Auf den dunklen Seiten der Macht: Silke Nowak, Nocturna – Tödliche Schrift [Leseprobe]

Nocturna_IntroEin mysteriöses Findelkind steht am Anfang von Silke Nowaks neuem Thriller „Nocturna — Tödliche Schrift“. Die Ravensburger Polizei steht vor einem Rätsel, die Spuren führen ins Nichts. Zur selben Zeit bekommt Privatdetektivin Ruby Fuchs Besuch von einer geheimnisvollen Fremden, die sich Madame de Rochat nennt. Sie behauptet, das Kind sei Teil einer Prophezeiung aus dem 16. Jahrhundert, der sogenannten Nocturna des Nostradamus. Der Prophet habe dort vier Morde vorhergesehen – und der erste habe sich bereits ereignet. Die Polizei hält sie für verrückt. Auch Ruby lehnt den Auftrag ab. Als dann aber der zweite Mord wie angekündigt stattfindet und Nummer drei bedrohlich naherückt, gibt es keine Wahl mehr. Ruby und ihr Kollege John stecken bereits mitten in einer Geschichte, die sich nicht erfüllen darf. Wie wahnsinnig ist die Idee einer tödlichen Schrift wirklich? Unsere Leseprobe führt ins erste Kapitel, noch etwas mehr verrät die „Blick ins Buch“-Funktion im Kindle Shop.


Silke Nowak, Nocturna. Tödliche Schrift

1.


Mit ihrer Stimme fing alles an. Sie war warm und melodiös und vereinte die Kraft der Verführung des französischen Akzents mit dem tiefen, rauen Klang des Schweizerdeutschen.
„Guten Abend“, sagte sie, „spreche ich mit Ruby Fuchs, der Privatdetektivin?“
„Am Apparat“, erwiderte ich.
Es war Donnerstag, der 3. Januar, als mich ihr Anruf spät abends erreichte. Ich lag in der Badewanne, plätscherte mit den Zehen im Wasser und schaute Sam beim Pizzabacken zu. In meiner Dachgeschosswohnung spielte sich alles in einem einzigen, großen Raum ab, von dem nur eine Toilette abgetrennt war – und mein Herz, wenn man es genau nahm. Denn diese Wohnung hatte ich damals zusammen mit meinem Verlobten bezogen, der kurz darauf im Polizeieinsatz erschossen worden war.
Um mich herum glitzerte der Schaum.
Wie lange war das jetzt her? Vier Jahre? Fünf? Wieder plätscherte ich mit den Zehen im Wasser. Egal, dachte ich. Letztlich war es egal; die Zeit lief nicht mehr geradeaus seitdem, sie war vielschichtiger geworden, tiefer.
„Es tut mir leid, wenn ich so spät noch störe“, hörte ich die Stimme der unbekannten Anruferin wieder. „Aber es ist wichtig.“ Plötzlich wechselte sie ins Französische und fügte hinzu: „C’est très important.“
Mein Französisch war nicht das Beste, aber dass es anscheinend sehr wichtig war, verstand ich.
„Um was geht es denn?“, fragte ich. Das Handy hielt ich einen Zentimeter vom Ohr entfernt, damit es nicht nass wurde.
„Ich habe einen Auftrag für Sie“, kam die Unbekannte zur Sache. Dann wurde ihre Stimme leiser, zugleich noch rauer, als sie wieder auf Französisch hinzufügte: „C’est une question de vie ou de mort.“
De vie ou de mort.
Eine Frage von Leben und Tod.
Das Unheilvolle und zugleich Zärtliche, das in ihrer Stimme mitschwang, alarmierte mich. Tief in mir drin löste dieser Sound etwas aus; etwas, das auf meinen Armen eine Gänsehaut hinterließ. Ich blickte zu Sam hinüber. Seit einem halben Jahr waren wir jetzt zusammen, ein halbes Jahr, in dem meine Gefühle für ihn mit jedem Tag gewachsen waren, ebenso wie meine Angst, ich könnte auch ihn wieder verlieren.
Das Badewasser war plötzlich kalt.
Die kleinen Schaumblasen zerplatzten.
Wenn meine Ängste überhandnahmen und ich beim kleinsten Geräusch ans Revers nach meiner Waffe griff, dann war es Sam, der mich mit seinem Lachen runterholte. Denn ich trug schon lange kein Revers mehr. Ich hatte meine Dienstwaffe abgegeben, nachdem ich meinen Job als Kriminalkommissarin gekündigt hatte.
„Fuchs & Bentwood soll die beste Detektei weit und breit sein, habe ich gehört“, sagte die Frau am Telefon.
„Mag sein“, antwortete ich, ohne Sam aus den Augen zu lassen.
Sam war ein Singer-Song-Writer, der mit seiner Gitarre und den goldbraunen Locken so sorglos durch die Welt ging, als bestünde sie nur aus Licht und Liebe. Auch jetzt summte er etwas vor sich hin, während er mit kurzen, kräftigen Bewegungen den Teig knetete, bis sich das Mehl, Wasser, Salz und Öl zu einer geschmeidigen Masse verbanden. In rhythmischen Abständen trat sein Bizeps deutlich hervor.
„Mit wem spreche ich denn?“, konzentrierte ich mich wieder auf das Telefonat.
„Mein Name ist Madame de Rochat“, antwortete sie. „Ich rufe aus Lausanne an.“
„Aus Lausanne“, wiederholte ich durchaus überrascht. Das erklärte zwar ihre deutsch-französische Zweisprachigkeit, doch zugleich warf es neue Fragen auf.
Sam knetete den Teig.
Die Detektei Fuchs & Bentwood lag in Ravensburg in der Nähe des Bodensees und damit am Dreiländereck Deutschland, Österreich und der Schweiz. Schweizer Kunden waren somit nichts Besonderes, doch bisher waren sie immer aus den angrenzenden, deutschsprachigen Gebieten gekommen. Dass sich jemand aus der französischen Schweiz an uns wandte, war ungewöhnlich.
Ich stieg aus der Wanne.
Ebenso ungewöhnlich wäre es, wenn diese Madame de Rochat wirklich einen großen Auftrag für die Detektei Fuchs & Bentwood hätte, geschweige denn einen, in dem es um Leben oder Tod ging. Denn die Zeiten, in denen sich Privatdetektive mit wirklich großen Dingen beschäftigten, waren längst vorbei. Das Hauptgeschäft von Detektiven bestand heutzutage in der Überwachung von Ehepartnern, Kindern oder Angestellten, deren größtes Verbrechen es war, die Schule zu schwänzen, eine Geliebte zu haben oder Urlaub zu nehmen, wenn er nicht zustand.
„Um was geht es denn genau?“ Ich stand nackt auf dem Teppich, das Wasser lief an mir herab. Ungeduldig wechselte ich die Hand, in der ich das Handy hielt.
„Einen Moment, bitte“, sagte Madame de Rochat. „Ich muss nur mal eben kurz … “
Dann waren schleppende Schritte zu hören, gefolgt von einer männlichen Stimme, die etwas sagte, das ich nicht verstand.
Ich angelte mir ein Handtuch vom Stuhl.
Sam wirbelte den Pizzateig durch die Luft.
Die Trivialität meiner Aufträge machte mir nichts aus. Im Gegenteil. Als ehemalige Kriminalkommissarin in der Abteilung für Organisiertes Verbrechen war ich viel zu lange in den Krisengebieten dieser Welt unterwegs gewesen. Dort endeten Konflikte nicht mit einer Abfindung oder Scheidung, sondern mit dem Tod. Mit einem grausamen Tod, der dunkle Löcher in den Körpern und Seelen der Menschen hinterließ.
„Hallo?“, fragte ich. „Sind Sie noch dran?“
Keine Antwort. Mir gegenüber stand ein großer Spiegel mit einem Rahmen aus Blattgold. Ich ließ das Handtuch sinken und blickte hinein. Viel zu tief hatte ich schon in das Schwarze, das Hässliche der menschlichen Natur hineingeblickt. Manchmal, wenn ich wie jetzt mein Spiegelbild betrachtete, blickte es noch zurück.
Es ist vorbei, sagte ich mir.
Die Zeit spielte keine Rolle mehr, aber dass es vorbei war, war gut.
Meine langen, dunklen Haare hingen seitlich über meine Schulter nach vorne. Sie waren nass. Ein kleines Rinnsal floss herab. Die feuchte Spur führte über meine Brüste hinab über die Innenseite meiner Schenkel bis zu der Narbe, die rot und hässlich meinen rechten Fußknöchel entstellte.
Es ist vorbei.
„Frau Fuchs?“, hörte ich Madame de Rochat wieder. „Können wir das persönlich besprechen?“ Mit gedämpfter Stimme fügte sie hinzu: „Ich möchte nicht, dass Jakob etwas mitbekommt.“
„Natürlich“, entgegnete ich und legte mich aufs Bett.
Sam strich den Teig auf das Blech, seine Daumen arbeiteten flink, als er die Ecken festdrückte.
„Ich möchte Jakob erst damit konfrontieren, wenn ich mir ganz sicher bin“, sagte Madame de Rochat. Als ich nicht sofort antwortete, fragte sie nach: „Vous comprenez?“
„Ich verstehe“, antwortete ich.
Es handelte sich also um ein Eheproblem. In meiner Phantasie war Madame de Rochat nun die schöne Ehefrau eines Schweizer Millionärs namens Jakob, der sie mutmaßlich betrog. Ich sah diese Frau in ihrer Villa mit Blick auf den Genfer See sitzen, einen Martini in der Hand, die Leere im Blick, das Misstrauen im Herzen. Natürlich würde das kein großer Auftrag werden; abgesehen von der Summe, die Madame de Rochat zu bezahlen bereit war. Zumindest hoffte ich das.
„Dann kommen Sie doch einfach bei mir in der Detektei vorbei“, schlug ich vor. „Sie wissen aber schon, dass wir in Ravensburg sind? Von Lausanne aus ist das ein Stück.“
„Je sais“, sagte sie und übersetzte sogleich selbst: „Ich weiß.“
Sam schob die Pizza in den Ofen und sah mich dabei an. Seine Augen waren Meeraugen, die hell wie das Wasser der Südseestrände funkeln konnten, doch manchmal, so wie jetzt, waren sie dunkel wie das tiefere Gewässer weit draußen.
„Ich habe in nächster Zeit ohnehin in Ravensburg zu tun“, fügte Madame de Rochat noch hinzu.
Auf Sams Wange und auf seinem T-Shirt waren weiße Mehlflecken. Als er herüberkam, bemerkte ich, dass auch seine Jeans voller Mehl war. Er zog Shirt und Jeans aus, bevor er sich zu mir auf das Bett legte.
„Ich kann morgen früh um zehn bei Ihnen sein“, schlug Madame de Rochat vor. „Passt das? Ça vous va?“
„Morgen früh um zehn?“, wiederholte ich.
Sam leckte mir den letzten Wassertropfen aus dem Bauchnabel.
„Okay, ja, das ist gut“, sagte ich schließlich und beendete das Gespräch. Dann schloss ich meine Augen, während sich der Duft von Oregano und Rosmarin im Raum ausbreitete.

2.



Am nächsten Morgen hing ein eisgrauer Himmel über der Stadt. Es war Freitag, der 4. Januar. Die Detektei Fuchs & Bentwood lag nur ein paar hundert Meter von meiner Wohnung entfernt. Der Weg führte über Kopfsteinpflaster durch die verwinkelten Gassen der Altstadt, vorbei an Bäckerläden, aus denen es nach frischgebackenen Brezeln duftete. In den Cafés wurden um diese Uhrzeit bereits die Stühle zurechtgerückt und Tafeln neu beschriftet. Nur vor den kleinen Boutiquen waren die Gitter noch heruntergelassen.
Es war 09:25 Uhr.
Ich atmete die kalte Morgenluft ein. John Bentwood, mein Partner in der Detektei, war über Neujahr bei seiner Familie in England gewesen und kam erst heute Abend wieder zurück. So fand ich die Räume der Detektei Fuchs & Bentwood leer vor, als ich die Tür aufschloss. John fehlte ebenso wie die Risse in der Wand. Denn vor Weihnachten hatten wir die Räume frisch gestrichen; seitdem waren sie ungewöhnlich glatt, auch kahl. Bis auf das Foto meiner Mutter hatte ich noch keine Bilder aufgehängt.
Ich drehte die Heizung hoch. Es waren noch alte, weiße Heizkörper, die sofort zu gluckern begannen.
In einer halben Stunde würde meine Kundin aus Lausanne kommen. Ich stellte Getränke in der Sitzecke bereit, überprüfte die Infomappe und holte mir, nachdem alles zu meiner Zufriedenheit war, eine Tasse Kaffee aus der Küche. Damit setzte ich mich an den Schreibtisch und checkte meine Whatsapp-Nachrichten.
Warum kommt die extra aus Lausanne?, wollte John wissen.
John saß bereits am Flughafen in London Heathrow und wartete auf das Boarding.
Weiß ich auch noch nicht, antwortete ich. Dann fügte ich hinzu: Weil wir die Besten sind?!
John antwortete mit einem zwinkernden Smiley.
Ich nahm einen Schluck Kaffee und schickte einen lachenden Smiley zurück, gefolgt von einem angespannten Bizeps. Dann fragte ich: Wann landest du genau?
15:35 Uhr Zürich, kam die Antwort.
Und wann ist noch mal dein Vortrag?, fragte ich.
18:30 Uhr, schrieb er zurück.
Vor ein paar Wochen hatte John eine Anfrage aus Zürich erhalten, ob er vor jugendlichen Schulabgängern einen Vortrag über das Berufsbild des Privatdetektivs zu Beginn des 21. Jahrhunderts halten könne. Er hatte seinen Flug extra so koordiniert, dass er die Veranstaltung auf dem Rückweg mitnehmen konnte.
Guten Flug, wünschte ich ihm. Und viel Spaß heute Abend!
Thanks, schrieb er zurück.
Bis morgen früh, tippte ich noch. Gibt übrigens viel zu tun!
Dann beendete ich den Chat mit einem Kussmund.
John schickte einen angespannten Bizeps hinterher.
Nachdenklich legte ich das Handy beiseite und schmiegte beide Hände um die noch warme Kaffeetasse. Über Weihnachten und Neujahr war nicht viel los gewesen in der Detektei, doch in den ersten Januartagen hatte das Geschäft merklich angezogen. Bei vielen Leuten schienen die Feiertage nicht nur ein paar Kilo mehr auf den Hüften hinterlassen zu haben, sondern auch Zweifel an der Echtheit der Gefühle des Partners oder an der Herkunft des neuen Geländewagens des Schwagers.
Ich nahm einen Schluck Kaffee.
Es war 09:58 Uhr.
Vom Zweifel bis zur Überwachung war es dann nur noch ein kleiner Schritt – und der führte direkt zu uns: Sie wollen Klarheit? Sie wollen endlich die Wahrheit wissen?, stand auf unserer Seite im Internet. Die Detektei Fuchs & Bentwood ist immer für Sie da!
Ich trank den Kaffee leer.
Es war gut, dass John endlich zurückkam, zumal man seine versnobte Familie ohnehin nicht länger als drei Tage ertragen konnte. Sein Vater hatte mir bei unserer ersten Begegnung erzählt, dass der Stammbaum der Bentwoods bis zu Heinrich dem VIII. zurückreiche. Beeindruckend, hatte ich gesagt. Johns Familie schrieb ihm seit jeher vor, was sich für einen Bentwood gehörte – und was nicht. Privatdetektiv zu sein gehörte sich jedenfalls nicht; aber es war allemal besser als drogenabhängig auf Partys herumzulungern, was Johns alternativer Lebensplan gewesen wäre, wenn ich ihn damals nicht unter meine Fittiche genommen hätte. Damals, das war jetzt zehn Jahre her, hatte er unmotiviert eine Ausbildung zum Polizisten begonnen. Ich war seine Ausbilderin gewesen.
Draußen schlug die Liebfrauenkirche zehn Uhr.
Leise zählte ich mit.
Es waren vier helle und zehn dunkle Schläge, die durch die Gassen der Altstadt hallten und nun von den leicht verspätet einsetzenden Glocken der evangelischen Stadtkirche begleitet wurden. Ich trat ans Fenster und ließ meinen Blick über den Marienplatz schweifen. Unsere Detektei lag im zweiten Obergeschoss eines dreistöckigen Eckhauses, das nach vorne schmal zulief wie der Bug eines Schiffes. Von meinem Büro aus sah man auf den weitläufigen Marienplatz hinab, die Küche und Bad gingen aber nach hinten hinaus und gaben den Blick auf die enge, dunkle Rosmarinstraße frei, in der es immer ein wenig nach Neapel roch, vor allem im Sommer.
Unten eilten die Leute vorüber.
Um mich herum standen die Türme still. Ravensburg galt als Stadt der Tore und Türme, von denen einige schon im Mittelalter erbaut worden waren. Ich ließ meinen Blick über den Grünen Turm gleiten, das Frauentor und hinauf bis zum sogenannten Mehlsack, einem dicken, runden Turm mit weißem Verputz.
Mehlsack – so hatten wir früher zu den Kindern gesagt, die fett und plump gewesen waren. Kinder konnten grausam sein.
Nur Erwachsene waren noch grausamer.
Fast direkt vor der Detektei Fuchs & Bentwood lagen mehrere Bushaltestellen, zwei auf unserer Seite und eine gegenüber. Dort warteten die Leute mit grauen Gesichtern und eingezogenen Köpfen, die Hände in den Jacken vergraben und die Sehnsucht tief in ihrem Inneren. Ein Bus kam um die Ecke gerollt, langsam fuhr er durch den Schneematsch und hielt an der vorderen Haltestelle. Die Scheiben waren beschlagen. Leute stiegen aus, andere stiegen ein. Nachdem der Bus wieder abgefahren war, bemerkte ich vier Gestalten, die die Straße überquerten. Sie trugen dunkle Umhänge mit Kapuzen, die ihnen weit ins Gesicht fielen.
Wie riesige Raben ragten sie aus der Menge.
Die Menschen machten ihnen Platz.
Plötzlich drehte sich der Größte von ihnen um. Ich stutzte. Er sah direkt zu mir hoch. Sein Blick war wie eine Rasierklinge, scharf und aggressiv. Instinktiv trat ich einen Schritt vom Fenster zurück. Mein Herz begann schneller zu schlagen. Mir war sofort klar, dass dieser Blick kein Zufall gewesen war. Es war eine Drohung; auch Snajdrom hatte mich so angesehen, als er versprach, mich zu töten.
Es ist vorbei.
Snajdrom war tot.
Trotzdem scannte ich im Geiste alle Auftragskiller des organisierten Verbrechens durch, von Ost nach West, alphabetisch von oben bis unten, aber das Gesicht des Rabenmannes war nicht dabei. Ich hätte es wiedererkannt, da war ich mir ganz sicher. Wie sein Blick war auch sein Gesicht auffällig scharf gezeichnet, die Nase sprang hervor wie ein Klappmesser, die Augenbrauen waren zwei spitze Bögen.
Das Vierergespann verschwand in Richtung Fußgängerzone aus meinem Blickfeld. Hinter ihnen her wehten die schwarzen Umhänge, die aussahen, als kämen sie aus einer vergangenen Zeit.
Ein Klingeln erlöste mich aus meiner Erstarrung.
„Fuchs & Bentwood“, sagte ich betont tatkräftig in die Sprechanlage, dann: „Hallo?“
Und da war sie wieder, diese dunkle, raue Stimme, die sagte: „Hier ist Madame de Rochat. Ich habe einen Termin bei Ruby Fuchs.“

3.



