Zeitungskrise, nächste Folge: Britischer „Independent“ schafft Print-Ausgabe ab

indie-und-sindie-geben-aufIndie, Sindie & der Guardian, so übersichtlich sah bisher die britische Presselandschaft links von der Mitte aus. Ab 26. März 2016 wird sie noch ein bisschen übersichtlicher: dann gibt’s gedruckt am Kiosk nämlich auch den „Independent“ bzw. „Independent on Sunday“ nicht mehr. Denn der letzte Besitzer Alexander Jewgenjewitsch Lebedew wirft das Handtuch, zumindest in Sachen Papier: nachdem der russische Oligarch seit 2010 viele Millionen Pfund in das Projekt gesteckt hatte, will er nun nur noch eine Online-Ausgabe finanzieren.

“Die Zeitungsindustrie ändert sich, und diese Veränderung wird von den Lesern vorangetrieben“, wird Lebedew vom Guardian zitiert. „Sie machen uns deutlich dass die Zukunft im digitalen liegt. Diese Entscheidung erhält die Marke Independent und ermöglicht es uns, weiter in die hochwertigen redaktionellen Inhalte zu investieren, die immer mehr Leser auf unsere Online-Plattformen lenken“.

Wieviele der bisher 150 Vollzeit-Redakteure am Ende noch übrig bleiben werden, ist noch ungewiss — mehr als zwei, drei Dutzend werden es aber wohl nicht sein. Viele Branchenbeobachter hatten den großen Kladderadatsch beim Independent schon erwartet, denn längst war das 1986 gegründete Blatt mit einer Auflage von nur noch knapp über 40.000 Exemplaren in der Todeszone angekommen.

Deutlich besser lief das 2010 gelaunchte Schwesterblatt „i“ (die Auflage liegt derzeit immerhin noch mehr als 250.000 Exemplaren) — wie zeitgleich bekannt wurde, hat Lebedew die Kompaktausgabe aber an einen anderen großen Verlag verkauft, sie wird weiterhin erscheinen.

Der Oligarch selbst herrscht zukünftig also nur noch über den Online-Rumpf des klassischen Independent, der mit monatlich 58 Millionen Besuchern angeblich bereits Profite abwirft. Der digitalen Konkurrenz von Guardian, Daily Mail, Telegraph und Mirror hinkt independent.co.uk aber doch deutlich hinterher.

Was eine Guardian-Kolumnistin dem Indie gerade auf den Weg in die potentielle Online-Gruft hinterherrruft, klingt insofern auch nicht gerade optimistisch: „In the end it was the internet which killed the Independent newspaper and not Rupert Murdoch“. Das Blatt habe schlicht viel zu spät auf die Online-Herausforderung reagiert. Nun muss ausgerechnet Online die Rettung bringen.

„Entscheidend ist die Backlist“: Fuego, ein Independent-Label (nicht nur) für E-Books

Vom Vinyl über MP3 bis zum E-Book: Fuego-Gründer Friedel Muders (Bild: fuego)

Wenn es so etwas gibt, dann ist „Fuego“ Deutschlands erstes echtes E-Book-Label. Musikaffin ist das elektronische Buchprogramm des Bremer Verlags ohnehin: da trifft man nicht nur auf „Zu Gast im eigenen Leben“ von Martell Beigang, Drummer bei M. Walking on the Water. Sondern auch auf Titel wie „Ausgerockt“ von Torsten Wohlleben oder Zepp Oberpichlers Rock’n’Roll-Roman „Gitarrenblut“. Doch bisher dürften die meisten Besucher der Website in der digitalen Musikbox blättern, denn Fuego hat sich vor allem als Musiklabel der deutschen Independent-Szene einen Namen gemacht. E-Book-News sprach mit Label-Chef und Gründer Friedel Muders.

Von der Musikindustrie lernen

Ob Abstürzende Brieftauben, Billy Moffett’s Playboy Club oder Throw that Beat in the Garbage Can: beim Browsen durch die beachtliche Backlist trifft man lauter alte Bekannte wieder. Manche sind auch immer noch voll dabei. So brachte Fuego vor wenigen Monaten das neue Album von M. Walking on the Water heraus („Flowers for the Departed“). Ursprünglich in den Achtziger Jahren als Schallplattenlabel gegründet, ist Fuego seit 2004 ein reines Online-Label. Auch damit bewegte sich Fuego-Betreiber Friedel Muders bereits in medialem Neuland. iTunes war zu diesem Zeitpunkt gerade erst in Deutschland eingeführt worden, eine CD-lose Zukunft klang noch unerhört: „Viele haben damals noch gesagt, ich will doch keine Musik auf dem Computer hören. Heute ist das überhaupt kein Problem mehr, nicht mal für die Generation 50 plus. Bei E-Books scheint sich das ja momentan zu wiederholen, jedenfalls erhalte ich im Moment überall ähnliche, ungläubige Reaktionen …“.

Ganz so komfortabel wie heute war das MP3-Hören anfangs aber nicht – denn Digital Rights Management machte dem Nutzer das Leben schwer, was auf Apple-Geräten lief, konnte man auf den Playern anderer Hersteller nicht nutzen, und vice versa. Ähnliche Probleme beobachtet Muders jetzt im E-Book-Sektor, dazu kommt noch das Formate-Wirrwarr. „Die Kinderkrankheiten der Musikindustrie werden absurderweise gerade im E-Book-Sektor noch einmal durchgespielt“, wundert er sich.

