Tagesspiegel wird zum Berliner „Tut uns leid“-Medium: Paywall für Premium-Content angekündigt

tagesspiegel-plant-paywallDie Berliner Morgepost hat sie kürzlich abgeschafft, der Tagesspiegel führt sie jetzt ein: mit Hilfe einer Bezahlschranke für Online-Angebote will das schwächelnde „Leitmedium“ der Hauptstadt wieder profitabler werden. Das Holtzbrinck-Blatt hält sich dabei an das Vorbild der Schwestergazetten Handelsblatt und Zeit. „Die erfolgreiche Entwicklung und stetige Steigerung der E-Paper-Auflage zeigt, dass bei den Leserinnen und Lesern des Tagesspiegels die Bereitschaft vorhanden ist, für digitale Inhalte Geld zu bezahlen“, hofft jedenfalls Florian Kranefuß, Sprecher der Geschäftsführung. Konkret heißt das bisher: Der Tagesspiegel hatte im letzten Quartal knapp 23.000 zahlende E-Paper-Abonnenten, die verkaufte Auflage insgesamt lag bei 113.000 Exemplaren.

Metered-Modell auf dem Vormarsch

Wie die große Mehrheit unter den laut BDZV knapp 200 Paid-Content-Nachrichtenseiten hierzulande will offenbar auch der Tagesspiegel auf des „Metered Modell“ setzen, sprich: Freemium. Mit einer solchen Mischung aus kostenlosen Inhalten und Premium-Angeboten haben inzwischen u.a. die SZ („SZ Plus“), die Zeit („Z+) und der Spiegel („Spiegel Plus“) gute Erfahrungen gemacht. Allesamt allerdings Publikationen mit überregionaler Leserbasis, im Unterschied zum Berliner Blatt, das jenseits der Hauptstadt kaum wahrgenommen wird.

Wie hält man die Leser bei der Stange?

Damit das Paid Content-Modell auf dem hart umkämpften Berliner Zeitungsmarkt tatsächlich aufgeht, müsste das Premium-Angebot spannendes regionales Storytelling enthalten – ganz unmöglich scheint das ja nicht. Allerdings sind ja Konkurrenz-Titel wie Morgenpost, Berliner Zeitung, Neues Deutschland und taz auch nicht untätig, und größtenteils unbeschränkt zu konsumieren, von eigeblendeten Appellen an die Zahlungs- und Verantwortungsbereitschaft der Leser mal abgesehen.

(via Meedia & Tagesspiegel(http://www.tagesspiegel.de/medien/journalismus-im-netz-die-gunst-des-geldverdienens/20929548.html)

Vorherpay statt Laterpay: „Spiegel Daily“ startet bald, 100% Paid-Content

spiegel-daily-neues-paid-content-angebotNoch in diesem Frühjahr gibt’s mehr Spiegel denn je: neben SPOL bzw. SpiegelPlus und dem wöchentlichen Heft im Print/PDF tritt „Spiegel Daily“, eine Art digitale Tageszeitung, die montags bis freitags ab 16 Uhr verfügbar sein soll. Das Package sei „vorrangig für die mobile Nutzung konzipiert“ und werde „vor allem über Abonnements“ vertrieben, so die offizielle Pressemitteilung.

Zielgruppe sind „Daily Briefer“ (O-Ton SPOL-Geschäftsführer), also Menschen, die gerne einmal am Tag von den Journalisten ihres Vertrauens online „gebrieft“ werden. Dem Branchenmagazin Horizont.net zufolge erwartet die Leser in der Web-App „Spiegel Daily“ neben aktuellen News ein Bündel aus „Kommentaren, Kuratiertem und Service“.

Das Angebot ist 100 Prozent Paid Content, dafür aber recht günstig — die Abonnenten werden zum Einstieg mit sieben Euro pro Monat zur Kasse gebeten. Für ein paar Euros mehr gibt’s parallel auch Zugang zu den auch schon bisher hinter einer Paywall versteckten SpiegelPlus-Artikeln auf SPOL, und wer ganz tief in die Tasche greift, kann auch noch den eigentlichen SPIEGEL dazuerhalten.