Ich hatte mich geirrt. Madame de Rochat war keine Frau, die ihren Mann überwachen ließ. Das war mir sofort klar, als ich sie sah. Sie hatte die schräg stehenden Augen einer Jägerin, den Mund einer Femme fatale und die Stirn einer Nonne. Zweifellos war sie schön, sehr schön sogar. Aber mehr noch als ihre Schönheit faszinierte mich die Intensität, die sie ausstrahlte – etwas, das mich in ihren Bann zog, ohne dass ich gewusst hätte, warum.
„Ich hoffe, Sie hatten eine gute Anreise?“, fragte ich, nachdem wir in der Sitzecke Platz genommen hatten.
„Haben Sie von dem Kind gehört?“, fragte sie unvermittelt zurück.
Ich nickte. Wahrscheinlich hatte sie in der Presse davon gelesen oder eines der Plakate gesehen, die überall in der Stadt aushingen. Wenn jemand in diesen Tagen von „dem Kind“ sprach, dann konnte es sich nur um den Säugling handeln, der am Morgen des 27. Dezembers auf dem Marienplatz ausgesetzt worden war. Eine gute Woche war seitdem vergangen. Jemand hatte das Baby in einem Weidenkorb an der Bushaltestelle abgestellt. Eine anonyme Hinweisgeberin rief daraufhin bei der Polizei an und meldete den Fund. Als die Polizei eintraf, war die Anruferin bereits verschwunden. Der Verdacht stand im Raum, dass es sich bei der Person um die Mutter handelte, über die allerdings nichts bekannt war, außer dass sie mit einem ausländischen Akzent gesprochen hatte. Mit hoher Wahrscheinlichkeit hatte ihr Anruf dem Säugling das Leben gerettet, denn an diesem Morgen hatte das Thermometer minus 14 Grad angezeigt. Wenn das Neugeborene auch nur eine Viertelstunde länger in der Kälte gelegen hätte, wäre es vermutlich erfroren. Aktuell befand es sich mit einer Lungenentzündung im St. Elisabethen-Klinikum. Jeden Tag wurden Geschenke und Blumen auf der Station abgegeben. Ganz Ravensburg fieberte mit dem Kind. Auf den Plakaten bat die Polizei die Bürger um Mithilfe. Es ging darum, Hinweise auf die Identität des Kindes zu erhalten, aber auch darum, ein Verbrechen aufzuklären. Laut Paragraph 221 des Deutschen Strafgesetzbuches wurde der Tatbestand der Aussetzung mit bis zu 15 Jahren Haft bestraft, wenn der Tod von Schutzbefohlenen dabei in Kauf genommen wurde.
„Sie meinen sicher das Neugeborene, das unten an der Bushaltestelle ausgesetzt wurde“, sagte ich schließlich.
„Finden Sie das nicht seltsam?“, fragte Madame de Rochat.
Ich sah sie an. Sie hatte helle Augen, die im Treppenhaus noch grünlich geleuchtet hatten, doch jetzt, da ein Sonnenstrahl sie traf, wie patiniertes Gold glänzten. Der Kontrast zu den roten, schulterlangen Haaren fesselte meinen Blick.
„Das ist doch seltsam“, sagte sie wieder.
„Was?“
„Dass uns das Kind ausgerechnet an Weihnachten geschenkt wurde“, antwortete sie. „Dass dieses Wunder geschieht! Ich kann das ja selbst kaum glauben! C’est vraiment incroyable. Eigentlich kann das doch gar nicht sein! Aber das Kind wurde uns tatsächlich geschenkt!“
„Geschenkt?“ Ich stutzte. Die Formulierung war seltsam. „Wenn eine Frau so verzweifelt ist, dass sie ihr Kind aussetzt“, erwiderte ich, „dann tut sie das doch nicht, um irgendjemand ein Geschenk zu machen. Aber wenn Sie damit meinen, dass es besser ist, ein Kind auszusetzen als es gleich bei der Geburt zu töten, dann gebe ich Ihnen recht.“ Nach ein paar Sekunden fügte ich hinzu: „Leben ist ein Geschenk.“
Etwas an ihrem Lächeln irritierte mich.
„Auch Moses wurde in einem Weidenkorb ausgesetzt“, sagte sie und strich sich das rote Haar aus der Stirn.
„Moses?“ Ich griff nach der Wasserflasche und fragte: „Meinen Sie den aus der Bibel?“
„Exactement“, antwortete sie auf Französisch. Dann fuhr sie fort: „Moses ist die zentrale Gestalt des Pentateuch, der ersten fünf Bücher des Alten Testaments. Er war ein Prophet Gottes, dem es bestimmt war, sein Volk aus der Sklaverei zu führen.“
Ich sah sie an.
Meine Irritation wuchs. Vorsichtig fragte ich: „Wollen Sie Kaffee?“ Die Thermoskanne stand bereits auf dem Tisch, doch Madame de Rochat schüttelte den Kopf.
„Sie kennen ja sicher die Geschichte aus der Bibel“, sagte sie. „Moses wurde nach seiner Geburt in einem Weidenkorb im Nil ausgesetzt, wo ihn die Tochter des Pharaos fand. Die Prinzessin nahm ihn als ihr eigenes Kind an und rettete ihm damit das Leben. Moses ist also ein Geretteter, der später selbst zum Retter wurde. Comme on dit en français: il est devenu le Sauveur.“
Der Retter. Le Sauveur.
Es zischte, als ich die Wasserflasche öffnete.
Plötzlich kamen mir die Wände der Detektei noch kahler vor, aber vor allem weißer. Denn Madame de Rochat war ganz in Schwarz gekleidet, sie trug eine einfache, schmal geschnittene Hose und einen enganliegenden Rollkragenpullover, die ihre schlanke Figur gut zur Geltung brachten. Der Pullover war aus einem edlen Material, ich schätzte, Kaschmir.
„Damit deutet Moses bereits auf Jesus voraus“, fuhr sie fort, während ich mir einschenkte. „Auch Jesus musste als Kind vor Herodes gerettet werden, und auch er, der Gerettete, wurde später zum Retter, zu unserem Erlöser.“
Ich nahm einen Schluck Wasser.
„Doch der Bund, den Gott mit den Menschen durch seinen Sohn Jesus Christus vor zweitausend Jahren schloss, hat sich aufgelöst“, erklärte sie. Ihre Hände waren dauernd in Bewegung, sie fuhren durch die Luft wie Schwerte, doch jetzt zog sie damit einen waagrechten Strich, einen Cut, als sie sagte: „Durch die Gräueltaten des zwanzigsten Jahrhunderts hat sich unser Bund mit Gott gelöst. Die Christenheit befindet sich in einer tiefen Krise. Und spätestens zur Jahrtausendwende hat der Teufel durch einen Trick die Weltherrschaft übernommen.“
Ich trank das Wasserglas in einem Zug leer.
Meinte sie das ernst? Noch bevor ich wusste, was ich entgegnen sollte, fuhr sie auch schon fort: „Wissen Sie, dass wir uns mitten in einer der größten Umwälzungen der Menschheitsgeschichte befinden? In einer Revolution?“
Perplex schüttelte ich den Kopf.
„Den meisten ist ja gar nicht bewusst, wie sehr sich ihr Leben gerade verändert“, sagte Madame de Rochat. „Das Internet und vor allem diese kleinen Computer, die wir ständig mit uns herumtragen, also diese Handys, die sind doch schon fast ein körperlicher Teil von uns und wir von ihnen. Der Mensch, so wie wir ihn kennen, hat ausgedient.“ Plötzlich lachte sie, als hätte sie einen Scherz gemacht.
Ich sah sie einfach nur an.
„Zweitausend Jahre nach der Menschwerdung seines Sohnes Jesus Christus hat uns Gott deshalb ein zweites Kind geschickt“, sagte sie. „Sein Name ist Soterias. Das kommt aus dem Griechischen und bedeutet der Retter, der Erlöser.“ Dann fragte sie: „Verstehen Sie? Vous comprenez?“
Ich starrte auf ihren Mund, der rot und feucht glänzte, und suchte nach einer Erklärung. War Madame de Rochat etwa Mitglied einer religiösen Sekte?
„Sie meinen also“, fragte ich vorsichtshalber noch einmal nach, „dass das neugeborene Kind unten von der Bushaltestelle ein Heiland ist, der Messias oder was weiß ich, auf jeden Fall jemand, der uns erlösen wird? Von was auch immer? So wie Moses und Jesus?“
„Exactement“, sagte sie und lächelte wieder, doch jetzt war es eindeutig: Etwas stimmte nicht mit diesem Lächeln.
Oder war es mein Lächeln, das flackerte?
„Wissen Sie, ich glaube nicht an so etwas“, sagte ich, drehte das leere Wasserglas in meiner Hand hin und her und überlegte, wie ich die Frau wieder loswerden konnte. Demonstrativ blickte ich auf mein Handy. Dann setzte ich mein schönstes und unverbindlichstes Lächeln auf und sagte: „Aber Sie sind doch sicher nicht extra aus Lausanne hierhergekommen, um mit mir über religiöse Fragen zu sprechen. Dafür gibt es ja andere Profis. Ich bin Privatdetektivin, und am Telefon meinten Sie, Sie hätten einen Auftrag für meine Detektei. Wenn das nicht der Fall ist, dann muss ich Sie leider bitten“, wieder blickte ich auf mein Handy, „also ich habe viel zu tun und …“
„Mein Auftrag hängt mit dem Kind zusammen“, unterbrach sie mich schroff. Und dann war sie es, die mir ihr schönstes Lächeln zeigte, als sie hinzufügte: „Um das zu erklären, muss ich allerdings etwas ausholen. Ich hoffe, Sie können noch fünf Minuten Ihrer Zeit erübrigen.“
Ich hob das Glas gegen das Licht, blickte hindurch und murmelte: „Selbstverständlich.“
„Es ist nämlich so“, fuhr sie in der Art der besten Schulfreundin fort, die einem gleich ihr größtes Geheimnis anvertrauen wird. „Die Ankunft dieses Kindes wurde uns bereits vor fünfhundert Jahren prophezeit“, sagte sie mit leicht nach vorne gebeugtem Oberkörper, „und zwar von keinem Geringeren als von Nostradamus.“ Sie sah mich an, als erwartete sie eine heftige Reaktion.
Ich blickte durch das Glas und beobachtete die Lichtreflexe. Kein Zweifel, vor mir saß eine Verrückte, die meine Zeit verschwendete.
„Sicher haben Sie schon von Nostradamus gehört“, setzte sie nach. „Er war ein Prophet, ein Visionär des 16. Jahrhunderts, gesegnet und gestraft mit der Gabe, die Zukunft vorherzusehen. Eigentlich war er Apotheker, arbeitete aber als Astrologe. Heute ist er vor allem für seine prophetische Schrift der Centurien berühmt.“
Ich sah sie aufmerksam an.
Ihre Augen funkelten.
„Doch Nostradamus hat noch eine zweite Schrift verfasst“, sagte sie jetzt. Sie blickte sich um und sprach leiser, als sie hinzufügte: „Er nannte sie Nocturna, die Nächtliche. Diese Schrift war aber nur für einen kleinen Kreis an Auserwählten bestimmt.“
Ich schenkte mir Wasser nach.
Madame de Rochat griff ebenfalls nach der Flasche, schenkte sich ein und trank gierig zwei Schlucke. Dann griff sie nach der roten Ledertasche, die neben ihr auf dem Boden stand, und holte eine Mappe heraus.
„Insgesamt gab es nur drei Exemplare von dieser Schrift“, erklärte sie. „Alle drei sind von Nostradamus selbst geschrieben worden, natürlich von Hand, damals gab es ja noch keinen Computer.“ Wieder erschien dieses Lächeln auf ihren Lippen, während sie die Mappe öffnete und sagte: „Napoleon Bonaparte ließ ein Exemplar der Nocturna verbrennen, nachdem er darin von seiner Verbannung auf die Insel St. Helena erfuhr. Wahrscheinlich dachte er, so seinem Schicksal entgehen zu können.“
Sie schüttelte den Kopf wie über ein törichtes Kind und fügte beinahe zärtlich auf Französisch hinzu: „Quel imbécile!“
„Imbécible?“, wiederholte ich.
„Kleiner Dummkopf“, sagte sie lächelnd. „Das zweite Exemplar der Nocturna befand sich noch in den 1920er Jahren im Privatbesitz von Professor Jakobsen“, fuhr sie dann fort. „Das war ein namhafter Theologe aus Berlin. Doch die Nazis verbrannten seine gesamte Bibliothek. Also blieb nur noch das dritte Exemplar, das aber lange Zeit als verschollen galt.“
In der Mappe befanden sich mehrere Papiere. Madame de Rochat strich zärtlich über das Titelblatt und sagte: „Doch vor zehn Jahren im Sommer 2008 entdeckte eine Wissenschaftlerin dieses letzte Exemplar der Nocturna im Keller des ehemaligen Archivs der Stadt Lyon.“
Sie sah mich auf eine Weise an, die keinen anderen Schluss zuließ.
„Und das waren Sie?“, fragte ich.
„Exactement“, entgegnete sie triumphierend. Dann fügte sie hinzu: „Sie sind wirklich schlau, Frau Fuchs. Très intelligente.“ Wieder dieses Lächeln, dann: „Für die altehrwürdige Nostradamus-Gesellschaft war dieser Fund natürlich eine Sensation. Sie haben lange geprüft und getagt. Doch schließlich konnte Professor Didier, der Leiter der Gesellschaft, die Echtheit des Manuskripts bestätigen. Seitdem befindet sich das Original im Besitz eines Schweizer Unternehmers und Geistesgelehrten, der es vorzieht, anonym zu bleiben.“ Wieder strich sie über das Papier, als sie sagte: „Ich habe nur noch diese Kopie.“
Sie blätterte durch die Papiere.
„Und ich soll jetzt nachforschen, ob Napoleon das andere Original vielleicht doch nicht verbrannt hat? Ob es sich vielleicht auf St. Helena befindet? Oder ob es sich einer der Nazis vielleicht doch unter den Nagel gerissen hat?“, fragte ich ungeduldig nach. „Oder wollen Sie herausfinden, wer dieser anonyme Schweizer ist?“
War es das, was sie wollte? War sie eine Exzentrikerin mit einer Obsession für alte Bücher?
„Nein“, entgegnete sie und sah mich an. „Darum geht es nicht.“
„Worum dann?“ Wieder blickte ich auf mein Handy.
„Sie sollen einen Mord verhindern“, sagte sie.
„Ich soll … wie bitte was?“
„Einen Mord verhindern“, wiederholte sie bestimmt.
Draußen schlug die Liebfrauenkirche halb elf.

(Weiterlesen)

Autorin & Copyright: Silke Nowak

Nocturna_Cover_klein


Silke Nowak,
Nocturna. Die tödliche Schrift.
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 11,90 Euro

Wenn das Eis des Schweigens bricht: Silke Nowak, Alinas Grab [Leseprobe]

alinas-grab-introKurz nach ihrem achten Geburtstag wird der Kinderstar Alina Odermatt ermordet im Garten ihrer Eltern gefunden. Obwohl die Ermittlungen unter Hochdruck laufen, kann der Fall nicht aufgeklärt werden — er bleibt eines der großen Rätsel der deutschen Kriminalgeschichte. Jahre später wendet sich der Vater der getöteten Eisprinzessin an die Ravensburger Detektei Fuchs & Bentwood mit dem Auftrag, Alinas Bruder Mark ausfindig zu machen. Der damals Elfjährige stand zeitweise selbst unter Tatverdacht, später brach er den Kontakt zur Familie ab. Ruby Fuchs und John Bentwood machen sich auf die Suche nach dem jungen Mann. Schnell wird klar: Sein Verschwinden hängt mit dem Geheimnis um den Mord an Alina zusammen. Zwölf Jahre nach der schrecklichen Tat bricht das Eis des Schweigens — und der Alptraum beginnt erneut. Wie weit darf man für die Wahrheit gehen? Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel…


Silke Nowak, Alinas Grab

1. Kapitel — 1. Juli 2006 —


„Mark“, rief Alina. „Schau doch mal!“
Seine Schwester stand in ihrem roten Glitzer-Kostüm am Pool. Die Pailletten reflektierten das Sonnenlicht, leuchtende Punkte tanzten über das Wasser. Alina liebte dieses Kostüm. Es war das Kostüm aus Lea, die kleine Eisprinzessin. Mit diesem Film war seine Schwester berühmt geworden.
„Was ist denn, Prinzessin?“, rief Mark.
Alina trat jetzt vor bis zum Beckenrand. Dann schloss sie für einen Moment die Augen, sprang in die Höhe, drehte sich anderthalbmal um die eigene Achse und glitt beinahe lautlos ins Wasser.
„Cool“, rief Mark. Er klatschte in die Hände.
„Toll, Schatz!“, rief auch die Mutter von der Terrasse herüber. „Ein richtiger Axel!“
Anderthalb Jahre war es jetzt her, dass die Mutter mit Alina zum Casting nach München gefahren war, eigentlich nur aus Spaß. Man hatte Mädchen gesucht, die gut Schlittschuhlaufen können. Alina konnte das. Sie trainierte täglich unten im Eiskunststadion. Trotzdem hatte niemand damit gerechnet, dass sie die Rolle bekam. Es gab viele Mädchen, die gut Schlittschuhlaufen konnten. Aber die Jury hatte sich für Alina entschieden, weil Alina noch mehr konnte als Schlittschuhlaufen. Alina verzauberte die Menschen mit ihrem Lachen. Sie könne ängstlichen Menschen Mut machen, hieß es in der Begründung der Jury. Der Film war ein Riesenerfolg geworden. Die Dreharbeiten für Teil 2 begannen in wenigen Wochen.
„Huhu“, rief Alina und spritzte ihn nass.
„Na warte.“ Mark zog sein T-Shirt aus. Dann nahm er Anlauf, sprang ab und knallte mit einer Arschbombe ins Wasser, seine Spezialität.
Whom. Wie das klatschte!
Mark sank im Wasser nach unten. Die Welt da draußen wurde leiser, sein Körper schwerelos. Die Sonne schnitt wie ein goldenes Schwert durch die Oberfläche. Mark berührte mit der Hand den Boden und stellte sich vor, er wäre ein Hai. Über ihm zappelten zwei kleine Mädchenfüße. Die Schwester strampelte heftig und riss sich los, als er sie packen wollte.
„Kommt jetzt raus“, rief die Mutter. „In einer Stunde werden die Gäste da sein.“
Die Mutter stand bereits mit einem großen Badehandtuch am Pool, in das sich Alina sogleich schmiegte.
Mark tauchte wieder ab.
Es war Samstag, der 1. Juli 2006. Seine Mutter hatte heute Geburtstag. Wenn Alina kein Kaiserschnitt gewesen wäre, sagte Hedi immer, dann wäre sie vermutlich auch am 1. Juli geboren. Hedi war ihr Kindermädchen. Sie fand, man solle der Natur nicht ins Handwerk pfuschen. Doch weil Marks Mutter das anders sah, hatte Alina schon am 29. Juni das Licht der Welt erblickt. Vorgestern war seine Schwester acht Jahre alt geworden. Zwanzig Mädchen hatte sie zu einer Einhorn-Party einladen dürfen. Es hatte Einhorn-Torte gegeben, eine Einhorn-Hüpfburg und Ponyreiten. Das Pony hatte ein weißes Horn zwischen die Ohren geklemmt bekommen.
„Mark“, schimpfte die Mutter. „Raus jetzt!“
Mark hievte sich aus dem Wasser und legte sich, nass wie er war, auf die immer noch warmen Fliesen. In der Ferne schlug eine Kirchturmuhr halb sieben. Es war ein heißer Tag gewesen. Mark hatte sich fast nur von Eis ernährt. Hedi hatte gesagt, es sei der heißeste erste Juli seit hundert Jahren gewesen. Das habe sie im Radio gehört.
„Die Sessel bitte da hin“, hörte er die Stimme seiner Mutter.
Schon seit Stunden schleppten die Männer von Festland Stühle und Tische durch den Garten. Der Schweiß lief ihnen über die Gesichter. Der dunkle Mann wischte sich mit dem Ärmel über die Augen; Mark sah die schwarzen Haare unter den Achseln. Festland war eine Partyagentur. Heute Abend kamen 145 Leute, das schaffte seine Mutter nicht allein. Mark wunderte sich, wie man so viele Freunde haben konnte. Er selbst hatte nur zwei: Jonas und Finn.
„Zieh endlich das nasse Ding aus, Schatz“, hörte er die Mutter zu Alina sagen. Dann vernahm er das Summen einer Biene, die dicht an seinem Ohr vorbeiflog.
Mark blickte in den Himmel hinauf. Auf einem hellblauen Grund bewegten sich zwei Wolken. Als Überraschung für seine Mutter sollte es an diesem Abend einen Schlumpf-Tanz geben. Den hatte Marks Vater mit ein paar Kumpels einstudiert, weil seine Mutter die Schlümpfe wahnsinnig süß fand. Auch Felix machte mit bei dem Tanz. Felix war der Chef von Marks Vater und zugleich Marks Taufpate. Die Männer trugen Kostüme aus Plüsch. Darin sahen sie aus wie echte Schlümpfe, nur größer.
„Creme dich ein, Schatz“, sagte die Mutter zu Alina.
Alina sollte als Schlumpfine auftreten und am Ende von den Männern in die Luft gehoben werden. Bei den Proben hatte das nicht immer geklappt.
„Mark“, sagte die Mutter. „Du liegst ja immer noch rum.“
Mark setzte sich auf.
„Wow“, sagte er zu Alina, die nackt vor ihm stand. „Kriegst ja langsam echte Titten.“
Alina streckte ihm die Zunge heraus. Seine Schwester war dürr und flach wie ein Knabe. Trotzdem verschränkte sie die Arme vor der Brust und sagte: „Gar nicht wahr!“
„Mark, bitte“, ermahnte ihn die Mutter. „Nicht so eine Ausdrucksweise. Ich will das Wort nicht hören!“
„Welches Wort?“, fragte Mark schelmisch. „Du meinst Ti…?“
„Titikakasee, genau“, sagte die Mutter. Dann packte sie Mark und kitzelte ihn aus.
„Titikakasee“, wiederholte Alina und kicherte.
Mark japste nach Luft und flehte um Gnade, doch die Mutter ließ nicht locker. Dann kam auch noch Alina dazu und half mit. Seine Schwester lachte laut und rief immer wieder: „Titikakasee!“
„Was geht denn hier vor?“
Plötzlich stand der Vater am Pool. Mark hatte ihn nicht kommen hören. Er trug noch den Anzug und die Krawatte vom Büro. Sein Vater musste immer lange arbeiten. Eigentlich sei Marks Vater ja der Chef der Trapp-Werke, sagte seine Mutter immer. Aber die Firma gehörte trotzdem Felix.
„Du siehst phantastisch aus“, sagte der Vater zur Mutter.
Die Mutter war schon für die Party gerichtet. Sie trug ein langes, rotes Abendkleid mit vielen Glitzersteinen und sah aus wie die Frauen, die immer in den Modezeitschriften waren. Marks Freunde pfiffen durch die Zähne, wenn sie über seine Mutter sprachen.
„Ist dir nicht heiß?“, fragte die Mutter, ging zum Vater und schmiegte sich an ihn.
„Verdammt heiß“, entgegnet der Vater und grinste. Dann küsste er die Mutter inniger, als er es sonst zur Begrüßung tat.
„Bäh!“, schrien die Kinder im Chor.
Mark wendete sich ab. Er war elf Jahre alt, fast zwölf. Er mochte es nicht, wenn seine Eltern sich küssten, und schon gar nicht mit der Zunge, das war doch voll ekelig. Wie zwei Tiere, sagte Hedi immer.

