Verlage im Netz: Nicht so schutzlos wie behauptet

Vor fast 220 Jahren, am 28. Mai 1794 schloss Friedrich Schiller einen bemerkenswerten Vertrag mit seinem Verleger Johann Friedrich Cotta. Es ging um die Veröffentlichung von Werken Schillers im Literaturmagazin Die Horen. Der Vertrag sicherte Schiller Vorschüsse, Lizenzgebühren und Optionen zu, außerdem enthielt er eine Klausel zum Schutz von Schillers Persönlichkeitsrecht. Absatz 5 garantierte dem Autor, über Änderungen an seinem Text, die vom Redaktionskollegium gewünscht sind, selbst entscheiden zu dürfen. In den Horen abgedruckte Texte durften erst nach Ablauf von vier Jahren anderswo veröffentlicht werden (Absatz 8). Absatz 15 garantierte den Beteiligten (Autor, Redaktion) einen Anteil an den Einnahmen, sollte eine Ausgabe mehr als 2000 Mal verkauft werden. Heute würde man das die Bestsellerklausel nennen.

Warum ist dieser Vertrag bemerkenswert? Weil es 1794 kein gesetzlich verbrieftes Urheberrecht in Württemberg gab, wo die Cotta’sche Buchhandlung ihren Sitz hatte. Dennoch konnte Schiller einen Vertrag abschließen, der ihn besserstellte, als die meisten der Verträge, auf die sich heute Autoren einlassen (müssen). Und das, obwohl immer wieder das Urheberrecht verschärft wird, um die Urheber besser zu schützen und damit besser zu stellen. Vermeintlich. Denn tatsächlich wird das Urheberrecht seiner Funktion, dem Urheber die Grundlage dafür zu verschaffen, sich mit seinen Schöpfungen ein Auskommen zu sichern, nicht gerecht. Eine durchaus berechtigte Frage ist, ob das Urheberrecht ihr je gerecht wurde. Doch hier soll es nur um die Gegenwart gehen und nur um eine Branche: den Journalismus.

Recht vs. gesellschaftlicher Wandel

Wie überall, wo es ums Urheberrecht geht, gibt es drei Gruppen von Akteuren, die betroffen sind: Urheber, Verwerter und Nutzer. In der Vergangenheit waren nur die ersten beiden vom Urheberrecht betroffen, da nur sie etwas getan haben, was durch das Urheberrecht reguliert wird: Sie haben Werke – also Musik, Film, Foto, Text etc. – veröffentlicht, aufgeführt, öffentlich angeboten und weiteres. Das hat sich durch Digitalisierung und Internet fundamental verändert. Jeder Nutzer von PC und Internet kann Werke verlustfrei kopieren und zu minimalen Kosten verbreiten. So sind also Menschen auf den Plan getreten, die bei Facebook ein Video veröffentlichen, in ihrem Weblog einen Text kopieren, in einen Beitrag in einem Diskussionsforum ein Foto einbauen, das sie aus dem Netz geladen haben. All das mit der Vorstellung, etwas Privates zu tun. Doch dieses vermeintlich Private ist öffentlich im Sinne des Urheberrechts. Ein Eldorado für Abmahnwellen und Nährboden für eine Verachtung des Urheberrechts, das scheinbar nur dazu dient, zu verhindern, statt zu schaffen.

Wer darauf antwortet, dass nicht jeder ein Künstler sei, der ein „geklautes” Foto in sein Blog stellt, verkennt den Kern des Problems. Der darin besteht, dass sich das Verhalten von Menschen verändert, wenn sich die Möglichkeiten ändern. Und damit offenbar wird, dass das Urheberrecht, das wir haben, den Anforderungen der digitalen Ära nicht gerecht wird. Denn es ist ja das Urheberrecht selbst, das jedem, der ein Foto in sein Blog stellt, seinen Regulierungsanspruch aufzwingt. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass wir es nicht mit einem technologischen Wandel zu tun haben, sondern mit einem von Technologie getriebenen gesellschaftlichen Wandel ungeheuren Ausmaßes. Der Vorwurf, die Nutzer wollten sich ja nur kostenlos bedienen, geht daher fehl. Er trägt auch nichts dazu bei, die Anerkennung, auf der Recht immer beruhen muss, zu stärken.

Ausverkauf bei den Urhebern

Diese Anerkennung ist auch in der Gruppe der Urheber, also der Journalisten, in Gefahr. Und zwar deshalb, weil ihre Vertragspartner, die Verlage, selbst die größten Urheberrechtsverletzer sind. Der Fachbegriff dafür heißt treffend „Total Buyout”, also Totalausverkauf von Verwertungsrechten. Damit versuchen Verlage, ihren freien Mitarbeitern sämtliche Verwertungsrechte an ihren Beiträgen abzuzwingen – oft genug gegen das Gesetz. Rahmenverträge und allgemeine Geschäftsbedingungen – oder Teile davon – der Verlage und Zeitungen Axel Springer, Zeit, Bauer, Gruner+Jahr, WAZ, Süddeutsche Zeitung, Südkurier, Ruhr Nachrichten, Nordkurier, Braunschweiger Zeitung und Mittelbadische Presse sind von Gerichten kassiert worden, nachdem die Journalistengewerkschaften DJV und DJU/Verdi dagegen geklagt hatten. Weitere Verfahren laufen.

