„Kleines Internet für Haptiker“: Post-Hauptpost-Punk aus der Hamburger Zentralbibliotheque

„Die Zentralbibliothek ist mit einer Auswahl von über 500.000 Medien die größte Einrichtung der Bücherhallen Hamburg. Untergebracht ist sie im ehemaligen historischen Hauptpostamt gegenüber vom Hauptbahnhof.“ So kann man’s auch sagen. Viel besser gefällt mir aber die akustische Bibliotheksführung, die man auf Andreas Doraus brandneuem Album „Aus der Bibliotheque“ erhält, produziert zusammen mit der „Liga der gewöhnlichen Gentlemen“.

Wissenswertes vom Hühnerposten

Gleich der erste Song mit dem Titel Hühnerposten ist nämlich der vielfrequentierten Bücherhalle am Hühnerposten gewidmet (wer das ungewöhnlich findet: die Hamburger haben auch ne Bücherhalle am Mümmelmannsberg, in Steilshoop oder Sülldorf…) : „Ein Postamt sollte dieser Backsteinbau sein, und Wilhelm der Zwote weihte ihn ein, Pickelhaube, Bart und eisiger Blick, er 1907 das Band zerschnitt. 1900 entstand der gotische Bau, errichtet von Geheimrat Zschopau, neben dem Bahnhof, direkt an den Gleisen, diente er gleichwohl nicht dem verreisen“, singt zum elektrischen Tangotakt eine Stimme, die fast immer noch so klingt wie in den 1980ern, als Dorau mit seiner Schulband und dem Song „Fred vom Jupiter“ eher zufällig zum NDW-Star wurde. Das Etikett stimmte aber eh nie wirklich, was Dorau macht, ist eher Indie-Elektropop in der Tradition des Post-Punk. Passenderweise werden seine Alben auch beim Hamburger Independent-Label Indigo verlegt.

„In Zeilen vertieft sind sie wunderschön…“

Selten geht die These vom Pop als Archiv der Alltagskultur wohl so eindeutig auf wie bei Andreas Dorau. Die detailverliebte Welthaltigkeit des neuen Albums reicht von der systemischen Logik des Flaschenpfands bis hin zum Periodensystem der Elemente. Mit besonderer Berücksichtigung des Bibliothekswesens. „Taschenbücher, Periodika, Musik und DVDs, alles ist da, Noten, Filme, Lexika, in der Leihbibliotheeeek“, geht der Refrain von „Hühnerposten“. Okay, E-Books hat er vergessen. Es gibt ja längst die eBuecherhalle, und sogar flächendeckendes WLAN. Vielleicht wird der E-Kram aber auch überschätzt: „Die Bücherhalle ist das kleine Internet für Haptiker“, so Dorau über einen seiner Lieblingsorte. Hören wir ein Stück weiter rein: „Die Postbeamten zogen aus, und tausende Bücher kamen ins Haus [das war übrigens erst im Jahr 2004…], jeder Mensch kommt hier auf seine Kosten, in der Bücherhalle am Hühnerposten. Mädchen oftmals Mittwochs hingehen, in Zeilen vertieft sind sie wunderschön, Rentner, hier sich die Zeit vertreiben, sie recherchieren um Beschwerden zu schreiben“. Ich musste erstmal eine Weile überlegen, wo ich zuletzt via (okay, Highbrow-)Populärkultur einen Blick in den Lesesaal werfen konnte – wahrscheinlich waren es die damals noch laptoplosen Scharounschen Leselandschaften der Westberliner Stabi, als ich zum X-ten Mal Wim Wenders Kinoklassiker „Himmel über Berlin“ (1987) geschaut habe.