Um kurz nach 19:30 Uhr kam Mark auf die Terrasse herunter. Er fühlte sich unwohl. Nur seiner Mutter zuliebe hatte er das Hemd und die Fliege angezogen. Die ersten Gäste verteilten sich bereits über den Garten. Unter der Trauerweide saßen zwei Frauen und spielten Cello. Seine Mutter und Jutta standen am Buffet und luden sich die Teller voll.
„Schick siehst du aus“, sagte Jutta und zwinkerte ihm zu. Sie war blond und hatte Riesentitten – und sie war Felix’ Frau.
„Möchtest du nicht wenigstens mal probieren?“, fragte die Mutter und deutete auf die Muscheln und Krabben.
„Igitt“, sagte Mark. „Krieg ich Chips, Mama? Bitte!“
Jutta lachte und sagte: „Kinder! Das ist doch überall dasselbe.“
Der Garten füllte sich. Mark schlängelte sich zu Alina durch. Sie hatte schon mehr Geschenke als die Mutter bekommen. Mark half ihr, die Sachen nach oben in ihr Zimmer zu tragen. Dort rissen sie das Papier auf. Puppen, Bücher, Kuscheltiere, Puzzles. Alina jubelte über eine rosafarbene Kinderkamera. Mark schnappte sich ein Legoschloss und baute es für seine Schwester zusammen. Er war froh, wenn er seine Ruhe hatte. Die Erwachsenen sagten immer dasselbe: „Du bist aber groß geworden!“ Oder sie fragten: „Na, wie läuft es in der Schule?“
Mark mochte das nicht.
Trotzdem ließ er sich später von Hedi dazu überreden, wieder mit runterzugehen. Da war es draußen schon dunkel geworden. Die Fackeln leuchteten. Auf dem Pool schwammen Boote mit Kerzen. Auf der Terrasse machte jemand Fotos von den Gästen, die sich dafür mit Masken verkleideten. Alina ließ sich mit einer Micky-Maus-Maske fotografieren. Mark wählte eine schwarze Zorromaske. Dann setzte er sich zusammen mit Hedi und Alina auf die Treppenstufen der Terrasse. Auch Felix setzte sich zu ihnen. Plötzlich gab es einen lauten Knall und die erste Feuerwerksrakete schoss nach oben. Ihr Licht hinterließ ein großes, leuchtendes Herz im Himmel.
„Oh“ und „Ah“ sagten die Leute.
Felix legte seinen Arm um Marks Schulter. Gemeinsam blickten sie in den Himmel hinauf. „So sieht das Glück aus“, flüsterte Felix und deutete auf die flüchtigen Bilder aus roten Linien, goldenen Punkten und grünen Kreisen. Auch Mark und Felix sagten „Ah“ und immer wieder „Oh“.
Alina schoss mit ihrer neuen Kamera ein paar Bilder.
Nach dem Feuerwerk hielt Marks Vater eine Rede. Er sprach in ein Mikrofon, das seine Stimme noch tiefer machte. Mark hielt sich die Ohren zu. Nur die Worte „Erfolg“ und „Familie“ drangen immer wieder zu ihm durch.
„Außerdem möchte ich Sie noch auf einen besonderen Programmpunkt hinweisen“, sagte sein Vater nach einer Ewigkeit. „Um Punkt elf wird das legendäre Männerballett der Trapp-Truppe die Tanzfläche eröffnen. Danach wird DJ Rafi Yes für Sie auflegen. Sie dürfen gespannt sein.“
Die Leute spendeten Beifall.
Auch Felix klatschte.
„Und nun“, fuhr der Vater fort: „Erheben wir das Glas auf meine liebe Frau!“ Er überreichte der Mutter einen Strauß Rosen und sagte: „Ich liebe dich, Kitty!“
Noch einmal applaudierten die Leute.
Hedi band Alina die Schleife im Haar.
DJ Rafi Yes spielte Mamas Lieblingslied, Wonderful dream von Melanie Thornton.
„Komm“, flüsterte Alina nah an seinem Ohr. „Wir gehen.“
Die Kinder schlüpften durch ein Loch in der Hecke auf das benachbarte Grundstück hinüber. Das Zirpen der Grillen wurde lauter. Mark hatte seine Taschenlampe dabei, Alina die Kamera. Das Nachbargrundstück gehörte auch der Familie, der Vater hatte es gekauft, falls Mark oder Alina später hier bauen wollten. Bisher standen aber nur Apfelbäume darauf. Ganz hinten, auf dem ältesten und größten Baum, befand sich ihr Baumhaus. Es war ein richtiges kleines Häuschen mit zwei Zimmern, einer Veranda rundum und rot-weiß karierten Vorhängen. Es gab sogar kleine Fensterläden aus grünem Holz, die man öffnen und schließen konnte.
A wonderful dream of love and peace for everyone…
Die Musik wurde leiser. Die Kinder schlichen durch das hohe Gras. Der Gärtner mähte die Wiese hier drüben nur alle sechs Wochen. Marks Turnschuhe wurden feucht und färbten sich an der Lederkappe dunkel.
A wonderful dream of love and peace for everyone …
Sie hatten das Baumhaus erreicht, als Alina fragte: „Hörst du das?“
Etwas hatte geraschelt. Er hatte es auch gehört.
„Vielleicht Molly?“, fragte Mark. Er leuchtete mit der Taschenlampe ins Gras. Molly war die Katze von Hagers, ihren Nachbarn. Doch Molly war nirgends zu entdecken.
Plötzlich knackte es. Das Geräusch war von oben gekommen, diesmal deutlich. Beide blickten hoch zum Baumhaus. Mark richtete den Strahl der Taschenlampe hinauf. Doch nur das dunkle Rechteck mit der Luke war zu erkennen. Eine stabile Holzleiter führte hinauf. Die Kinder bevorzugten die Strickleiter, die daneben baumelte.
„Eichhörnchen sind auch nachtaktive Tiere“, erklärte Alina altklug. „Ihr Nest nennt man Kobel.“
„Na, dann klettere mal hoch, du Eichhörnchen“, sagte Mark.
Alina war geschickt im Klettern. Ihr rosafarbener Schlüpfer blitzte unter dem Kleid hervor, während sie eine Stufe nach der anderen nahm. Nachdem die Schwester durch die Luke verschwunden war, stieg Mark hinterher. Die Taschenlampe steckte er sich vorne in den Hosenbund.
Oben hatte Hedi schon alles hergerichtet. Ein Nachtlicht leuchtete schwach rötlich. Zwei Matratzen lagen da, darauf die Schlafsäcke und Jogginganzüge. Sogar an die Chips hatte Hedi gedacht. Die Tüte steckte im Kopfteil seines Schlafsacks. Mark griff danach und drückte die Tüte zusammen. Es gab einen dumpfen Knall. Der würzige Geruch stieg ihm in die Nase. Schnell zog sich Mark die Klamotten aus, fluchte über den Verschluss der Fliege, der klemmte, und kämpfte mit den Knöpfen an seinem Hemd. Währenddessen stopfte sich Alina bereits eine Handvoll Chips in den Mund.
„Alina!“, rief er wütend. „Das sind meine Chips!“
Und plötzlich ging alles ganz schnell.
Es polterte. Mark drehte sich um und sah den Mann. Er trug eine Zorromaske. Alina sagte, er solle sofort verschwinden. Das sei ihr Baumhaus. Doch der Mann verschwand nicht. Er kam näher.
Mark war wie erstarrt.
Alina schrie. Sie hob ihre Arme schützend über den Kopf, dünne Mädchenarme, und rief: „Aufhören!“, doch der Mann hörte nicht auf. Mit der Taschenlampe schlug er Alina auf den Kopf, bis sich ihre blonden Haare rot färbten.
Mark konnte nichts dagegen tun. Es war, als blickte er von oben auf alles herab. Als wäre er außerhalb von sich. Obwohl er dabei war, konnte er sich später nicht mehr daran erinnern, was folgte – außer an einen eigenartigen Schmerz, der seinen mageren Körper zu zerreißen schien.*

* Text von Peter Redlich, Rekonstruktion der Tatnacht im Fall Alina O., veröffentlicht auf www.peter-redlich.de und www.wahre-kriminalfälle.de