Nun sind die Verlage im Jahr 2002 gesetzlich verpflichtet worden, sich mit Journalistenvertretern auf sogenannte gemeinsame Vergütungsregeln zu einigen. Dieses Gesetz hatten die Verlage bzw. Zeitungen vehement bekämpft, und es ist ihnen auch gelungen, es abzuschwächen. Was dazu führte, dass es sechs Jahre Verhandlungsdauer und unzählige Runden gebraucht hat, bis es zu einer Einigung gekommen ist. Diese Einigung hat allerdings keineswegs zu angemessenen Vergütungen geführt. Denn das höchste angemessene Honorar für das Erstdruckrecht eines Leitartikels in einer Zeitung mit einer Auflage von mehr als 200.000 Exemplaren beträgt 1,65 Euro pro Zeile – also in Publikationen wie der FAZ oder der Süddeutschen Zeitung.

Vergütungsregeln: Eine Rechenübung

Nehmen wir – nur als Beispiel – an, Heribert Prantl wäre freier Journalist. Ein Leitartikel in typischer Länge würde ihm etwa 210 Euro einbringen. Brutto. Vor Abzug von Steuern, Sozialversicherung, Altersvorsorge und Kosten für Arbeitsmittel und Miete. Die der wahre Heribert Prantl nicht bezahlen muss, er ist ja angestellt. Die aber jeder Freiberufler bezahlen muss. Seien wir großzügig und sagen, dass ihm von den 210 Euro die Hälfte bleibt. Würde Prantl an 20 Tagen im Monat einen solchen Leitartikel schreiben, käme er auf ein Einkommen von 2100 Euro. Eine angemessene Vergütung für den Leiter des Innenressorts und Mitglied der Chefredaktion der SZ? Das jedoch war ein Beispiel für den höchsten Satz aus den Vergütungsregeln. Das niedrigste angemessene Honorar liegt bei 38 Cent pro Zeile. Ein Text in der Länge, die im vorigen Beispiel zugrunde gelegt wurde, wäre dann 48 Euro und 85 Cent wert.

Doch damit nicht genug: Mediafon, ein Informationsangebot von Verdi, meldete am 13. April 2011: „Alle Zeitungen im Osten ignorieren das Urheberrecht. Sämtliche Tageszeitungsverlage in den neuen Bundesländern setzen sich systematisch über das Urheberrechtsgesetz hinweg, indem sie ihren freien Mitarbeitern durchgängig unangemessen niedrige Honorare bezahlen.” Es ist davon auszugehen, dass es im Westen bei den Zeitungen, die vorher schlechte Honorare gezahlt haben, keinen Deut besser ist. Es bleibt also festzuhalten: Verlage verletzen massenhaft das Urheberrecht, und das Urheberrecht schützt die Urheber nicht in ihren Verhandlungen mit den Verlagen. Und doch besitzen die Verleger die Chuzpe, in jeder Runde, in der das Bundesjustizministerium das Urheberrecht reformiert, für ein starkes Urheberrecht zu plädieren. Warum? Weil sie verstanden haben, dass es ihren Interessen weit mehr dient als denen der Urheber.

Leistungsschutzrecht: Mehr Schaden als Schutz

Denn all die Verwertungsrechte, die die Verlage sich von den Urhebern übertragen lassen, sind ebenfalls durch das Urheberrecht geschützt. Da trifft es sich gut, dass man sich den Anstrich geben kann, für die Urheber zu kämpfen, und tatsächlich geht es um die eigene Kasse. Doch das Urheberrecht allein reicht den Verlegern nicht mehr. Seit etwa drei Jahren gibt es die Forderung nach einem Presseverleger-Leistungsschutzrecht.

Leistungsschutzrechte sind mit dem Urheberrecht verwandt, aber im Kern etwas anderes. Sie schützen keine persönlichen geistigen Schöpfungen, sondern die Leistung des sogenannten Werkmittlers. Das ist zum Beispiel eine Filmproduktionsfirma. Dieser Firma hat der Gesetzgeber ein eigenes Recht zugestanden, weil er der Ansicht war, dass sie eine Leistung erbringt, die durch das Gesetz geschützt werden sollte – also etwa die Leute zusammen zu bekommen, die einen Film erstellen, und das finanzielle Risiko einzugehen, den Film zu drehen. Diesen Schutz möchten nun auch die Presseverleger. Sie begründen das damit, dass sich durch Internet und Digitalisierung die Situation der Verlage grundlegend verändert habe und ihre Investitionsleistung – also das Verlegen von Zeitungen und Zeitschriften – vom Gesetz geschützt werden müsse. Wovor? Vor der Übernahme ihrer Inhalte durch Dritte.