Apropos Kasse: Anlässlich des neuen Premium-Angebotes Spiegel Daily wechselt der Verlag auch den Bezahl-Dienstleister, statt „Laterpay“ wird nun „Plenigo“ die digitale Penunze der Leser einsammeln. Was ja auch irgendwie passt, denn das neue Motto beim Spiegel heißt umsomehr: Vorherpay.

Abb.: (c) Stefanie Loos/DER SPIEGEL

Premium-Angebot „Spiegel Plus“: Zahlende Leser sollen Werbeeinnahmen maximieren

spiegel-plusNa dann Prost: Wer den brandneuen Premium-Content von Spiegel Online („Spiegel Plus“) lesen möchte, kann auf einem „digitalen Bierdeckel“ anschreiben lassen. Erst wenn der Inhalt von dreizehn Artikeln à 39 Cent (d.h. insgesamt für knapp 5 Euro) den Sehnerv herabgeperlt ist, wird man via „LaterPay“ zur Kasse gebeten – vorher reicht die einfache Registrierung. Gezahlt werden kann dann via Kreditkarte, Sofortüberweisung oder Bankeinzug. Spiegel Plus enthält sowohl Texte aus dem aktuellen Wochenmagazin wie auch exklusive Online-Only-Artikel, Tag für Tag kommen jeweils zwei aus beiden Sektoren hinzu. Einen Überblick zum derzeitigen Premium-Angebot gibts via spiegel.de/spiegelplus.

„Bezahlinhalte salonfähig machen“

Der Vorteil dieses Micropayment-Verfahrens liegt auf der Hand: es rasselt keine undurchdringliche Paywall herab, die Leser können das neue Angebot erst einmal testen — die ersten 1.000 Wörter jedes Artikels sind zudem ohne Registierung bei Laterpay lesbar. Auch Portale wie Golem, Geo oder Schöner Wohnen setzen bereits auf das niedrigschwellige Konzept des Münchner Paid-Content-Dienstleisters LaterPay, der es sich auf die Fahnen geschrieben hat, „Bezahlinhalte im Internet salonfähig zu machen“.

Eine Folge der Print-Krise

Die bisherige Angebots-Trennung — SPOL als kostenloses Massenangebot im Netz, das Wochenmagazin DER SPIEGEL als kostenpflichtiges Komplettangebot in Papierform oder als E-Paper — ist damit endgültig passé. Wohl aus gutem Grund, zum einen sinkt die Druckauflage immer weiter, zum anderen bringt die Online-Werbung und der E-Paper-Verkauf nicht genug, um den Schwund bei Print aufzufangen.

Metered Model im Trend

Mit der neuen Paid Content-Strategie geht SPOL einen ähnlichen Weg wie viele deutsche (Tages-)Zeitungsverlage, die überwiegend auf eine Kombination von Freemium und Premium bzw. das „Metered-Model“ setzen.Laut BdZV bitten insgesamt bereits 120 der ingesamt 344 Tageszeitungsverlage hierzulande ihre Digital-Leser zur Kasse. Jedes zweite Blatt unterstützt zudem auch auf die Vermarktung durch externe Häppchen-Anbieter à la Blendle oder Pocketstory.

„Hochwertiges Werbeumfeld“

Die dort feilgebotenen Lese-Häppchen (inklusive Spiegel-Content) sind mit Preisen zwischen 75 Cent und knapp 2 Euro zwar deutlich teurer als bei Spiegel Plus, dafür aber auch komplett werbefrei — auf die beim Publikum unbeliebten Reklame-Banner wollen die Spiegel-Macher dagegen auch beim Premium-Content nicht verzichten. Ganz im Gegenteil: „Wir gehen davon aus, das wir in Umfeldern von Beiträgen, für die die Leser bezahlt haben, höhere Werbepreise erzielen können“, so Verlagsgeschäftsführer Hass gegenüber Horizont.net.

