Onleihe in der Kritik: Erfolgsmodell oder Datenschutz-Fiasko?

onleihe-appOberflächlich betrachtet kann die Onleihe eine Erfolgsbilanz vorweisen: mehr als 3.000 Bibliotheken nehmen teil, die Stiftung Warentest lobt das Preis-Leistungsverhältnis (es reicht schließlich der Bibliotheksausweis), der Markenname selbst steht mittlerweile sogar im Duden. Doch im Kern sei das Konzept „in puncto Datenschutz, technische Hindernisse & Angemessenheit … ein Fiasko“ urteilte jetzt Netzpolitik.org-Autor Arne Cypionka. Die Crux ist dabei — mal wieder — Digital Rights Management, genauer gesagt: Adobe Digital Editions. Denn ohne Registrierung bei Adobe und Zuteilung einer individuellen „Adobe-ID“ geht bei der Onleihe nix.

Adobe schnorchelt fleißig Nutzerdaten

Wer aber den endlosen AGBs in Länge von knapp zwanzig A4-Seiten zustimmt, muss dabei so manche Kröte schlucken, was die Verwendung der Daten und deren Weitergabe an Dritte betrifft: „Durch Nutzung der Onleihe erfährt Adobe unter anderem folgendes: eindeutige Kennziffern, die mein Benutzerkonto und Gerät identifizieren, meine IP-Adresse und damit meinen ungefähren Standort, welche Bücher ich lese, wie lange ich sie lese und wie viel des jeweiligen Buches ich wirklich gelesen habe.“

Neue DRM-Software als Lösung?

Das seien zu viele Daten, bloß um ein Buch zu lesen, kritisiert Cypionka, erst recht, weil sie technisch für den Ausleih-Prozess gar nicht notwendig seien, eigentlich reiche die Verwendung der Benutzer-ID zur Autorisierung der E-Book-Lektüre völlig aus. Auch der für 2019 geplante Umstieg auf das französische Konkurrenz-Produkt CARE wird wohl keine zufriedenstellende Lösung bringen — denn zum einen ist noch gar nicht klar, welche persönlichen Daten in Zukunft erhoben werden, und auch nicht, welche Lesegeräte überhaupt per Update mit der neuen DRM-Lösung benutzbar sein werden. Viele ältere Modelle, die von den Herstellern nicht mehr unterstützt werden, wird man zur Onleihe dann wohl nicht mehr benutzen könnnen.

Immerhin muss auf dem PC dann keine DRM-Software installiert werden, um überhaupt ein Lesegerät und ausgeliehene E-Books zur Lektüre freischalten zu können — daran sind nämlich bisher viele Mac- und Linux-Nutzer gescheitert, selbst manche Windows-10-Nutzer haben Probleme mit Adobes Programm-Ungetüm.

(via Netzpolitik.org)

Hyperlokale E-Book-Suche: Google.com zeigt Verfügbarkeit in Bibliotheken vor Ort an

google-ebook-library-searchGoogle reichert die Suchfunktion schon seit längerem Schritt für Schritt mit separat dargestellten Personen-, Objekt- oder Produktinformationen an — bei E-Books kommen jetzt neben den bisherigen Kauflinks auch Ausleih-Informationen hinzu. Das berichten teleread.org und The Verge. US-Nutzer können somit auf einen Blick erkennen, ob ein Titel in ihrer örtlichen Leihbibliothek zur Onleihe angeboten wird. Auf Tablet und Smartphone werden die Ausleih-Infos an prominenter Stelle angezeigt, auf dem Desktop dagegen eher versteckt in der Seitenleiste. Google selbst gab die Neuigkeit gestern recht unspektakulär mit einem kurzen Tweet bekannt: „Calling all U.S. bookworms! Now you can take a look at what e-books are available to borrow at your local library, right in Search.“… Ein sehr nützliches Feature für alle Vielleser, die gerne E-Books auf Zeit auf ihre Lesegeräte laden, aber bis auf weiteres leider nicht international und somit auch nicht in Deutschland verfügbar.