Dabei geht bei einem Ein-Mann-Betrieb wie Fuego ohnehin schon viel Zeit drauf für das ganze Drumherum von Verhandlungen mit Verlagen und Autoren bis hin zur Covergestaltung. „Sehr ärgerlich und zeitaufwendig ist die E-Book-Programmierung, da wir dem Layout und der Gestaltung doch sehr hohe Aufmerksamkeit schenken, aber bei den Readern und Formaten das Problem haben, dass unsere e-Books oft auf jedem Lesegerät anders aussehen“, so Muders. Das sei vergleichbar mit den Problemen, die man vor zehn Jahren mit den unterschiedlichen Web-Browsern gehabt hätte.

„Entscheidend ist die Länge der Backlist“

Schon jetzt ist aber ein beachtliches Programm zusammengekommen. Neben den eher musikaffinen Titeln werden auch Kult-Autoren wie Wiglaf Droste, Christian Y. Schmidt oder Hans Zippert bei Fuego verlegt. Muders hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt – bis 2012 will er bereits knapp hundert Titel anbieten. Das Bremer Label setzt auf den Long Tail-Effekt: „Schon beim Einstieg in das Geschäft mit MP3 haben wir nämlich gemerkt, dass am Ende die Größe des Katalogs entscheidend zur Grundfinanzierung und zum Überleben ist. Auch bei den E-Books wird sich das erst lohnen, wenn die Backlist lang genug ist.“

In vielen Fällen werden die Verträge direkt mit den Autoren ausgehandelt. Der Independent-Tradition bleibt der Fuego-Gründer damit auch als Verleger treu. Als in den 70ern die ersten „Krautrock“-Platten gepresst wurden, schrieben sich frühe Labels wie etwa Schneeball (an dem auch Muders beteiligt war) nicht allein die Unabhängigkeit von den großen Labels auf die Fahnen, sondern auch die Ablehnung von Profitmaximierung und Wachstum um jeden Preis. Nicht nur die Autoren bekommen bei Fuego einen fairen Anteil an den Einnahmen, auch Covergestalter oder Übersetzer werden nicht einfach mit Pauschalen abgespeist. „Viele Verlage kalkulieren da sicherlich ganz anders, für mich ist das aber gelebte Solidarität“, so Muders.

Dazu kommt Fairness gegenüber dem Leser: „Alle unsere E-Books liefern wir ohne Kopierschutz aus, weil sich schon damals bei den Musikdaten gezeigt hat, dass DRM für den Verkauf letztendlich hinderlich war – und heutzutage ja auch komplett abgeschafft ist“, so der Fuego-Gründer. Nicht immer ist man damit allerdings erfolgreich. „Leider übernehmen viele Bookshops dies nicht wie von uns angeliefert, sondern versehen unsere Daten dann doch mit DRM.“ Frei von solchen Einschränkungen sind die über Beam vertriebenen epub-Versionen, die mit Preisen zwischen fünf und sechs Euro den Idealvorstellungen der Kunden sehr nahe kommen. Bei multimedialen E-Books via iBooks liegen die Preise um die zehn Euro. Der „enhanced“-Trend scheint sich besonders bei Titeln zu lohnen, die Musik zum Thema haben oder von Musikern geschrieben werden – wie etwa „Zu Gast im eigenen Leben“. Neben Fotos sind hier den Kapiteln auch Songs zugeordnet.

Notwendige Schritte im sich wandelnden Umfeld

Auch solche Titel entstehen sozusagen in Handarbeit direkt bei Fuego, denn Muders hat sich schon seit den Neunziger Jahren mit Web-Design und multimedialen Formaten beschäftigt. Und es geht immer weiter. Neuestes Produkt aus der Bremer Codeschmiede ist „Apperclass“ – eine Art Construction-Kit, mit der Independent-Bands aus Audio, Video- und Bildmaterial ihre eigene App zusamenstellen können. Ebenso würde sich Apperclass natürlich auch für Autoren lohnen, die ihre Texte mit Aufnahmen von Lesungen oder ähnlichen Goodies anreichern möchten. 

Bis das E-Book-Geschäft selbst für Fuego zum ernstzunehmenden „Revenue Stream“ wird, dürfte es noch ein bisschen dauern. Für Muders ist die Erweiterung des Musikregals durch das Bücherregal ganz einfach der nächste notwendige Schritt in einem sich ständig wandelnden Umfeld. Auch iTunes könnte da bald schon wieder zum alten Eisen gehören. „Im Musikgeschäft geht der Trend weg von Downloads zum Streaming“, beobachtet der Fuego-Chef. „Damit lässt sich aber noch weniger Geld verdienen als mit MP3-Downloads“. Doch nicht nur für Labels werde das Überleben immer schwieriger. Auch die meisten Newcomer-Bands würden einen gesunden Pessimismus pflegen: „Viele haben noch den Wunsch, aber längst nicht mehr die Illusion, ein Popstar zu werden.“ Vielleicht träumt die nächste Generation ja davon, ein E-Book-Star zu werden…