Paid Content: Deutsche Digital Natives zahlen für Musik & Games, Silver Surfer für E-Books (lt. DCI-Studie)

paidcontentstudie-dciFunktioniert Paid Content auch in Deutschland? Ja, behauptet eine neue DCI-Studie, die sich auf eine Online-Befragung von 2.600 Bundesbürgern stützt. Schon bisher, so die Schätzung, werden hierzulande jährlich bis zu 1,1 Milliarden Euro mit digitalen Bezahlinhalten umgesetzt. Allerdings bleibt noch sehr viel Spielraum nach oben: denn bisher hat gerade mal jeder zehnte Deutsche Erwachsene schon mal die Geldbörse für digitale Inhalte gezückt. Oder in absoluten Zahlen ausgedrückt: von angenommenen 56 Mio. Online-Nutzern in Deutschland gehören bisher erst ungefähr 6,4 Mio. zu den Paid-Content-Payern.

Digitale Jugendkultur prägt Paid-Content-Nutzung

Warum ist das so? Die einfachste Antwort: Paid Content ist eine Altersfrage. Ganz vorne liegt wohl nicht zufällig die Generation Smartphone, aufgewachsen mit iPhone, iPad & Co.: Fast jeder fünfte Online-Nutzer zwischen 18 und 34 Jahren hat schon mal für digitale Inhalte und Services gezahlt.

Die digitale Jugendkultur bestimmt deswegen auch die konsumierten Inhalte ingesamt: jeder zweite Paid Content-Nutzer bezahlt für Musik und Games, und 40 Prozent berappen Euros für Filme und TV-Serien. Geld für elektronische Lektüre fließt natürlich auch, allerdings deutlich spärlicher: nur jeder vierte (27,8 Prozent) nutzt E-Books, nur jeder zehnte News oder Fachinformationen.

E-Books: Heavy-User bei Generation Ü-65

Nach Altersgruppen aufgeschlüsselt sind die Unterschiede sogar noch viel stärker: während die Heavy-User von Musik, Games und Bewegtbild unter den 25 bis 34jährigen zu finden sind (Nutzerquote: zwei Drittel), liegt bei E-Books die Altersgruppe 65 plus ganz vorne, fast jeder zweite von ihnen schmökert auf elektronischen Displays.

Geht’s aber darum, wo die Inhalte gekauft werden, findet man kaum Unterschiede: ob jung oder alt, hauptsächlich wird Amazon genutzt, danach folgen mit deutlichem Abstand und stärken Altersdifferenzen (je jünger, desto mehr Nutzer) Google Play und iTunes. Bezahlt wird in den meisten Fällen via Paypal, Rechnung und Lastschrift liegen knapp vor der Kreditkarte.

Kaum jemand will mehr als 10 Euro pro Monat zahlen

Wobei Einzelkäufe wiederum eine Altersfrage sind, die 18 bis 34jährigen nutzen besonders gerne Abos und Flatrates, ähnlich ist es interessanterweise bei den Silver Surfern über 65 Jahre. Solche Flatrates scheinen sich auch hervorragend mit der Obergrenze der Zahlungsbereitschaft zu vertragen: sie liegt nämlich bei den deutschen Internet-Besuchern irgendwo zwischen 10 und 20 Euro pro Monat.

Zeitschriftenabo gegen Krypto-Cash: Time Inc. akzeptiert jetzt Bitcoins

Großer Bahnhof für Bitcoins: ab sofort können Leser von populären Magazinen wie „Fortune“, „Health“ oder „Travel & Leisure“ ihr Abo auch mit Krypto-Geld bezahlen. Möglich macht das die gerade verkündete Kooperation von Time Inc. mit dem Bitcoin-Wallet-Dienstleister Coinbase. „Wir sind immer bestrebt, es unseren Kunden so leicht wie möglich zu machen, unsere Titel zu nutzen – und dieses Pilot-Programm erlaubt Bitcoin-Anwendern, Abonnements ohne großen Aufwand zu erstehen“, so Lynne Biggar, bei Time Inc. zuständig für den Bereich Consumer Marketing & Revenue.

