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Henry Palmer ist kein Killer: Ralph Gerstenberg, Ganzheitlich sterben [Leseprobe]

ganzheitlich-sterbenMit Ralph Gerstenbergs „Ganzheitlich sterben“ erscheint nun der zweite Teil der Henry-Palmer-Trilogie bei ebooknews press, dem Verlagslabel von E-Book-News. Ein Berlin-Krimi aus einer Zeit, in der noch mit D-Mark bezahlt wurde und am Friedrichshain Wagenburgler statt Townhäusler residierten. Henry Palmer ist mittendrin: Erst arbeitet er als mobiler Pizza-Lieferant für „Bella Italia“. Dann heuert er bei der Detektei Patricia Courtois an. Doch schon nach der ersten Nacht als Gelegenheitsschnüffler wird Henry von der Kripo verdächtigt, ein Mörder zu sein. War er nur zur falschen Zeit am falschen Ort? Offenbar, denn plötzlich gerät er auch noch ins Fadenkreuz eines Profi-Killers. Die Polizei ist keine Hilfe, wieder einmal muss Henry Palmer den Fall mit seinen eigenen Methoden entwirrren. „Ich wollte keinen Kommissar als Hauptfigur, weil mich die Beschreibung von polizeilicher Ermittlungsarbeit literarisch nicht besonders gereizt hat“, so Ralph Gerstenberg im Interview über Henry Palmer. „Und einen Privatdetektiv fand ich im Berlin der neunziger Jahre nicht besonders realistisch. Dann doch lieber jemand, der durch verschiedene Jobs und seinen Freundeskreis mit Verbrechen konfrontiert wird und wider Willen ermitteln muss“. Unsere Leseprobe führt direkt an den ersten Plotpoint von “Ganzheitlich sterben“ – mehr verrät die Leseprobe im Kindle Store.

Ralph Gerstenberg, Ganzheitlich sterben

Zu viel Aufregung für einen schönen Tag
Als ich das Bella Italia betrat, sah ich sofort die Anspannung in Dmitris Gesicht. Er kniff die Augen zusammen, als würde er plötzlich von der Sonne geblendet, schwang mit erstaunlicher Behändigkeit seinen kompakten Körper um die Tresenecke und kam schnurstracks auf mich zu gelaufen. Stone, mein Wochenendvertreter, der eigentlich Oliver Steinke hieß und Soziologie studierte, saß schon am Personaltisch und baute eine Konstruktion aus Bierdeckeln – die in sich zusammenfiel, als Dmitri, wie von der Tarantel gestochen, daran vorbei fegte. Grußlos schob er mich in die Küche, wo Charlie Pizzateig knetete und Maria Servietten faltete. Als ich herein kam, unterbrachen sie ihre Tätigkeiten und starrten mich an. Ich nickte ihnen zu. Maria erwiderte zaghaft meinen Gruß. Charlie begann wieder, seinen Teig zu bearbeiten, ohne mich jedoch aus den Augen zu lassen. Keiner sagte etwas.
“Was ist los, ihr seht mich an, als hätte ich jemanden umgebracht?” Einer musste ja damit anfangen, das Eis zu brechen.
“Hast du?”, fragte Dmitri ernsthaft.
Ich war der Einzige, der über seine Schlagfertigkeit lachte. “Wie habt ihr das rausbekommen?”
Dmitris Gesicht, auf dem winzige Schweißtropfen glänzten, wurde plötzlich rot, eine Ader, die schräg über seine Stirn lief, trat deutlich hervor. Mühsam beherrscht, sagte er: “Die Polizei war heute Vormittag hier, ein Hauptkommissar Röntsch von der Mordkommission. Er hat nach dir gefragt.”
“Röntsch?” Der Name war mir nicht unbekannt. Als meine Freundin Hannah vor anderthalb Jahren aus ihrem Frankfurter Exil zurückgekehrt war, hatte es einige Schwierigkeiten mit ihrem Gatten gegeben, einem zwielichtigen Advokaten, der von einer abgetakelten Unterweltgröße dazu erpresst worden war, Kinderfilme zu produzieren – solche, die nicht im Nachmittagsprogramm liefen. Die Geschichte fand damals kein sehr appetitliches Ende. Hannahs Angetrauter hatte sein Arbeitsverhältnis und alle anderen Probleme gelöst, indem er seinen Boss erschoss und sich anschließend selbst die Pistole in den Mund steckte. Hannah war dabei gewesen, als er auf den Auslöser drückte – und ich auch. Soweit ich mich erinnern konnte, hatte Röntsch – damals noch Kommissar – mir unbedingt den Mord an einer polnischen Frau anhängen wollen, die in meiner Wohnung getötet worden war. Ich hatte zwar kein Motiv gehabt, aber mein Alibi war äußerst dünn gewesen.
“Also, wen soll ich diesmal umgebracht haben?”, fragte ich in die Runde.
Dmitri starrte mich entgeistert an. Maria konnte ihr Erstaunen ebenfalls nicht verbergen, selbst Charlie, sonst stets Inbegriff buddhistischer Selbstbeherrschung, vergaß wieder für einen Augenblick, seinen Teig zu kneten.
“In der vergangenen Nacht ist ein Mann ermordet worden, in Prenzlauer Berg. Hast du noch keine Nachrichten gehört?” Dmitri sah mich forschend an.
“Nee, ich hab‘ ausgeschlafen und bin gleich hierher gefahren. Dass das Radio im Panda nicht funktioniert, brauche ich dir ja wohl nicht zu sagen.”
“Anstrengende Nacht, was?”
“Was meinst du, wie der Kerl sich gewehrt hat!” Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass mein Humor im Augenblick nicht besonders gut ankam.
“Der Hauptkommissar sagte, dein Name stand im Terminkalender des Toten. Außerdem wäre mehreren Nachbarn der Fiat Panda aufgefallen, in dem ein Mann, auf den deine Beschreibung passt, nachts vor der Tür gewartet hätte.”
Jetzt war ich an der Reihe, verblüfft zu sein. “Niemeyer ist tot?”
“Sie haben versucht, dich zu Hause zu erreichen. Dann sind sie hierher gekommen. Einer der Nachbarn hat sich die Aufschrift des Pandas gemerkt.”
“Und mein Name stand in seinem Terminkalender?”
Dmitri wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann nickte er und fragte: “Wozu brauchtest du das Auto, Henry?”
Röntsch hatte sich nicht geändert. Er war schon damals äußerst fix gewesen, wenn es darum ging, Verdächtigungen unter die Leute zu bringen. Ich senkte den Blick und plötzlich erschien mir die ganze Szene vollkommen unwirklich. Ich stand in der Küche eines Pseudo-Italieners, in der ein Vietnamese Pizzateig knetete, und wurde verdächtigt, einen Mord an einem Mann begangen zu haben, den ich nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen hatte – nachts in einem Treppenhaus. Ich erinnerte mich an den starren Blick Niemeyers, die weit aufgerissenen Augen, als stünde er seinem Mörder gegenüber. Ich hätte laut und deutlich einen einfachen Satz mit einer eindeutigen Aussage sagen können: Ich habe ihn nicht umgebracht. Doch die Situation war zu irreal.
Es klingt verrückt, aber vielleicht war meine Verunsicherung in diesem Moment so groß, dass ich sogar selbst anfing, an meiner Unschuld zu zweifeln. Nicht dass ich wirklich daran geglaubt hätte, Niemeyer getötet zu haben, aber meine Gewissheit, es nicht getan zu haben, war irgendwie erschüttert. Wenn das die Tatsachen waren, wenn es stimmte, dass Niemeyer tot war und mein Name in seinem Terminkalender stand, dann gab es dunkle Stellen, Fragen, auf die ich keine Antwort wusste. Worauf hatte ich mich eingelassen? Vor wem fürchtete sich Niemeyer, als er mir gegenüberstand?
Der Boden unter meinen Füßen begann zu schwanken. Ich stützte mich auf die Spülmaschine, schaute in Dmitris Gesicht und zuckte mit den Schultern. Zu mehr war ich im Augenblick nicht in der Lage.
Dmitri gab Maria ein Zeichen, woraufhin sie mit Bestecken und Servietten die Küche verließ – nicht ohne mir vorher einen besorgten Blick zuzuwerfen. Er holte eine Flasche Ouzo aus dem Schrank, schraubte den Verschluss auf und reichte sie mir. Ich kam mir vor wie ein Ertrinkender, dem ein Rettungsring zugeworfen wurde. Als der Schnaps in meiner Speiseröhre brannte und ich den Anisgeschmack auf der Zunge spürte, ging es mir besser. Ich hatte noch nichts gegessen, der Alkohol stieg mir sofort in den Kopf.
“Sollst du Röntsch anrufen?”, fragte ich.
Dmitri nickte.
“Lass mich mit ihm sprechen.”

