Leipzig liest digital: E-Books & E-Publishing als Buchmesse-Trend

Leser sind auch Nutzer – das zeigt die Leipziger Buchmesse 2012 ganz besonders. Per Online-Voting nominierte die Internet-Crowd Wolfgang Herrndorf mit seinem Roman „Sand“ (siehe unsere E-Book-Review) für den Buchmesse-Preis im Bereich Belletristik. Hör- und Leseproben der 15 zur Auswahl stehenden Autoren waren zuvor erstmals mit einer eigenen App zugänglich gemacht worden, die das Leipziger Startup Snippy zur Verfügung gestellt hatte. Ob man die elektronische Vox Populi allerdings auch ernst nimmt, ist eine andere Frage – das letzte Wort hat traditionell die siebenköpfige Kritikerjury. [Update 15.03. 17 Uhr: Wolfgang Herrndorf ist Preisträger im Bereich Belletristik]

Buchbranche spürt den „Wind of Change“

Doch der digitale Wind of Change war in Leipzig wohl noch nie so spürbar wie in diesem Jahr. Hieß es bisher „Leipzig liest“, so lautet es parallel dazu nun auch ganz offiziell „Leipzig liest digital“. Unter diesem Motto sind alle Events zur E-Literatur zusammengefasst. Das Spektrum ist dabei breitgefächert: Geht es für die Leser um Trends wie E-Books und Social Reading, so müssen sich Autoren mit Themen wie Selbstvermarktung und Self-Publishing auseinandersetzen, und die Verlage bereits mit immer neuen Absatzmodellen. Denn E-Books wurde im Vorfeld der Buchmesse mit 77 Prozent von der GfK gerade ein rasantes Umsatzwachstum bescheinigt, und bereits knapp 3,2 Millionen Deutsche besitzen ein elektronisches Lesegerät oder ein für die E-Book-Lektüre geeignetes Tablet. Geradezu wie ein Fanal wirkte in diesem März zudem der Start von Flatrate-Anbietern nicht nur im Musikbereich (Spotify), sondern auch auf dem Buchmarkt (Skoobe).

Willkommen im Digitalen Wohnzimmer

Die große Trendwende fand allerdings bereits 2011 statt – die Messe bekam eine eigene Facebook-Seite (mit inzwischen 14.000 Fans), berichtete über Veranstaltungen per Web-TV und brachte das Veranstaltungsprogramm auf Smartphones und Tablets. In Messehalle 5 hat sich der Ausstellungsbereich „Digitale Medien“ etabliert. Dort kann man in diesem Jahr neben bereits eingespielten E-Publishing-Spezialisten wie Bookwire, epubli, MVB/Libreka oder Mediacontrol/Ceebo auch ganz neue Player treffen, etwa Skoobe, das vor wenigen Wochen gestartete Flatrate-Angebot für E-Books, hinter dem Bertelsmann und Holtzbrinck stehen. Zugleich bietet die Messehalle 5 aber auch dem „Digitalen Wohnzimmer“ Obdach, wo sich Online-Literaturportale wie literaturcafe.de, literaturtest.de oder leserwelt.de präsentieren. Unter dem Motto „Weltbibliothek Digital“ stellt die Buchmesse in Kooperation mit der Uni-Bibliothek Leipzig prominente Public-Domain-Versionen von Klassikern der Weltliteratur vor. Digitalisiert wurden die Werke nicht nur von Bibliothekaren, sondern auch von Aktivisten des Project Gutenberg oder dem Such- wie Scanmaschinen-Riesen Google. Wer sich für digitale Comics interessiert, wird dagegen in Halle 2 fündig – hier zeigt etwa der Carlsen-Verlag neben klassischen E-Books auch Comic-Apps für Mobilgeräte. Einen Überblick über Aussteller und Veranstaltungen zum Thema Digitale Medien vermittelt der Digi-Guide.

Autoren-BarCamp zu „neuen Wegen des Schreiberdaseins“

Verstärkt werden zudem die Angebote für Autoren, die potentiellen Ich-AGs des Literaturbetriebs: so findet zum ersten Mal ein Autoren-BarCamp statt, um im Austausch mit Bloggern und Web-Publishern „neue Wege des Schreiberdaseins“ im digitalen Zeitalter auszuloten. Mit dabei ist auch Leander Wattig: „Dank Internet und digitaler Technik kann heute jeder Autor werden. Es reicht aber nicht aus, etwas im Internet zu veröffentlichen. Man muss auch gefunden werden“, so der Marketing- und Social-Media-Experte. Mangelnde Medienkompetenz dürfte wohl auch der Grund dafür sein, dass bisher nur wenige deutsche Autoren auf das Vermarktungsmodell Selbstverlag 2.0 setzen. In einer (allerdings nicht repräsentativen) Umfrage von Buchmesse und Deutschem Literaturinstitut konnten sich sogar nur 4 Prozent der Schreibenden vorstellen, ein E-Book in Eigenregie herauszugeben. Viele überlassen auch Promotion wie Distribution im Netz komplett den Verlagen: Nur knapp ein Drittel der Befragten betrieb eine eigene Website.