In Zukunft solle die Zusammenarbeit mit dem Bitcoin-Dienstleister sogar noch ausgebaut werden – Außenwirkung erwünscht: “Wenn ein bedeutender Verlag wie Time Inc. auf Bitcoins setzt, ist das ein deutliches Signal nicht nur für die Leserschaft, sondern für die gesamte Medienbranche“, betont Brian Armstrong, CEO & Mitgründer von Coinbase. Auf dem US-Zeitschriftenmarkt hat Time Inc. derzeit einen Umsatzanteil von etwa 20 Prozent, ist aber nach der finanziell schmerzhaften Trennung vom Mutterkonzern Time Warner im Sommer 2014 auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, die Gewinne zu erhöhen und zu expandieren. Besonderer Vorteil bei Bitcoins: es fallen deutlich weniger Transaktionsgebühren an, da die dezentrale Peer-to-Peer-Währung jenseits des regulären Bankensystems funktioniert.

In letzter Zeit hatten bereits Digital-Konzerne wie Google oder Microsoft begonnen, ihren Kunden auch Bitcoins als Zahlungsoption anzubieten. Im Publishing-Bereich fristeten die virtuellen Münzen dagegen bisher eher ein Nischendasein, vor allem crowdfunding-affine Startups wie Unbound oder Humble Bundle experimentierten mit der Krypto-Währung. Zu den Vorreitern in Deutschland gehört die alternative Tageszeitung taz – im Rahmen des „Paywahl“-Prinzips werden Spenden für die Finanzierung der Online-Ausgabe auch in Bitcoins angenommen. Wie nun das Beispiel Time Inc. zeigt, spricht jedoch auch nichts gegen die Kombination von Krypto-Cash mit klassischen Abo-Modellen.

(via Venturebeat)

Abb.: Whitez/Flickr (cc-by-2.0)

NYT hat’s geschafft: Zu 54% leserfinanziert dank Digi-Abos

Zeitungsabos? Kann man denn davon leben? Vor zehn Jahren hätte man da bei der New York Times noch den Kopf geschüttelt: No, sir! Damals trugen die Leser gerade mal 25 Prozent zum Umsatz bei. Das hat sich inzwischen radikal geändert, insbesondere nach Einführung der Paywall: die Zeitung ist erstmals in ihrer Geschichte leserfinanziert, wie die NYT diese Woche bekannt gab, tragen Abos der gedruckten Ausgabe wie auch digitale Abos mit 54 Prozent mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes.

„The Atlantic“ hat dazu jetzt eine interessante Grafik veröffentlicht: ab Mitte der Nuller Jahren brechen die Anzeigenerlöse rasant ein, in sechs, sieben Jahren haben sie sich halbiert. Das Geld wanderte fast komplett zu Google & Co., während Zeitungen selbst online kaum Geld mit Advertising verdienen. Soviel zum Thema Zeitungskrise. Seit den Jahren 2010 (iPad-Launch) und 2011 (Einführung des Metered-Paywall-Prinzips bei der NYT) wächst die Umsatzkurve der Digi-Abos dann aber mindestens ebenso steil nach oben. Seit 2012 überrundet die Digi-Abo-Kurve schließlich die Anzeigenerlös-Kurve, und dürfte im nächsten Jahr dann wohl auch die Print-Abo-Kurve schneiden.

Damit ist der NYT-Gruppe also schon jetzt gelungen, wovon Zeitungsverlage in Deutschland von Springer bis taz bisher nur träumen dürfen: die graue Lady hat den Umbruch im Anzeigengeschäft mehr oder weniger kompensiert, und dabei ein ganzes Stück Unabhängigkeit gewonnen.