Onleihe für Bewegtbild: Filmfriend.de bietet Video-Streaming für Nutzer öffentlicher Bibliotheken

filmfriendBücherfreunde gehen in die Bibliothek, Filmfreunde in die Videothek? Nein, das muss nicht sein. Mit „Filmfriend“ ging kürzlich ein interessanter Video-Streaming-Dienst speziell für deutsche Bibliothekskunden an den Start. Sozusagen die Onleihe für Bewegtbilder. Gestartet ist der Dienst zunächst im Berliner Raum. Registrierte BibliotheksnutzerInnen (Jahresgebühr in Berlin: 10 Euro) können sich einfach über ihre Nutzernummer anmelden und derzeit über 500 Spielfilme, Dokumentationen, Serien und Kinderfilme ansehen, schwerpunktmäßig handelt es sich um deutsche und europäische Produktionen. Das Angebot soll laufend erweitert werden.

Parallelzugriff verhindert Wartezeit

Der Zugriff geschieht als unbegrenzter Parallelzugriff, es treten also keine Wartezeiten auf. Unterstützt werden PC, Mac, Google Chromecast, Apple TV und Android-Mobilgeräte. Auch eine App für iOS soll es zu einem späteren Zeitpunkt geben. Das FilmfriendPortal wurde gemeinsam vom Projekt „Digitale Welten“ des Bibliotheksverbundes VÖBB und der filmwerte GmbH (Babelsberg) entwickelt und kann auch durch andere Bibliotheken im Bundesgebiet, in Österreich und der Schweiz lizensiert werden.

Registrierung via VÖBB-Ausweisnummer

„Filmfriend“ ist sozusagen die öffentliche Antwort auf Netflix, Prime Video & Co.: die Plattform bietet hochwertige Filme, einfache Handhabung und ein modernes, werbefreies Design. Die Nutzung ist zugleich deutlich anonymer als bei kommerziellen Streaming-Anbietern: denn für die Registrierung ist nur die VÖBB-Ausweisnummer notwendig. Zwecks Jugendschutz wird das Alter der Nutzer allerdings ebenfalls überprüft.

Abb.: Screenshot filmfriend.de

Onleihe boomt: 22 Mio. Ausleihen im Jahr 2016

DruckMehr Verlage, mehr Titel, mehr Ausleihen – so lässt sich die Bilanz der „Onleihe“ im Jahr 2016 zusammenfassen. Wie die divibib GmbH bekanntgab, wurden bei den teilnehmenden 3.000 öffentlichen Bibliotheken im letzten Jahr 22,2 Mio. Titel elektronisch ausgeliehen. Die Gesamtzahlen sind natürlich noch höher, denn neben der divibib ist auf dem Gebiet der E-Book-Ausleihe in Deutschland z.B. auch der US-Anbieter Overdrive aktiv…

Onleihe gibt’s schon seit 2007

Onleihe ist älter, als man meinen möchte: die Pionier-Bibliotheken aus München, Hamburg, Würzburg und Köln sind mittlerweile schon zehn Jahre dabei, inzwischen stehen ihnen und allen anderen beteiligten Einrichtungen satte 2 Millionen Titel zur Auswahl. Das Angebot konnte 2016 noch einmal deutlich ausgeweitet werden, denn nun sind auch die Verlage Holtzbrinck, Bonnier und Diogenes mit dabei.

Wie weiter nach dem EuGH-Urteil?

Wie es im Bereich Onleihe weitergeht, ist allerdings nicht so ganz klar – denn ein Urteil des Europäischen Gerichtshofes hat die Branche kalt erwischt: demnach gibt es bei der Ausleihe keinen Unterschied zwischen gedruckten Büchern und E-Books, Verlage müssen also Bibliotheken die Ausleihe von E-Books grundsätzlich erlauben – das deutsche Urheberrecht muss dementsprechend angepasst werden.