(Weiterlesen)

Copyright Leseprobe: ebooknews press

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Ralph Gerstenberg, Ganzheitlich sterben
(Henry-Palmer-Trilogie Teil 2)
E-Book (epub/Kindle) 2,99 Euro
Taschenbuch 8,90 Euro

Coverbild: Matthias Rhomberg/Flickr (cc-by-2.0)

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Ralph Gerstenberg, Grimm und Lachmund
(Henry-Palmer-Trilogie, Teil 1)
E-Book (epub/Kindle) 2,99 Euro
Taschenbuch 8,90 Euro

Coverfoto: Nordsprotte/Flickr (cc-by-2.0)

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„Ungeschminktes Bild der DDR-Realität“: DIE-Reihe ist wieder da – Interview zum Relaunch der Kult-Krimi-Serie

DIE-ReiheKrimi-Kenner wissen: DIE Reihe in punkto Suspense aus Deutschlands Osten heißt genau so, nämlich „Delikte – Indizien – Ermittlungen“, abgekürzt DIE. Sogar die Wende hat die DIE-Reihe überlebt, das Millenium aber nicht, 2001 erschien der letzte Band. Doch nun feiert die klassische Krimi-Serie erneut Premiere: der Verlag „Das Neue Berlin“ (Eulenspiegel-Verlagsgruppe) gibt die Kultbücher in E-Book-Form neu heraus, inklusive der klassischen Cover. Zum Start erscheinen 20 Titel von Autoren wie Barbara Neuhaus, Dorothea Kleine, Tom Wittgen oder Fritz Erpenbeck. Anlässlich des elektronischen Relaunches sprach E-Book-News mit Simone Uthleb und Matthias Oehme von der Eulenspiegel-Verlagsgruppe über Krimi-Konzepte, Krimi-Verständnis und nicht zuletzt Krimi-Marketing in der DDR. Übrigens: als Einstiegsangebot gibt’s ab heute eine Woche lang Bernd Diksens Krimi „Der Verlierer zahlt“ als Gratis-E-Book.

E-Book-News: Seit wann gab’s DIE Reihe, warum heißt sie „Delikte – Indizien – Ermittlungen“, und: wie sahen die Bände überhaupt aus?

Simone Uthleb/Matthias Oehme: Die DIE Reihe gibt es bereits seit 1970, das Coverdesign haben wir auf Grund des Wiedererkennungseffekts beibehalten, im Anhang ein Beispiel. Aus dem Namen „Delikte – Indizien – Ermittlungen“ geht eigentlich alles hervor, was den Leser in dieser Reihe erwartet und ist wunderbar als „die“ Reihe abzukürzen. Man sieht, auch in der DDR gab es kreative Marketingideen. Im Kern handelte es sich aber um ein neues, ein sehr nüchternes und faktenorientiertes Krimiverständnis. Denn Krimis (und auch Krimireihen) gab es natürlich auch schon vorher. Besonders hier im Verlag Das Neue Berlin, wo 1952 der erste DDR-Krimi überhaupt erschienen war, Wolfgang Schreyers „Großgarage Südwest“. „Delikte – Indizien – Ermittlungen“, das war damals cool: nicht marktschreierisch, nicht sensationslüstern, nicht räuberpistolenhaft. Und in der Abkürzung eben von höchster Eingängigkeit.

Krimis müssen ja die Schattenseiten der Gesellschaft zeigen können, sonst gäb’s gar keine Spannung, die DDR sah sich aber als perfekter Staat – wie konnte eine Krimi-Reihe da trotzdem funktionieren und sogar Kult-Status erlangen?

Sicherlich war genau das der Grund für diesen Kultstatus, in diesen Krimis hat man Geschichten gefunden, die ansonsten im Osten seltener erzählt wurden. Es stimmt, Kriminalität wurde im großen und ganzen nicht an die große Glocke gehängt, nicht nur, weil es objektiv weniger davon gab, sondern auch, um die Bevölkerung nicht zu verunsichern. Boulevardjournalismus etwa war im Osten verpönt. Die DIE-Reihe, und besonders die Bücher ihrer Hauptautoren wie Tom Wittgen, Wolfgang Kienast, Barbara Neuhaus, Dorothea Kleine u.a., bot ein ungeschminktes Bild der DDR-Realität in allen Facetten, zu denen eben auch Verbrechen gehörten. Unterschiede gab es dann sicher in der Darstellung von Ursachen und Folgen der Untaten, der sozialen Hintergünde der Verbrecher, aber auch der Ermittlungsarbeit.

Welche Rolle spielten für die DIE-Reihe Autoren & Stories aus anderen Ländern, auch aus dem „nicht-sozialistischen Ausland“?