Ähem. Mal abgesehen davon, dass die Rettung im Jahr 2009, dem Höhepunkt der Krise, nur mit einem 250-Millionen-Dollar Kredit des mexikanischen Multimilliardärs Carlos Slim gelang. Der Einfluss des nach Bill Gates zweitreichsten Mannes der Welt wächst weiter, allerdings kontrolliert die Eigentümerfamilie Ochs-Sulzberger immer noch zwei Drittel der Aufsichtsratsposten…

Abb.: Flickr/Dom Dada (cc)

Paid Content: Freemium & Metered Modell in Deutschland auf dem Vormarsch (laut BDZV)

Schon 70 Zeitungen in Deutschland bitten ihre Online-Leser mittlerweile mit durchschnittliche acht Euro monatlich zur Kasse, und damit 75 Prozent mehr Blätter als im Jahr 2012. Das zeigt die aktuelle Paid Content-Studie des Bundesverbands der Deutschen Zeitungsverleger (BDZV). „Die Menschen sind bereit, auch in der Digitalwelt für gute journalistische Inhalte zu bezahlen“, interpretiert Hans-Joachim Fuhrmann, Mitglied der BDZV-Geschäftsführung den aktuellen Bezahl-Boom. Doch vor allem bedeutet der Trend wohl auch: immer mehr Zeitungen sind verzweifelt auf der Suche nach digitalen Geschäftsmodellen. Auf die ganz harte Tour versuchen es jedoch nur drei Lokalzeitungen – beim Bocholter-Borkener Volksblatt, der Böhme-Zeitung und der Ibbenbürener Volkszeitung gibt’s außer kurzen Teasern im Web gar nichts mehr zu lesen.

Siebzehn Blätter, darunter etwa der Weserkurier oder der Trierer Volksfreund, aber auch DIE WELT setzen nur auf ein „Metered Model“, die Nutzer können also jeden Monat eine limitierte Zahl von Beiträgen kostenlos lesen, bevor sie sich registrieren und/oder ein Abo abschließen müssen. Die große Mehrheit, nämlich 50 Titel, experimentieren dagegen nur mit Freemium-Lösungen – sie legen also immer wieder neu fest, welche Artikel nur für Abonnenten zugänglich sind. So machen es neben Wald- und Wiesentiteln auch größere Regionalzeitungen wie die Berliner Morgenpost, die Dresdener Neuesten Nachrichten oder das Hamburger Abendblatt, und übrigens auch BILD. In diesem Bereich gab’s die größten Zuwächse – der Paid-Content-Boom ist also eigentlich vor allem ein Freemium-Boom.

Schaut man noch mal genauer in die Online-Liste des BDZV, entdeckt man übrigens noch eine weitere „Paid-Content“-Kategorie – als Titel Nr. 71 wurde nämlich die taz mit ihrer „Pay-Wahl“ erfasst. Ob das wirklich Sinn macht? Die alternative Tageszeitung aus Berlin sperrt schließlich grundsätzlich keine Leser via Paywall aus, sondern ruft durch regelmäßige Einblendungen zu freiwillige Spenden auf. Die Methode hat also eher etwas mit Crowdfunding-Logik zu tun als mit der üblichen Paid Content-Logik, die auf künstliche Verknappung der Ware Information auf Kosten der Reichweite setzt. Allerdings zeigt ja der große Anteil an Freemium-Modellen in der BDZV-Liste, dass auch die große Mehrheit der Paid-Content-Experimente die gewachsene Leser-Community so weit wie möglich erhalten möchte.

Behind Paywall, Didn’t Read (bp;dr) – Paid Content-genervte Leser prägen neues Akronym

Wer online liest, lernt kurze Informationshäppchen zu schätzen. Selbst die Beschwerden über zu lange Texte werden abgekürzt, dafür hat sich das Akronym „tl;dr“ eingenetzbürgert, was so viel heißt wie: „too long; didn’t read“. Seit dem Microblogging-Boom wird diese leicht nerdige Formel besonders häufig genutzt – Sascha Lobo etwa fasst unter diesem Kürzel seine Mensch-Maschine-Kolumnen auf SPOL in einer twitterfähigen Form zusammen. Man kann „tl;dr“ natürlich auch als Warnung verstehen, dass sich hinter dem getwitterten Link eine Textwüste verbirgt, deren Lektüre nicht lohnt.