2. Kapitel — 12 Jahre später —

Ich überwachte die beiden jetzt schon seit Monaten.
Doch da lief nichts.
Der Mann hieß Sam Weber, er war ein Singer-Songwriter, der seine eigenen Lieder vortrug und sich dabei auf der Gitarre begleitete. Am Vorabend hatte er ein kleines Konzert im Café Central gegeben. Ich hatte mich ganz hinten an einen runden Marmortisch gesetzt, zwei Gläser Rotwein getrunken und über fünfzig Fotos mit dem Handy geschossen. Doch da lief absolut nichts zwischen den beiden, keine Umarmung, kein Kuss, nicht einmal Händchen hatten sie gehalten.
Ich gähnte.
Es war Montagmorgen, der 25. Juni, kurz nach zehn. Während mein Computer die Fotos hochlud, ging ich in die Küche und machte mir einen Kaffee.
Die Frau, um die es ging, hieß Eva Müller-Horgau. Sie war eine Elfe, blond, zierlich, hübsch. Ihre Haut und ihre Haare sahen weich aus, nur der Ausdruck um ihren Mund wirkte hart. Eva hatte Sams Lieder laut mitgesungen. Dabei hatten ihre Augen geleuchtet, und auch das Harte um ihren Mund war weicher geworden; ein bisschen zumindest.
Ich mochte Eva.
Und ich mochte Sams Lieder. Er hatte eine warme und zugleich raue Stimme, die voller Leben war, selbst wenn er vom Tod sang. Irgendwann hatte auch ich den Refrain von Countdown mitgesungen, seinem bisher erfolgreichsten Lied:
Du hast mein Herz, verdammt, mit deinem Lächeln gerammt.
Und ich seh’s in deinem Blick, unser Countdown, der macht Tick:
10, 9, 8. Alle Toten sind erwacht.
Der Haken an der Geschichte war, dass Eva Müller-Horgau die Ehefrau von Sven Müller-Horgau war, meinem Auftraggeber. Sven Müller-Horgau war der Leiter einer großen Personalabteilung, er war träge, und er war eifersüchtig. Natürlich war er das. Mit der Tasse Kaffee in der Hand ging ich zurück an den Schreibtisch.
Ich hatte nichts gegen eifersüchtige Ehemänner. Im Gegenteil. Schließlich war ich Privatdetektivin. Ich lebte davon, Ehefrauen zu überwachen, aber auch Ehemänner, Kinder, Angestellte und vieles mehr. Sogar einen Hund hatte ich schon überwacht. Tatsächlich stellte sich der Vierbeiner am Ende als der Übeltäter heraus, der immer in Nachbars Rabatte kackte.
Ich ließ die Jalousie herunter.
Der Download war abgeschlossen und ich öffnete das erste Foto. Ich hatte die Sonne ausgesperrt, aber auf meinem Bildschirm leuchtete Sams Gesicht. Mein Blick glitt über seine Lippen, den Dreitagebart, die Narbe am Kinn. Aber das Beste waren seine Augen, die direkt in meine Kamera blickten.
Ich nahm einen Schluck Kaffee.
Eva war um 01:07 Uhr mit dem Taxi nach Hause gefahren. Zum Abschied hatte sie Sam auf die Wange geküsst, einmal rechts, einmal links. Sven Müller-Horgau verschwendete nur sein Geld, wenn er seine Frau weiterhin überwachen ließ. Und ich meine Zeit.
Ich nahm noch einen Schluck Kaffee.
Sie wollen die Wahrheit wissen? Dann sind Sie bei uns richtig, stand auf der Internetseite der Detektei Fuchs & Bentwood. Ich hatte die Detektei zehn Monate zuvor gegründet. Vorher war ich Polizistin gewesen, Hauptkommissarin in der Kriminalinspektion für Organisierte Kriminalität. Doch bei einem Großeinsatz, bei dem ich die Leitung gehabt hatte, waren zwei Männer erschossen worden. Narkas und Snajdrom waren international gesuchte Verbrecher gewesen, die selbst ohne mit der Wimper zu zucken hunderte von Menschen ermordet hatten, aber der Aufschrei war trotzdem groß gewesen. Nach dem Fiasko hatte ich einen Monat im Krankenhaus verbracht; Trümmerbruch des rechten Fußknöchels. In meinem Einzelzimmer mit Blick auf den Klinikpark hatte ich viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Danach war ich nicht mehr zurückgekehrt in den Polizeidienst.
Für einen Moment starrte ich ins Leere.
Dann blickte ich wieder in Sams Gesicht. Er habe mich in letzter Zeit öfter gesehen, hatte Sam gesagt, als wir nachts um halb zwei vor dem Café Central gestanden hatten. Was ich denn so mache? Ich sei Privatdetektivin, hatte ich wahrheitsgemäß geantwortet. Spannend, meinte er, und was mache man so als Privatdetektivin? Die Wahrheit herausfinden, hatte ich geantwortet. Was die Wahrheit sei, hatte Sam gefragt.
Und dann hatte er mich angesehen.
Die Wahrheit war, dass ich mich längst in Sam verliebt hatte. Ich starrte auf die Sonne, die zwischen den Lamellen der Jalousie festklemmte. Dann schloss ich die Augen.
Du hast mir den Verstand geraubt,
hast Raketen auf mein Herz gebaut.
Komm, wir schießen uns ins All.
Nur wir zwei im freien Fall.
Es war 10:25 Uhr, als es unten an der Tür klingelte.
Die Detektei Fuchs & Bentwood lag mitten in der Altstadt von Ravensburg, im zweiten Obergeschoss eines vierstöckigen Geschäftshauses, in dem auch ein Spielwarengeschäft und ein Metzger untergebracht waren. Ich stand auf, drückte den Türöffner und blickte aus dem Fenster auf den Marienplatz hinab. Ravensburg war eine Stadt, von der ich als Kind immer geglaubt hatte, sie wäre das Vorbild für die Playmobil Ritterburg gewesen. Türme, Zinnen, Fahnen und Reste der Stadtmauer bestimmen bis heute das Stadtbild, so als habe es nie ein zwanzigstes Jahrhundert gegeben, keine Weltkriege, keine Bomben. Unten eilten Herren mit Aktentaschen vorüber, Frauen schoben Kinderwagen über die Trottoirs oder trugen prall gefüllte Tüten nach Hause. An einem sonnigen Vormittag wie diesem hätte man annehmen können, dass auch die Geschlechterkämpfe des 20. Jahrhunderts hier kaum nennenswerte Spuren hinterlassen hatten.
Es klopfte. Ich öffnete die Tür.
Ein großer, massiger Mann stand vor mir. Ich schätzte ihn auf Ende fünfzig. Er sah aus, als wäre er früher mal sportlich gewesen, Rugby-Spieler oder so. Doch die Proportionen waren bereits im Umbruch. Bald würde nicht mehr der Brustbereich die breiteste Stelle seines Körpers sein, sondern der Bauch. Das rosafarbene Hemd spannte über dem braunen Ledergürtel, der in einer blauen Anzughose steckte. Ein feines Aftershave stieg mir in die Nase.
„Guten Morgen“, sagte ich und streckte ihm meine Hand entgegen. Ich konnte den lukrativen Auftrag förmlich riechen. Wahrscheinlich sollten wir seine um zwanzig Jahre jüngere Ehefrau überwachen. „Mein Name ist Ruby Fuchs“, stellte ich mich vor. „Was kann ich für Sie tun?“
„Sehr erfreut“, sagte er und zerquetschte mir fast die Hand. „Thomas Odermatt.“ Dabei blickte er mich an, als müsste ich ihn kennen.
Odermatt. Odermatt.
Etwas klingelte da bei mir.
„Oh Gott!“, rief ich bestürzt, als wir bereits Platz genommen hatten, ich hinter meinem Schreibtisch, er davor. „Sind Sie etwa der Vater des kleinen Mädchens, das damals ermordet wurde?“
„Alina war meine Tochter“, sagte er. „Richtig.“
Schweigen. Dann bot ich ihm einen Kaffee an, er bevorzugte ein Glas Wasser. Nachdenklich ging ich in die Küche. Wie lange war das jetzt her? Zehn Jahre? Länger? Der Fall Alina O. hatte damals ganz Ravensburg in Angst und Schrecken versetzt. Darüber hinaus war er deutschlandweit mit großem Interesse verfolgt worden, vor allem im Internet hatten sich unzählige Foren und Seiten über Alina O. herausgebildet. Spekulationen darüber, wer das Mädchen getötet hatte, legten zeitweise ganze Server lahm. Obwohl ich mit den Ermittlungen nichts zu tun gehabt hatte, erinnerte ich mich gut an die vielen Diskussionen, die damals in Polizeikreisen zum Thema digitale Aufklärung geführt worden waren. Mein damaliger Arbeitsplatz war dreißig Kilometer von Ravensburg entfernt in Friedrichshafen gewesen, doch meine Einsatzgebiete hatten sich über ganz Osteuropa bis hin in die arabische Welt erstreckt.
Ich drehte den Wasserhahn auf, füllte ein Glas und ging damit zurück.
„Bitte.“ Ich stellte Odermatt das Wasser hin.
„Meine kleine Prinzessin“, sagte er mit regungsloser Miene. „Alina war das reinste Geschöpf, das man sich vorstellen kann. Und das perverse Schwein, das sie auf dem Gewissen hat, läuft immer noch frei herum.“
Ich griff nach meiner Kaffeetasse. Ja, der Fall war nie aufgeklärt worden. Es hatte zwar einen Prozess gegeben, bei dem der Angeklagte aber freigesprochen worden war. Der Mord an dem kleinen Mädchen gehörte zu den größten Rätseln der deutschen Kriminalgeschichte.
„Die Polizei verdächtigte uns“, sagte Odermatt. Er blickte mich offen an, aber seine Hand schloss sich zur Faust, als er hinzufügte: „Uns, die Familie! Das muss man sich mal vorstellen! Die Bullen waren so verbohrt in ihrem Sozialneid, dass wichtige Spuren jahrelang nicht ausgewertet wurden.“
„Das war sicher nicht einfach für Sie“, sagte ich.
„Es war ein Albtraum.“
„Das kann ich mir vorstellen.“
„Können Sie nicht!“ Wieder schloss sich seine Hand zur Faust. Dann klingelte sein Handy und er sagte zu mir: „Entschuldigung, aber ich muss kurz ran.“
Ich nahm einen Schluck Kaffee.
An der Wand hing ein Foto von meiner Mutter aus der Zeit, als sie noch mit Blumen im Haar und der Gitarre im Arm gegen den Vietnamkrieg protestiert hatte. Ihre Augen lächelten. Heute lebte sie mit vier anderen stark gealterten Hippies auf einem Bauernhof im Allgäu und protestierte vor allem dann, wenn ich sie zwang, die Medikamente zu nehmen, die der Arzt ihr verschrieben hatte. Dass ausgerechnet ich, ihre Tochter, nach der Schule bei der Polizei angefangen hatte, war nie leicht für sie gewesen. Jahrelang hatte sie es vor ihren Freunden verheimlicht.
„Ich möchte, dass Sie meinen Sohn finden“, sagte Odermatt, nachdem er aufgelegt hatte. „Mark war damals ja selbst noch ein Kind, gerade mal elf. Mit achtzehn hat er dann seine Sachen gepackt und ist verschwunden. Wir haben gehofft, dass er eines Tages zurückkommt, aber …“
„Seit wann ist er weg?“
„Seit sechs Jahren“, sagte Odermatt. „Im August 2012 wurde er achtzehn. Im September ist er gegangen.“
Während Odermatt von seinem Sohn erzählte, googelte ich im Internet nach einem Foto von Alina. Sofort kamen hunderte Bilder. Ich klickte auf das erste, das Alina mit ihrer Mutter zeigte. Die Mutter war eine klassische Blondine, die durch das zu dick aufgetragene Make-up stark an Ausstrahlung verlor. Alina hingegen war klar und frisch und verfügte über eine Schönheit, die mitten ins Herz traf.
„Die Ermittler haben sich damals viel zu lange auf meinen Sohn konzentriert“, sagte Odermatt. „Dabei gab es nie hinreichende Beweise. Aber den Leuten ist das egal. Für viele ist und bleibt Mark der Mörder seiner Schwester. Schauen Sie doch mal ins Internet. Dieser ganze Dreck.“
Odermatt verschränkte die Arme.
Unten hupten mehrere Autos.
„Es ist der Neid“, sagte Odermatt. „Die Leute wollen, dass wir es waren. Damit ihre eigene ärmliche Existenz erträglicher wird.“
Odermatt hatte kurze, graue Haare, die sich an der Stirn stark lichteten.
„Wissen Sie, wie viele Pädophile und Kriminelle in unserer Gesellschaft frei herumlaufen?“, fragte er.
Draußen schlug eine Kirchturmuhr. Vier helle Schläge, elf dunkle. Das bedeutete, es war jetzt elf.
Odermatt öffnete seine Ledertasche, nahm ein Foto heraus und schob es mir über den Tisch. Das Foto zeigte einen hübschen Jungen mit dunklen Haaren und einem klaren, symmetrischen Gesicht. Nur das Lächeln wirkte, als wäre es tiefgefroren.
„Das war vor sechs Jahren an Marks achtzehntem Geburtstag“, sagte Odermatt. Und dann: „Bitte finden Sie meinen Sohn. Meine Frau hat Krebs. Sie will Mark noch einmal sehen, bevor sie …“
Er schwieg.
„Haben Sie jemals die Polizei eingeschaltet?“, fragte ich.
„Die Polizei hat mein Vertrauen verspielt“, sagte Odermatt.
Ich nickte und fragte: „Gab es seit Marks Verschwinden irgendwelche Lebenszeichen?“
Wieder klingelte sein Handy. „Entschuldigung“, sagte Odermatt, drehte sich von mir weg und nahm das Gespräch an.
Ich stand auf, trat ans Fenster und blickte auf die Stadt hinaus. Ravensburg hatte 50.000 Einwohner, 17 Türme und 750.000 Leichen. Die Zahl der Leichen ergab sich aus einer Sterberate von einem Prozent und der Stadtgeschichte seit dem Jahr 1088. Aus dieser beeindruckenden Masse von Tod, Krankheit und Verbrechen erhoben sich die 17 Türme so unschuldig, als wüssten sie von nichts. Dabei standen die meisten schon seit dem Mittelalter da. Der Grüne Turm zum Beispiel, der sich schräg gegenüber von Fuchs & Bentwood erhob, diente über fünfhundert Jahre als Gefängnis, zuletzt noch bis 1943. Sein Name kam von den grün glasierten Dachziegeln.
Grün, wie das Leben.
Grün, wie die Natur, die am Ende über alles wächst.
„Entschuldigung“, sagte Odermatt noch einmal, nachdem er aufgelegt hatte. Dann nahm er einen dicken DIN-A4-Umschlag aus der Tasche, legte ihn auf den Schreibtisch und sagte: „Darin finden Sie alles, was Sie brauchen. Auch einen Text von Peter Redlich. Peter ist Journalist, er hat sich damals lange mit Mark unterhalten und die Polizeiakten eingesehen. Auf dieser Grundlage hat er aufgeschrieben, was wirklich in der Tatnacht geschah. Ich rate Ihnen, lesen Sie diesen Text zuerst, bevor Sie sich an die Arbeit machen.“
Ich nickte wieder.
„Mark schreibt ab und zu eine Postkarte“, fuhr Odermatt fort. „Außerdem bekomme ich die Abrechnung seiner Kreditkarte, die über mich läuft. Daher wissen wir, dass er ein paar Semester Informatik in München studiert hat. Danach ist er nach Mallorca. Die letzte Abbuchung fand im Mai dieses Jahres in Manacor im Osten der Insel statt.“
„Also vor sechs Wochen ungefähr?“
Odermatt nickte. „Ende Mai hat Mark sich Wanderschuhe in einem Sportladen in Manacor gekauft“, sagte er. „Die Abrechnung für Juni ist noch nicht gekommen.“
Plötzlich klopfte es.
Odermatt und ich blickten uns überrascht an. Beide hatten wir kein Klingeln gehört und auch keine Schritte im Treppenhaus. Ein bisschen fühlte es sich so an, als wären wir belauscht worden. Ich öffnete. Vor der Tür stand eine große, abgemagerte Frau mit einem schmalen Gesicht. Ihre Haare waren kurz. Als sie mich ansah, wusste ich sofort Bescheid. Das war zwar nicht mehr die hübsche, naive Blondine von dem Foto, aber der durchdringende Blick aus den großen, dunklen Augen war noch immer derselbe.
„Frau Odermatt?“, fragte ich.
Sie reichte mir eine kalte, knöcherne Hand und sagte: „Nennen Sie mich Kitty.“
„Ruby“, entgegnete ich.
„Was machst du hier?“, fragte Odermatt, der sofort aufgestanden war und seine schwer atmende Frau zu dem Stuhl führte, auf dem er eben noch gesessen hatte.
„Hat er Ihnen den Auftrag gegeben?“, fragte sie mich, ohne auf ihren Mann zu achten.
Ich setzte mich wieder hinter den Schreibtisch und nickte ihr zu. Dann fragte ich an Odermatt gewandt: „Warum fliegen Sie eigentlich nicht selbst nach Mallorca und suchen Ihren Sohn?“
Odermatt stand hinter seiner Frau. Er hatte seine riesigen Hände auf ihre schmalen Schultern gelegt und lächelte. Es war dasselbe eingefrorene Lächeln, das Mark auf dem Foto zeigte. Doch plötzlich brach das Lächeln, als er sagte: „Ich kann hier nicht weg. Meine Frau braucht mich jetzt. Sie steht die Strapazen einer Reise nicht mehr durch.“
Kitty senkte den Blick.
„Und all die Jahre vorher?“, fragte ich.
„Wir hatten Angst“, antwortete sie. „Angst, dass unser Sohn uns nicht sehen will.“
Wir schwiegen alle drei.
„Da drin“, sagte Kitty schließlich und deutet auf den DIN-A4-Umschlag, „da drin finden Sie einen Brief von mir. Er ist für Mark.“
Odermatt blickte zur Decke hinauf, die mit Rissen durchzogen war, und fügte wie beiläufig hinzu: „Ich bezahle Ihnen dreißigtausend Euro, wenn Sie meinen Sohn in den nächsten drei Wochen finden. Und fünfzigtausend, wenn Sie ihn in den nächsten zehn Tagen haben.“
Ich schnappte nach Luft. Und wenn ich Mark nicht fand? Mit Blick auf Kittys schmales Gesicht beschloss ich, die Frage später zu stellen.
„Das ist viel Geld“, sagte ich bloß.
„Wir haben Geld“, entgegnete Odermatt.
„Aber nicht mehr viel Zeit“, fügte Kitty hinzu.

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Autorin & Copyright: Silke Nowak

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Nachbarschaftsroman mit schwäbischer Couleur: Bärbel Götz, Sommernachtstränen [Leseprobe]

sommernachtstraenen-introKann man alleine glücklich sein? Isabell glaubt daran. Bis sie in die Lessingstraße kommt. Eigentlich ist sie auf der Suche nach ihrem Bruder. Doch sie findet viel mehr. Die alte Dame, die ihre Nachbarn ausspioniert. Den Türkenjungen, der unbedingt auf die Realschule gehen will, trotz seiner Eskapaden im Schülergottesdienst. Und den unwiderstehlichen Valentin, der sich immer mehr in ihre Gedanken und in ihr Leben drängt. Bis ein Mensch getötet wird und erstaunliche Dinge ans Licht kommen, die weit zurückreichen in die Nachkriegszeit, als Millionen von Flüchtlingen aus Osteuropa nach Württemberg kamen, und die mehr mit Isabell zu tun haben, als sie ahnt … Nach „In den Gärten Katzen“ legt Bärbel Götz mit Sommernachtstränen“ einen Nachbarschaftsroman mit schwäbischer Couleur vor — wer mehr erfahren möchte, kann gleich hier loslesen.


Bärbel Götz: Sommernachtstränen


»Amalie«, wisperte Helga aus dem Dunkel, »siehst du etwas?«
Eigentlich war es ein heiseres Flüstern und klang schwäbisch »Ammale, siesch du ebbes?«
In graue Mäntel gehüllt lugten die zwei alten Damen über die dichte Eibenhecke. Eine stand am Gartentor, die andere am Carport, weil dort die Hecke lichter war. Um nicht aufzufallen, hatten sie schwarze Kopftücher aufgesetzt. Sie sahen aus wie die zerzausten sibirischen Saatkrähen, die im Winter in Scharen auf den Feldern nach vergessenen Körnern pickten. Hinter ihrem Fenster hatten sie gestanden und gewartet, bis der Nachbar weggefahren war. Kurz darauf waren die beiden im Schutz der Dämmerung über die Straße gehuscht. Sie mussten endlich herausbekommen, was dort vor sich ging. Helga, die robustere von ihnen, setzte einen Fuß auf die erste Strebe des Gartentors, als wollte sie darüber klettern.
»Helga«, rief Amalie streng, »lass das! Denk an deine Gelenke!«
Sie zerrte an der Carporttür, die in den Garten führte, bis sie aufging. »Komm her«, flüsterte sie, »hier können wir rein.«
Über den Bewohner der Lessingstraße 8 führte nicht nur Renate Feldmann Buch. Die Schwestern aus dem Haus gegenüber stalkten ihn weitaus mehr. Er war verdächtig und sein Lebenswandel dubios. Ein alleinstehender Mann über vierzig, der sich in einem Haus mit geschlossenen Vorhängen verschanzte und dessen Gartenhecke undurchdringlich war. Den Garten, aus dem Kinderlachen schallen sollte, schmückten sonderbare Figuren. In den Räumen flackerte mitten in der Nacht Licht. Helga und ihre Schwester hatten beobachtet, wie dunkle Autos vorfuhren und noch dunklere Gestalten durchs Gartentor verschwanden. Helga glaubte, der Leibhaftige wohne ihnen gegenüber. Die Schwester stand ihr da in nichts nach. Vom ersten Stock ihres Hauses versuchten sie mit Ferngläsern, sein Haus und seinen Garten auszuspähen. Leider ohne Erfolg. Deshalb hatten sie beschlossen, in den Garten einzudringen. Mit Taschenlampen bewaffnet, schlüpften sie durch die Holztür in die dunkle Ungewissheit.
Im unruhigen Schein der Leuchte, die sie mit fahrigen Händen hielt, erspähte Helga steinerne Figuren, Gnome mit seltsamen Fratzen. Sie hielt die Luft an und gruselte sich. Dann schaute sie zu ihrer Schwester und fürchtete, dass im nächsten Moment eine der Gestalten in Bewegung kommen und ihnen an die Kehle gehen würde. Amalie schien es nicht anders zu gehen, so wie sie zitterte. Dicht nebeneinander gingen sie zum Haus. Sie mussten endlich herausbekommen, was dieser Unhold trieb.
Das Eindringen in seinen Garten war die letzte Wahl gewesen. Helga und ihre Schwester hatten vieles versucht. Kam der Kurierfahrer und hielt vor der Nummer 8, hetzte eine der beiden über die Straße, um dem Mann das Paket für den Nachbarn abzunehmen. Sie waren menschenfreundlich, der Nachbar war nicht zuhause und sie ersparten es dem armen Kurier, ein weiteres Mal herzufahren. Wie eine Beute nahmen sie das Paket mit zu sich und betrachteten es von allen Seiten. Sie studierten den Absender, wogen es in den Händen, es war für seine Größe sehr leicht, was konnte nur darin sein? Wenn der Nachbar es abends abholte, versuchten sie, mit Fangfragen zu ergründen, was er bestellt hatte. Auch hier kamen sie nicht weiter, was sie noch ärgerlicher machte. Er hatte doch etwas zu verbergen, sonst könnte er doch einfach sagen »Vielen Dank, dass Sie den Wein für mich angenommen haben.« oder »Vielen Dank für das Paket, da ist ein neues perverses Teil drin.« oder »Vielen Dank, meine Sklavinnen freuen sich bestimmt sehr über das neue Spielzeug.«.
Nachts fuhren Fahrzeuge vor. Frauen kicherten. Wurden von Männern im Arm gehalten. Alexandra Schimmel behauptete, sie habe gesehen, wie eine geknebelte und gefesselte Frau in einem Abendkleid auf das Grundstück geführt wurde. Vielleicht hatte Frau Schimmel vorher wieder ihre Seiten im Internet besucht. Fesseln des Grauens. Hilflos im Kerker des Höhlenmenschen. Helga und Amalie wussten viel über die Schimmel, saß sie doch regelmäßig bei ihnen in der Küche und erzählte von ihrer Arbeit. Helga taten die Menschen leid, die Alexandra tagsüber auf dem Rathaus beriet oder – noch schlimmer –, über deren Zukunft sie entschied. Auf der einen Seite waren Flüchtlinge und Asylanten, deren Leben in ihren Händen lag, auf der anderen Seite war sie, die morgens kaum die Augen öffnen konnte, weil sie sich nachts schlüpfrige Filme reingezogen hatte, begleitet vom rauchigen Geschmack des Whiskys, den sie woher auch immer in die Finger bekommen hatte. Für sie war ein syrischer Familienvater der Stecher mit den glühenden Augen, während er um das Wohl seiner Familie hier und in der Heimat kämpfte.
Helga und ihre Schwester versuchten, der Schimmel ins Gewissen zu reden, ihr bewusst zu machen, welche Verantwortung sie trug. Überhaupt. Was war eigentlich mit ihren Vorgesetzten?
Die Schauergeschichten mit den gefesselten Frauen glaubten sie allerdings sofort. Und Valentin Bauer wuchsen die Hörner aus der Stirn, so sehr glich er in ihrer Vorstellung dem Teufel. Mit diesen Orgien auf seinem Grundstück. Wo sich mehrere Männer mit einer Frau vergnügten, sie auspeitschten, gefesselt, geknebelt und mit verbunden Augen.
Was erwarteten sie von ihrem nächtlichen Ausflug? Wo der Nachbar gar nicht da war? Vielleicht hatte er vergessen, die Haustür abzuschließen? Gemeinsam schlichen sie über den Rasen zum Haus und leuchteten mit ihren Lampen ins Fenster. Mit der freien Hand beschirmten sie das Blickfeld, um im Dunkel etwas erkennen zu können. Sie waren so gefangen in ihrer Mission, dass sie nicht bemerkten, dass der Hausherr sich näherte.