Im Mittelpunkt standen Krimis und Fälle aus der DDR, nur ein kleiner Prozentsatz der Bücher kam aus anderen Ländern. Natürlich gab es Übersetzungen aus osteuropäischen Sprachen, Krimis aus Polen, Ungarn, der CSSR oder der Sowjetunion. Und interessanterweise auch einige Stars aus dem Westen: Eric Ambler, Ruth Rendell, -ky. Aber das blieben Ausnahmen, im Handel freilich besonders begehrte.

Die DIE-Reihe bestand bis 2001 – wie hat sich denn die Wende- & Nachwendezeit auf die Krimis ausgewirkt?

Es gab eigentlich nur eine wesentliche Strukturveränderung. Auf dem Buchmarkt stand die DIE-Reihe plötzlich einer erdrückenden Konkurrenz gegenüber. Aber man muss sagen, dass sie trotz sinkender Verkaufszahlen sich doch recht lang und tapfer behauptet hat. Ansonsten blieben die Autoren bei der Stange, nahmen in Sujet und Schreibweise die realistische Tradition auf und die neue Wirklichkeit in den Blick. Nachwendekriminalität, wirtschaftliche und soziale Einschnitte, Niedergang von Institutionen und Illusionen, die Veränderungen im Alltagsbewusstsein – all das spiegelte sich in den Romanen nach der Wende genau und in guten Plots wider. Experimente in Covergestaltung und Marketing, Verbreiterung des Themenspektrums, Versuche mit neuen Autoren – das alles ist dann mit wechselndem Erfolg ausprobiert worden, hat aber am Ende des Jahrzehnts und der unmittelbaren Nachwendezeit schließlich doch die Einstellung der Reihe nicht aufhalten können.

DIE-Reihe-Der-Verlierer-zahlt-Krimi Bernd Diksen,
Der Verlierer zahlt
(DIE-Reihe)

Als Ernst Katzer in einer kleinen Stadt Westdeutschlands aus dem Gefängnis entlassen wird, hat er kaum mehr als zwanzig Mark in der Tasche. Keine Arbeit, keine Bleibe. Keine Chance. Eine Garage bietet ersten Unterschlupf. Im Auto ist es warm, die Polster sind bequem. Das Risiko, entdeckt und vom Besitzer verjagt oder angezeigt zu werden, zählt im Augenblick nicht. In diesem Versteck wird Ernst Katzer Beobachter eines Verbrechens. Als er die Zusammenhänge durchschaut, plant der Schriftsteller Rainer Grünthal schon die Beseitigung des Mitwissers…

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Henry Palmer ist kein Profi: Ralph Gerstenberg, Grimm und Lachmund [Leseprobe]

grimm-lachmund-introEs läuft nicht gut für Henry Palmer. In seiner Friedrichshainer Wohnung liegt eine junge Polin – offenbar ermordet. Nicht nur die Kripo ermittelt, auch der Bruder der Toten stellt unbequeme Fragen. Als Henry Palmer in die WG seines Kumpels Theo Trepka flüchtet, taucht dort kurz darauf die Drogenfahndung auf. Um das Chaos zu entwirren, hilft nur eins: Henry Palmer muss auf eigene Faust ermitteln. Das World Wide Web leistet ihm dabei keine Dienste. Denn Ralph Gerstenbergs Berlin-Krimi „Grimm und Lachmund“ – Auftakt der Henry-Palmer-Trilogie – spielt noch zu D-Mark-Zeiten in der frischgebackenen Hauptstadt der Nachwende-Zeit. Worte wie „Smartphone“, “Hipster” oder “Gentrifizierung” sind Mitte der Neunziger Jahre noch unbekannt. Auf dem Tempelhofer Feld landen Propellermaschinen, in Schultheiß-Kneipen an der Ecke gibt’s noch kein W-LAN, und wer in seinem Wohnzimmer eine Leiche entdeckt, greift zum Hörer des Festnetztelefons. Unsere Leseprobe führt genau an diesen Plot-Point. Mehr über Henry Palmers ersten Fall erfährt man bei ebooknews press.

Ralph Gerstenberg, Grimm und Lachmund

Henry Palmer ist kein Profi
(…) Agnes lag noch immer im Bett. Die Jalousien waren heruntergelassen. Im ganzen Zimmer roch es nach ihrem Parfüm und nach allerlei anderem. Kein gutes Gemisch. Ich klopfte an die halb offene Tür. Nicht die geringste Regung. Ihre Sachen lagen auf einem der beiden Korbsessel. Trotz der Hitze, die mittlerweile im Zimmer herrschte, hatte sie sich die Decke bis ins Gesicht gezogen. Ein paar blonde Haarsträhnen waren das Einzige, was ich von ihr sehen konnte.
Irgendwie fühlte ich mich wie ein schwäbischer Herbergsvater, als ich beschloss, dass halb zwölf Zeit zum Aufstehen sei, die Jalousien hochzog und das Fenster sperrangelweit öffnete. Draußen stank es nach Müll. Als ich mich umdrehte, entdeckte ich Agnes’ Arm, der seltsam unnatürlich an der Seite hing. Ich hatte ihn zuerst nicht gesehen, weil der Korbsessel mit ihren Sachen davor stand, aber mir war sofort klar, dass man so keine fünf Minuten liegen konnte. Außerdem lag sie nicht auf dem Kissen, sondern das Kissen auf ihrem Gesicht. Ein Unterschied, der mir irgendwie wichtig erschien, obwohl ich nicht gleich wusste, was er bedeutete. Das heißt, mein Kopf wollte es nicht wissen, glaubte nicht, was er wusste, wusste nicht, was er glauben sollte. Mein Körper wusste es längst. Meine Hände wussten es, die sich am Fensterbrett festhielten. Mein Magen wusste es, der seinen Inhalt plötzlich nicht mehr zu mögen schien. Und meine Beine wussten es, die so taten, als bestünden sie nicht auch aus Muskeln und Sehnen, sondern hauptsächlich aus Gelenken.
Im Zeitlupentempo sank ich in die Knie und lehnte mich gegen meinen Schreibtisch, der schräg vor dem Fenster wie eine Barrikade zwischen mir und dem Rest des Zimmers stand. Abgesehen von einigen Mumien aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. hatte ich noch nie einen toten Menschen aus der Nähe gesehen. Kein Krieg, keine schweren Autounfälle, meine Großeltern wurden nicht aufgebahrt. Und jetzt lag in meinem Bett eine tote Frau. Eine ermordete Frau!
Der Arm, der unter der Bettdecke hervorragte, hatte die Farbe von lange gelagerten Altarkerzen. Auf dem Kissen zeichneten sich die Konturen von Agnes’ Kopf ab. An der Seite, die ich sehen konnte, war der Bezug aufgerissen. Dort also hatte jemand festgehalten und nicht mehr losgelassen, so lange nicht, bis sich nichts mehr bewegte, bis Agnes’ Arm wie ein abgeknickter Ast zur Seite hing.
Ich übergab mich in den Papierkorb, in dem noch eine halbfertige Seminararbeit über Adornos Kritik der Kulturindustrie liegen musste. Irgendwo hatte ich gelesen, dass sich mittlerweile nicht nur Mörder wie ihre Vorgänger auf der Kino-Leinwand verhielten, sondern auch deren unglückliche Opfer. Ich weiß nicht, warum mir das gerade jetzt einfiel. Agnes hatte sicherlich keine Identifikationsmuster vor Augen, als ihr irgendjemand das Kopfkissen ins Gesicht drückte. Wie lange mochte es gedauert haben, bis sie das Bewusstsein verlor und nicht mehr versucht hatte zu atmen? Wie lange hatte sich ihr Körper aufgebäumt, ohne jede Chance gegen das übermächtige Gewicht ihres Mörders? Zwei Minuten Todesangst oder drei oder länger? Mein Magen verkrampfte sich wieder, aber es kam nichts mehr raus.
Langsam kroch ich unter dem Schreibtisch hervor und näherte mich der Leiche. Ich wagte nicht, das Kissen von ihrem Gesicht zu entfernen. Keine Ausreden, ich gebe zu, ich war zu feige, ich hatte Angst, den Anblick nicht ertragen zu können. Auch ihren Arm berührte ich nicht. Es wäre sinnlos gewesen, Sie können mir wirklich glauben. Ich roch ihr Parfüm und es schnürte mir die Kehle zu.
Draußen hantierte jemand an den Containern. Ich hätte ihn rufen können. Stattdessen wählte ich 110. Ich hatte nicht den Nerv, im Telefonbuch nach der Nummer für die Mordkommission zu suchen. Außerdem wusste ich, dass im öffentlichen Dienst das Wort Amtsweg mit sieben Großbuchstaben und einem Ausrufezeichen geschrieben wurde.
Die Stimme am anderen Ende der Leitung versprach wenig Trost. In Standardsätzen erfragte sie meinen Namen, Adresse und den Anlass meines Anrufes. Nicht einmal, als ich «Mord!» sagte, Mord wäre der Grund, weshalb ich anrief, und die Leiche läge bei mir in der Wohnung, verlor sie etwas von ihrem routinierten Gleichklang.
«Wo, sagten Sie, wohnen Sie? Und Sie rufen von dort aus an? Bleiben Sie, wo Sie sind, in spätestens einer halben Stunde kommt ein Streifenwagen.» Es hörte sich an, als hätte ich eine Pizza bestellt.