„Hinter der Bezahlschranke, hab‘ ich nicht gelesen“

Doch in Zeiten von Paid Content muss man eigentlich froh sein, überhaupt noch einen vollständigen Artikel präsentiert zu bekommen. Immer öfter führen jedoch Social Media-Links in die Irre – statt beim Content landet man vor einer Bezahlschranke. Ein frustrierter Twitter-Nutzer namens @NeuroPolarbear hat deswegen ein neues Akronym geprägt – aus tl;dr wurde bp;dr, was soviel heißen soll wie „behind paywall; didn’t read“. Also etwa: „Hinter einer Bezahlschranke, habe ich nicht gelesen“.

„bp;dr“ bereits im Urban Dictionary aufgenommen

Das neue Kürzel eroberte die Herzen der Twitter-Gemeinde im Sturm – mittlerweile wurde es auch schon in das legendäre „Urban Dictionary“ aufgenommen. Inklusive eines kleinen Anwendungsbeispiels für die gepflegte Chat-Kommunikation: „Dude, did you read that spectacular paper on embryonic stem cells? — „Sorry, bp;dr“. Man kann nur hoffen, dass „bp;dr“ nicht nur bei den OpenAccess-Befürwortern in der Scientific Community, sondern vor allem auch bei den Nutzern von Nachrichtenportalen zum Standard wird. Denn hinter Bezahlschranken versteckter Content führt nicht nur das Prinzip des Hyperlinks ab absurdum, er produziert auch ständig Verstöße gegen die Netiquette: innerhalb eines sozialen Netzwerks möchte man schließlich darauf vertrauen können, dass die Mehrzahl der verschickten Links auch funktioniert. Tun sie das nur bei zahlenden Abonnenten, produziert der Klick auf den Twitter- oder Facebook-Button für die Nicht-Zahler unter den Followern eine Mischung aus Spam und Kaltakquise.

(via The-Digital-Reader & BigThink)

Abb.: Flickr/Mmcdj (cc)

Mentale Bezahlschranke: Deutsche Tablet-Nutzer sind Paid-Content-Muffel

Tablets gelten der Paid-Content-Fraktion als die heilige Kuh unter allen digitalen Cash-Cows – ihre Touch-Screens sind schön groß und bunt, eignen sich also für attraktive Inhalte aller Art, vom E-Book über Games bis zum gestreamten Blockbuster. Zugleich sind viele Nutzer bereits über Handys & Smartphones auf kostenpflichtige Angebote konditioniert worden. Für amerikanische Konsumenten stimmt das wohl auch. Die Marktforscher von Nielsen haben mehrheitlich bereits die elektronische Geldbörse gezückt, um Content auf den Flachrechner zu bringen.

Dem aktuellen „US Digital Consumer Report“ für das vierte Quartal 2011 zufolge haben 62 Prozent bereits für Musik-Downloads bezahlt, 58 Prozent für E-Books, und knapp die Hälfte auch für Filme. Bei den Deutschen dagegen sieht es völlig anders aus: Tablet-Nutzer zwischen Kap Arkona und Berchtesgaden haben bisher zu 9 Prozent für Musik-Downloads den Bezahlknopf gedrückt, bei E-Books waren es sogar nur 7 Prozent, und für Filme 6 Prozent. Doch für Bezahlschranken-Befürworter wie Springer & Co. hat Nielsen zumindest auch etwas Nervenbalsam parat – denn ausgerechnet bei Nachrichten liegen die Deutschen mit den US-Amerikanern fast gleich auf. Während hierzulande 15 Prozent der Tablet-Nutzer bereits für News gezahlt haben – Spitzenwert unter allen abgefragten Medienkategorien – sind es auf der anderen Seite des Atlantiks 19 Prozent.