Verlage im Strukturwandel

Wenn es darum geht zu erklären, warum Presseverlage in Schwierigkeiten geraten, hört man von Verlegern wie Hubert Burda, die Unternehmen seien „schutzlos im Internet”, und das sei eine Situation, an der der Gesetzgeber etwas ändern sollte. Beides ist falsch. Betrachtet man die Situation der Verlage unvoreingenommen, lassen sich drei fundamentale Probleme ausmachen, mit denen sie durch die Digitalisierung konfrontiert sind:

Problem 1: Vor allem Tageszeitungen verlieren seit mehr als 20 Jahren an Auflage: Die Zahl der im Durchschnitt täglich verkauften Zeitungen (lokale und regionale Abonnementzeitungen, überregionale Zeitungen und Kaufzeitungen) sank vom Höchststand von knapp 21 Millionen Exemplaren im zweiten Quartal 1990 auf rund 17 Millionen Exemplare im zweiten Quartal 2008. Das ist ein Rückgang von 15,8 Prozent. Das bedeutet niedrigere Einnahmen aus dem Verkauf, und es bedeutet niedrigere Einnahmen aus Werbung, denn Werbekunden zahlen für Leserkontakte, nicht für Inhalte.

Problem 2: Die Verlage haben die Anzeigenmärkte verloren. Auto-, Immobilien- und Stellenanzeigen suchen und finden wir nicht mehr in der Zeitung, sondern im Netz. Gewaltige Einnahmen, die den Verlagen abhanden gekommen sind. Der Marktanteil der Zeitung an den Werbeaufwendungen schrumpft ebenfalls. 1985 betrug der Anteil der Tageszeitungen an den Werbeaufwendungen 37,1 Prozent, 2007 waren es 22 Prozent.

Problem 3: Die Leser wandern zunehmend ins Netz. Was heißt das? Zum einen, dass die Verlage ihre Gebietsmonopole verlieren, zum anderen, dass in der Folge die Inhalte entbündelt werden. Früher konnte ein Verlag seinen Lesern ein Paket verkaufen, in dem der Lokalteil das Feuilleton subventioniert hat, der Sport die Politikberichterstattung. Die Leser hatten keine Wahl, als dieses Paket zu kaufen, die Anzeigenkunden hatten keinen anderen Weg, um zu den Kunden zu gelangen. Knapp zusammengefasst: ALDI hat das Korrespondentenbüro in Washington bezahlt.

Im Jahr 2010 lag der Gesamtumsatz der Tageszeitungen, also die Einnahmen aus Verkauf und Werbung, noch bei 8,5 Milliarden Euro, 1997 hatte er 9,5 Milliarden Euro betragen. Der Umsatz ging also in diesen 13 Jahren um mehr als 10 Prozent zurück, während das Bruttoinlandsprodukt um mehr als 25 Prozent stieg. Aber selbst die Verleger, die es beklagen, sollten zur Kenntnis nehmen, dass es nichts mit dem Urheberrecht zu tun hat, und sich Strategien überlegen, wie man diesen Entwicklungen unternehmerisch begegnet.

„Raubkopien” werden aufgebauscht

Presseverleger tun das Gegenteil. Sie tun so, als würden sie Opfer von „Piraten” und „Raubkopierern”. Diese Piraten raubkopieren alles, was nicht niet-und nagelfest ist. Zum Beispiel Filme und Musik, Software und E-Books, Computerspiele und Zeitungsartikel. Zeitungsartikel? Hat jemand schon einmal von einer Tauschbörse für Zeitungsartikel gehört? Einem Megaupload für die FAZ, die Süddeutsche Zeitung bei Rapidshare? Nicht kino.to, sondern zeitung.to, wo die Angebote von Welt Online und Spiegel Online und Focus Online kostenlos abrufbar sind? Eine absurde Vorstellung, dass illegale Plattformen den Verlagen Milliarden Euro an Einnahmen nehmen. Warum? Weil die Verlags-Websites bereits kostenlos im Netz stehen. Warum sollte jemand etwas illegal in einer Tauschbörse anbieten, was jeder legal umsonst bekommen kann?

Christoph Keese, ehemals Journalist und nun Cheflobbyist des Axel-Springer-Verlags, schreibt: „Gewerbliche Kopisten (stehlen) oft tausende Artikel auf einmal.” Es mag sogar Einzelfälle wie diesen geben, aber zum einen sind die Verleger bis heute jeden Beleg dafür schuldig geblieben, dass das auch nur eine prozentual messbare Auswirkung auf ihre Umsätze hat. Zum anderen dient es lediglich dazu, von den tatsächlichen Problemen abzulenken. Einzelfälle sollen also hier ein Gesetz rechtfertigen, das im schlimmsten Fall die Presse- und Ausdrucksfreiheit gefährden, das Zitatrecht einschränken, die Kommunikationsfreiheit im Internet behindern und freiberufliche Journalisten noch einmal in ihrer Rechtsposition gegenüber den Verlagen schlechter stellen könnte.

Trotz aller Einwände hat erst im März der Koalitionsausschuss der Bundesregierung entschieden, das Leistungsschutzrecht einzuführen. Union und FDP hatten sich bereits 2009, ohne jegliche Kenntnis dessen, worum es sich eigentlich handelt, nach massivem Lobbying der Presseverleger die Forderung nach einem Leistungsschutzrecht im Koalitionsvertrag zu eigen gemacht. Der Sturm der Entrüstung war groß, obwohl der Ausschuss eine Hauptforderung der Verleger abgelehnt hatte. Sie wollten das reine Lesen am Arbeitsplatz, eine Handlung, die nie durch das Urheberrecht reguliert wurde, erlaubnis- und vergütungspflichtig machen.