Copyright Leseprobe: ebooknews press

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Ralph Gerstenberg, Grimm und Lachmund
E-Book (epub/Kindle) 2,99 Euro
Taschenbuch 8,90 Euro

Coverfoto: Nordsprotte/Flickr (cc-by-2.0)

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Henry Palmer ist wieder da! Lesung & Interview mit Krimi-Autor Ralph Gerstenberg

grimm-lachmund-introDieser Mann ist kein Polizist, er ist aber auch kein Privatdetektiv: in Ralph Gerstenbergs Berlin-Krimi „Grimm und Lachmund“ steht mit Henry Palmer ein Mensch im Mittelpunkt, den man als „mitteldeutschen Lebenskünstler“ bezeichnen könnte – was auch zeitlich ziemlich gut passen würde. Denn die Story spielt in der frischgebackenen Hauptstadt der Nachwende-Zeit. Worte wie „Hipster“ oder „Gentrifizierung“ sind Mitte der Neunziger Jahre noch nicht en vogue. Auf dem Tempelhofer Feld landen noch Flugzeuge, in Eckkneipen gibt’s noch kein W-LAN, und wer in seinem Wohnzimmer eine Leiche entdeckt (wie z.B. Henry Palmer), ruft die Polizei per Festnetz.

Was macht Henry Palmer heute?

Zur E-Book-Premiere von “Grimm und Lachmund”, im Print erstmals erschienen 1998 im Argument-Verlag, liest Ralph Gerstenberg eine kurze Szene aus dem Buch, und spricht im anschließenden Interview über das Krimi-Schreiben, das Berlin der Neunziger, und verrät am Ende: was macht Henry Palmer eigentlich heute? Bei ebooknews-press ist „Grimm und Lachmund“ ab sofort als E-Book und Taschenbuch erhältlich – siehe auch die Leseprobe. Die weiteren Bände der Henry-Palmer-Trilogie („Ganzheitlich sterben“ sowie „Hart am Rand“) erscheinen in den nächsten Monaten.

E-Book-News: Ein Kommissar steht in der Henry-Palmer-Trilogie nicht im Vordergrund, der Held heißt Henry Palmer und ist eher privat unterwegs – Was ist das für ein Typ, und wie bist du auf ihn gekommen?

Ralph Gerstenberg: Henry Palmer ist nach abgebrochenem Studium zunächst arbeitslos und schlägt sich dann mit verschiedenen Jobs durchs Leben: Pizzafahrer, Locationscout etc. Er ist im Osten aufgewachsenen und gehört zu einer Generation, die in der DDR den propagierten Zielen mehr als skeptisch gegenüberstand. Mit dieser Skepsis begegnet er nun auch seinem sich verändernden Lebensumfeld nach der Maueröffnung, die er mit Anfang zwanzig erlebt hat. Man könnte sagen, er sei auf der Suche nach einem geeigneten Lebenszusammenhang. Seine Begeisterung für eine berufliche Karriere und den damit verbundenen Anpassungen und persönlichen Einschränkungen hält sich jedoch in Grenzen. Jemand hat mal geschrieben, er sei der Prototyp des modernen, unkonventionellen, ambivalenten Helden und pädagogisch nicht besonders wertvoll. Und woanders stand mal, er sei „ein ambitionsloser Romantiker ohne Plan“. Diese Beschreibungen haben mir sehr gut gefallen. Gekommen bin ich auf ihn durch Beobachtungen in meinem eigenen Freundeskreis, wo sich damals viele einfach so durchgeschlagen und ständig die Jobs gewechselt haben. Außerdem wollte ich keinen Kommissar als Hauptfigur, weil mich die Beschreibung von polizeilicher Ermittlungsarbeit literarisch nicht besonders gereizt hat. Und einen Privatdetektiv fand ich im Berlin der neunziger Jahre nicht besonders realistisch. Dann doch lieber jemand, der durch verschiedene Jobs und seinen Freundeskreis mit Verbrechen konfrontiert wird und wider Willen ermitteln muss. Das eröffnete viel Raum für Milieubeschreibungen, menschliche Dramen und Komödien.

Die Polizei tritt in „GuL“ gleich dreifach auf – in Form der Kommissare Oeser, Bönninghaus und Röntsch. Was ist von denen zu halten, besonders heldenhaft kommen die mir auch nicht vor?