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Autorin & Copyright: Bärbel Götz

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Bärbel Götz,
Sommernachtstränen
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Wenn die Braut den Bräutigam klaut: Holly Birglund, Last Minute Man [Leseprobe]

intro-last-minute-manSchlimmer geht’s nimmer? Von wegen: Gerade hat Radiomoderatorin Mia Roberts ganz New York ihre bevorstehende Hochzeit live on the air verkündet. Nur wenige Stunden später erfährt sie, dass ihr Verlobter ein Kind bekommt – mit einer anderen Frau. Als wäre das nicht schon genug, wird diese Botschaft auch noch von Chris überbracht, dem besten Freund des vermeintlichen Gatten in Spe. Dabei ist gegenseitige Abneigung das Einzige, was die chaotische Moderatorin und diesen zynischen Womanizer verbindet. Mia wird klar: ein neuer Bräutigam muss her, will sie nicht zum Gespött der ganzen Stadt werden. Doch woher nehmen, wenn nicht … in letzter Minute stehlen? Nicht umsonst heißt Holly Birglunds neuer Roman „Last Minute Man“: Kurzentschlossen wird Chris samt seinem Angeber-Porsche von Mia „gekidnapt“. Eine abenteuerliche Reise auf den Spuren ihrer Vergangenheit beginnt – und mir nichts dir nichts steht Mia vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens. Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel…


Holly Birglund: Last Minute Man

Prolog


22. August, 19.37 Uhr, Sonnenuntergang,
Aktionärs-Versammlung der Construction Enterprises Corporation,
Sky-Lounge, 69. Stock, Hillside-Tower, Manhattan

„Mia, lassen die Türsteher denn heute jeden hier rein? Was ist bloß aus der guten, alten Gesichtskontrolle geworden?“
Ich fuhr herum, als ich die spöttische Männerstimme in meinem Rücken hörte. Dabei schwappte mein Glas über und unter meinem schockierten Blick verteilte sich die Hälfte des überteuerten Champagners auf meinem neuen Cocktailkleid, für das ich gestern drei verschiedene Kreditkarten belastet hatte. Gleichzeitig spürte ich, dass sich durch die ruckartige Bewegung meine komplizierte Hochsteckfrisur selbständig gemacht hatte.
„Chris“, brachte ich hervor und versuchte mit meiner freien Hand, die nun unnütze Spange zu befreien, die sich in meinen Haaren verheddert hatte.
„Mit was für einer Taube hast du denn gekämpft?“ Chris betrachtete erst meine zerstörte Frisur, dann den Himmel über uns. „Das arme Tier hat bestimmt den Schock seines Lebens.“
Ich stellte mein Glas auf einem der hohen Tische ab und wollte die Haarspange in meiner Handtasche verstauen, doch dabei drehte sich das Täschchen versehentlich um und der Inhalt verteilte sich auf den golden schimmernden Bodenfliesen. Ich hockte mich hin, um unter Chris feixenden Blicken meine Geldbörse, mein Handy, zwei Bonbons, eine Tüte Lakritz-Schnecken, ein U-Bahn-Ticket und eine Hello Kitty-Haarbürste zusammenzuklauben.
Es war wie verhext. Eben war ich noch die Eleganz in Person gewesen – ganz die coole New Yorkerin. Aber sobald Chris Jaspers auf der Bildfläche erschien, verwandelte ich mich jedes Mal in die dumme, kleine Praktikantin aus der Provinz, die mit dreißig Jahren immer noch keinen richtigen Job gefunden hatte. „Wo ist denn deine Eskorte?“, fragte ich bissig, um von meiner Ungeschicklichkeit abzulenken.
Chris hob fragend die Augenbraue. „Meine was?“
„Die Blondinen, die du sonst immer im Schlepptau hast, damit jemand über deine schlechten Witze lacht“, erklärte ich mit zuckersüßer Stimme.
„Die stehen da hinten und warten auf mich“, gab er zurück und winkte Richtung Bar. Zu meinem Entsetzen erwiderten gleich zwei Blondinen sein Winken. Bah!
Ich musterte Chris unauffällig. Er sah schon wieder so nervig gut aus, dass ich noch wütender wurde. Perfekt symmetrische Gesichtszüge, leicht zerzauste, dunkle Haare und nicht zu vergessen das stylisch unrasierte Kinn. Unter seinem Designeranzug trug er nur ein weißes Shirt, obwohl das hier ein offizielles Businessevent war. Er war ja so rebellisch.
Sein zufriedenes Lachen holte mich in die Gegenwart zurück und ich spürte, wie meine Wangen heiß wurden. „Brauchst du vielleicht ein Foto von mir?“, erkundigte er sich. „Damit du mich jederzeit anhimmeln kannst?“
Ich unterdrückte ein wütendes Schnauben. „Musst du nicht langsam mal weiter und dich bei irgendwelchen wichtigen Leuten einschleimen?“
„Mache ich doch gerade.“ Er ließ sich einfach nicht aus der Ruhe bringen. „Wer könnte wichtiger sein als die Freundin meines besten Freundes?“ Sein Grinsen wurde breiter. „Du siehst aus, als könntest du bei so einem formellen Anlass jede Unterstützung brauchen, die du bekommen kannst.“
So ein verdammter Mistkerl! Jetzt fühlte ich mich endgültig fehl am Platz. Dabei war ich heute Abend mit voller Berechtigung hier – schließlich war ich die Freundin von Scott Silverman, CEO von Construction Enterprises. Als Geschäftsführer war er der Gastgeber des Events, das die Firma veranstaltete, um sich im Glanze ihres Erfolges zu sonnen.
Chris musterte abschätzig mein neues Kleid. „Du siehst heute Abend übrigens…“, er tat, als müsse er nach den passenden Worten suchen, „… interessant aus.“
Ich kniff genervt die Augen zusammen, sagte aber nichts. Wozu auch? Er würde mir ja doch nur jedes Wort im Mund herumdrehen. Hilfesuchend blickte ich mich nach meinem Freund Scott um, aber er war gerade in ein Gespräch mit einem älteren Anzugträger vertieft. Chris dagegen schien neben mir festgewachsen zu sein.
Ich wischte unauffällig an den Champagnerflecken herum und atmete tief durch. Bis jetzt war der Abend doch absolut perfekt gewesen. Es war das erste Mal, dass ich in der berühmten Sky Lounge war – einer exklusiven Dachterrassen-Bar mitten in Manhattan. Der Ausblick war spektakulär: der spätsommerliche Sonnenuntergang über den Dächern von New York, das Ganze unter freiem Himmel in schwindelerregender Höhe – so etwas hatte ich bis jetzt noch nie erlebt. Und das würde ich mir von Chris Jaspers blöden Kommentaren auch nicht kaputt machen lassen.
Gelassenheit, ermahnte ich mich streng.
Das hatte ich mir als Mantra verordnet, wenn Chris in meine Nähe kam. Er hatte es sich nun mal zum Ziel gesetzt, mich zu beleidigen und meine Beziehung zu seinem Freund Scott zu sabotieren – weiß der Teufel, warum. An besseren Tagen dachte ich, es ginge ihm dabei um eine grundsätzliche Abneigung gegen Liebesaffären, die länger als eine Nacht dauerten. An Tagen, an denen ich am Vorabend eine Pizza und einen Becher Strawberry Cheesecake-Eiscreme verputzt und einen Blick auf mein Bankkonto geworfen hatte, sah ich die Dinge leider klarer: es war ziemlich deutlich, dass Chris mich für unwürdig hielt, in ihre elitäre Upper-West-Side-Clique aufgenommen zu werden.

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Autorin & Copyright: Holly Birglund

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Holly Birglund, Last Minute Man
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro

Im Labyrinth der Psyche lauert der Dämon: Ilona Bulazel, Der Sündenfänger [Leseprobe]

suendenfaenger-intro-artikelseite„Und nehmt euch in Acht vor der Schlange, denn sie ist tückisch…“: Einem alten Mann wird die Zunge herausgerissen, eine junge Frau stirbt, weil man sie zu Tode gesteinigt hat. Doch diese beiden Opfer sind erst der Anfang einer grauenvollen Mordserie. Hauptkommissar Jens Stutter und seiner Kollegin Jasmin Nau wird rasch klar, dass der Täter mit seinen brutalen Inszenierungen biblische Szenen nachstellt. Doch wie kann man ihn aufhalten? Welche Rolle spielt die psychiatrische Klinik, in der auch die junge Erbin Bellinda Merlhof bis vor kurzem noch Patientin war und um deren Sicherheit die Beamten fürchten? Und was verheimlicht Stutters alter Freund, der in den Fokus der Ermittler gerät? Das Ermittlerteam trifft in Ilona Bulazels neuem Thriller „Der Sündenfänger“ auf einen gefährlichen Gegner, der jede Grenze überschreitet, um dem Dämon tief in seinem Inneren weitere Menschen zu opfern. Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel…


Ilona Bulazel, Der Sündenfänger

Kapitel 1


Die gefesselte Gestalt betrachtete ihn mit weit aufgerissenen Augen. Ihr dünner, ausgemergelter Körper war fast nackt. Lediglich ein zerrissenes T-Shirt hatte man ihr gelassen. Sie saß in einem Käfig und glich einem verängstigten Tier. Zusammengekauert, Hände und Füße fixiert und ein Knebel im Mund. Ihre weiße, zarte Haut war unter der Schicht von Staub und Dreck kaum zu erkennen. Wie viel mochte sie noch wiegen? Seit Tagen hatte man sie hungern lassen, ein Wunder, dass sie überhaupt noch bei Bewusstsein war.
Hauptkommissar Jens Stutter näherte sich dem Käfig. Vorsichtig leuchtete er mit seiner Taschenlampe über die Balken, unter ihm ging es circa zwanzig Meter in die Tiefe. Hier oben, im Gebälk des alten Tabakschopfes, roch es rauchig. Allerdings wurde der Speicher sicher schon eine ganze Weile nicht mehr zum Trocknen der Pflanzenblätter benutzt. Das Holz war morsch und ächzte bei jedem Schritt, den Stutter machte.
Die magere Gestalt im Käfig wimmerte, und er bedeutete ihr, indem er seinen Zeigefinger auf die Lippen legte, still zu sein. Schließlich konnte er nicht wissen, ob sich noch jemand hier befand. Prüfend leuchtete er in alle Winkel, mehr Vorsicht konnte er sich nicht leisten. Die junge Frau musste schnellstmöglich in ein Krankenhaus, sonst wäre sie das Opfer Nummer sieben eines brutalen Serienmörders.
»Stutter hier, ich habe sie gefunden«, flüsterte er ungeduldig in sein Handy, immer noch auf der Hut. Er gab seinen Standort durch, forderte einen Krankenwagen und Verstärkung an und ließ keine Gegenfragen zu.
Als das Gespräch beendet war, wandte er sich an die Gefangene. »Lina«, sagte er fast zärtlich, »alles wird gut.«
Natürlich kannte er ihren Namen. Er wusste alles über sie, ihre Vorlieben, ihren Tagesablauf, selbst ihre geheimsten Träume, denn die hatte ihm das Tagebuch verraten. Als die Vermisstenmeldung der jungen Frau eingegangen war, hatten die Beamten alles auf den Kopf gestellt. Es gab kaum Zweifel daran, dass sie ins Opferprofil passte. Die Eltern hatten ihn angefleht zu helfen. Sie kannten die Bilder der Frauenleichen, die im digitalen Zeitalter auch ihren Weg ins Netz gefunden hatten. Dürre Körper mit fleckiger Haut, vom Leid gezeichnete Gesichter, entstellt und selbst den nächsten Angehörigen fremd.
Stutter sah sich um, fand ein Stück Eisenrohr und machte sich damit am Schloss des fast mannshohen Käfigs zu schaffen, der an eine Vogelvoliere erinnerte und zwischen das Holz geklemmt worden war.
Unbändige Wut überkam ihn, als er Linas hervorstehende Knochen sah. Der, den sie jagten, hatte es auf junge Frauen abgesehen. Seit Monaten suchten sie einen brutalen Mörder, der seine Opfer entführte und dann verhungern ließ. Vermutlich sah er ihnen dabei zu und weidete sich daran, wie sie jeden Tag Gewicht verloren, in sich zusammenfielen und schließlich der Organismus seine Arbeit einstellte. Dann waren sie nutzlos für ihn, und er entsorgte ihre Überreste wie lästigen Hausmüll an irgendeiner abgelegenen Bushaltestelle.
Endlich sprang das Schloss auf, und Stutter schob seinen Arm in den Käfig. Die Taschenlampe, die er vorsichtig zwischen zwei Balken geklemmt hatte, strahlte ihn jetzt an. Die junge Frau blickte in das angespannte Gesicht des Polizisten. Seit den ersten Leichenfunden hatte er kaum noch geschlafen. Dunkle Ringe unter den Augen und die fahle graue Haut zeugten von den Wochen, in denen er sich keine Ruhe gegönnt hatte. Unermüdlich suchte er nach dem »Skelettmörder«, wie dieser von der Presse mittlerweile genannt wurde.
»Sie sind besessen« waren die Worte seines Vorgesetzten gewesen. Es gab Streit, böses Blut und einige Zerwürfnisse mit Kollegen, die sich wohl auch im Nachhinein nicht mehr kitten ließen. Stutter wusste, dass er, wenn es um seine Arbeit ging, kompromisslos war. Zu Problemen kam es immer dann, wenn er den gleichen Einsatz auch von anderen forderte.
»Ich werde dir jetzt den Knebel entfernen und bitte dich, ruhig zu bleiben«, wandte er sich erneut an Lina, in deren Blick nun ein Funke Hoffnung lag.
Noch während Stutter das erleichtert zur Kenntnis nahm, änderte sich jedoch der Gesichtsausdruck der jungen Frau. Der Knebel hinderte sie daran, ihm ein lautes »Vorsicht!« zuzurufen, stattdessen stieß sie einen verzweifelten gedämpften Laut aus, aber es war zu spät.
Stutter wurde von hinten gepackt. Sein Gegner war stark, schien zuerst im Vorteil, allerdings war der Polizist besser ausgebildet. Der Kampf war gefährlich, vor allem, weil die Kontrahenten auf den Holzbalken wenig Halt fanden.
Stutter war sich dessen bewusst, aber sein Angreifer schien keine Gedanken an die eigene Sicherheit zu verschwenden. Er konzentrierte sich ganz auf den Polizisten, der ihm seine kranke, bizarre Welt zu zerstören drohte, in der er bis eben noch so grausam über Leben und Tod geherrscht hatte.
Die Gefangene im Käfig stöhnte, und obwohl sie seit Tagen nicht mehr imstande gewesen war zu weinen, liefen ihr in diesem Moment Tränen über das Gesicht. Nach all den unendlichen Stunden der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit war da plötzlich dieser Mann aufgetaucht, um sie zu retten. Wie bei einer ausgehenden Kerze, die gerade noch rechtzeitig durch ein wenig Sauerstoff daran gehindert wurde zu erlöschen, war mit dem Erscheinen von Stutter ihr Lebenswille wieder aufgeflammt. Doch schon kehrte die Mutlosigkeit zurück.
Die Schreie der Männer ließen sie die Augen schließen.
Der nächste Schlag von Stutter saß. Der Mörder kam ins Wanken, verlor das Gleichgewicht und stürzte nach hinten. Mit einem diabolischen Grinsen streckte er die Arme aus und griff nach Stutters Jacke. Schraubstöcken nicht unähnlich umklammerten seine Finger den Stoff und rissen den Polizisten mit in die Tiefe.
Der Aufprall war hart, Stutters Sturz wurde vom Körper des Mörders kaum abgefangen. Er lag jetzt auf dem Monster, das er so lange gejagt hatte, und konnte dessen Gesicht sehen.
Kalte Augen starrten Stutter an, und ein Röcheln entschlüpfte der Kehle des Mörders: »Du bist gekommen«, keuchte er mit seinem letzten Atemzug, dann trübte sich sein Blick, und er war tot.
Ab diesem Zeitpunkt vermischte sich für den Polizisten die Realität mit schrecklichen Albträumen. Die Gesichter von toten Mädchen mit weit aufgerissenen Mündern, die riefen »Du bist gekommen«, wechselten sich ab mit Bildern von weiß gekachelten Krankenhauswänden, bunten Lichtern und schemenhaften Gestalten, die ihm die Augenlider anhoben, mit einer Schere seine Kleidung zerschnitten und ihn an Maschinen anschlossen. Jemand rief seinen Namen, er stöhnte, versuchte den unbekannten Gestalten mitzuteilen, dass da noch jemand war, dass Lina in einem Käfig gefangen gehalten wurde, aber irgendetwas hinderte ihn am Sprechen. Er wollte sich bewegen, spürte seinen Körper nicht mehr, und dann war da nur noch ein durchdringender Ton.
Ein Assistenzarzt rief »Nulllinie«, Hände berührten Stutters Brust, pressten kräftig dagegen, Elektroden wurden angelegt und Strom durch den Körper des Polizisten gejagt. Eine junge Krankenschwester in Nonnentracht bekreuzigte sich und sprach ein leises Gebet, während der Arzt alles tat, was er konnte, um den Mann auf dem Operationstisch zu retten.

* * *

Kapitel 2

Fünf Jahre später, Ende Oktober

Das Bersten der Fensterscheibe hallte laut durch die Nacht. Es war kalt, die Erde gefroren, und der Wind trieb jedem, der sich hinauswagte, Tränen in die Augen. Das Gebäude lag im Dunkeln, und der Krach, den die niederprasselnden Scherben verursacht hatten, blieb ungehört. Niemand störte sich an dem Eindringling, der sich mit einem ausgesprochenen Hochgefühl von außen durch das Fenster stemmte und völlig lautlos auf der anderen Seite landete.
Der Raum war dunkel und ungemütlich, aber was erwartete man auch von einem Krematorium? Der nächtliche Besucher jedenfalls wusste, dass er nicht mit leeren Händen gehen würde. Aber das, was er suchte, befand sich nicht hier. Sein Weg führte ihn, gelenkt vom Strahl der Taschenlampe, zu den Kühlräumen.
Er hat euch für eure Sünden bestraft, wie ihr es verdient habt, dachte der Mann, während er auf die fünf schmucklosen Holzsärge starrte, die für die Kremation am nächsten Morgen vorbereitet waren.
Er würde sie alle nacheinander öffnen müssen, denn es standen nur Nummern und keine Namen darauf. Der Erste war die letzte Ruhestätte einer alten Frau. Ihr Gesicht von Krankheit gezeichnet, ausgemergelt, mit eingefallenen Wangen und zugebundenem Kiefer, glich sie unter dem weißen Lichtstrahl einer verdorrten Frucht. Man hatte sich keine Mühe mit ihr gegeben.
»Armes Mütterchen«, flüsterte der Fremde, »dir war wohl kein offener Sarg zur Erbauung deiner Lieben vergönnt.«
Er verschloss sorgsam den Deckel und widmete sich dem zweiten Kasten.
»Hier war aber jemand fleißig«, entfuhr es ihm spöttisch.
Im Sarg aufgebahrt lag ein junger Mann, an dem der Leichenbestatter ganze Arbeit geleistet hatte. Die Folgen des Unfalls waren kaum noch zu sehen, doch mussten sie schwerwiegend gewesen sein. Wenn man den Leichnam ganz genau betrachtete, konnte man seitlich am Hals das Flickwerk der Totengräber erkennen.
Es folgte ein leises Seufzen: »Wieder der Falsche.«
Beim Abheben des dritten Deckels konnte man jedoch einen erfreuten Laut vernehmen. Der Eindringling hatte den richtigen Leichnam gefunden.
»So kann es gehen, alter Mann«, sagte er ruhig und strich dem Toten im Sarg wohlwollend über die Stirn. »Jetzt gibst du mir noch, was du mir schuldest, und dann überlasse ich dich dem Höllenfeuer.«
Ein unförmiges Werkzeug mit scharfen Kanten wurde angesetzt, um dem habhaft zu werden, was so dringend benötigt wurde. Niemand würde es bemerken, und wenn doch, dann war nicht davon auszugehen, dass es irgendwen kümmerte. Aber auch das war egal. Es folgte ein letzter Blick in das Gesicht des dicken Mannes, der zu Lebzeiten Spaß an der Sünde gehabt hatte und sich dafür nun vor seinem Schöpfer verantworten musste. Allerdings interessierte das den nächtlichen Besucher nicht mehr, denn er hatte, was er wollte. Ein wenig gönnerhaft rückte er den Schamottstein, den man allen Toten beilegte, bevor sie verbrannt wurden, auf dem Bauch des Alten zurecht. Zusammen mit der Asche würde der am Ende übrig bleiben. Ein feuerfester Stein mit einer Nummer, um den Staub zu identifizieren, der von den Leichen nach dem Aufenthalt in dem etwa 900 Grad heißen Krematoriumsofen übrig blieb. Damit war die Aufgabe des Fremden erledigt.
Der Sargdeckel wurde geschlossen, und der nächtliche Besucher verließ das Gebäude auf demselben Weg, auf dem er auch gekommen war. Dabei betastete er seine Beute, die jetzt in einer kleinen Plastiktüte steckte. Er drehte sie sanft zwischen den Fingern und sprach vor Dankbarkeit ein stilles Gebet.