(via Buchreport & onleihe.net)

„Bibliotheken sind ein wichtiger Ort, um Bücher & Autoren zu entdecken“: OverDrive-CEO Steve Potash im Interview

Ob Video- und Audio-Streaming, E-Book-Lektüre im Browser und via Kindle-Reader oder direkte Kauf-Option („Buy it now“): in vielen Punkten machen Bibliotheken in den USA und anderen englischsprachigen Ländern ihren Lesern deutlich mehr digitale Angebote als bei uns, wovon auch die Verlage profitieren. Dahinter steckt vor allem ein Unternehmen mit Hauptquartier in Cleveland/Ohio: OverDrive. Dass die Ausleihzahlen bei E-Books überm großen Teich mittlerweile erstaunlich hoch sind, liegt dabei auch am vielfältigen Angebot. Mehr als 2 Mio. elektronische Titel hat der Bibliotheksdienstleister im Programm, darunter auch solche von großen Publishern wie Penguin Random House oder Harper Collins. Anlässlich der kommenden Frankfurter Buchmesse – auf der das Unternehmen präsent sein wird – sprach E-Book-News mit CEO Steve Potash über die europäischen Perspektiven von OverDrive.

E-Book-News: E-Books sind in Bibliotheken auch in Deutschland längst alltäglich, die „Onleihe“ ist Stadtgespräch. Was „Overdrive“ ist, werden hierzulande aber wohl die wenigsten wissen. Was ist Ihre Perspektive auf dem (kontinentalen) europäischen Markt – wie wichtig ist Europa zur Zeit, wie wichtig wird es in der Zukunft sein?

Steve Potash: Lifestyle und Leser-Präferenzen ändern sich in der digitalen Ära, und wie überall sonst in der Welt erwarten die Leser in Europa von ihren Bibliotheken vermehrt elektronische Angebote, vor allem eine breitere Auswahl an Titeln. OverDrive hat seit mehr als zehn Jahren Erfahrung als Dienstleister für Bibliotheken, und stellt eine enorme Menge an Titeln in englischer Sprache zur Verfügung, darüber hinaus auch in 50 anderen Sprachen. Außerdem bietet OverDrive europäischen Verlagen verschiedene Lizensierungs-Optionen, um ihre Inhalte den Nutzern zugänglich zu machen. Europa ist für uns sehr wichtig, denn es ist ein Ort für Bücher, es gibt eine hohe Zahl von Lesern, eine große Zahl an Neuerscheinungen, und eine Lesekultur, in der Literatur hoch geschätzt wird.

Viele Verlage waren bisher sehr zurückhaltend, wenn es darum ging, ihre Inhalte für die Nutzung in öffentlichen Bibliotheken zu lizensieren. Das scheint sich nun rapide zu ändern. Da fragt man sich natürlich: warum? Wo liegen die Vorteile, die sie vorher offenbar übersehen hatten?

Es gab eine Fucht vor E-Book-Piraterie und vor negativen Auswirkungen auf die Buchverkäufe, doch inzwischen haben die Verlage gemerkt, dass es für Piraterie keine Belege gibt, und der Einfluss auf den Umsatz sogar sehr positiv ist. Bibliotheken sind für die Leser eben ein wichtiger Ort, um Bücher und Autoren zu entdecken! Unternehmen wie OverDrive haben passende Wege zur Belieferung und Konzepte für die Lizensierung entwickelt, sie bieten flexible Modelle an, mit denen sich auch konservative Verleger gewinnen lassen. Das ist gar nicht so plötzlich passiert, sondern das Ergebnis vieler Jahre, es mussten Beziehungen geknüpft und Techniken entwickelt werden, es fanden Weiterbildungen statt, Metadaten mussten aufbereitet werden. So etwas funktioniert nicht über Nacht, das war ein langer Prozess.
 
Tablets und Smartphones sind mittlerweile offenbar zur wichtigsten Leseplattform avanciert, auch bei der Lektüre von ausgeliehenen E-Books. Was wird denn nun aus dem klassischen E-Reader, der ja beim OverDrive-Konzept eine wichtige Rolle spielt?
 

E-Reader werden derzeit durch Smartphones und Tablets ersetzt, aber rund um die Welt nutzen unsere Leser auch immer noch eine Menge E-Reader, etwa Geräte von Nook, Kobo und Kindle (letztere nur in den USA). Und bei aller Beliebtheit von Multifunktionsgeräten wie Smartphones oder Tablets: wir beobachten, dass viele Nutzer auch auf Laptops oder Chromebooks lesen.