Hauptkommissar Bernhard Oeser ist eine eher literarische Ermittlerfigur ganz in der Tradition von Georges Simenons Maigret oder Friedrich Glausers Wachtmeister Studer – über den ich damals meine Magisterarbeit geschrieben habe. Beleibt, mit erheblicher Menschenkenntnis, ein Mann mit einem großen, aber leider auch etwas schwachen Herz, der eintaucht in die Milieus, die Atmosphäre, in der ein Verbrechen geschehen ist, eine etwas altmodische Vaterfigur für Henry Palmer. In den späteren Romanen „Das Kreuz von Krähnack“ und „Feuer im Aquarium“ wird er ja selbst zur Hauptfigur. Kommissar Röntsch ist das genaue Gegenteil seines Vorgesetzten – Palmers Antipode. Ein Karrierist mit Hang zu schnellen Ermittlungsergebnissen und pressewirksamer Präsentation, der pausenlos an Oesers Stuhl sägt. Und Bönninghaus verkörpert den loyalen deutschen Beamten, der sich nicht gerade für seinen Job aufreibt, aber mit seiner gewissenhaften Art den Apparat am Laufen hält.

„Grimm und Lachmund“ spielt in der Mitte Neunziger Jahren, und ist ja auch zu dieser Zeit entstanden. Was für eine Zeit, was für ein Berlin ist das eigentlich, in dem Henry Palmer lebt?

Beim Wiederlesen der gesamten Trilogie für diese Neuausgabe habe ich festgestellt, dass im Berlin 1995, dem Jahr, in dem „Grimm und Lachmund“ spielt, schon nicht mehr so geträumt und getanzt wurde wie Anfang der Neunziger. Immer mehr Freiräume wurden geschlossen. Auch in Palmers Freundeskreis begann die Geschäftemacherei. Die Zeit der Unschuld, falls es sie jemals gegeben hat, war definitiv vorbei. Berlin wurde abgesteckt und aufgeteilt. Die Cleveren waren dabei ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, während Henry Palmer und seine Freunde weiter in ihren Tagträumen lebten, bis sie schließlich von der Realität eingeholt wurden. Eine Zeit des Umbruchs, auch technisch. Es ist schon witzig, wenn man liest, dass es 1995 Agenturen gab, die zu bestimmten Zeiten Geschäftsleute auf ihrem Mobiltelefon anriefen, um deren Position durch offensichtliche Wichtigkeit zu stärken. Das Internet steckte bei „Grimm und Lachmund“ noch in den Kinderschuhen, doch schon damals war Kinderpornografie eine miese Begleiterscheinung dieses Mediums. Und so ähnlich war es auch in der zweiten Hälfte der Neunziger in Berlin. Es gab noch das Gefühl des Aufbruchs, kreative Freiräume, Visionen, aber schon Missbräuche, Vereinnahmung, Verwerfungen. Das wird bei der Lektüre sehr deutlich.

Wie geht es weiter mit Henry Palmer? Macht die Figur im Verlauf der Trilogie Fortschritte – & wo wäre Henry Palmer heute?

Ich glaube, er wäre Selbstversorger in der Uckermark, würde Kriminalromane schreiben, die er als Selfpublisher veröffentlichen würde, oder – das ist die andere Seite – er wäre einfach ein Alkoholiker auf Hartz IV. Bei allem Witz ist er ja durchaus auch ein melancholischer Typ mit Hang zum Resignativen. Der Abgrund ist stets spürbar. In der Trilogie wird, glaube ich, deutlich, dass er keine Skrupel hat, den Zeitgeist für sich zu nutzen. Im dritten Teil „Hart am Rand“ arbeitet er für Filmproduktionsfirmen, sucht Drehorte für Filme aus, die er verachtet, und nervt Alteinwohner der begehrten Wohnungen mit den kommerziellen Interessen seiner Auftraggeber. Auch wenn er sich dabei immer selbst in seiner Zweifelhaftigkeit wahrnimmt, hat er kein Problem damit, seine Arbeitskraft in den Dienst einer Gesellschaft zu stellen, die sich auf eine Weise verändert, die er selbst oft nur mit bitterem Humor kommentieren kann. Manchmal auch unpassend, wie ich finde. Es ist offenbar der Humor des Verzweifelnden, eine Art Galgenhumor, der manchmal mit Ironie verwechselt wird. Aber in einem kann man sich, glaube ich, sicher sein, wenn es ihm irgendwo zuviel wird, wird er gehen – wohin auch immer.

Autorenfoto Startseite: (c) Kirsten Breustedt
Coverfoto: Nordsprotte/Flickr (cc-by-2.0)

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[Indie-Lounge] „Kern meiner Phantasie ist die Frage: Was wäre, wenn…?“ – Maria Poets im Interview

Heute zu Gast in der Indie-Lounge: Maria Poets. Die Literaturübersetzerin hat schon mehr als vierzig Bücher aus dem Englischen ins Deutsche übertragen, seit 2013 veröffentlicht sie nun auch eigene Romane als Selfpublisherin, und das sehr erfolgreich. Mit ihrem aktuellen Thriller „Berechnung“ stand sie zwei Wochen lang in allen Kindle-Kategorien auf Platz Eins. Maria Poets entwirft keine Figuren, sondern sie führt uns Menschen vor, die vertraut und fremd zugleich scheinen, und fasziniert damit viele Leser.

Maria, wie schön, dass du bei uns bist. Du schreibst, dass du in zwei Welten lebst, der Welt der Realität und der Welt der Fantasie. Aus diesen Fantasien entstehen deine Geschichten. Nun schreibst du Krimis und Thriller, und ich möchte dir jetzt keine Mord-Fantasien unterstellen. Wie meinst du das mit der Welt der Fantasie?

Du darfst mir ruhig Mordfantasien unterstellen, die habe ich tatsächlich auch ;-) Der Kern meiner Fantasien ist eigentlich immer die Frage: „Was wäre wenn?“ Was wäre, wenn ich unschuldig im Knast säße? Was wäre, wenn ich im Lotto gewinnen würde? Was wäre, wenn ich als heldenhafte Revolutionärin verfolgt würde? Was wäre, wenn ich mit einem Menschen, den ich absolut nicht leiden kann, in einem Fahrstuhl eingesperrt wäre?
Ich kann dann ziemlich intensiv in diese Was-wäre-wenn-Szenarien eintauchen und male mir alles im Detail aus. Das ist natürlich eine unschätzbare Fundgrube für meine Bücher. Schwierig wird es dann manchmal, wenn ich meine Fantasie der Realität anpassen muss. Aber genau dieses Spiel mit den Grenzen der Realität reizt mich: Könnte das wirklich so passieren?

Du hast einen eigenen Blog. Welche Rolle spielt dein Blog in deinem Gesamtkonzept – für dich und für deine Leser?

