Terms & Conditions als Meisterwerk: Robert Sikoryaks großartige Comic-Version der iTunes-AGBs

terms-and-conditions-itunes-als-comicPreisfrage: welchem Kontrakt haben alle Menschen zugestimmt, ohne ihn jemals gelesen zu haben – nur um am Ende was auf die Ohren zu bekommen? Nein, nicht dem Gesellschaftsvertrag von Monsieur Rousseau, hehehe, viel schlimmer: dem iTunes Nutzungsvertrag von Mr. Steve Jobs, bzw. den „iTunes Terms and Conditions“.

„Please read the Agreement carefully“

Tja, so sieht’s aus: (fast) alle von uns haben wohl schon des öfteren per Mausklick oder Fingertipp auf Nachfrage des diensthabenden Systems bestätigt, die AGBs für Apples Multimedia-Universum gelesen zu haben. Haben wir das aber wirklich? Wahrscheinlich quälen sich in Gänze durch diese Buchstabenwüste nur Medienrechtler, Linguisten oder Performance-Künstler auf der Suche nach unverbrauchtem Material.

„To confirm your acceptance, click Agree.“

Apropos: Die beliebte Ausrede: „So etwas lese ich nicht, da sind ja gar keine Bilder drin“ fällt ab jetzt definitiv weg. Der US-Comic-Zeichner Robert Sikoryak hat die mehr als 20.000 Wörter der (englischsprachigen) iTunes-AGBs nämlich sukzessive erst via Tumblr in eine Web-Comic-Serie, und am Ende dann in ein Comic-Buch verwandelt. Eine Art Biblia Pauperum für Digital Natives.

„A surreal record of our modern digital age“

Das wirklich großartige an diesem leicht dadaistisch anmutenden Projekt: Jede der insgesamt 96 Seiten dieser exotischen „Graphic Novel“ ist im Stil klassischer Comic-Künstler gehalten, z.B. Calvin & Hobbes, Simpsons, Jack Kirby, Marjane Satrapi u.a. Nur eine Figur ist als eine Art schurkisch-schelmischer Conférencier durchgehend präsent: Steve Jobs, wenn auch manchmal in der Haut von Dritten, z.B. Homer Simpson.

„Halte dich an das, was ich dir auftrage“ (2. Mose 34)

Als „Gesprächspartner“ tauchen in den 96 Szenarien diverse Figuren auf – natürlich kommt aber kein Gespräch zu stande, denn die iTunes Geschäftsbedingungen sind ein endloser Monolog, ein Monolith der Verlautbarung, der dem sprachlosen Nutzer vor die Füße geworfen wird, wie weiland Moses die Steintafeln mit den zehn Geboten auf dem Berg Sinai.

(via t3n.de)

Nur keine Sentimentalitäten: New York Times wirft Comic-Bestsellerlisten raus

nyt-wirft-comic-bestseller-liste-rausMan denkt ja immer, Comics seien längst Kulturgut, voll akzeptiert und arriviert, erst recht überm großen Teich, egal ob als E-Comic oder gedruckt, egal ob „Graphic Novel“ oder populäre Serie. Bester Beweis — bisher, leider ab Februar nicht mehr — die New York Times. Im Jahr 2009 hatte das Blatt nämlich Comic-Bestseller-Listen eingeführt, parallel zum Kinostart von „Watchmen“, und mit dem Ritterschlag-Argument: „Comics have finally joined the mainstream“.

„Experiment fand keinen Anklang bei Lesern“

Neben mehr als einem Dutzend diverser Bestseller-Listen für Sachbücher und Belletristik gab es seitdem drei Comic-Rankings: Hardcover Graphic Novels, Softcover Graphic Novels, sowie Mangas. Ab Februar 2017 ist damit aber schon wieder Schluss — die Graue Lady baut ihre Ressorts und Bericht-Strukturen um, und dabei hat’s u.a. auch die Comics erwischt.