Abb.: Raymond Bryson/Flickr (cc-by-2.0)

[Aktuelles Stichwort] Onleihe, oder: öffentliche E-Book-Flatrate aus der Stadtbibliothek


[Dieser Artikel ist eine Preview aus: „das große e-book & e-reader abc“, das mehr als 200 aktuelle Stichwörter von Adobe-ID bis Zweifinger-Zoom enthält. Es ist digital und gedruckt im Oktober 2014 bei ebooknews press erschienen – Tipp: zum Einführungspreis bestellen und vier Euro sparen!]

Unter der Onleihe (gebildet aus: Online & Ausleihe) versteht man das Herunterladen >>DRM-geschützter elektronischer Bücher vom Server einer Bibliothek, die auf Desktop oder mobilen Lesegeräten für eine begrenzte Zeit geöffnet werden können. Auf diese Weise wird die klassische Ausleihe von Print-Büchern simuliert – bis hin zu der Tatsache, dass nur eine begrenzte Anzahl von parallel nutzbaren Lizenzen für jedes Buch zur Verfügung stehen.

In Deutschland boten Anfang 2014 schon mehr als 800 öffentliche Bibliotheken einen solchen Service für E-Books im epub- und PDF-Format an, insgesamt sind mehr als 120.000 Titel ausleihbar. Auf dem selben Weg sind auch Filme, Hörbücher sowie E-Paper von Zeitungen und Zeitschriften nutzbar. Um die Onleihe entweder via Webbrowser oder via Onleihe-App für iOS bzw. >>Android-Geräte zu nutzen, muss man bei einer der teilnehmenden Bibliotheken angemeldet sein. Mit den jeweiligen Zugangsdaten lassen sich sich dann E-Books und andere Medien herunterladen und in der Regel für 14 Tage nutzen. Die Onleihe selbst ist dabei kostenlos, für die Registrierung als Bibliotheksnutzer sind jährliche Gebühren zu entrichten.

Für die technische Abwicklung dieses Angebots sorgt in Deutschland seit 2007 das Wiesbadener Unternehmen dvibib GmbH (Abkürzung für „Digitale Virtuelle Bibliotheken“), das auch die Wortmarke „Onleihe – Bibliothek digital“ besitzt. Vorbild ist das US-Unternehmen Overdrive, das sich bereits seit den 1980er Jahren auf den Vertrieb von virtuellen Medien insbesondere an Bibliotheken spezialisiert hat. In den USA können mit Overdrive-Technologie ausgeliehene E-Books auch mit Amazons Kindle Reader geöffnet werden. Die deutsche Onleihe funktioniert dagegen nur im Rahmen von Dateien, die mit Adobe DRM geschützt sind – dieser DRM-Standard wird von Amazons Lesegeräten nicht unterstützt.

Die Onleihe konkurriert in Deutschland mit kommerziellen Verleihmodellen, etwa der Flatrate-App >>Skoobe, dem werbefinanzierten Modell von >>Readfy sowie Amazons >>Kindle-Leihbibliothek. Da viele Verlage sich bei E-Book-Verleihkonzepten bisher abwartend verhalten, kommt die Breite des jeweiligen Angebots noch nicht an das des regulären Online-Buchhandels heran.


[Dieser Artikel ist eine Preview aus: „das große e-book & e-reader abc“, das mehr als 200 aktuelle Stichwörter von Adobe-ID bis Zweifinger-Zoom enthält. Es ist digital und gedruckt im Oktober 2014 bei ebooknews press erschienen – Tipp: zum Einführungspreis bestellen und vier Euro sparen!]

„The Right to E-Read“: Bibliotheken fordern Lizenz zum E-Lesen

„Welttage“ sind so etwas wie die Leitwährung der Aufmerksamkeits-Ökonomie. Siehe den gestrigen 23. April, wo fleißig für Content in fester („Welttag des Buches“) wie flüssiger Form („Welttag des Bieres“) geworben wurde. Einen tiefen Schluck aus der PR-Pulle gönnte sich auch der „Deutsche Bibliotheksverband“ – und forderte medienwirksam die „rechtliche Gleichstellung von E-Books und gedruckten Büchern“. Oder kürzer: „the right to e-read“. So der Claim der zeitgleich angelaufenen europaweiten Bibliothekskampagne. Denn neben fehlender steuerlicher Gleichberechtigung (Mehrwertsteuer!) hakt es oft schon beim Zugang zu elektronischer Lektüre.