Eigentlich würde ich meinen Blog gerne intensiver pflegen, aber leider komme ich zurzeit nur selten dazu. Ich möchte meinen Leserinnen und Lesern Hintergrundmaterial zu meinen Büchern zur Verfügung stellen, ähnlich dem Bonusmaterial auf einer DVD. Außerdem soll der Blog ein Ort sein, an dem ich kürzere Texte veröffentliche, die nicht unbedingt ins E-Book-Format passen.


„Erfolg verschafft Freiraum, mal etwas abzulehnen“


Wie viel Zeit investierst du etwa pro Woche in Schreiben, in deinen Blog, Pflege deines Netzwerks?

Etwa dreißig Stunden in der Woche versuche ich, am Schreibtisch zu sitzen. Die Fantasiereisen dagegen finden ständig und überall statt.

Was hat sich in deinem Leben durch das Schreiben/deinen Erfolg verändert?

Wenig. Ich habe ja vorher schon selbständig als Übersetzerin gearbeitet, von dort zum selbst Schreiben ist es nur noch ein winziger Schritt. Der Erfolg verschafft mir den Freiraum, Übersetzungen abzulehnen (Frauenromane sind zum Beispiel überhaupt nicht mein Ding) und in Ruhe an meinen eigenen Projekten zu arbeiten. Das genieße ich sehr.

Dein wichtigster Tipp für Autorenkollegen:

Lest so viele Kreativ-Schreiben-Bücher, wie ihr könnt. Besucht Kurse. Lasst euch sagen, wie man ultimativ ein richtig gutes Buch schreibt. Und dann vergesst den ganzen Scheiß wieder und schreibt darauf los. Das, was von den ganzen Ratschlägen für euch und zu euch passt, ist trotzdem hängengeblieben. Sucht nicht nach einem Patentrezept, denn es gibt keines.


„Texte übersetzen heißt auch: Texte analysieren“


Was hat dir geholfen, im Schreiben besser zu werden?

Hauptsächlich meine Tätigkeit als Übersetzerin. Natürlich habe ich vorher schon Bücher über kreatives Schreiben etc. gelesen, aber beim Übersetzen hatte ich dann jeden Tag wunderbare (oder auch nicht so wunderbare) praktische Übungsbeispiele. Einen Text von einer Sprache in die andere zu übertragen, bedeutet immer auch, den Originaltext genau zu analysieren, dabei habe ich viel gelernt, wie und warum ein Text „funktioniert“ – oder eben nicht.
Natürlich hilft es auch, andere Bücher ganz genau zu lesen: Warum gefällt mir das eine Buch, das andere aber nicht? Mittlerweile lese ich völlig anders als früher, ich tauche kaum noch in die Geschichte ein, sondern analysiere beim Lesen ständig, welche Techniken der Autor, die Autorin angewendet hat. Manchmal ist das lästig, aber auf jeden Fall lehrreich.

Du bist unabhängiger Selfpublisher. Was findest du besonders gut dabei? Was stört dich?

Mir gefällt die Unabhängigkeit, die Entscheidungsfreiheit und die Schnelligkeit, mit der ich ein Buch veröffentlichen kann – denn natürlich will ich, wenn ich ein Buch fertig habe, möglichst schnell wissen, ob es meinen Leserinnen und Lesern gefällt. Manchmal stört mich der hohe Zeitaufwand, der mit dem Selfpublishing verbunden ist. Einerseits macht es mir Spaß, mich um alles selbst zu kümmern (Lektorat, Korrektorat, Covergestaltung), aber oft würde ich die Zeit lieber fürs Schreiben nutzen.


„Autorenbetreuung bei Amazon Publishing ist klasse“


Du hast deinen Krimi „Mordswald“ mit Amazon Publishing veröffentlicht. Kannst du uns kurz erklären, was das ist?

Amazon Publishing ist der Verlag, den Amazon im Frühjahr 2014 gegründet hat. Die Bücher werden digital und als Print-on-Demand-Ausgabe veröffentlicht, manche auch als Audible. Mein Titel „Mordswald“ wird gerade ins Englische übersetzt. Für die ersten Titel hat Amazon Publishing bereits veröffentlichte Titel gekauft. Inzwischen nehmen sie aber nur noch unveröffentlichte Bücher.

Wie sind deine Erfahrungen damit? Würdest du es wieder tun?

Vor allem geht es ziemlich chaotisch zu … der Verlag ist ja noch ganz neu, da ist vieles noch nicht so eingespielt. Gewöhnungsbedürftig war auch, dass ich einen Teil des Geldes aus den USA bekomme und dafür wieder einmal diese leidigen Steuerformulare ausfüllen musste. Grrr. Klasse finde ich die wirklich herzliche und gute Autorenbetreuung.
Ob ich es noch einmal machen würde … hm. Da es die Printausgabe nur bei Amazon zu kaufen gibt und nicht im stationären Buchhandel, sind die Taschenbuchverkäufe ausgesprochen mager. Im Moment sehe ich noch nicht, welche großen Vorteile es mir bringen soll. „Mordswald“ an Amazon Publishing zu verkaufen war ein Testballon für mich, auf jeden Fall eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.


„Mein nächster Thriller ist schon in Arbeit“


Wenn dich ein neuer Leser kennen lernen möchte, welches deiner Bücher würdest du ihm als Start in deine Bücherwelt empfehlen?

Lach. Bei vier Büchern von einer Bücherwelt zu sprechen, halte ich für etwas übertrieben. Wer Spannung mag, sollte „Berechnung“ lesen. Wer Gegenwartsliteratur bevorzugt und es etwas ruhiger mag, dem empfehle ich „Veras Welt“. Aber Obacht: Die beiden Bücher sind grundverschieden.

Deine bisherigen Leser warten schon auf Nachschub. Worauf können sie sich freuen? Was ist dein nächstes Projekt?

Ich habe gerade mit der Arbeit an meinem neuen Thriller angefangen, und wieder wird eine Frau auf der Flucht sein – mehr verrate ich noch nicht. Einen Namen hat das Kind noch nicht, aber für die Entscheidung habe ich ja auch noch neun Monate Zeit. ;-) Wobei ich es natürlich gerne auch früher herausbringen möchte, aber mit Frühgeburten ist das ja so eine Sache …

Zum Schluss: Du hast 100 Worte frei zu deiner Verfügung. Was möchtest du deinen Lesern sagen?

Danke, Ihr seid prima! Die vielen Kommentare und Mails – positive wie negative – motivieren mich, noch besser zu werden. Ich hoffe, ich kann euch noch viele schlaflose Nächte bereiten!

Maria, ich danke dir ganz herzlich für dieses Interview. Im Namen aller Leser wünsche ich dir weiterhin reichlich lebendige Fantasie, damit du noch viele gute Bücher schreiben kannst. Wer mehr über Maria erfahren will, findet sie im Internet auf mcpoets.com.