Die Deutschen dürfen also als Paid-Content-Muffel gelten. Die Europäer insgesamt aber keineswegs – vor allem die Italiener haben auf dem Touch-Screen die Spendierhosen an. Musik, Bücher oder Filme werden südlich der Alpen im Vergleich zu Deutschland doppelt und dreifach so häufig kostenpflichtig heruntergeladen. Die Briten halten ähnlich wie die Deutschen die Hand auf dem Portemonnaie. Zu den Motiven für die Abneigung gegen Paid-Content dürfte vor allem die Tatsache zählen, dass viele Inhalte via Webbrowser auch frei zugänglich sind. Auch wenn der Zugang nicht immer ganz so komfortabel ist, senkt sich bei Otto Normalsurfer hier offenbar eine mentale Bezahlschranke. Der App-Nation USA wiederum scheint etwas mehr Bequemlichkeit einiges Wert zu sein. Gerade im Bereich von Kinofilmen und TV-Shows wird Paid-Content dem Konsumenten dort aber auch verstärkt durch Flatrate-Tarife schmackhaft gemacht, während entsprechende Angebote in Deutschland noch Mangelware sind.

Abb.: Nielsen (Artikel) sowie flickr/zizzybaloobah (Startseite)

Rubikon ist überschritten: Springer bilanziert Print-to-Online-Strategie

Vor kurzem fürchteten Zeitungsverlage noch den großen Zapfenstreich – sinkende Auflagenzahlen und schwindende Anzeigenerlöse sorgten für düstere Prognosen. Bild, BamS & Co. beweisen aber, dass eine energische Print-to-Online-Strategie den Abwärtstrend mehr als kompensieren kann. Axel Cäsar Springers Erben haben den digitalen Rubikon überschritten – die Gewinne steigen wieder, der Konzernumsatz toppte 2011 erstmals die 3 Milliarden-Euro-Grenze. Der Umsatzanteil von Apps, E-Papers und Onlineangeboten liegt bereits bei über 30 Prozent. „Die konsequente Digitalisierung unseres Geschäftes im In- und Ausland bleibt der Schlüssel zum langfristigen Erfolg des Unternehmens“, so Springer-Chef Döpfner auf der Bilanzpressekonferenz. „Wenn wir uns mit den börsennotierten europäischen Online-Unternehmen vergleichen, sind wir mit unseren Erlösen aus dem digitalen Geschäft mittlerweile auf den zweiten Platz vorgerückt, in der Kategorie der Medienunternehmen liegen wir bereits auf dem ersten Platz“.

Interessanterweise verzeichnete Springer im Unterschied zu anderen Verlagen auch bei den Werbeerlösen ein Plus von 16 Prozent, im Sektor Digitale Medien wuchs der Umsatz mit Reklame sogar um 40 Prozent. Erstmals waren die digitalen Werbeerlöse international dabei größer als die Werbeerlöse mit Print-Zeitungen und -Zeitschriften in Deutschland. Als echte Cashcow erwies sich offenbar auch der Übergang zu Paid Content bei Welt- oder Bild-App wie auch Online-Angeboten, etwa der Berliner Morgenpost. Ganz so weit wie manche US-Zeitungen ist man freilich noch nicht – die Financial Times beispielsweise verkauft dort bereits mehr Online- als Print-Abos. Gleichwohl bleibt man auch im Jahr 100 nach Axel Cäsars Springers Geburt dem Credo des Gründers verpflichtet. Der formulierte nämlich schon 1978: „Ich werde nicht aufhören, den Anspruch der Verleger auf Teilhabe an den bisherigen elektronischen Medien und noch mehr an allen neuen, auf uns zukommenden Informationssystemen zu vertreten.“

Abb.: Flickr/ЯAFIK ♋ BERLIN