Während Bibliotheken bei Büchern, DVDs oder CDs mit dem Kauf auch automatisch das Recht auf Ausleihe erwerben, ist eine ähnliche Regelung für E-Books im Urheberrecht bisher nicht vorgesehen – was u.a. daran liegt, dass elektronische Bücher nicht zurückgegeben werden können. Deswegen sind Bibliotheken darauf angewiesen, dass ihnen Verlage ausdrücklich digitale Ausleihlizenzen gewähren – was diese aber in vielen Fällen verweigern. Nicht nur aus Angst vor Raubkopien hat die „Onleihe“ noch viele Gegner: auch die automatische Vergütung der Rechteinhaber über die sogenannte „Bibliothekstantieme“ funktioniert derzeit nur bei Büchern aus Papier.

Das gefährdet nach Ansicht des Bibliotheksverbandes den Kernauftrag von Bibliotheken – der darin bestehe, allen BürgerInnen Bildung und Information „zu fairen, einfachen und kostengünstigen Bedingungen“ zu ermöglichen. Deswegen lautet die Forderung an die Bundespolitik: „Die Regelungen für den Verleih von Büchern müssen auch für nicht-körperliche Werke gelten“. Das Onleihe-Potential ist riesig: schließlich wurden alleine 2013 in öffentlichen Bibliotheken fast 500.000 Medieneinheiten ausgeliehen, zum größten Teil noch in physischer Form.

Der traditionsbewusste „Verband deutscher Schriftststeller“ hält die Ausweitung der Onleihe dagegen für eine Schnapsidee – und forderte zum „Welttag“ den „uneingeschränkten Schutz des Urheberrechts“ in bisheriger Form. Egal ob Buch oder E-Book, „die geistige, schöpferische Leistung“ sei stets dieselbe. Einen Interessengegensatz zwischen aktuellem Urheberrecht und Informationsfreiheit vermochten die organisierten Kreativen nicht auszumachen. Wichtig sei vor allem eins: „Der Zauber des Worts, die Magie der Sprachgewalt müssen auch weiterhin eine breite Leserschaft erreichen“. Wieso das ohne E-Books leichter zu erreichen ist, verrieten die Sprachgewaltigen aber nicht.

Abb.: flickr/pfv (cc)

E-Book-Flatrate wider Willen: Dresden macht den e-bibo

„Wir bieten keine E-Book-Flatrate“, verlautbarte die Stadtbibliothek Dresden kürzlich via Buchreport, und versuchte die aufgebrachte (Verlags-)Branche zu beruhigen. Vorausgegangen waren Berichte, die Dresdener hätten – ähnlich wie die Hamburger Stadtbibliothek – ihr Onleihe-System bundesweit geöffnet. Skandal! Ein kommunales Skoobe für Krethi und Plethi, für zehn Euro pro Jahr! Oder doch nicht!? Tatsächlich steht auch weiterhin in der Nutzungsordnung: „Jede/jeder ist berechtigt … Medien aller Art zu entleihen“, und zwar „persönlich unter Vorlage des Personalausweises der Bundesrepublik Deutschland“. Die Anmeldung kann online geschehen, über ein spezielles „Selbstregistrierungsportal“ (das sich allerdings an die „Bewohnerinnen und Bewohner Dresdens“ richtet, doch letztlich gilt ja die Benutzerordnung).

Wer die Jahresgebühr von 10 Euro berappt, kann also tatsächlich aus der „e-bibo“ an der Elbe E-Books auschecken, auch wenn er in Aachen oder Zittau wohnt. Die Zahl der Titel ist allerdings überschaubar: Knapp 2.300 elektronische Sachbücher stehen zur Verfügung, außerdem etwa 1.100 Romane, darüberhinaus kann man u.a. Hörbücher und ePaper-Ausgaben von einem Dutzend Tages- und Wochenzeitungen downloaden. Die Bibliotheksleitung bleibt derweil bei ihrem Standpunkt, es handele sich nicht um eine bundesweite Ausleihe: „Dazu müssten wir sie bundesweit bewerben, was wir jedoch nicht tun“. Bisher würden ohnehin auch nur 250 Auswärtige das Angebot nutzen – wobei es durch die unfreiwillige Werbung in der Blogosphäre wohl bald ein paar mehr sein dürften.