* * *

Anfang Dezember, psychiatrische Klinik »Zum grünen Park«

Bellinda starrte in den Garten. Aber ihre Aufmerksamkeit galt nicht den kahlen Bäumen oder den niedlichen Meisen, die sich am Vogelhäuschen um einen Fettknödel balgten, sondern voll und ganz dem Krankenpfleger Patrick, der sich gerade fürsorglich um Mildred kümmerte, die leider schon vor Jahren völlig den Verstand verloren hatte. Seit dem Tod ihrer Kinder hielt sich Mildred nämlich für einen von Gott gesandten Engel, dessen oberstes Ziel es war, die Menschen vor drohendem Unheil zu warnen.
Ja, Schicksalsschläge konnten einem übel mitspielen, das wusste Bellinda aus eigener Erfahrung. Sie verfolgte die Szene weiter. Patrick bemühte sich, der nur mit einem dünnen Nachthemd bekleideten Mildred einen Mantel umzulegen und sie ins Haus zurückzuführen. Immerhin war es Anfang Dezember und damit empfindlich kalt.
Die junge Frau am Fenster war zufrieden. Ihr würde es nicht wie Mildred ergehen, die vermutlich nie wieder in die Welt da draußen zurückkehren konnte. Für Bellinda lag die Zukunft nämlich außerhalb der Nervenklinik – und mit Patrick war ihr Leben perfekt. Natürlich durfte momentan noch niemand etwas von ihrer Beziehung erfahren. Patrick gehörte zum Pflegepersonal, deshalb könnte die Bekanntmachung ihrer Verbindung für ihn Ärger bedeuten.
Außerdem wollte sie unter keinen Umständen riskieren, dass sich in letzter Minute noch jemand gegen ihre Entlassung aussprach. Sie vertraute da ganz Patricks Einschätzung der Lage. Vermutlich verzichtete die Klinikleitung nur ungern auf die monatlichen Raten für den Aufenthalt, die erst Bellindas Eltern und nach deren Ableben vor zwei Jahren der Familienanwalt überwiesen hatte. Aber langsam war es an der Zeit, dass sich Bellinda selbst um ihre Angelegenheiten kümmerte. Da der neue Arzt, der nach dem Tod des alten Doktor Esser kurzfristig ihre Behandlung übernommen hatte, ihr eine gute Genesung bescheinigte, konnte sie bald schon selbst über das große Vermögen verfügen, das ihr hinterlassen worden war. Und mit Patrick an ihrer Seite würde sie das Leben künftig in vollen Zügen genießen. Ende des Monats konnte sie die Klinik verlassen, sich ein schönes Haus mit Garten kaufen und dann tun und lassen, was sie wollte.
Als hätte Patrick gespürt, dass ihre Blicke auf ihm ruhten, sah er zum Fenster und hob die Hand zum Gruß.
Mildred folgte seinem Blick und gab ein ungehaltenes Grunzen von sich: »Sie wissen, was der Herr über die Schlange sagt?«, begann sie und wollte ein Bibelzitat vortragen, aber Patrick unterbrach die Frau.
»Ja, und ich weiß auch, was er vom Falschen-Zeugnis-Ablegen hält.«
Während er ihr antwortete, zwinkerte er Mildred zu, was diese unwirsch schnauben ließ. »Ich möchte auf mein Zimmer! Sofort!«, schnauzte sie empört, riss sich los und stapfte Richtung Eingang.
Patrick blickte noch einmal zu Bellinda und hob übertrieben die Schultern, so als wollte er sagen: »Was soll man da machen?«
Die junge Frau winkte ihm zu und lächelte. Vermutlich hatte sich Mildred, im Glauben, eine Gesandte Gottes zu sein, wieder einmal auf einen Wortwechsel mit Patrick eingelassen. Wie gewöhnlich hatte sie dabei vergessen, dass der Pfleger genug Kenntnisse der Bibel hatte, um seine Patientin notfalls zu widerlegen; etwas, das Mildred gar nicht schätzte.
Bellinda wurde aus ihren Gedanken gerissen, denn es klopfte an der Tür.
Eine Schwester öffnete und sagte: »Zeit für die Tanztherapie.«
»Bin schon unterwegs«, antwortete ihr die junge Frau und warf noch einmal einen Blick in den Garten, aber da war Patrick bereits verschwunden.

* * *

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Autorin & Copyright: Ilona Bulazel

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Ilona Bulazel,
Der Sündenfänger. Psychothriller
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Taschenbuch (Createspace) 9,99 Euro

Fluch aus der Keltenzeit: Rolf René Schneider, Der König der Ratten [Leseprobe]

leseprobe-koenig-der-rattenBei einem Skateboard-Unfall stößt der Heidelberger Schüler Markus Wohlfahrt am Rand der Piste auf ein verwittertes Grab — und zieht aus den Trümmern der Deckplatte ein uraltes Buch aus lange verschollener Keltenzeit. Was hat es mit diesem merwürdigen Artefakt auf sich, das ein Mönch namens Wittiges vor mehr als 1300 Jahren mit ins Grab nahm? Ohne es zu ahnen bringt Markus sich selbst und seine Freunde durch die Entdeckung in tödlicher Gefahr, denn der Inhalte des Manuskriptes bedroht alle, die mit ihm in Kontakt kommen. Drehbuchautor, Schriftsteller und Journalist Rolf René Schneider erzählt in „Der König der Ratten“ von Gier, Macht und der ewigen Sehnsucht der Menschen nach einem Leben ohne Ende, einem Leben ohne Tod — und entwickelt in diesem „Jugendroman für Erwachsene“ zugleich die Geschichte von den drei Freunden Markus, Max und Zecke, die dagegen den Glauben an das Gute setzen.


Rolf René Schneider: Der König der Ratten


Der Wind wehte den Herbst von den Bäumen. Raschelnd taumelten die Blätter auf das nasse Pflaster der alten Stadt. Heidelberg, Anfang Oktober.

Aus einem kleinen Turm in der Stadtmauer kletterte ein Falke. Der Greifvogel äugte hinüber auf die andere Neckar-Seite, flog dann mit einem Schrei auf. Ein Schrei, den die Menschen im Lärm des Alltags schon lange nicht mehr hörten. Der kleine Raubvogel ließ sich im Herbstwind über den Fluss tragen, auf die andere Seite des Neckar, auf den Heiligen Berg, dessen Kloster Heidelberg seinen Namen gegeben hatte, vor Tausenden von Jahren.

Das Kloster war verschwunden. Nur noch ein düsteres Colosseum aus der Zeit von Hitlers braunen Horden war übrig geblieben. Es besetzte den Heiligenberg wie ein Krebsgeschwür. Überall zwischen den Treppen wucherte Unkraut. Die Spätnachmittagssonne blinzelte zwischen den leeren Zweigen der Bäume hindurch. Auf dem Wipfel einer alten Eiche ließ sich der Falke nieder. Die Stille wurde unterbrochen durch das nervige Rollen eines Skateboards. Auf dem Brett balancierte ein Junge mit Bag-Hosen und einer Baseball-Mütze, die er verkehrt herum aufgesetzt hatte, und die nur mühsam die roten Haare des Fahrers bändigen konnte. Markus Wohlfahrt, gerade fünfzehn geworden, skatete sich seinen Frust von der Seele. Ein wagemutiger Sprung, geschickt behielt er das Gleichgewicht. Seine Beine federten den Aufprall ab. Er landete auf den bröckeligen Stufen der Arena. Markus beugte die Knie und nahm die Geschwindigkeit seines Skateboards mit, wieder ein Sprung nach unten, doch diesmal bröselte unter den Rädern eine poröse Stufe….

Markus ruderte mit den Armen, das Board wirbelte durch die Luft, Markus stürzte auf das Dornengebüsch zu. „Kacke!“, schrie er, bevor er unsanft auf den Boden einer Senke knallte, die unter dem Dornengebüsch versteckt lag.

Für einen Moment blieb Markus wie betäubt liegen. Seine Hand suchte nach dem Schmerz auf seiner Wange, wo Dornen blutige Kratzer hinterlassen hatten.

Aber nichts tat so weh wie die Erkenntnis, dass sie wieder nicht gekommen war! Ilona, das schönste Mädchen des Gymnasiums hatte ihn versetzt. Mal wieder! Zwei Stunden hatte er gewartet, ganz schön lange, fand er und ganz schön doof. Nach dem letzten Mal schon hatte er sich geschworen, sich nie wieder mit ihr zu verabreden. Aber da war etwas an ihr, gegen das er sich nicht wehren konnte. War es ihr Lächeln? Die Hoffnung? Das heimliche Versprechen, dass er ihr doch etwas bedeutete? Mehr als die anderen? Oder war es einfach nur seine eigene Blödheit? Markus wollte die Antwort nicht wissen, nicht jetzt. Er war gestürzt.

Sein Blick begann, umher zu wandern. Er entdeckte seine Mütze, die im Dornengestrüpp festhing, das Skateboard, das wie ein Käfer auf dem Rücken lag und dessen Räder sich noch immer drehten. Das alte Mauerwerk mit den Brombeerbüschen, die sich mit tausend Dornen gegen jeden Eindringling wehrten. Eine Eidechse, die die letzten Sonnenstrahlen genutzt hatte und nun über die Steine huschte in die Sicherheit des Gestrüpps. Eine seltsame Stimmung umfing ihn, die er nicht einordnen konnte. Etwas Mystisches und zugleich Unheimliches. Markus schüttelte die Gedanken ab. Seit dem Tod seines Vaters litt er unter dieser Vorstellung, mehr zu sehen, als andere. Er spürte Dinge, die andere nicht einmal ahnten. Markus hasste es. Er sprach mit niemandem darüber. Nicht einmal mit seiner Mutter! Nur mit Max, seinem besten Freund. Der Einzige, der sich nicht darüber lustig machte.

Markus rappelte sich mühsam auf. Dabei stieß sein Fuß gegen einen Brocken, der aus der Sandsteinplatte herausgebrochen war. Er beugte sich vor, spähte in die Öffnung hinein: nichts als schwarze Dunkelheit! Doch, da war etwas! Etwas blinkte silbrig! Markus ging auf die Knie, um besser sehen zu können. Von dem silbrigen Etwas schien eine seltsame Anziehungskraft auszugehen!

Markus spürte, wie sein Herz schneller zu pochen begann. Er versuchte, seinen Puls zu beruhigen, in dem er ein paar Mal tief ein- und ausatmete. Wieder fiel sein Blick auf die dunkle Öffnung im Stein. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass ihn jemand beobachtete. Irgendjemand, der ihn sah, aber er ihn nicht. Markus blickte um sich. Nur der Wind sang raschelnd ein Lied aus grauer Vorzeit. Es war so, als würde ihm jemand befehlen. Eine Stimme, die nur er hören konnte, eine Stimme tief in seinem Innern. Markus krempelte die Ärmel seiner Jacke hoch. Vorsichtig griff er nach unten in die Dunkelheit hinein. Seine Hand suchte. Er spürte ein Kribbeln. Erschrocken zog Markus seinen Arm aus dem finsteren Loch. Über seinen Unterarm krabbelte eine große schwarze Spinne.
„Hau ab!“, schrie Markus und fegte sie von seinem Arm. Eilig lief die Spinne über den Boden, um im Mauerwerk zu verschwinden. Markus blies erleichtert die Luft aus den Wangen.
„Was mache ich hier eigentlich, ich Idiot?“, fragte er sich laut.

Der Wind wehte ein paar Herbstblätter von den Bäumen und ließ sie auf der Steinplatte tanzen. Der Junge schaute noch einmal in die dunkle Öffnung. Ein kalter Schauer kroch ihm über den Rücken.
„Markus, Du Feigling!“, sagte der Junge zu sich selbst. Dann ließ er seinen Arm wie ein Seil nach unten, vorsichtig und immer bereit, seine Hand sofort zurück zu ziehen. Seine Finger tasteten. Er spürte einen Widerstand. Markus zog daran. Das Ding gab nach. Markus riss seinen Arm nach oben und fiel dabei selber nach hinten. Ein Totenkopf kam ans Tageslicht, in dessen schwarzen Augenhöhlen Markus Zeige- und Mittelfinger steckten – wie in einer Bowlingkugel. Markus prallte vor Schreck zurück:
„Oh Scheiße!“, schrie er entsetzt. Markus schüttelte seine Hand, um sich von dem Totenkopf zu befreien. Der Schädel kullerte auf den Boden, rollte davon, blieb liegen. Scheinbar grinsend schaute der Tod den Jungen an. Aus der zertrümmerten Schädeldecke kletterte eine Ratte.

Bevor Markus sich von dem Schreck erholen konnte, ertönte der spitze, triumphierende Schrei eines Greifvogels. Markus schaute nach oben, spürte einen Windzug, das Schlagen von mächtigen Flügeln. Bevor die Ratte das rettende Gebüsch erreichen konnte, bohrten sich die Krallen des Falken in den Körper der Beute. Markus prallte zurück, schlug sich den Kopf am Mauerwerk, während der Falke sich davonschwang, in seinen Fängen das todgeweihte Nagetier.

Markus rang keuchend nach Luft. Japsend zog er ein Asthmaspray aus seiner Jacke, sprühte sich hastig einen Stoß in den Mund. Er spürte Erleichterung. Langsam normalisierte sich seine Atmung wieder. Der Junge ließ das Spray wieder in der Tasche verschwinden. Erneut wanderten seine Augen zu dem Loch im Boden, warum eigentlich?
Tu es nicht!, sagte jemand zu ihm. Markus merkte, dass er es selbst war. Tu es doch!, sagte die andere Stimme in ihm, von der Markus nicht wusste, woher sie kam. Wie ein Indianer robbte er bäuchlings zu dem Loch zurück. Noch einmal spähte er in den düsteren Abgrund. Wieder dieses silberne Blinken.
Viel schlimmer kann es nicht kommen!, schoss es ihm durch den Kopf. Sein Arm kroch in die Öffnung. Markus hatte das Gefühl, als gehörte der Arm gar nicht zu ihm, als führte er ein eigenständiges Leben. Er bekam etwas zu fassen, er zog daran, Staub und Sand bröselten heraus, ergossen sich auf die Steinplatte.

Im Licht des Spätherbstes lag der Gegenstand vor ihm, eingehüllt in ein zerfasertes Leinentuch, aus dem etwas silbrig blitzte. Markus schlug das Leinentuch vorsichtig zurück, blickte auf ein altes Buch. Ein verwitterter Ledereinband mit einem silbernen Beschlag, der Markus zu blenden schien. Der Junge kniff für eine Sekunde die Augen zusammen, bevor er den Staub von dem Buch pustete. Zögerlich wollte er es aufschlagen. Da blätterte ein Windstoß die Seiten um. Markus blickte auf eine Handschrift in einer ihm unverständlichen Sprache.

Markus klappte das Buch zu. Er griff nach dem Skateboard, als sein Blick erneut auf den Totenschädel fiel. Er beugte sich runter, umhüllte ihn sorgfältig mit den Resten des Tuches, bevor er ihn sanft in das Erdloch zurück schob. Dann versiegelte er die Platte, indem er einen großen Stein darüber legte. Markus wischte den Sand auf der Platte zur Seite, entdeckte eine Inschrift in Latein: Innozenzius.
„So heißt Du also!“, murmelte Markus. „Und Du hast den Kopf verloren! Ich habe ihn Dir zurückgegeben, vergiss das nicht!“

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Autor & Copyright: Rolf René Schneider

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Rolf René Schneider,
Der König der Ratten
E-Book (Kindle Shop) 3,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 14,99 Euro

Große Träume, kleine Wahrheiten: J. Vellguth, Auf der Suche nach Glück in New York City [Leseprobe]

vellguth-suche-nach-glueck-in-new-york-city-coverHolly hat fast alles: Einen Studienabschluss mit Auszeichnung, ein Bewerbungsgespräch bei ihrer Traumfirma in New York, und dann trifft sie bei Starbuck’s auch noch netten Mann. Doch dann kommt alles anders, plötzlich hängt ihre gesamte Zukunft von der Arbeitsbereitschaft eines arroganten Schnösels namens Rick Coleman ab, der vielleicht doch ein bisschen mehr Tiefgang besitzt, als auf den ersten Blick zu sehen ist. Sie muss sich entscheiden: Karriere oder Liebe, oder kann man doch beides haben? Doch auch Rick hat es in J. Vellguths winterlich-moderner Liebesgeschichte „Auf der Suche nach Glück in New York City“ nicht ganz so einfach, er muss sich entscheiden: soll er sein gemütliches Leben einfach so aufgeben? Steckt hinter dieser jungen Frau doch mehr als nur strebsame Jobanfängerin? Unsere Leseprobe führt ins zweite Kapitel, noch etwas mehr verrät die „Blick ins Buch“-Funktion im Kindle Shop.


