeinde eingesammelt werden? Gibt es ein breiteres Publikum als etwa für einen weltweit frei verfügbaren Web-Comic, dessen kommerzielle Verwertung über die Printversion stattfindet? In ihrer Berliner Rede forderte die Bundesjustizministerin immer wieder, die Urheber selbst in den Mittelpunkt des Urheberrechts zu stellen. Bisher können aber Autoren in den meisten Fällen überhaupt nicht darüber entscheiden, in welcher Form ihre Werke in digitaler Form von großen Verlagen oder Content-Plattformen verwertet werden. Also etwa ob mit Kopierschutz oder ohne, ob kostenlos oder kommerziell. Es ist ja schön, wenn die Liberalen für die freie Verlinkung von Webseiten eintreten oder gegen Netzsperren plädieren. Doch wenn die Netzökonomie ihr Potential voll entfalten soll, muss man vor allem das Urheberrecht vom Kopf auf die Füße stellen. Dafür braucht man allerdings eine klare Position. Das würde in diesem Fall bedeuten: entweder Leutheusser, oder Schnarrenberger.

Deutsches iTunes statt Leistungsschutzrecht: Plädoyer für eine branchenübergreifende Bezahlplattform

Mit dem sogenannten Leistungsschutzrecht wollen deutsche Verlage ihre Web-Inhalte vor unerlaubter Weiterverbreitung bewahren. Doch was ihnen wirklich fehlt, ist wohl eher ein vernünftiges Geschäftsmodell für digitale Güter vom E-Book bis zum Musik-File. CARTA-Mitherausgeber Matthias Schwenk plädiert in seinem Beitrag für eine branchenübergreifende Bezahlplattform, die Paid Content so einfach machen könnte wie wir es bereits von Apples iTunes gewohnt sind.

Was wirklich fehlt, ist eine branchenübergreifende Bezahlplattform

Der Lobbyismus deutscher Verleger um ein Leistungsschutzrecht für ihre Branche ist eine unwürdige und unnötige Veranstaltung. Ein solches Gesetz wird überhaupt nicht gebraucht, da der Markt die Dinge sehr wohl zugunsten der Verlage würde richten können. Das Wesentliche, was dazu fehlt, ist eine branchenübergreifende, standardisierte Plattform für das Bezahlen im Internet, die so einfach funktioniert wie Apples iTunes. Würden sich alle Verlage und Medienhäuser verbindlich mit ihren Medien daran beteiligen, könnten die Leser im Web mit einem einzigen Account überall einkaufen: Hier einen einzelnen Artikel, dort ein Abonnement und wieder woanders eine Sonderedition. Eine Medienbezahlplattform mit Akzeptanz bei den Usern müsste dabei nicht auf Zeitungen oder Zeitschriften beschränkt bleiben: Sie könnte (nach und nach) auf verwandte Gattungen ausgedehnt werden, etwa auf die Buchverlage oder Anbieter von Musik oder Filmen. Zu Ende gedacht könnte schließlich auch der Handel mit Waren partizipieren, so dass damit insgesamt ein bedeutendes deutsches Gegengewicht zu Apple und Amazon, den beiden auch hierzulande führenden Plattformen, entstünde. Wäre das nicht eine Vision?

Eine Alternative zu Apple und Amazon brächte mehr Geld und weniger Zensur

Bei dieser Lösung könnte jeder beteiligte Verlag seine Preise autonom setzen und hätte bei jeder Buchung nur einen geringen Abzug, der für die Betriebskosten der Bezahlplattform aufkommt. Nicht aber Abzüge im Bereich von 30 bis 40 Prozent, wie dies andernorts heute der Fall ist. Zudem entfiele hier das Problem der Zensur, so dass Bildzeitung oder Playboy sich mit ihren Inhalten am Geschmack der Leser orientieren könnten und sich nicht den seltsamen und willkürlich anmutenden Standards eines einzelnen Firmenchefs in Amerika unterordnen müssten. Ganz nebenbei könnte eine solche Plattform auch noch etwas für den Jugendschutz tun: Wer einen Account anlegen will, muss sein Alter überprüfen lassen, so dass sich in der Folge Minderjährige vom Kauf ungeeigneter Inhalte abhalten lassen.