Wem Verschärfungen nützen

Diejenigen, die ein „stärkeres” Urheberrecht – und ein Leistungsschutzrecht – fordern, argumentieren traditionell damit, dass Urheber besser geschützt werden müssen. Doch tatsächlich hat jede Urheberrechtsreform der vergangenen Jahre dazu geführt, dass die Rechte der Urheber gegenüber den Verwertern – also ihren Vertragspartnern – nicht gestärkt, sondern geschwächt wurden. Gestärkt wurde die Position der Verwerter, die den Urhebern abgenötigten Verwertungsrechte besser gegen die Nutzer durchzusetzen. Das geschieht mit so fragwürdigen Kreationen wie dem sogenannten „Schutz technischer Maßnahmen”, der als Paragraph 95a mit der Urheberrechtsreform 2003 ins Gesetz aufgenommen wurde.

Diese technischen Maßnahmen, auf Deutsch Kopierschutz, erlauben es Rechteinhabern, digitale Werke so abzuschließen, dass auch Jahrhunderte lang geltende und eingeübte Kulturtechniken nicht mehr erlaubt sind. Das Verleihen von Büchern etwa wurde bis dahin vom Urheberrecht ausdrücklich nicht reguliert. Ein typischer Fall dafür, wie rechtstreue Nutzer ihre Rechte einbüßen, während diejenigen, die das nicht akzeptieren, den Kopierschutz weiterhin mühelos umgehen können – nun rechtswidrig, aber wirkungslos. Auf der Klaviatur der Lobbyisten wird dann das Lied der Urheber gespielt. Sie müssten vor den bösen Nutzern geschützt werden, zur Not mit Internetüberwachung und indem Nutzern der Zugang zum Netz abgeklemmt wird.

Logik der Kreativmärkte

Behauptet jemand, dass den Urhebern immer weitere Verschärfungen nichts nützten, folgt zumeist ein Aufschrei: Man wolle das Urheberrecht abschaffen, doch wovon sollen die Kreativen dann leben? Womit wir zurück bei Schillers Vertrag mit Cotta wären. Wie empirische Studien des Urheberrechtsökonomen Martin Kretschmer und seiner Kollegen gezeigt haben, ist der Markt der Kreativgüter ein „Winner takes all”-Markt: Die erfolgreichen Teilnehmer gewinnen überproportional, während die große Masse der Urheber unter dem Strich schlechter dasteht als ein Großteil der Bevölkerung – Urheberrecht hin oder her. In seinem Aufsatz „The Relationship Between Copyright and Contract Law” (PDF) zieht Kretschmer den Schluss: Die Erfolgreichen sind deshalb in der Lage, lukrativere Verträge abzuschließen als die Nobodys, weil sie prominenter sind, nicht, weil sie das Urheberrecht besser schützt.

Wer jedoch diese Tatsachen in die Debatte trägt, Autoren aber nicht zugleich ein simples und garantiert erfolgreiches Rezept dafür bieten kann, wie sie von jetzt an das ganze Geld verdienen, das sie von den Verlagen nie bekommen haben, muss sich warm anziehen. Doch so bitter es klingen mag: Dieses Rezept gibt es nicht, sondern nur die Scheinrezepte der Urheberrechtsindustrien, die die eigenen Einnahmen sichern, aber Urheber und Nutzer weiter entzweien. Die Realität ist komplex und Vorschläge für Verbesserungen sind nie die Lösung aller Probleme – das heißt auch, dass das Urheberrecht nur einen Teil der Antwort auf die gern gestellte Frage „Wovon sollen die Kreativen leben?” bietet.

Sich das einzugestehen, wäre ein enormer Schritt. Denn wer sich über seine Interessen im Klaren ist, kann besser handeln. Kann seine Kraft auf kollektive Verhandlungen konzentrieren, die dann auch gern mal platzen und somit eskalieren können, statt mit den vermeintlichen Partnern auf Verlagsseite zu kuscheln. Kann sich entscheiden, sich stärker unabhängig zu machen von den Verlagen, ihren Verträgen und Vertriebsmodellen. Oder kann sich entschließen, den Druck auf die Politik zu erhöhen, um per Gesetz die Verhandlungsposition der Journalisten zu verbessern. Denn wenn das (Urheber-)Recht dafür sorgen würde, dass Verwerter Urheber nicht zum Total-Buyout zwingen können, können Autoren bessere Verträge aushandeln. Und das wäre tatsächlich eine Veränderung, die sich direkt im Geldbeutel bemerkbar machen würde. So wird das Urheberrecht vielleicht doch noch zum Hauptthema des Journalismus in Deutschland. Nur ganz anders, als es die Rechteindustrie gern hätte.

Autor und cc-Lizenz (BY-SA 3.0): Matthias Spielkamp

Leicht gekürzte Fassung des auf irights.info veröffentlichten Textes, ursprünglich erschienen in „Öffentlichkeit im Wandel – Medien, Internet, Journalismus” (Schriftenreihe der Heinrich-Böll-Stiftung)

Abb.: flickr/L.e.e.