Fragt sich natürlich auch, was daran eigentlich so schlimm wäre. Im letzten Jahr wurden in Dresden laut Bibliotheks-Statistik mehr als 5,6 Millionen Medien ausgeliehen, darunter machte die Onleihe mit 60.000 Vorgängen gerade mal etwas über ein Prozent aus. Die Zuwachsrate im virtuellen Bereich betrug aber 63 Prozent, bei physischen Ausleihen nur 1,9 Prozent. Kommen nun noch weiter Nutzer von außerhalb hinzu, die nur digital ausleihen, dürfte das für den Kostendeckungsgrad der Bibliothek durchaus von Nutzen sein. Denn ein Großteil der Gebühr wird schließlich in den Betrieb der analogen Einrichtung und die Entlohnung der Bibliothekare gesteckt.

Und letztlich wären mehr Onleihe-Vorgänge wohl auch gar nicht so schlecht für die Bilanz der Verlage – schließlich hat ihnen die Ausleihe von mehr als 5 Millionen physischen Medien durch Dresdner BürgerInnen im vergangenen Jahr wohl ebensowenig geschadet. Warum das bei der zahlenmäßig noch marginalen Onleihe anders sein soll, und das zugleich nur dann, wenn sie von Nicht-Dresdnern wahrgenommen wird, bleibt wohl für immer ein Rätsel aus den Untiefen der Gutenberg-Galaxis. Zumal die Anzahl der maximalen möglichen Ausleihvorgänge ja durch Lizenzen festgelegt ist. Clevere Publisher nutzen die E-Book-Ausleihe (siehe Amazon & Co.) längst aktiv als Promotion-Instrument für Autoren & Verlagsprogramm – ist das denn wirklich so abwegig!?

Onleihe: „Zehn Prozent sind zu wenig“ – Bitkom sieht Nachholbedarf bei Bibliotheken

In den USA ist das Ausleihen von E-Books bereits alltäglich geworden – im Leseland Deutschland bleibt die „Onleihe“ jedoch noch ein zartes Pflänzchen. „Das Angebot elektronischer Medien und insbesondere von E-Books in öffentlichen Bibliotheken ist noch zu gering“, attestiert im Vorfeld der Leipziger Buchmesse nun auch BITKOM-Präsident Dieter Kempf. Erst zehn Prozent der öffentlichen Bibliotheken bieten hierzulande die Ausleihe von E-Books, Hörbüchern oder Zeitschriften per Internet an, berichtet der IT-Branchenverband unter Berufung auf Daten des Deutschen Bibliotheksverbandes. Zudem sei der Bestand verfügbarer Titel in den 350 öffentlichen Büchereien mit Online-Ausleihe eher bescheiden. So sind etwa in den Bibliotheken Berlins rund 600 Sachbücher, aber nur knapp 100 Titel in der Rubrik Belletristik für E-Reader und Tablet verfügbar. Bei knappen finanziellen Ressourcen stehen viele Bibliotheken aber offenbar immer wieder vor der Entscheidung: E-Book oder Print-Buch?

„Lesegewohneiten der jungen Generation beachten“

Doch auch E-Book ist nicht gleich E-Book. Deutlich mehr Titel gibt es in den Bibliotheken zur Zeit noch in Form von PDF-Dateien, die sich vor allem für das Lesen am PC-Bildschirm eignen. „PDF-Dokumente sind im Belletristik-Bereich allerdings weniger lesefreundlich als Formate für Tablets und E-Reader“, so Kempf. Mit der steigenden Verbreitung von Tablets und E-Readern würden sich die Lesegewohnheiten der Menschen rapide verändern. „Darauf müssen die öffentlichen Bibliotheken schnell reagieren, wenn sie die junge Generation nicht verlieren wollen.“ Rein technisch zumindest funktioniert die Onleihe reibungslos, und das nicht nur via PC. Die Onleihe-App der öffentlichen Bibliotheken macht das Auschecken von elektronischer Lektüre auch via Smartphone oder Tablet möglich. Die Leihfrist wird dabei durch Digital Rights Management simuliert – E-Books können in der Regel nur zwei Wochen lang gelesen werden, bei Zeitungen und Zeitschriften beträgt die Lesedauer nur wenige Tage.