J. Vellguth: Auf der Suche nach Glück in New York City

Kapitel 2


Holly stand in einer warmen Wolke aus rosasüßem, würzigschwarzem Kaffeeduft und fühlte sich einfach nur gut.
Ihre Brille war immer noch ein wenig beschlagen. Während die Gläser sich langsam aufklärten, schloss sie kurz die Augen und atmete tief durch.
Der Geruch von Zimt und Honig, Kaffee und Salz­karamell, Kakao und Sahne machte sie ganz schwindelig.
Dann konnte sie endlich wieder sehen. Vor ihr in der Auslage erstreckte sich ein himmlisches Meer aus fluffigem Teig und Zuckerglasur. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen. Saftige Donuts, weiche Kekse und zuckersüße Teilchen.
Aber sie schaffte es, sich trotz leeren Magens einzu­reden, dass ihr flaues Gefühl nicht am Hunger lag, sondern von ihrer Nervosität und dem Anruf ihrer Mutter herrührte.
Sie konnte jetzt ganz sicher nichts Süßes vertragen.
Bestimmt.
Selbst in Gedanken triefte ihre Stimme vor Ironie.
Aber wenn sie hungrig wäre, müsste sie feststellen, dass ihr Portemonnaie gähnend leer war. Zumindest bis auf die zwanzig Dollar, die darauf warteten, in den Sparstrumpf für das Busticket nach Hause zu wandern. Sie hatte ihre Eltern so lange nicht gesehen. Und gerade jetzt, mit den Schwierigkeiten wegen des Autos, wäre es gut, über Thanksgiving bei ihnen zu sein.
Sie griff in ihre Manteltasche und fuhr mit vor Kälte steifen Fingern durch das Kleingeld, das sie heute noch ausgeben durfte.
Zwei Dollar und dreiundvierzig Cent. Das wusste sie, ohne nachzuzählen.
Sie betrachtete die Karte über der Theke. Für das Geld konnte sie sich einen mittleren Kaffee leisten. Oder mit einem kleinen achtundfünfzig Cent sparen und nachher im Laden noch etwas Gemüse kaufen, um ihren Magen zu füllen. Das war wohl die vernünftigere Variante.
Oder den Kaffee ganz sein lassen. Aber ihr war so kalt.
Da klingelte die Türglocke und ein junger Mann trat in den Laden.
Lang und schlank und das schwarze Haar so durcheinander, dass er wahrscheinlich gerade erst aus dem Bett gestiegen war. Auch sein eindeutig maßgeschneiderter Anzug sah ein wenig mitgenommen aus.
Sie fragte sich, was für eine Geschichte hinter seinem Aufzug steckte.
Die dunkelbraunen Augen blitzten in ihre Richtung und plötzlich erschien ein breites Lächeln auf seinem Gesicht.
Holly atmete eine weitere Welle aus Zuckerduft ein, durch die ihre Knie ganz weich wurden, wandte verlegen den Blick ab und betrachtete die Menükarte. Eigentlich sollte sie sich auf ihr Vorstellungsgespräch konzentrieren oder zumindest auf ihre Bestellung.
Aber die Gegenwart des jungen Mannes summte so laut am Rand ihres Sichtfeldes, dass sie nicht einen einzigen Buchstaben lesen konnte.
Sie spürte seine Wärme neben sich, bevor er etwas sagte. Er stand ein wenig dichter, als das für Fremde üblich war, und fuhr sich lässig durch sein seidig glänzendes Haar. Unvermittelt fragte Holly sich, wie sich das wohl anfühlen würde, und musste innerlich über sich lachen. So einen Gedanken hatte sie lange nicht gehabt.
Deshalb beschloss sie, nicht zu bemerken, wie ihre Oberarme bei seiner flüchtigen Berührung kribbelten.
Ihre halb gefrorenen Glieder begannen aufzutauen, das war alles.
»Guten Morgen«, sagte er mit dunkler Stimme und das selbstbewusste Lächeln auf den vollen Lippen wurde noch breiter. Ein Kribbeln ergoss sich ungefragt in einer Welle bis in Hollys Bauch hinein.
Schweigen oder antworten?
Sie entschied sich zu einem Konter: »Ganz so gut scheint der Morgen für dich aber nicht zu laufen.« Sie spielte natürlich auf sein zerwühltes Aussehen an.
Ganz egal, dass ihre Reaktion vielleicht ein bisschen verrückt war. Das hier war wesentlich besser als sich Gedanken über so nebensächliche Kleinigkeiten zu machen wie ihre Zukunft, Bewerbungsgespräche, kaputte Autos und – Frühstück.
»Nichts, was ein ordentlicher Kaffee nicht wieder hinbekommen würde.« Er beugte sich zu ihr herunter und sagte in vertraulichem Ton: »Heiß, mit extra Zucker, natürlich.«
Sie lachte. Nicht gerade innovativ. Aber aus irgend­einem Grund störte sie das heute gar nicht.
Sie spürte, wie sein Atem über ihre Wange strich und ihr Puls sich beschleunigte. Jede Wette, dass er die Damen mit seinem Charme reihenweise flachlegte.
»Ich bin Rick«, sagte er freundlich und hielt ihr die Hand entgegen.
Holly zögerte nur einen Augenblick. Normalerweise war sie niemand, der auf so etwas ansprang. Aber er sah durch seinen zerknitterten Auftritt mindestens genauso fehl am Platz aus, wie sie sich fühlte. Und alles war besser, als eine Stunde lang alleine die Zeit totzuschlagen.
»Holly«, sagte sie und nahm seine Hand. Die war weich und im Vergleich zu ihrer unheimlich warm. Fast hätte sie vergessen, ihn wieder loszulassen.
»Ein schöner Name«, antwortete er. »Und was trinkst du, Holly?«
Eigentlich hatte sie sich gegen den Kaffee entschieden, aber wenn sie jetzt sagte, dass sie nichts wollte, würden unweigerlich Fragen kommen. Unangenehme Fragen.
Also wandte sie sich an die Kassierin. »Einen Kaffee – tall, bitte«, sagte sie. Holly hatte noch nie verstanden, weshalb bei Starbucks der kleine Kaffee tall genannt wurde – also hochgewachsen oder lang. Wahrscheinlich, damit man eher bereit war, fast zwei Dollar für einen schlichten, schwarzen Kaffee auszugeben.
Die junge Frau an der Kasse nickte bereits, aber Rick schnalzte missbilligend mit der Zunge und lehnte sich gegen den Tresen. »Das kann nicht dein Ernst sein.« Die Kassierin zögerte und ihr Blick huschte unsicher zwischen ihren beiden Kunden hin und her.
»Ein langweiliger, schwarzer Kaffee?«, fragte Rick und zog die Brauen hoch. »Ich dachte, wir wären uns einig, dass wir Koffein und ganz viel Zucker brauchen, um vernünftig in den Tag zu starten.«
»Hauptsache schwarz und heiß«, sagte sie. Dabei ruhte sie sich absichtlich ein wenig zu lange auf dem scharfen S aus und versuchte genauso lässig zu wirken wie er. Sie konnte sich unmöglich zu etwas anderem überreden lassen, das ließ ihr Geldbeutel nicht zu.
Aber Rick schien sich davon nicht beeindrucken zu lassen, sondern wandte sich an die Kassiererin: »Die Dame nimmt einen Salted Caramel Mocha Grande.« Dann hob er Mittel- und Zeigefinger in die Luft. »Machen Sie zwei draus.«
Hollys Magen knurrte leise bei dem Wunsch nach so viel Kalorien. Sie hielt den Atem an und hoffte, dass er nichts davon bemerkt hatte.
»Siehst du, dein Bauch stimmt mir zu«, sagte er und lachte leise vor sich hin.
Na, hervorragend.
Mieser, verräterischer Bauch.
Hollys Blick raste über das Menü, bis sie sein bestelltes Heißgetränk fand. Fast fünf Dollar.
Sie schluckte, stieß die Luft aus und schüttelte schnell den Kopf. »Nein danke, ich …«
Er seufzte. »Vertrau mir einfach, okay?« Und am liebsten wäre sie in seinen tiefen, dunklen Augen einfach so versunken.
Ihre Finger schlossen sich fest um das Kleingeld in ihrer Tasche. Unmöglich.
»Aber ich …«
Er unterbrach sie, indem er sich an die Kassiererin wandte: »Der geht auf mich.« Damit lächelte er Holly zu, als wollte er sagen, er hatte alles unter Kontrolle.
Unter normalen Umständen hätte Holly sich jetzt zur Wehr gesetzt. So ein Geschenk konnte sie unter gar keinen Umständen annehmen.
Aber wenn sie sich an ihre Prinzipien hielt, dann bedeutete das, Thanksgiving ganz allein in ihrer kalten Wohnung zu verbringen.
Also schluckte sie ihren Stolz hinunter und lächelte.
Vielleicht war das ja wirklich mal eine willkommene Abwechslung. Jemand, der es ehrlich meinte und ihre Probleme löste, statt neue zu schaffen. Traf man solche Menschen tatsächlich einfach so auf der Straße? Leute, die keine andere Agenda hatten, als nett zu sein?
Sie warf ihm einen Seitenblick zu.
Ihr Bauch behauptete, er ging in Ordnung. Aber was wusste ihr Bauch schon, der war ein mieser Verräter. Ihr Kopf hatte eine sehr eindeutig andere Meinung.
»Glaub mir, du wirst es nicht bereuen«, sagte er mit einem Zwinkern.
Holly sah, wie die Kassiererin ihn beobachtete und verträumt zuerst den Kaffee machte, statt zu kassieren.
Rick ließ sich davon nicht beirren, sondern ging zu der Station, wo die Getränke ausgegeben wurde. »Also, was machst du hier in der Gegend?«, fragte er Holly. »Sightseeing? Arbeit? Vergnügen?« Beim letzten Wort senkte er die Stimme zu einem tiefen Brummen und wackelte mit den Augenbrauen. Dabei wirkte er so jungenhaft verschmitzt, dass sie es ihm nicht übelnehmen konnte.
»Arbeit«, sagte Holly schnell. »Hoffe ich zumindest.«
Er lachte. »Glaub mir, hier in der Gegend willst du gar nicht arbeiten.«
»Nein?«
»Lauter eingebildete Schnösel, die einen Stock im Hintern mit sich herumtragen.«
Jetzt lachte Holly. »Ach wirklich?« Sie neigte ihren Kopf und tat, als würde sie seine Rückseite begutachten. »Ich sehe gar nichts«, stellte sie übertrieben verwundert fest.
»Ausnahmen bestätigen die Regel«, antwortete er völlig ernst.
Da schob die Kassiererin zwei riesige Kaffeebecher über den Tresen. Rick griff in die Hosentasche seines Anzugs, zog seine Hand aber sofort wieder heraus und klopfte sein Jackett ab. »Sorry, tut mir leid, ich glaub, ich hab meine Karte im Auto liegen lassen.«
Da war das flaue Gefühl plötzlich wieder da und ihr Magen schrumpfte zusammen […]

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Autorin & Copyright: J. Vellguth

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J. Vellguth,
Auf der Suche nach Glück in New York City
E-Book (Kindle Shop) 1,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 12,99 Euro

Geboren aus dem Schlaf der Vernunft: Silke Nowak, Patient 211 [Leseprobe]

nowak-patient-211Schuldfähig oder nicht? Für Gutachter Dr. Julian Kraft normalerweise eher eine Routinefrage — doch im Fall von Linda Fallersleben kommt der forensische Psychologe an die Grenzen seines Fachs. Hat die Patientin ihren Mann – ausgerechnet einen Psychoanalytiker – gar nicht selbst erstochen? Gibt es einen mysteriösen Serienmörder, der nun auch in der Klinik Marienberg sein Unwesen treibt? Denn immer wieder verschwinden des Nachts Patientinnen aus dem Institut, und niemand weiß, was mit ihnen passiert ist. Die allgemeine Verunsicherung in Silke Nowaks neuestem Thriller Patient 211 ist der einzige fixe Punkt. Die Welt des Mediziners gerät dagegen langsam aber sicher aus den Fugen: wem kann er überhaupt noch trauen? Am Ende nur Linda Fallersleben selbst? Und welche Spur verfolgt Kommissar Hanta in den endlosen Fluren der Klinik? Bald wird es wieder Nacht auf Marienberg — und alle fragen sich: Ist da noch jemand? Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel… noch etwas mehr verrät die „Blick ins Buch“-Funktion im Kindle Shop.


Silke Nowak: Patient 211

1


Sie konnte ihn riechen.
Er war hier.
Noch bevor Linda ganz erwacht war, wusste sie, dass jemand an ihrem Bett saß. Es roch nach Zigarre. Ihr Herz schlug schnell, als der Rauch durch ihre Nase eindrang, tief bis in ihre Lunge hinein und von dort direkt in das Angstzentrum ihres Gehirns, die Amygdala. Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Oberlippe. Instinktiv wusste Linda, dass es der Rauch einer Romeo y Juliet war. Das war seine Lieblingsmarke gewesen.
„Benjamin?“, wollte sie fragen.
Doch nur ein dumpfes Stöhnen kam aus ihrem Mund.
„Es tut mir leid“, wollte sie sagen, aber ihre Zunge gehorchte nicht.
Wieder einmal war sie in diesem quälenden Zustand zwischen Schlafen und Wachen gefangen, ein Durchgangsstadium, dem sie früher kaum Beachtung geschenkt hatte. Doch seit sie die Tabletten nahm, um überhaupt noch schlafen zu können, zog sich das Erwachen hin, manchmal bis zu einer Stunde, vielleicht waren es auch nur Minuten, sie konnte es nur schwer einschätzen. Drei Melperon schluckte sie jeden Abend, drei kleine, weiße Tabletten mit gewaltiger Wirkung: Die Zeit wurde flüssig, Sekunden wurden zu Kaugummi und Minuten zu einer Ewigkeit, in der unheimliche Kreaturen erwachten. Klagend, flehend, schön oder hässlich waren diese Kreaturen – wie auf den Gemälden der surrealistischen Maler.
Linda hörte das Schlagen einer Turmuhr.
Wieder roch sie den Rauch einer Romeo y Juliet, der sich mit dem Geruch des Putzmittels vermischte.
Benjamin?
Sie träumte, eine Treppe nach oben zu steigen, die aus Knetmasse war und das Geräusch ihrer Schritte verschluckte. Köpfe tauchten aus der Masse auf, auch Schlangen, auf die sie treten musste. Doch das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass Benjamin oben an der Treppe auf sie wartete und lächelte; aber je näher sie kam, desto mehr löste er sich auf in einem gelblichen Nebel, der ihn umgab.
Warte! Benjamin! Ich muss mit dir reden.
Linda ging schneller. Ihre Beine rutschen unter ihr weg wie weichgekochte Spaghetti.
Warte!
Seit Linda in Marienberg war, musste sie dafür kämpfen, aufwachen zu können. Obwohl ihr Körper währenddessen ruhig im Bett lag, war die Prozedur für sie anstrengender als ein Zehnkilometerlauf. Wenn sie erwachte, war sie schweißgebadet. Wenn sie erwachte, wusste sie, dass ihr Unbewusstes mit dieser Knetmasse ein treffendes Bild für den chemisch herbeigeführten Schlaf gefunden hatte, der sie für ein paar Stunden die Hölle vergessen ließ, in der sie seit Monaten lebte.
Seit fünf Monaten, um genau zu sein.
Seit dem 8. März. Niemals würde sie diesen Tag vergessen, an dem ihr Mann tot auf dem Diwan in seinem Behandlungszimmer gelegen hatte.
Benjamin?
Wieder schlug die Turmuhr.
Und dann hörte sie dieses seltsame Geräusch.
Bitte nicht.
Es war sein Atem. Langsam, sehr langsam sog er die Luft ein. Ein Röcheln folgte. Dann, einen quälenden Moment lang, passierte gar nichts. Er schien die Luft anzuhalten. Stille trat ein, jene Stille, die unheilvoll war wie der Moment, in dem sich alles veränderte – aber nicht zum Guten.
O Gott, Benjamin, ich habe dich geliebt, bitte glaub mir das!
Dann, endlich, atmete er wieder aus. Sie hörte ein langgezogenes Zischen, mit dem die angestaute Luft entwich. Doch ihre Erleichterung hielt nicht lange an. Denn im selben Moment, in dem er ausatmete, traf ein Hauch auf ihren Hals. Linda erstarrte. Dieser Atem war böse, auf eine erotische Weise böse, als säße ein Fremder an ihrem Bett, der Benjamins Körper nur als Versteck benutzte.
„Linda“, flüsterte er.
Nein! Lass mich!
Sein Atem war ganz nah an ihrem Ohr. Und dort flüsterte er beinahe zärtlich: „Linda.“
Lindas Nackenhaare stellten sich auf. Sie fühlte die feinen Härchen überdeutlich, jedes einzelne Härchen richtete sich auf, zuerst in ihrem Nacken, dann auf ihren Armen und zuletzt auf der Innenseite ihrer Schenkel. Sie erschauderte.
„Gefällt dir das?“
Nein! Geh weg. Lass mich!
Der Mann, der an ihrem Bett saß, war Benjamin. Das war seine Stimme. Sie bildete sich das nicht ein.
„Linda“, hauchte er. Er sagte: „Meine Linda.“
Doch etwas an seiner Stimme war anders. Nur was? Was? Linda wusste, dass Benjamin tot war, selbst im Halbschlaf wusste sie das, aber der Mann, der an ihrem Bett saß, roch nach seiner Zigarre und nach seinem Aftershave, Taylor of Old Bond Street. Das war eindeutig der Geruch des Mannes, mit dem sie fast zwanzig Jahre verheiratet gewesen war.
Wieder schlug die Turmuhr.
Wieder seine Stimme: „Linda.“
Benjamin?
Diesmal kam bereits ein Lallen aus ihrem Mund. Lindas Beine zitterten, als sie versuchte, sich aufzurichten. Gleich hast du es geschafft! Ihre Augenlider begannen zu zucken, die Decke zur realen Welt wurde dünner.
„Linda“, flüsterte er und schob eine Hand unter ihr T-Shirt. Sein Daumen glitt über ihre Brustwarze.
Was tust du? Lass das.
Linda fühlte seinen Pullover auf ihrer Haut, 80 Prozent Kaschmir, 20 Prozent Baumwolle. Sie selbst hatte Benjamin diesen Pullover geschenkt. Der weiche Stoff verursachte ihr eine Gänsehaut, wieder richteten sich die Härchen auf ihrer Haut wie Tänzer auf. Nur dass es keine Tänzer waren, sondern Dämonen aus Goyas Höllenbildern, Schmerzen, Sehnsucht.
Oh Gott.
Etwas in ihr stöhnte auf, etwas, das sie weggesperrt hatte, um zu überleben. Sie wünschte sich so sehr, dass Benjamin es war, der sie berührte, und zugleich betete sie, dass er es nicht war.
Bitte, lieber Gott, lass das nur ein böser Traum sein.
Als er seine Hand nach oben wandern ließ, wusste sie, weshalb er gekommen war.
„Warum hast du mir das angetan?“, fragte er.
Im Traum stand Linda jetzt ganz oben an der Treppe – mitten in dem gelblichen Nebel – und bekam keine Luft mehr.
„Habe ich nicht immer gut für dich gesorgt?“, fragte er. Dann schlossen sich seine Finger um ihren Hals.
„Nein!“, schrie sie und …
Plötzlich saß Linda aufrecht in ihrem Bett. Gierig rang sie nach Atem, keuchte, hustete und riss die Augen weit auf. Der Puls hämmerte in ihren Ohren. Das T-Shirt klebte an ihrem Körper, sie war nassgeschwitzt und verstört und blickte sich ängstlich um.
„Benjamin?“, fragte sie in die Dunkelheit hinein.
Sie lauschte.
Vom Park her fiel das milchige Licht der Gaslaternen ein. Die Rollläden blieben über Nacht oben, darum hatte sie gebeten. Linda starrte in das Halbdunkel hinein. Die Konturen des Zimmers nahmen langsam Gestalt an. Sie erkannte das Fenster, den Schreibtisch und die Stehlampe, sogar die einzelnen Glasstücke des Lampenschirms erkannte sie. Nur ihn erkannte sie nirgends.
„Ist da jemand?“, fragte sie.
Der Radiowecker auf ihrem Nachttisch zeigte 05:12 Uhr. Es war Sonntagmorgen, der 20. August, es war 05:12 Uhr, und sie war in der Klinik Marienberg. Linda wusste das, sie war nicht verrückt.
Zitternd schlang sie ihre Arme um den Oberkörper. Am liebsten wäre sie wieder in das große, dunkle Loch gefallen, das man Schlaf nannte. Doch sie befahl sich: Bleib wach! Denk nach! Sie schnupperte. Das war doch Rauch, der sich in den allgegenwärtigen Geruch des Desinfektionsmittels mischte, oder nicht? Die Tür war geschlossen. Linda blickte sich um. Wenn er also wirklich hier gewesen war, dann müsste er jetzt noch hier sein.
„Ist da jemand?“, fragte sie wieder.
Ein großer, dunkler Schatten wanderte über ihre Bettdecke. Das war nur das Fensterkreuz, das im Scheinwerferlicht eines vorbeifahrenden Autos wanderte, sagte sie sich.
Aber im Park fuhren keine Autos.
Linda sah sich um. Im Zimmer gab es nicht viele Möglichkeiten, sich zu verstecken: nur unter dem Bett, im Schrank oder hinter dem Paravent.
„Benjamin?“, fragte sie wieder.
Etwas knarzte.
Linda blickte zum Schrank hinüber. Es war ein großer, moderner Einbauschrank, in dem ein erwachsener Mann locker Platz gefunden hätte. Die rechte Schiebetür stand offen. Linda starrte auf den dunklen Spalt. Etwas blitzte hervor. Waren das Augen? Mit zitternden Fingern tastete sie nach der Taschenlampe, die sie für solche Fälle im Nachttisch bereithielt. Sie knipste sie an. Gespenstisch huschte der Strahl durch das Zimmer.
„Wer ist da?“, fragte sie und richtete die Taschenlampe auf den Schrank.
Es war nur ihr Gürtel mit der silbernen Schnalle. Linda lachte, aber ihr Lachen klang seltsam.
In diesem Moment raschelte es hinter dem Paravent.
„Benjamin?“, fragte sie und richtete die Taschenlampe auf den Raumteiler. Bei Tag erinnerte sie der Paravent mit dem Blumenmuster an glückliche Zeiten. Es war ihr eigener Paravent, den sie mit in die Klinik genommen hatte. Jetzt wirkte das Gestänge aus schwarzem Metall wie ein Skelett. Linda ließ den Strahl tiefer wandern. Zwischen dem Paravent und dem Fußboden war ein Spalt von etwa fünfzehn Zentimetern.
Ihre Hand zitterte.
Sie erkannte keine Schuhe.
„Du hast geträumt“, sagte sie laut zu sich selbst. Und dann: „Benjamin ist tot.“
Der 8. März war eigentlich ein ganz normaler Mittwoch gewesen. Wie oft hatte sie sich schon gewünscht, die Zeit zurückdrehen zu können.
„Benjamin“, flüsterte sie und spürte Tränen in ihren Augen. Sie ließ den Arm mit der Taschenlampe sinken und starrte auf den Lichtkegel, der auf das Parkett fiel.
An jenem Mittwoch war Linda den ganzen Tag über im Atelier gewesen. Das Atelier lag knapp zwei Kilometer von ihrem Haus entfernt in einer ehemaligen Scheune. Zweimal die Woche, immer mittwochs und freitags, hatte Benjamin Privatpatienten zu Hause. Deshalb blieb Linda an diesen beiden Tagen länger als sonst im Atelier. Sie mochte es nicht, wenn Patienten bei ihnen zu Hause waren.
Der Lichtkegel verschwamm vor ihren Augen.
Nein, es gab keine Zeugen, die sie im Atelier gesehen hatten.
Linda fror.
Erst gegen halb acht war sie nach Hause gekommen. Nein, sie hatte sich nicht gewundert, dass ihr Mann nicht im Wohnzimmer gewesen war und auch nicht in der Küche. Und nein, sie hatte nicht sofort nach ihm gesehen. Erst als er gegen acht immer noch nicht auftauchte, war sie in sein Zimmer gegangen.
Ihre Zähne begannen zu klappern.
Linda betrat das Büro. Sie öffnete die Tür. Seit dem 8. März öffnete sie immer wieder diese schwere, lederbespannte Tür, die zu Benjamins Allerheiligstem führte, in sein Behandlungszimmer. Das Behandlungszimmer eines Psychoanalytikers. Und da lag er: auf seiner Couch, blutüberströmt. Diesen Anblick würde sie nie mehr vergessen. Ebenso wie den Klang der Stimme ihrer Tochter Delphine, als sie gefragt hatte: „Mama?“
Nur deshalb war Linda froh, auf Marienberg zu sein, wegen Delphine. Es tat gut, wenn ihre Tochter an ihrem Bett saß und ihre Hand hielt.
Ein kalter Hauch streifte Lindas Hals.
Linda wischte sich die Tränen ab und richtete die Taschenlampe zum Fenster hinüber. Konnte das sein? Erst jetzt bemerkte sie, dass das Fenster offenstand.
Niemand durfte das Fenster öffnen.
Zu ihrer eigenen Sicherheit.
Linda drückte die Klingel über ihrem Bett. Dann stand sie auf. Ihre Beine waren noch schwach, sie zitterte, aber sie musste es nur bis zum Fenster schaffen. Hinter ihr knarzte es, doch sie drehte sich nicht um. Benjamin war tot. Es gab keine Gespenster! Linda ballte die Hand zur Faust. Wie naiv war sie doch gewesen, zu glauben, dass ihr der Gerichtsprozess das zurückgeben würde, was man ihr genommen hatte:
Ihre Würde.
Ihr Zuhause.
Ihr Kind.
Doch das Letzte, was sie ihr nehmen wollten, würden sie nicht bekommen: Ihren Verstand.
Wieder knarzte es.
Nein, sie war nicht verrückt.
Zumindest hatte sie das geglaubt – bis zu diesem Augenblick, in dem sie sich doch umdrehte.