Schwarzer Tag für das Urheberrecht – Lobbyismus setzt sich vorerst durch

Gestern hat der Koalitionsausschuss der Bundesregierung getagt. Die Anwesenden haben sich entschieden, dass der Gesetzentwurf zum 3. Korb bald kommen soll. In diesem Gesetzentwurf befinden sich Regelungen zur Neueinführung des sogenannten Leistungsschutzrechts für Presseverlage. Seit zwei Jahren warnen nahezu sämtliche Experten vor der Einführung dieses Leistungsschutzrechtes. je nach Standpunkt des Betrachters hätte diese Urheberrechtsverschärfung massive Auswirkungen auf die Online-Wirtschaft, auf Blogs und den Umgang mit Überschriften und Links zu und mit digital verfügbaren Informationen. Bislang ist noch offen, was am Ende genau in diesem Gesetz stehen wird. Klar ist aber, sollte eine solche Einführung tatsächlich den Gesetzgebungsprozess erfolgreich meistern, wäre dies ein Kniefall der Bundesregierung vor den Lobbybemühungen der deutschen Presseverlage. Und dies bar jeder Kenntnis.

Im Protokoll des Koalitionsausschusses vom 04. März heißt es:

2. Urheberschutz – Leistungsschutzrecht für Presseverlage
Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, dass Verlage im Online-Bereich nicht schlechter ge- stellt sein sollen als andere Werkvermittler. Deshalb sollen Hersteller von Presseerzeug- nissen ein eigenes Leistungsschutzrecht für die redaktionell-technische Festlegung journalistischer Beiträge oder kleiner Teile hiervon erhalten.
Gewerbliche Anbieter im Netz, wie Suchmaschinenbetreiber und News-Aggregatoren, sollen künftig für die Verbreitung von Presseerzeugnissen (wie Zeitungsartikel) im Internet ein Entgelt an die Verlage zahlen. Damit werden die Presseverlage an den Gewinnen gewerblicher Internet-Dienste beteiligt, die diese – mit der bisher unentgeltlichen – Nutzung der Verlagserzeugnisse erzielen. Auch die Urheber sollen eine angemessene finan- zielle Beteiligung an der Verwertung des Leistungsschutzrechts erhalten. Einzug und Verteilung der Entgelte soll über eine Verwertungsgesellschaft erfolgen. Die Schutzdauer soll ein Jahr betragen.
Die private Nutzung von Presseerzeugnissen im Internet wird nicht vergütungspflichtig, normale User werden also nicht betroffen sein. In der gewerblichen Wirtschaft bleiben das Lesen am Bildschirm, das Speichern und der Ausdruck von Presseerzeugnissen kostenfrei.

Bis heute ist völlig ungeklärt, welche wirtschaftlichen Folgen die Einführung eines solchen massiven Eingriffs in den Markt hätte. Es existiert bis heute keine wirtschaftliche Folgeabschätzung. Der Entwurf soll sich nach dem Wunsch der Zeitungsverleger insbesondere gegen Google News richten. Natürlich kann man diskutieren, wie kooperative Beteiligungsmodelle zwischen verschiedenen Playern im digitalen Sektor aussehen können. Ein gesetzlicher Zwang ist aber ein verheerender Schritt.

Zudem drohen durch die im Urheberrecht sehr weit gefasste “Gewerblichkeitsschwelle” auch Blogs und eine Vielzahl von anderen Angeboten in eine neue Kostenpflichtigkeit zu fallen. Da hilft es nichts, wenn die KOA im Protokoll vermerken lässt, “die private Nutzung von Presseerzeugnissen wird nicht vergütungspflichtig”. In der Praxis wird völlig offen sein, ob beispielsweise ein Flattr-Button auf der Website schon die Gewerblichkeit positiv indiziert. Das sollen dann die Gerichte entscheiden? Komplett offen ist je nach Ausgestaltung des Gesetzes auch, ob dadurch möglicherweise eine neue Abmahnindustrie geboren wird, oder wie die Umsetzung in der Praxis beispielsweise durch das Eintreiben des Geldes durch eine eventuell zu gründende Verwertungsgesellschaft aussehen soll.

Die gestrige Entscheidung des Koalitionsausschuss ist ein schwarzer Tag für das Urheberrecht und den Umgang mit verwandten Schutzrechten in Deutschland. Die Entscheidung ist rückwärtsgewandt, brandgefährlich und zeigt auf beeindruckende Weise die Macht der Presseverlage über die Vernunft und Handlungsfähigkeit der Regierungskoalition.

Es bleibt zu hoffen, dass die Bundestagsabgeordneten diesen Pläne und dem tolldreisten Lobbyismus der Presseverlage im bald folgenden Gesetzgebungsprozess Einhalt gebieten. Selbst aus den Reihen der Abgeordneten der Regierungskoalition gibt es dazu ersten Widerstand.

Alle Informationen zu den Plänen und Diskussionen rund um das Leistungsschutzrecht für Presseverlage gibt es auf der Sonderseite von iRights.info und auch bei der Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht (IGEL) [Disclaimer: Ich bin dort ebenfalls dabei].