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[e-book-review] Brügge sehen & überleben: Linus Reichlin, Der Assistent der Sterne

assistent-der-sterne-e-book-reviewMit seinem Krimi-Erstling „Die Sehnsucht der Atome“ ergatterte Linus Reichlin 2009 den Deutschen Krimipreis. Kriminalkommissar Hannes Jensen aus Brügge, ein Deutscher im belgischen Polizeidienst, tauchte hier zum ersten Mal auf. Im aktuellen Sequel „Der Assistent der Sterne“ spendiert der Schweizer Autor mit Wohnsitz in Berlin uns nun nicht nur ein Wiedersehen mit Jensen, sondern auch mit seiner blinden Freundin O’Hara. Wie heißt es so schön: „never change a winning team“. Unsere Rezensentin Heide Reinhäckel verrrät, ob das hier auch gelohnt hat.

Kalte Tage in Brügge, heiße Nächte in Reykjavik

Klimawandel? Nichts da: Brügge erlebt in Reichlins aktuellem Krimi „Der Assistent der Sterne“ den kältesten Winter seit fünfzig Jahren. Kommissar Jensen hat inzwischen den Dienst quittiert, um sich ganz seinem Hobby zu widmen – der Quantenphysik. Kurz vor der Abreise zu einem Privatseminar in Island erhält der pensionierte Kriminalist eine rätselhafte Nachricht – ein „Féticheur“ warnt ihn vor einer Frau, deren Namen er nicht kennt: Vera Lachaert. In Reykjavik verbringt Jensen dann nach einigen Verwicklungen eine Nacht mit einer geheimnisvollen Schönen mit afrikanischem Namen, die ihn im Liebestaumel in den Hals beisst. Als er nach Brügge zurückkehrt, ist seine blinde Freundin O‘Hara besorgt: Denn nach der Prophezeiung eines Hellsehers soll ein Mann mit einem Mal am Hals die Tochter ihrer Freundin töten – ihr Name ist: Vera Lachaert. Jensen verbirgt die Bisswunde unter einem Kaschmirschal und beginnt zu ermitteln. Während die ungewöhnliche Kältewelle Brügge fest im Griff hat, setzt ein rätselhaftes Spiel um Wahrheit und Zufall, um Schuld und Sühne ein, das Jensen zur Lösung des Falles schließlich zu einer weiten Reise zwingen wird.

Fetischbeschwörungen, Jeepfahrten und Schiffspassagen

Reichlins neuester Krimi ist hervorragend komponiert. Jedes Kapitel besitzt eine eigene Logik, die Schauplätze wechseln und jede Szene, ob nun eine Jeepfahrt in Island, Fetischbeschwörungen in Antwerpener Dachkammern oder die Under-Cover-Schiffspassage auf einem Containerschiff, trägt zur Spannung bei, die bis ans Ende hält. Doch nicht nur der Plot ist gut durchdacht, auch die Romanfiguren tragen wesentlich zum Erfolgsfaktor des Buches bei: Ein über das Universum, die Gesetze der Physik und des Zufalls philosophierender Kommissar, die blinde Freundin mit dem Wahlspruch SEMPER SINE AUXILIO, ein verhaltensauffälliger Physikprofessor, eine vermeintliche Adoptivtochter, die verschwindet – das Personal ist übersichtlich, die Figuren sind nie fade oder nur Staffage, sondern besitzen Tiefe und Ambivalenz.

Es gibt sie noch, die guten Kriminalromane…

Somit führt der „Assistent der Sterne“ die gute alte Krimimanier vor, nach den psychologischen Motiven eines Verbrechens zu fragen, und die Auflösung des Falles nicht den Laborwissenschaften à la CSI zu überlassen. Der sich einstellende Lesesog resultiert nicht zuletzt auch aus Reichlins beglückender Sprache, aus dem hintergründigen Humor, der an einigen Stellen unvermittelt aufblitzt, genauso aber aus der Genreübertretung eines Romans über einen ebenso pragmatischen wie philosophischen Kriminalkommissar. Auch wenn das Thermometer noch nicht zwanzig Grad unter Null zeigt: Dieser melancholische Winterkrimi ist genau die passende Lektüre für den ausklingenden Herbst.

Autorin&Copyright: Heide Reinhäckel

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Linus Reichlin,
Assistent der Sterne (Oktober 2010)
E-Book (epub-Format), 8,99 Euro
Taschenbuch (Galiani), 8,95 Euro.

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Deutschlands heimlicher E-Book-Bestseller: „Letale Dosis“ von Krimi-Autor Andreas Franz

letale-dosis-e-book-bestseller-andreas-franz-krimi„Letale Dosis“ heißt Deutschlands heimlicher E-Book-Bestseller. Denn als Mediacontrol jetzt erstmals ein repräsentatives Top 5-Ranking für elektronische Bücher vorstellte, stand Andreas Franz‘ bereits 2002 im Print erschiener Krimi überraschenderweise auf Platz eins. Laut Klappentext geht es um „rätselhafte Mordfälle mit exotischen Giften“ innerhalb einer Frankfurter Kirchengemeinde. Das Mordmotiv lässt allerdings aufhorchen – ausgelöst wurden die Taten offenbar durch einen Fall von sexuellem Missbrauch. Die neu gewonne Aktualität des Themas und ein strategisch niedriger E-Book-Preis von 4,99 Euro katapultierten „Letale Dosis“ in kurzer Zeit an die Spitze der deutschen E-Book-Charts.

Vom Serienmord zur Krimiserie: Mit „Jung, blond, tot“ fing alles an

Serienmörder und Krimiserien passen offenbar gut zusammen. Bestseller-Autor Andreas Franz hat in den letzten fünfzehn Jahren jedenfalls zwei Dutzend Titel in drei verschiedenen Reihen produziert. Mit „Jung, blond, tot“ (1996) fing alles an – Franz schuf für sein bei Droemer Knaur erschienenes Debut die Figur der Frankfurter Kommissarin Julia Durant. Dazu kamen im Laufe der Zeit das Offenbacher Ermittler-Duo Peter Brandt & Elvira Klein, und schließlich die Kieler Kollegen Sören Henning und Lisa Santos. Interessant sind aber nicht nur die Ermittler, sondern auch die Täter. Bereits „Jung, blond, tot“ zählte das Lexikon der Kriminalliteratur „zu den besten deutschen Psychopathenkrimis des Jahres“. Doch auch der folgende Julia Durant-Band mit dem Titel „Das 8. Opfer“ sparte nicht an Serienkiller-Ästhetik – in diesem Fall biblische Motive, etwa das Zeichen „666“ auf der Stirn der Toten. In „Letale Dosis“ geht’s, wie der Titel ja schon nahe legt, um Giftmorde. Schauplatz ist eine hessische Gemeinde namens „Kirche der Elohim“. Die gibt es natürlich nicht wirklich: „Ich habe für diesen Roman bewusst eine fiktive Kirchengemeinschaft gewählt“, so Franz zu dieser Konstruktion, „denn es wäre unfair, eine einzelne Kirche hervorzuheben.“