„Unter Menschen und trotzdem allein…“

Im Jahr 2014 hat sich der Nutzeralltag im Vergleich zu den Achtziger Jahren dann doch stark verändert – Doraus Lyrics sind da voll up to date: „Automaten an der Drehtür, zahlt man die Versäumnisgebühr, das ist jedesmal ein großer Mist, wenn die Leihfrist überschritten ist, obwohl man online verlängern kann, ist man manchmal zu spät dran, doch kein Grund die Haare zu raufen, weil sie von dem Geld neue Bücher kaufen.“ Klingt manieriert, weil gereimt? Manchmal reimen ja auch Bibliothekare – in Berliner Leihbibliotheken hieß es früher auf der Rückseite von Leihscheinen: „Leihfrist übersehen kommt teuer zu stehen“. Damals war man noch „Nutzer“ und bekam einen Nutzerausweis, am Hühnerposten heißt das mittlerweile „Kundenkarte“. Eins sind Bibliotheken, nein, Entschuldigung, Bücherhallen aber geblieben (und bleiben es hopefully auch noch eine Weile): eine Art heterotoper, dritter Orte, an denen andere Regeln gelten als im Rest der Stadt. Und im Unterschied zu anderen heterotopen Orten wie etwa Friedhöfen ist es dort zwar geräuscharm, aber deutlich lebendiger: „Man ist unter Menschen, und trotzdem allein, kräht jemand rum, heißt es leise sein, dieser Unterschied zur wirklichen Welt, ist was mir besonders gefällt.“ Ja, mir auch.

Andreas Dorau, Aus der Bibliotheque, erschienen am 17.1.2014 bei Indigo, erhältlich als CD/MP3-Album oder auf Vinyl. Oder live reinhören z.B. am 25.01.2014 im Berliner Bi Nuu („50 Jahre Andreas Dorau Show mit vielen Gästen“).

Kobo-Reader im Test: Kein Kindle-Killer made in Kanada, aber ein schönes Einsteiger-Gerät

kobo-reader-test-berichtKanadas pragmatische Antwort auf das Kindle ist der Kobo-Reader. Das solide 6-Zoll-Lesegerät setzt auf schlichtes Design, einfache Benutzung und Low Price: nämlich 129 Dollar. Hinter dem Projekt steckt Indigo Books&Music, die größte kanadische Buchhandelskette. Besonderer Clou: Hundert E-Book-Klassiker sind bereits vorinstalliert. Für weiteren Lesestoff sorgt kobobooks.com, der firmeneigene E-Store. Der Kobo-Reader ist kein reines USB-Gerät – denn via Bluetooth und BlackBerry-Smartphone können E-Books auch online geshoppt werden. E-Book-News hat den Kobo-Reader getestet.

Keep it simple: Der Kobo-Reader ist einfach ein schönes Gerät

Standards wie E-Ink und 6-Zoll-Displays lassen viele E-Reader ein wenig geklont aussehen, vor allem wenn sie wie so oft von Netronix stammen. Beim Kunden punkten kann man deswegen vor allem beim Gehäusedesign und der Benutzeroberfläche. Kaum jemandem ist das so gut gelungen wie den Machern des Kobo-Readers. Der Reader macht nicht nur einen äußerst robusten Eindruck, durch schlichte und farblich abgestimmte Gestaltung handelt es sich ganz einfach um ein schönes Gerät. Die gummierte Rückseite lässt ähnlich wie beim Kindle den Kobo-Reader gut in der Hand liegen, mit 221 Gramm ist es außerdem etwas leichter. Bedient wird der Kobo-Reader hauptsächlich über einen blauen Multifunktions-Button direkt unter dem Display – der fühlt sich durch seinen Gummiüberzug allerdings etwas merkwürdig an. An der linken Kante befinden sich vier weitere Steuerknöpfe: Home-Button, Menu-Button, Display-Button sowie Back-Button. Über den Display-Button lassen sich Font-Stil und Fontgröße direkt wählen. An der Oberkante findet man neben dem blauen Einschaltknopf auch einen Einschub für SD-Karten (max. 4 Gigabyte). Zum Lieferumfang gehört neben dem Kobo-Reader selbst noch ein USB-Ladekabel und der Quickstart-Guide.