USA: Overdrive-App zeigt, was möglich ist

Wie gut Onleihe funktionieren kann, zeigt in vielen englischsprachigen Ländern der Content-Dienstleister Overdrive, der eine eigene E-Reader-App anbietet. Da in den USA mittlerweile auch Amazon zu den Kooperationspartnern gehört, können ausgeliehene Titel nicht nur auf dem Kindle-Reader selbst, sondern via Kindle-App etwa auch auf iPad/iPhone, Android-Geräten, Blackberry- oder Windows-Handys gelesen werden. Als besonderes Feature bietet Amazon die Nutzung des Highlighting- und Anmerkungsfunktion an. Wird ein Buch vom selben Nutzer erneut ausgeliehen – oder anschließend gekauft – stehen die individuell hinzugefügten Informationen weiter zur Verfügung. Die Onleihe-Erfolgsstory schürt bei manchen Verlagen trotzdem die Angst vor Kannibalisierungs-Effekten. So stoppte etwa Penguin Ende 2011 die Auslieferung neuer Titel an Overdrive, was bei Bibliotheksverbänden auf Proteste stieß. Doch auch manche Marktbeobachter wunderten sich – schließlich ist die Ausleihe in der Bibliothek vergleichbar mit der Rolle, die Radiosender für die Popularisierung von Musiktiteln spielen.

Abb.: Regal-Installation mit 19 iPads & der BigWords-App (Nate Bolt/flickr)

Amazon als Bibliothek: Kostenloser E-Book-Verleih für Premium-Kunden geplant

Für 79 Dollar pro Jahr können Amazon-Kunden in den USA zum „Prime-Member“ werden – und profitieren dann vom kostenlosen Express-Versand. Demnächst könnte noch ein weiteres Privileg dazukommen. Amazon plant nämlich einen kostenlosen E-Book-Verleih für die Premium-Mitglieder, von denen bereits etwa 10 Prozent einen Kindle-Reader besitzen. Dem Wall Street Journal zufolge verhandelt das Unternehmen bereits mit Verlagen über die Konditionen. Getestet werden soll der „E-Book-Rental“-Plan zunächst mit Backlist-Titeln. Zusätzliche Gebühren für die Nutzer fallen wahrscheinlich nicht an.

Dritte Content-Säule für das Amazon-Tablet

Amazon-Konkurrent Barnes&Noble bietet in seinen Filialen bereits via WiFi kostenlosen Zugriff auf alle Nook-Ebooks, allerdings nur für eine Stunde pro Tag. Amazons neuer Service würde über solch ein Modell natürlich weit hinausgehen, und wird dem Vernehmen nach auch exklusiv sein, was die Sache für Jeff Bezos deutlich verteuern dürfte. Erst recht, wenn auch noch aktuelle Titel dabei sein sollen. Strategisch macht der Übergang zum Flatrate-Tarif für E-Books aber Sinn – vor allem in Verbindung mit dem in Kürze erwarteten Start des Amazon-Tablets. Neben Videostreaming (Amazon Instant Video) und MP3-Streaming (Cloud Player) könnte der E-Book-Verleih zur dritten Content-Säule auf dem Touch-Screen werden.

Flatrate als perfekter Schutz vor E-Book-Piraterie

Elektronische Bücher wären damit endlich im „Age of the Wireless“ angekommen – bei Hörbüchern ist dies ja schon längst der Fall, siehe etwa die Flatrate-Tarife von Audible. Eine wirkliche Umstellung für die Verlage bedeutet das nicht, denn gerade in den USA wird bereits viel E-Lesestoff über Distributoren wie Overdrive in das Bibliothekswesen eingespeist. Schmaler werden natürlich die Gewinnmargen, denn der einzelne Verleih bzw. das Streaming bringt deutlich weniger als der Verkauf eines E-Books. In der Masse könnte es sich jedoch wieder lohnen – kein anderes Unternehmen kann schließlich soviel Publikum garantieren wie Online-Riese Amazon. Entspannen wird sich mit dem E-Book-Rental wohl auch die Diskussion um Kopierschutz & DRM. Denn nichts schützt besser vor Piraterie als eine günstige Flatrate.