Autor & cc-Lizenz: Philipp Otto

Crossposting via irights.info

Abb.: Flickr/917press

Perlentaucher der veröffentlichten Meinung: „Commentarist“ fischt Stimmen der Kolumnisten aus dem Netz

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Was Deutschland denkt, steht nicht nur in der BILD-Zeitung, aber auf jedem Fall im Internet. Ein neuer Aggregator-Service namens „Commentarist“ soll nun das Auffinden von digitalen Kommentaren & Kolumnen zu tagesaktuellen Themen erleichtern – abgedeckt werden die Meinungen von mehr als 1000 Journalisten und 16 Tageszeitungen. Momentan läuft das Projekt noch in der Beta-Testphase, mit einem Einladungs-Code lassen sich die Funktionen jedoch bereits nutzen.

Zwischen Google News und Perlentaucher

Aggregatoren haben nicht gerade einen guten Ruf. Sie filtern automatisch Nachrichten aus dem Netz – ohne den Inhalt wirklich zu verstehen. Oft wittern die Urheber auch geistigen Diebstahl, selbst wenn nur kurze Anreißer zu lesen sind. Auf einen Dienst wie Google News etwa sind die deutschen Zeitungsverlage nicht sehr gut zu sprechen. Doch auch wenn die ursprünglichen Texte paraphrasiert werden – wie etwa beim Feuilleton-Portal Perlentaucher – kann es Konflikte geben. Dessen ungeachtet wollen Eric Hauch und Mircea Preotu ihre Netze im Web auswerfen. Sie sind die Macher von „Commentarist“, einem neuen Aggregator-Service für die veröffentlichte Meinung: „Wir vereinen tagesaktuelle Kommentare & Kolumnen von mehr als 1000 Journalisten der führenden deutschen Medien, komfortabel kategorisiert und thematisch sortiert“. Im Fadenkreuz stehen dabei 16 meinungsstarke deutsche Tageszeitungen, von der FAZ bis zur Süddeutschen, vom Handelsblatt bis zur taz. Einzelnen Stimmen soll man direkt per RSS folgen können.

„News is free, Opinion is priceless“

Was Commentarist damit bieten will, ist letztlich ein repräsentatives Abbild der veröffentlichten Meinung, geordnet nach Themenclustern. Ein ausgefuchster Algorithmus sorgt dafür, dass tatsächlich nur Kommentare & Kolumnen vor dem Auge des Betrachters erscheinen. Die Beschränkung auf namentlich bekannte Autoren ist natürlich ein zusätzlicher (Qualitäts-)Filter. Auf Quellcode alleine verlässt sich das Projekt allerdings nicht. Der Commentarist ist nämlich als Hybridmodell gedacht: „Die Fußarbeit erledigen unsere intelligenten Algorithmen, den Feinschliff aber übernehmen unsere Journalisten.“ Insofern darf man also letztlich eher eine Mischung aus Google News & Perlentaucher erwarten. Am Ende bekommt man aber immer nur einen Teaser des Originaltextes präsentiert. Hauch und Preotu erwarten offenbar, dass sich trotz aktueller Diskussionen um das Leistungsschutzrecht eine gemeinsame Geschäftsgrundlage mit den Zeitungsverlagen finden lässt. Falls alle Stricke reissen sollten: Firmensitz der „Commentarist SRL“ ist im rumänischen Timisoara.

(via CARTA & netzwertig.com)

Der Freelancer als armer Ritter? Verlagslobby will bei Web-Recherchen von freien Journalisten abkassieren

freie-journalisten-sollen-fuer-web-recherche-zahlen-leistungsschutzrechtWenn’s um’s Geld geht, sind freie Journalisten auch bloß Blogger. Meint zumindest die Verlagslobby, die zukünftig bei allen Freelancern kräftig abkassieren will, wenn diese Web-Inhalte zur Recherche nutzen. Mittel zum Zweck soll das sogenannte „Leistungsschutz-Recht“ (LSR) sein. Schützenhilfe gibt es jetzt ausgerechnet von den Gewerkschaften: freie Journalisten sollen ver.di zufolge für ihre Recherchen nicht mehr zahlen, als sie durch das LSR ausgeschüttet bekommen. Mit anderen Worten: ihre Tantiemen gehen komplett an die Verlage.