iTunes hat gezeigt, das Paid Content funktionieren kann – nicht nur bei Musik

Natürlich werden die Verleger argumentieren, dass das alles keinen Zweck habe, weil das Publikum für Inhalte im Internet nicht bezahlen wolle. Aber stimmt das auch? Wer heute ein iPhone oder auch ein iPad nutzt, erkennt sofort, wie bequem hier eingekauft werden kann. Der Vorgang ist immer gleich, über alle Inhalte oder Gattungen hinweg. Die Standardisierung und intuitive Einfachheit des Bezahlvorgangs macht es wohl aus, dass Apple damit in den USA zum größten Online-Musikhändler aufsteigen konnte und sein Angebot nun in alle anderen Richtungen digitaler Medieninhalte ausweitet. Das Geschäft ist offensichtlich lukrativ, allem Filesharing über andere Kanäle zum Trotz. Den deutschen Medienanbietern muss zudem auch entgegengehalten werden, dass sie in der Vergangenheit mit dem Internet nicht wirklich viel anfangen konnten und ihre Ansätze zu Paid Content daher auch eher phantasielos und lustlos gerieten. Tageszeitungen etwa in Form von Pdf-Dateien im Original-Layout der Printversion im Netz zu verkaufen war keine gute Idee: Für den Leser am Bildschirm war das nur eine Quälerei und sicher nicht geeignet, das Publikum an Paid Content zu gewöhnen. In Zukunft wird man sich mehr einfallen lassen müssen und seine Inhalte so formen, dass sie so begehrenswert wie die Hardware von Apple wird. Dass Paid Content funktionieren kann, zeigt aktuell das Magazin Wired, das von seiner ersten Ausgabe auf dem iPad vermutlich mehr Exemplare verkaufen wird als von der gedruckten Version. Verabsolutieren darf man dieses Beispiel natürlich nicht. Es zeigt aber, dass Paid Content, immer in Kombination mit Werbung und auch einer teilweise frei zugänglichen Version, offenbar doch eine Zukunft hat.

Noch ein Vorteil: Neutralität in Sachen Werbung & Marktforschung

Eine eigene Bezahlplattform hätte einen weiteren Vorteil: Sie wäre vollkommen neutral in Sachen Werbung und Marktforschung. Apple nämlich könnte das Ziel haben, für seine Applikationen im App Store die Werbemöglichkeiten auf das neue, hauseigene Programm iAds zu beschränken und ist bereits dabei bestimmte Fremdanbieter bei der Datenerhebung auszuschließen. Dies richtet sich natürlich in erster Linie gegen Google, ist aber auch ein Affront gegenüber den Applikationsentwicklern und Inhalteanbietern, die sich in immer stärkerem Maß nach Vorgaben von Apple richten müssen. Wie gut wäre es doch demgegenüber, man könnte sich voll und ganz auf seine Seiten im Netz konzentrieren: Ein Medienanbieter muss hier nur auf die Darstellbarkeit seiner Inhalte in unterschiedlichen Browsern Rücksicht nehmen und kann ansonsten Werbung einblenden wo und wie er will. Er muss keine Zensur fürchten und kann seinen Content teils frei, teils hinter die Bezahlschranke stellen, ja wenn es sie nur gäbe, die einheitliche, überall akzeptierte und vom Publikum gern genutzte Bezahllösung.

Wollen wir wirklich die endlose Fragmentierung von Content?

Da wir diese aber nicht haben und die Verleger lieber die Rechtsanwälte an Stelle der Programmierer bemühen, werden wir in Deutschland bald schon ein schönes Leistungsrecht bekommen! Paid Content dagegen wird es in endlos fragmentierter Form geben, teils in Apples App Store (mit Zensur), teils bei Google Android (ohne Zensur) und sicher auch bald bei Microsoft, Nokia und anderen. Natürlich wird die Hardware all dieser Anbieter untereinander immer weniger kompatibel sein, denn die einzelnen Bezahlplattformen wollen ja geschützt sein und was für die Hardware gilt, wird für die Medieninhalte erst recht gelten: Was auf einer Plattform gekauft wird, wird sich nur schwer oder gar nicht auf konkurrierende Plattformen migrieren lassen. Wollen wir das? Ist diese Perspektive wirklich im Sinne von Medienanbietern und ihren Kunden? Ganz sicher nicht. Aber vermutlich werden wir dieses Tal der Tränen durchschreiten müssen, weil Verlage und Verleger weithin immer noch kein Gespür für das Internet haben und sich mit einer Wagenburgmentalität unter den Schutz von Gesetzen flüchten anstatt die Zukunft zu gestalten.

Autor & Copyright: Matthias Schwenk

(Der Originalartikel erschien am 11. Juni 2010 auf CARTA)