Auch in der Krimi-Realität behindern kirchliche Hierarchien die Aufklärung des Verbrechens

Das Bedürfnis nach Distanz zur Realität ist verständlich. Denn bereits auf den ersten Seiten erfährt man etwas über das Motiv, das hinter der Mordserie stecken könnte: es geht um sexuellen Mißbrauch von Kindern. Damit verbunden sind zugleich auch die langfristigen Folgen, die das Vertuschen und Leugnen solcher Übergriffe am Ende haben kann. Wie oft auch in der Realität verhindern zunächst aber einmal Verflechtungen von kirchlichen und staatlichen Hierarchien, Vetternwirtschaft und Korruption die Aufklärung des Falles. „Wir leben nun mal in einer Gesellschaft, die gerade in den oberen Schichten zunehmend krimineller wird“, so Andreas Franz selbst über seine zwischen Realismus und Pessimismus schwankende Perspektive. „Letale Dosis“ erschien gedruckt erstmals 2002 und war in den Auslagen schon etwas weiter nach hinten gerückt. Angesichts der gegenwärtigen Missbrauchsdebatte innerhalb der katholischen Kirche hat das Thema offenbar neue Aktualität gewonnen – worauf wohl auch der Verlag Droemer Knaur spekuliert hat. Denn als E-Book gibt’s „Letale Dosis“ seit Mai 2010 für günstige 4,99 Euro, während die übrigen Krimis von Andreas Franz nicht unter 8,99 Euro auf das E-Reader-Display kommen. Die Kombination zeigte Wirkung: im ersten Mediacontrol-Ranking für den deutschen E-Book-Markt stieß „Letale Dosis“ sogar Stieg Larssons „Millenium-Trilogie“ von der Siegertreppe.

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Andreas Franz,
Letale Dosis (2002/2010)
E-Book (Droemer Knaur) 4,99 Euro
Paperback (Droemer Knaur) 9,95 Euro

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[e-book-review] Kommissar Barbarottis erster Fall (Hakan Nesser, Mensch ohne Hund)

nesser-e-book-mensch-ohne-hund-krimi-bestseller„Ich mag den Tod, er garantiert eine Geschichte“, fasst der schwedische Bestseller-Autor Hakan Nesser seine Leidenschaft für den Kriminalroman zusammen. Mit „Mensch ohne Hund“ ist nun der erste Band seiner neuen Kommissar Barbarotti-Reihe als E-Book erschienen. In der fiktiven Stadt Kymlinge im westlichen Schweden verschwinden über die Weihnachtsfeiertage zwei Mitglieder der Familie Hermansson – ein leicht autistischer, verwöhnter Junge und ein alkohlabhängiger Journalist, der an einem Romanmanuskript arbeitet: „Mensch ohne Hund“.

Kommissar Gunnar Barbarotti arbeit nicht in Venedig, sondern in Kymlinge

Romanfiguren sind meistens fiktiv, doch in Hakan Nessers Krimis sind es auch die Schauplätze. In der „Van Veeteren“-Reihe führte der neben Henning Mankell wohl populärste schwedische Autor seine Leser in eine Stadt namens Maardam, die einem so gar nicht schwedisch vorkam. Grachten, Hausboote, Spekulatius zum Kaffee – und der Name des Kommissars klang verdächtigerweise so ähnlich wie der des niederländischen Krimi-Autors Van de Wetering. Nach zehn Folgen, deren TV-Version vor zwei Jahren auch in der ARD zu sehen war, hat Nesser mit Gunnar Barbarotti nun einen neuen Kommissar eingeführt – einen Halbitaliener, mit leichtem Anklang an Donna Leons Inspektor Guido Brunetti. Gunnar Barbarotti arbeitet jedoch nicht in Venedig, sondern in Kymlinge. Das klingt nicht nur schwedisch, das ist es auch. Oder soll es jedenfalls sein. „Der Ort Kymlinge existiert nicht wirklich“, wird man gleich auf der ersten Seite von „Mensch ohne Hund“ vorgewarnt.

Rosemarie Wunderlich Hermansson hat einen merkwürdigen Traum…

Die Story beginnt mit einem seltsamen, comicartigen Traum: Die pensionierte Handarbeitslehrerein Rosemarie Wunderlich Hermansson sieht darin kurz vor Weihnachten zwei Vögel mit Sprechblasen – „Du musst Dich umbringen“, zwitschert der eine, „Du musst Karl-Erik umbringen“, zwitschert der andere. Jener Karl-Erik, Rosemaries Gatte, hat gerade ein Haus in Spanien gekauft. Er will weg aus Kymlinge. Ein Grund dafür ist der gemeinsame Sohn Walter. Nach drei gescheiterten Ehen, einem abgebrochenen Studium und wechselnden Jobs hat er in einer Reality-TV-Show mitgespielt. Dort wurde er vor laufenden Kameras beim Onanieren erwischt – und dank der Boulevardpresse in ganz Skandinavien zur Witzfigur. Zum Glück haben die Hermanssons noch zwei Töchter, deren Leben in geordneteren Bahnen verläuft. Oder gibt es da etwa doch ein Problem mit Ebba und Kristina?

Ist „Mensch ohne Hund“ überhaupt ein Krimi, oder eher ein düsterer Familienroman?

Die scheinbare Harmonie beim gemeinsamen verbrachten Weihnachtsfest erweist sich schnell als trügerisch. Nach einem Tag verschwindet erst Walter, dann fehlt auch von Ebbas Sohn Henrik jede Spur. Die Ermittlungen führen Kommissar Barbarotti zu ziemlich unschönen Familiengeheimnissen – schließlich aber auch zu einem ziemlich ungewöhnlichen Mörder. Ist „Mensch ohne Hund“ überhaupt ein Krimi, oder eher ein düsterer Familienroman? „Insgesamt verführt die Lektüre zu der Einsicht, dass die Familie Quell alles Unangenehmen ist“, schrieb ein Rezensent der Süddeutschen Zeitung über Gunnar Barbarottis ersten Fall. Für den Kommissar gilt diese Einsicht allerdings nicht. Der lebt zwar in Scheidung. Doch immerhin kümmert er sich aufopferungsvoll um seine 18jährige Tochter. Insofern können wir das E-Book „Mensch ohne Hund“ uneingeschränkt auch als Weihnachtslektüre empfehlen. Erfreulicherweise ist die elektronische Version übrigens zum selben Preis wie die Taschenbuchausgabe zu haben.

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Hakan Nesser, Mensch ohne Hund,
(Btb Verlag 2009)
Preis: 10,00 Euro (epub)