Die Verlage lieben freie Journalisten – denn die sind billig & flexibel

Leistungsschutzrecht: Kaum ein Projekt ist für die finanziell klamme Verlagsbranche mit mehr Hoffnungen verbunden als dieses sperrige Wort. Je weniger Geld sich mit alten Geschäftsmodellen verdienen lässt, desto stärker liebäugeln vor allem die Zeitungsverleger mit einer neuen Gebühreneinzugszentrale für Online-Content. Zahlen sollen alle, profitieren sollen nur die Verwertungsberechtigten. Vor allem die Verlage selbst, zum einem gewissen Teil auch die festangestellten Redakteure und Journalisten. Immer mehr Texte werde jedoch von freien Autoren geschrieben, denn die arbeiten auf Honorarbasis, sind also flexibler und verursachen weniger Kosten. Ausgerechnet bei der Vergütung des von ihnen mitproduzierten Online-Contents sollen die Freelancer aber offenbar außen vor bleiben. Selbst die Gewerkschaften interessieren sich vor allem für die Festangestellten. In einem Interview mit dem Fachmagazin promedia schob ver.di-Justitiar Wolfgang Schimmel formale Gründe vor: „Es ist nicht einfach, freie Journalisten im Gesetz von Vergütungsansprüchen freizustellen“. Die Berufsbezeichnung „Journalist“ sei schließlich in Deutschland nicht geschützt, so dass sich jeder mit diesem Titel schmücken könne. Die Verlage seien aber bereit, das Problem vertraglich zu lösen: wer ein berechtigtes Interesse nachweisen kann und sich registrieren lässt, muss dann nicht zu den selben Bedingungen recherchieren wie Blogger Müller.

“Droht eine Spaltung in Journalisten 1. und 2. Klasse?“

Zu verdienen gibt es dabei für die freien Autoren nichts. Denn was nicht nur den Verlagen, sondern offenbar auch ver.di dabei finanziell vorschwebt, ist reine Kostenneutralität. Schimmel versprach den freien Journalisten, sie würden „auf keinen Fall mehr für die Nutzung zahlen müssen, als sie an Ausschüttungen erhalten“. Mit anderen Worten: bei den zukünftigen Ausschüttungen würden die ohnehin schlecht bezahlten Freien im Zweifelsfall ganz einfach leer ausgehen. Beim Verband der Freischreiber, dem der Berufsverband freier Journalistinnen und Journalisten, spricht man zu recht von „einer drohenden Spaltung in Journalisten 1. und 2. Klasse“. Neben einer Entsolidarisierung der Gewerkschaften mit den Working Poor der schreibenden Zunft scheint aber noch eine anderes Motiv hinter dem sich anbahnenden Deal zwischen ver.di und der Verlagslobby zu stecken. Die Befürworter des Leistungsschutzrechtes, vermuten die Freischreiber, „wittern offenbar die Gefahr, dass sich zu viele von der Zahlungspflicht an die Verlage befreien lassen könnten, indem sie als Berufsbezeichnung ‚Journalist‘ angeben“. Während ein gewisses Quantum an „Leserjournalismus“ durchaus erwünscht ist, scheint ein Volk von Bürger-Journalisten für die Machern der gedruckten Meinung geradezu eine Horrorvorstellung zu sein.

Abb.: Flickr/TheGiantVermin

Deutsches iTunes statt Leistungsschutzrecht: Plädoyer für eine branchenübergreifende Bezahlplattform

Mit dem sogenannten Leistungsschutzrecht wollen deutsche Verlage ihre Web-Inhalte vor unerlaubter Weiterverbreitung bewahren. Doch was ihnen wirklich fehlt, ist wohl eher ein vernünftiges Geschäftsmodell für digitale Güter vom E-Book bis zum Musik-File. CARTA-Mitherausgeber Matthias Schwenk plädiert in seinem Beitrag für eine branchenübergreifende Bezahlplattform, die Paid Content so einfach machen könnte wie wir es bereits von Apples iTunes gewohnt sind.

Was wirklich fehlt, ist eine branchenübergreifende Bezahlplattform

Der Lobbyismus deutscher Verleger um ein Leistungsschutzrecht für ihre Branche ist eine unwürdige und unnötige Veranstaltung. Ein solches Gesetz wird überhaupt nicht gebraucht, da der Markt die Dinge sehr wohl zugunsten der Verlage würde richten können. Das Wesentliche, was dazu fehlt, ist eine branchenübergreifende, standardisierte Plattform für das Bezahlen im Internet, die so einfach funktioniert wie Apples iTunes. Würden sich alle Verlage und Medienhäuser verbindlich mit ihren Medien daran beteiligen, könnten die Leser im Web mit einem einzigen Account überall einkaufen: Hier einen einzelnen Artikel, dort ein Abonnement und wieder woanders eine Sonderedition. Eine Medienbezahlplattform mit Akzeptanz bei den Usern müsste dabei nicht auf Zeitungen oder Zeitschriften beschränkt bleiben: Sie könnte (nach und nach) auf verwandte Gattungen ausgedehnt werden, etwa auf die Buchverlage oder Anbieter von Musik oder Filmen. Zu Ende gedacht könnte schließlich auch der Handel mit Waren partizipieren, so dass damit insgesamt ein bedeutendes deutsches Gegengewicht zu Apple und Amazon, den beiden auch hierzulande führenden Plattformen, entstünde. Wäre das nicht eine Vision?