Der „Shelf-View“ zeigt die E-Bibliothek im iBooks-Stil

Besondere Sorgfalt wurde auch auf das Look&Feel der Benutzeroberfläche gelegt. Der “Shelf-View” zeigt die E-Bibliothek als virtuelles Bücherregal, ähnlich wie bei iBooks. Verfügbar ist aber auch eine ansprechend gestaltete Liste, wahlweise mit oder ohne Coverbildern. Getreu der Devise “Get lost in reading, not in technology” sind die Optionen allerdings eingeschränkt -- man kann zwischen 5 Zoomstufen wählen und zwischen zwei Schrifttypen, mit Serifen oder ohne. Auch die per Knopfdruck eingeblendeten Menus sind ein echter Augenschmaus. Etwas spartanisch ist allerdings auch die Liste der unterstützten E-Book-Formate. Der Kobo-Reader akzeptiert epub und PDF-Dokumente, sowohl mit wie auch ohne Adobes DRM-Kopierschutz. Um E-Books vom Laptop oder Desktop auf den Kobo-Reader zu übertragen, muss die „Kobo Desktop Application“ vorhanden sein. Sie installiert sich beim ersten Herstellen der USB-Verbindung unter Windows XP/7 bzw. Mac OS X automatisch. Um den integrierten E-Store zu nutzen, ist zudem eine (kostenlose) Registrierung bei Kobo erforderlich.

“Turning off is your E-Reader is like closing a real book“

Wichtigstes Lese-Instrument auf dem E-Ink-Screen ist die „I’m Reading“-Seite. Sie erscheint beim Starten des Kobo-Reader, auf ihr sind die zuletzt gelesenen E-Books aufgelistet. Ein Klick auf den gewünschten Titel führt direkt auf die zuletzt gelesene Seite. Wird der Kobo-Reader ausgeschaltet, erscheint auf dem Display das Cover des aktuell gelesenen Buches. Und bleibt dort, bis das Gerät wieder eingeschaltet wird. “Turning off your Kobo eReader is like closing a real book, another reminder your eReader is more book than device”, sagt der Hersteller über dieses Feature. Bereits die hundert vorinstallierten Klassiker glänzen mit liebevoll gestalteten Titelbildern, die auch im ausgeschalteten Zustand daran erinnern, was man gerade liest. Weitere Public Domain-Titel findet man im Kobo-E-Store. Das Lesen auf dem Kobo-Reader ist äußerst angenehm, selbst im Vergleich zum Kindle – nur beim Kontrast gibt es Unterschiede, denn Pearl-E-Ink bietet Kobo in der aktuellen Version noch nicht.

Über Umwege kommt der Kobo-Reader auch nach Europa

Wer ein BlackBerry-Smartphone sein eigen nennt, bleibt nicht auf das mitgelieferte USB-Kabel angewiesen. Hat man auf dem Handy die Kobo-App installiert, kann man die E-Bibliothek nämlich via Bluetooth auf dem Reader drahtlos synchronisieren. Wer ein Handy anderer Hersteller besitzt, bleibt allerdings von diesem Service bis auf weiteres ausgeschlossen. Eine weitere Möglichkeit, E-Books „händisch“ auf das Gerät zu bringen, eröffnet natürlich der SD-Kartenslot. So lassen sich nicht nur epubs über, sondern auch PDFs übertragen. Weitere Formate soll der Kobo-Reader in Zukunft nach Herstellerangaben ebenfalls unterstützen. Vermarktet wird der Kobo-Reader mittlerweile via Borders nicht nur in den USA, sondern auch in Australien und Neuseeland. Europa blieb bisher außen vor, zumindest offiziell – blame it on Kobo & Canada. Über Dienstleister wie etwa viadress.com kann man sich jedoch eine virtuelle US-Adresse -- besser gesagt eine Art Postfach -- besorgen. Gegen eine Bearbeitungsgebühr werden von dieser Adresse aus dann in den USA online geshoppte Artikel an die Heimatadresse weitergeschickt. Bei tendenziell fallenden Preisen könnte sich das in Zukunft durchaus lohnen. Mit dem schlichten Look&Feel hat der Kobo-Reader das Potenzial zu einem echten Einsteigergerät für alle, die auf ihrem Reader vor allem eins wollen: lesen.

Kobo-Reader Specs


Größe

184mm x 120mm x 10mm

Gewicht

221g

Display

6” E Ink mit 8 Graustufen

Interner Speicher

1 GB

Externer Speicher

max. 4 GB

E-Book-Formate

Epub (DRM), PDF

Schnittstellen

USB, Bluetooth (nur via BlackBerry)

Preis

129,90 Dollar (Borders USA)

Akkulaufzeit

Bis zu 2 Wochen

Lieferbare Farben

Weiß, Schwarz