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Autorin & Copyright: Silke Nowak

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Silke Nowak,
Patient 211
E-Book (Kindle Shop) 0,99 Euro

Auftragskiller aus der Anderwelt: Anna Kleve, Das Geheimnis seiner Aura [Leseprobe]

geheimnis-seiner-aura-introArawn ist ein Peryton, ein Mischwesen mit übernatürlichen Kräften — und zugleich ein gefürchteter Auftragskiller. Seine neueste Mission führt ihn in die Welt der Menschen: er soll den Studenten Erik um die Ecke bringen, ein auf den ersten Blick erstaunlich gewöhnliches Wesen ganz ohne magische Kräfte. Merkwürdig scheint nur Eriks starke Aura — was hat es damit auf sich? Arawn wird neugierig, und beginnt sogar, Erik zu beschützen, um hinter sein Geheimnis zu kommen. Das Schicksal geht manchmal seltsame Wege — ausgerechnet Arawn und Erik führt es schließlich auf eine Reise zur legendären Trollhexe, und in den Kampf gegen gemeinsame Feinde aus der Anderwelt. Doch kann ein Peryton einem Menschen am Ende etwas anderers bringen als den Tod? Eins ist schon mal klar: Anne Kleves neuer Fantasy-Roman „Das Geheimnis seiner Aura“ bleibt spannend bis zum Schluss… Wer mehr über Arawn und seinen Auftrag erfahren will, kann gleich hier loslesen.


Anna Kleve: Das Geheimnis seiner Aura

1. Arawn – Killer


Ich habe nie daran gedacht, dass ich einmal zum Beschützer werden würde. Bei allem was ich in über 2000 Jahren getan habe, war eine Laufbahn als Bodyguard niemals in meinen Gedanken aufgekreuzt. Nur das Schicksal geht manchmal andere Wege und nimmt einem jegliche Wahl. Ich zumindest hatte ab einem bestimmten Zeitpunkt keine Wahl mehr gelassen bekommen …

Ich war ein Killer. Seit annähernd 2300 Jahren, um es genau zu nehmen. Mitgefühl, Freundlichkeit, Gnade – alles Worte, die für mich schon seit der Gründung der Stadt Aksum keine Bedeutung mehr hatten. Das brachte ein ganz bestimmtes Thema mit sich, über das ich nicht nachdenken wollte: Einsamkeit. Größer als die Antarktis, die größte Wüste der Welt – wenn auch eine Eiswüste. Nicht, dass ich mir je erlaubte darüber nachzudenken. Es war nicht wichtig, denn es gab nichts was ich weniger wollte, als … Gemeinsamkeit. Ich war nicht immer … alleine, aber ich hatte auch zu niemandem eine tiefe Verbindung.
Wenn jemand mich gefragt hätte, wie ich zu einer Karriere als Mörder gekommen war, würde ich antworten, dass mir der Tod im Blut liegt. Das wäre nicht einmal gelogen gewesen. Angefangen hatte es allerdings mit einer jungen Frau. Fast noch ein Mädchen. Atemberaubend schön und herzzerreißend unschuldig, nicht dass es mich interessiert hätte. Die nebelverhangene Abendröte schwand an jenem Abend gerade und die samtene Schwärze der Nacht streckte unaufhaltsam die Fühler aus, genau wie die Kräfte des Todes mein Blut erfüllten und sich unaufhörlich nach dem Leben dieses magischen Kindes – einer jungen Fairy – ausdehnten. Ich sah sie unter den Bäumen stehen, deren Blätter sich bereits herbstlich verfärbt hatten. Ein kurzer Windhauch ließ etwas von dem gefallenen Laub aufwirbeln und ich konnte den schweren Duft des Herbstes riechen: feucht und erdig. Der Geruch von etwas das ging und erst Monate später wiederkommen würde. So wie ich bereits wusste, dass ihr Leben gehen würde, nur mit dem Unterschied, dass dieses Leben niemals zurückkehren würde. Ich trat aus dem Schatten der Bäume und ließ das Laub unter meinen nackten Füßen rascheln. So wie ich dieses Geräusch bewusst hervorrief, konnte ich mich auch absolut lautlos bewegen. Je nach Bedarf. Die Frau – nein, eher doch ein Mädchen – drehte sich zu mir herum. Ihre leuchtend blauen Augen – rein und klar, wie ein Gebirgsquell – sahen mich geweitet an. Ich wusste was sie sah. Ein Mann, mit pechschwarzem Haar, zwar nicht allzu groß, aber muskulös, attraktiv – ohne dass ich angeben wollte. Es war klar, dass sie die schönsten Männer der Welt kannte – immerhin war sie eine Fairy und kannte die anderen wunderschönen Fairy: Männer wie Frauen – und doch sah sie mich mit dieser Mischung aus Erstaunen, Bewunderung und Faszination an. Ich hatte erst später begriffen, was es tatsächlich war. Nicht nur das Aussehen, es war noch etwas anderes. Die Aura von Gefahr und Dunkelheit, die besonders die … Guten … anzog. Geschöpfe, wie sie. Das Mädchen kam näher auf mich zu. Ein Lächeln erschien auf ihren vollkommenen Zügen. Von ihrem Körper strahlte eine angenehme Wärme aus, während mein Körper nach und nach zu Eis gefror. Ihr Atem streifte meine Wange, wie ein sanfter Blütenhauch. Zu sanft, für meinen Geschmack. Das Eis des Todes wanderte bis in meine Fingerspitzen. Sie kam noch etwas näher. Ich konnte ihren Duft von Rosenblüten wahrnehmen. Es hätte mich kaum weniger locken können. Meine plötzlich so eisigen Finger schlossen sich um den Dolch an meinem Gürtel. Die Kristalle am Griff kratzten an meiner Haut. Ich spürte wie die Finger des Mädchens meinen Handrücken berührten, warm und weich. Erst da zuckte sie vor mir zurück, als sie die Kälte spürte. Ein flüchtiges Lächeln huschte über meine Lippen. Ihr Leben war vorbei, bevor ich den Dolch überhaupt gezogen hatte, denn ich konnte ihre Lebensenergie bereits versiegen spüren. Einen stetigen Strom, der immer langsamer und schwächer floss. Das zu bemerken dauerte nur einen Sekundenbruchteil. Ich zog den Dolch hervor und griff nach ihrer Hand. Die so schönen und reinen Augen des Mädchens waren weit aufgerissen, als sie die Kälte des schleichenden Todes nun deutlicher fühlen konnte. In den blauen Tiefen konnte ich erkennen, dass sich nun Angst in ihr ausbreitete. Bevor die Angst sie auch nur zu einer winzigen Reaktion veranlassen konnte, hatte der Dolch in meiner Hand sich durch ihren Oberkörper gebohrt, zwischen zwei Rippenbögen hindurch und direkt ins Herz. Der Dolch und die Kristalle – eine Konstruktion meines Vaters – begannen vor Lebenskraft zu pulsieren. Ich lächelte zufrieden, als ich die Kraft darin spürte. Der Funke des Lebens verschwand schnell aus den blauen Augen, die nicht länger strahlten und funkelten. Die Lebensenergie strömte wie ein gewaltiger Strom in mich hinein. Ihr Körper wurde kalt und leblos. Die Schönheit im Tod eingefroren. Ich begann zu zittern. Immer mehr Kraft flutete mich und ihr Körper entglitt meinen Händen. Es war rein, kraftvoll, beinahe übermächtig. Mein Dolch fiel zu Boden. Ich wich zurück. Angst breitete sich unendlich weit in meinem Körper aus. Zu spät! Es wurde mir zu spät bewusst. Ich liebte es. Diese Kraft, diese Energie. Es war nicht zu vergleichen mit den Tieren, die ich getötet hatte, um zu leben. Ich würde es nie vergessen. Nein! Ich wollte es immer wieder spüren. Es konnte süchtig machen. Dieses Aroma hatte mich bereits süchtig gemacht. Ich würde mich nicht mehr nur mit Tieren begnügen können. Das war mir sofort klar gewesen. Nicht, dass es mein Gewissen je besonders belasten würde.
Ich kehrte unbemerkt nachhause zurück. Es war nicht verwunderlich, dass mein Auftraggeber bereits alles was ich gefordert hatte dort hinterlassen hatte. Natürlich! Niemand würde jemals daran zweifeln, dass ich ein Opfer töten würde. Ich war der Geist des Todes: Arawn, der Peryton, der das Leben seiner Opfer verschlang, ohne dabei Skrupel zu verspüren. Das kleine, fast zerbrechlich wirkende Instrument blieb auf der Bank liegen, während ich das glänzende Schwert aufhob. Mein Dolch lag immer noch hunderte Meter entfernt neben einer Leiche. Er war die Vergangenheit. Beinahe. Eines musste ich noch erledigen. Das Schwert in meiner Hand dagegen die Zukunft. Ein seltenes Stück. Über 2000 Jahre später vollkommen einzigartig. Und mit diesem Schwert war ich am trainieren, als ich den Auftrag erhielt, der mein Leben für immer auf den Kopf stellen sollte.

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Autorin & Copyright: Anna Kleve

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Anna Kleve,
Das Geheimnis seiner Aura
E-Book (Kindle Shop) 2,99 Euro

Und täglich grüßt der Siebenschläfer: „Visum fürs Paradies“ von Adrian Feder [Leseprobe]

visum-fuers-paradies-intro13 Umzüge, 13 Neuanfänge. Doch diesmal scheint der 12jährige Liam — geboren am Siebenschläfer-Tag — tatsächlich Wurzeln zu schlagen. Dass er endlich seine Unnahbarkeit gegenüber den Mitmenschen aufgibt, hat viel mit der neuen Nachbarin Jennifer zu tun: schon bald sind beide unzertrennlich. Auch später wird er seine Jugendliebe nie vergessen können, selbst als mit Claire längst eine andere Frau in sein Leben getreten ist. Doch mit den Jahren halten ihn jene verschütteten Sehnsüchte fest, denen er auf den Grund gehen will. Um sich zwischen den beiden Frauen zu entscheiden, beschließt er, aus der Alltagswelt auszusteigen – und macht sich auf die Suche dem „Visum fürs Paradies“. Aber gibt es das überhaupt? Hier schon: Der Titel von Adrian Feders neuem Roman ist Programm – Liam bewegt sich an der Außengrenze der Wirklichkeit. „Ich liebe und schreibe Geschichten, die einen surrealen Hauch bieten“, so der Autor über sich selbst. Unsere Leseprobe führt ins erste Kapitel…


Adrian Feder, Visum fürs Paradies

1. Kapitel


Mein zwölfter Geburtstag fiel auf den 27. Juni 1997 – der Tag, an dem ich das dreizehnte Mal umzog und ein Privileg verlor. Jahr für Jahr wechselte ich die Klasse und meine Eltern schleppten mich durch halb Norddeutschland. Geriet ich in eine missliche Lage, wusste ich, dass mich nach zwölf Monaten ein Umzugswagen in eine neue Richtung fuhr. Ich musste mich nur im Beifahrersitz zurücklehnen und meinem Vater zuschauen, wie er das Lenkrad umher riss und auf unsere neue Heimat zusteuerte. Hier lag der Ursprung dafür, weshalb ich vom Leben eine einfältige Vorstellung besaß. Eine Vorstellung davon, dass meine Kindheit ohne nennenswerte Verstrickungen verlaufen würde: Ein Vorzug, den ich als Junge wertschätzte und eben als Privileg empfand.
Sage ich, dass mich niemand beim Namen nannte, übertreibe ich, aber in dieser Zeit gewöhnte ich mich daran, einfach nur »der Neue« zu sein. Wenn ich erstmals einen Klassenraum betrat, rief immer einer der Jungs: »Der Neuling ist da.« Im Falle, dass ich in ein Fettnäpfchen trat oder eine der örtlichen Begebenheiten mir fremd war, hörte ich: »Du bist doch neu. Das kannst du noch nicht wissen.«
Am ersten Schultag in der ersten Stunde der vierten Klasse verlor dieses Privileg an Kraft: Der Klassenlehrer blätterte die Namensliste durch und löste die Sturzgeburt meines Charakterfehlers aus.
»Deine Schwester unterrichtete ich schon damals. Fein, fein«, sagte er zum Mädchen, links neben mir. Mit seinem Bleistift zeigte er als Nächstes auf mich.
Ich schob den Stuhl zurück, stand auf und stellte mich pflichtbewusst vor: »Ich bin Liam.«
Die schlimmste Reaktion, die ich bisher erlebte, war gar keine Reaktion – das dachte ich. Wegen der Stille und den Augen des Lehrers, der die Liste anstarrte, ergänzte ich meinen Drei-Wörter-Satz: »Das ist die Abwandlung von Wilhelm, wie der Kaiser Wilhelm.«
Ohne es zu ahnen, lieferte ich die Vorlage dafür, dass ich für ein Jahr nicht der Neue heißen sollte, sondern »Kleiner Kaiser«. Rückblickend erwies sich dies als das geringere Übel.
Ich setzte mich hin, um den Kommentar abzuwarten (einige kicherten in den hinteren Reihen, was ich aber geflissentlich ignorierte). Der Lehrer übersprang mich und wanderte mit dem Stift zum Klassensprecher neben mir: »Deinen Vater kenne ich aus dem Kindergarten. Ja, ja.«
Der Unterschied zwischen den Äußerungen zu meinen Sitznachbarn und dem Schweigen, das mir galt, erschuf in mir ein Vakuum – als stürze ich in eine Kluft. Entweder aß ich tagsüber nichts oder saß geistesabwesend vor dem Fernseher. Vielleicht versuchte ich, dem Gefühl gerecht zu werden, wer ich war. Ein Gefühl, jemand zu sein, auf den es keine Reaktion gab.
Meine Erleichterung, von diesem Ort wegzuziehen, fiel damals schwächer aus, als ich es mir erhofft hatte. Die fünfte Klasse stellte einen Neuanfang dar, der von einem Rauschen begleitet wurde – ähnlich dem Rauschen eines Radios, das nach Empfang suchte. Behauptete irgendwer, ich führe das Leben eines Einsiedlers, würde mich das kränken. Das Schlimme daran ist nicht, dass es stimmte, sondern dass mich mein Leben nie störte und dass ich bin, was ich bin: ein Einsiedler.

Bezogen wir ein neues Haus, ließ ich alle Kisten und Kartons für sechs Monate im Zimmer stehen. Sah meine Mutter die leeren Regale, fragte sie besorgt nach dem Grund. Ich verkaufte es immer als Protest (getreu dem Motto: Ich habe fürs nächste Jahr gepackt). Im besagten Sommer 1997 sollte es nicht soweit kommen: Ich lernte Jennifer kennen.
Genauso wie ich erreichte sie bald das zwölfte Lebensjahr. Unsere beiden Grundstücke trennte exakt ein Kartoffelfeld und sie wohnte wortwörtlich einen Katzensprung von mir entfernt. Als Nachbarin besuchte sie uns öfters und half meinen Eltern, das Geschirr aus dem Zeitungspapier zu wickeln. Saßen wir in meinem Zimmer, strich sie sich die Haare hinters Ohr und begutachtete die leeren Regalflächen, auf denen sich allmählich Staub ansammelte. Sie wippte mit ihren Beinen und fragte: »Warum willst du hier nicht wohnen?«
»Ich bin am Siebenschläfertag geboren«, fing ich an.
Regnet es am Siebenschläfer, fallen sieben Wochen lang Regentropfen vom Himmel (so lautet eine Bauernregel). Genau an diesem Tag, an dem ich zur Welt kam, fasste meine Familie einen Entschluss, der sich zu einer Art familieneigenen Tradition entfaltete: Wir zogen um. Es brauchte einige Wochen und wir siedelten mit mir als Export von West-Berlin nach Niedersachsen. Als Siebenjähriger dachte ich, die Bauern irrten sich. Statt der sieben Wochen musste der Siebenschläfer sieben Jahre dauern.
»Niemand stellt sich gerne den Dingen des Lebens«, erklärte Jennifer. »Bestimmt konntest du es so leichter ertragen und daran ist nichts verwerflich. Rentner benutzen Gehhilfen und Kinder fahren mit Stützrädern.«
Trotz ihres Alters fühlte ich, als spräche ich mit einer Erwachsenen. Nachdem sie in mein Leben trat, geriet meine Weltordnung heillos durcheinander und ich verwarf meine These. Selbst jemand wie ich begriff eines Tages unwillkürlich: Etwas an meiner Denkweise stimmte nicht. Dass die Welt sich komplexer als eine Bauernregel verhielt, verstand ich früher schon. Mit Jennifer gelang es mir nicht länger, vor dieser Erkenntnis zu flüchten.

Mein neues Zuhause entpuppte sich als ein ehemaliger Bauernhof. Im einstigen Stall hingen an allen Ecken Spinnenweben herunter und in den Futterbahnen fanden wir vereinzelt Weizenkörner. Zur Terrasse hinaus lag eine Wiese, die von Löwenzahn und Gänseblümchen überzogen wurde. Direkt nebenan grenzte ein Fluss und der dichte Wald umrandete unser Grundstück, um vor fremden Blicken zu schützen. Der Fußboden in der Diele bestand aus echtem Nussbaum. Liefen Jennifer und ich über den Holzboden, knarrte er. Auch wenn die Anzahl an Räumen keinen Unterschied zum vorherigen Haus machte, gefiel es mir hier. Als Kind hatte ich einige Immobilien gesehen, weswegen ich mich in der Hinsicht gut auskannte.
Eines Tages lag ich im Garten auf einem dieser Liegestühle aus dem Baumarkt. Um alles in der Welt setzte ich mir das Ziel, in den letzten Ferientagen so viel Sonnenlicht wie möglich in mir aufzunehmen. Plötzlich prallte auf meine Füße frostklirrendes Wasser. Ich zuckte zusammen und in sämtlichen Knochen schüttelte sich jedes Stück Kalzium vor Kälte. Jennifer stand vor mir mit einer Gießkanne in der Hand, und beugte sich über mich.
»Was tust du da?«, motzte ich.
»Damit du Wurzeln schlägst.«

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Autorin & Copyright: Adrian Feder

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