Eine Alternative zu Apple und Amazon brächte mehr Geld und weniger Zensur

Bei dieser Lösung könnte jeder beteiligte Verlag seine Preise autonom setzen und hätte bei jeder Buchung nur einen geringen Abzug, der für die Betriebskosten der Bezahlplattform aufkommt. Nicht aber Abzüge im Bereich von 30 bis 40 Prozent, wie dies andernorts heute der Fall ist. Zudem entfiele hier das Problem der Zensur, so dass Bildzeitung oder Playboy sich mit ihren Inhalten am Geschmack der Leser orientieren könnten und sich nicht den seltsamen und willkürlich anmutenden Standards eines einzelnen Firmenchefs in Amerika unterordnen müssten. Ganz nebenbei könnte eine solche Plattform auch noch etwas für den Jugendschutz tun: Wer einen Account anlegen will, muss sein Alter überprüfen lassen, so dass sich in der Folge Minderjährige vom Kauf ungeeigneter Inhalte abhalten lassen.

iTunes hat gezeigt, das Paid Content funktionieren kann – nicht nur bei Musik

Natürlich werden die Verleger argumentieren, dass das alles keinen Zweck habe, weil das Publikum für Inhalte im Internet nicht bezahlen wolle. Aber stimmt das auch? Wer heute ein iPhone oder auch ein iPad nutzt, erkennt sofort, wie bequem hier eingekauft werden kann. Der Vorgang ist immer gleich, über alle Inhalte oder Gattungen hinweg. Die Standardisierung und intuitive Einfachheit des Bezahlvorgangs macht es wohl aus, dass Apple damit in den USA zum größten Online-Musikhändler aufsteigen konnte und sein Angebot nun in alle anderen Richtungen digitaler Medieninhalte ausweitet. Das Geschäft ist offensichtlich lukrativ, allem Filesharing über andere Kanäle zum Trotz. Den deutschen Medienanbietern muss zudem auch entgegengehalten werden, dass sie in der Vergangenheit mit dem Internet nicht wirklich viel anfangen konnten und ihre Ansätze zu Paid Content daher auch eher phantasielos und lustlos gerieten. Tageszeitungen etwa in Form von Pdf-Dateien im Original-Layout der Printversion im Netz zu verkaufen war keine gute Idee: Für den Leser am Bildschirm war das nur eine Quälerei und sicher nicht geeignet, das Publikum an Paid Content zu gewöhnen. In Zukunft wird man sich mehr einfallen lassen müssen und seine Inhalte so formen, dass sie so begehrenswert wie die Hardware von Apple wird. Dass Paid Content funktionieren kann, zeigt aktuell das Magazin Wired, das von seiner ersten Ausgabe auf dem iPad vermutlich mehr Exemplare verkaufen wird als von der gedruckten Version. Verabsolutieren darf man dieses Beispiel natürlich nicht. Es zeigt aber, dass Paid Content, immer in Kombination mit Werbung und auch einer teilweise frei zugänglichen Version, offenbar doch eine Zukunft hat.

Noch ein Vorteil: Neutralität in Sachen Werbung & Marktforschung

Eine eigene Bezahlplattform hätte einen weiteren Vorteil: Sie wäre vollkommen neutral in Sachen Werbung und Marktforschung. Apple nämlich könnte das Ziel haben, für seine Applikationen im App Store die Werbemöglichkeiten auf das neue, hauseigene Programm iAds zu beschränken und ist bereits dabei bestimmte Fremdanbieter bei der Datenerhebung auszuschließen. Dies richtet sich natürlich in erster Linie gegen Google, ist aber auch ein Affront gegenüber den Applikationsentwicklern und Inhalteanbietern, die sich in immer stärkerem Maß nach Vorgaben von Apple richten müssen. Wie gut wäre es doch demgegenüber, man könnte sich voll und ganz auf seine Seiten im Netz konzentrieren: Ein Medienanbieter muss hier nur auf die Darstellbarkeit seiner Inhalte in unterschiedlichen Browsern Rücksicht nehmen und kann ansonsten Werbung einblenden wo und wie er will. Er muss keine Zensur fürchten und kann seinen Content teils frei, teils hinter die Bezahlschranke stellen, ja wenn es sie nur gäbe, die einheitliche, überall akzeptierte und vom Publikum gern genutzte Bezahllösung.

Wollen wir wirklich die endlose Fragmentierung von Content?

Da wir diese aber nicht haben und die Verleger lieber die Rechtsanwälte an Stelle der Programmierer bemühen, werden wir in Deutschland bald schon ein schönes Leistungsrecht bekommen! Paid Content dagegen wird es in endlos fragmentierter Form geben, teils in Apples App Store (mit Zensur), teils bei Google Android (ohne Zensur) und sicher auch bald bei Microsoft, Nokia und anderen. Natürlich wird die Hardware all dieser Anbieter untereinander immer weniger kompatibel sein, denn die einzelnen Bezahlplattformen wollen ja geschützt sein und was für die Hardware gilt, wird für die Medieninhalte erst recht gelten: Was auf einer Plattform gekauft wird, wird sich nur schwer oder gar nicht auf konkurrierende Plattformen migrieren lassen. Wollen wir das? Ist diese Perspektive wirklich im Sinne von Medienanbietern und ihren Kunden? Ganz sicher nicht. Aber vermutlich werden wir dieses Tal der Tränen durchschreiten müssen, weil Verlage und Verleger weithin immer noch kein Gespür für das Internet haben und sich mit einer Wagenburgmentalität unter den Schutz von Gesetzen flüchten anstatt die Zukunft zu gestalten.

Autor & Copyright: Matthias Schwenk

(Der Originalartikel erschien am 11. Juni 2010 auf CARTA)