Laut NYT sei das ohnehin nur ein „Experiment“ gewesen, und die Comic-Rankings hätten „keine große Zahl von Lesern erreicht bzw. keinen großen Anklang gefunden“. Eine weitergehende Begründung blieb aus — es werden im Netz aber eine Menge Vermutungen herumgereicht. Darunter das Problem, überhaupt repräsentative Verkaufszahlen aus der oft noch sehr subkulturellen und versprengten Comic-Szene zu sammeln.

Repräsentative Zahlen für Comics Mangelware

„Es gibt keine öffentlich zugänglichen Zahlen, der Superstore comiXology ist intransparent, und der wichtigste Datensammler Comichron zählt nur die Lieferungen an Comic-Shops, nicht die Verkäufe“, fasst etwa Vulture zusammen.
Das wiederum dürfte es für Comics auch schwieriger machen, in die generellen Bestseller-Listen zu gelangen, in denen sie nach Auskunft der NYT prinzipiell durchaus auftauchen können, entsprechende Verkaufszahlen vorausgesetzt.

Fokus auf alternativen Mainstream

Davon mal ganz abgesehen wollen natürlich nicht alle Leser immer nur die üblichen Superhelden vorgesetzt bekommen — genau hier wirkte die Besten-Auslese der NYT als Korrektiv, so Vulture: „Branchenbeobachter haben schon seit längerem darauf hingewiesen, dass die Bestseller-Listen der Times typischerweise nicht von Superheroes, sondern von Young Adult-Titeln dominiert wurden, insbesondere mit weiblichen Protagonisten aus der Feder von „Ghosts“-Erfinderin Raina Telgemeier“. Die Perspektive auf den alternativen Mainstream im Comic-Sektor droht nun aus dem Fokus zu geraten…

(via Vulture.com & Comicsbeat.com)

[e-comic-review] „Tod dem Diktator!“ – Webcomic „Zahra’s Paradise“ verbindet Popkultur & iranische Opposition

zahras-paradise-webcomic-04.gifWas wäre die iranische Opposition ohne SMS, E-Mail & Twitter? Der neue Webcomic „Zahra’s Paradise“ setzt nun den politischen Protest mit künstlerischen Mitteln fort. Der iranische Bürgerrechtler & Dokumentarfilmer Amir erzählt zusammen mit dem Zeichner Khalil die Geschichte eines iranischen Bloggers, der während der Protestwelle im Sommer 2009 nach seinem verschwundenen Bruder sucht. Mit dem Webcomic schaffen die Autoren eine neue Form der Öffentlichkeit – weltweit: Der us-amerikanische Verlag First Second sorgt neben Englisch, Persisch & Arabisch auch für Versionen auf Französisch, Italienisch und Niederländisch.

„Allahu akbar“, tönt es jetzt von den iranischen Dächern – genau wie im Revolutionsjahr 1979


zahras-paradise-webcomic.gifWenn sich die Geschichte wiederholt, dann oft als Farce. „Allahu akbar, mag bar diktator“ schreien verschleierte Frauen in der Abenddämmerung von den Dächern der iranischen Hauptstadt Teheran, „Gott ist Groß, Tod dem Diktator“. Der italienische Fotograf Pietro Masturzo hat diese Szene festgehalten, und gewann damit den World Photo Award – nicht im Jahr 1979, sondern im Jahr 2009. Doch das eigentliche Bild, das wir von der iranischen Opposition gewonnen haben, stammt von den Oppositionellen selbst – Twitter-Feeds, Youtube-Videos, Flickr-Photos. Das weltweite mediale Echo der Protestwelle gegen das Mullah-Regime mag mittlerweile abgeflaut sein – doch der Kampf gegen die politische Unterdrückung geht weiter. Zu den Opfern des Protestsommers 2009 gehört auch der Bruder von Amir, einem iranischen Journalisten, Bürgerrechtler und Dokumentarfilmers. Zusammen mit dem in den USA lebenden Künstler Khalil nutzt Amir nun den Webcomic „Zahra’s Paradise“, um mit veränderter Perspektive ein weltweites Publikum zu erreichen. Die Hauptperson ist ein Blogger aus Teheran: nach einer der großen Demonstrationen gegen die Wahlfälschungen macht er sich auf die Suche nach seinem Bruder Mehdi. Die Suche beginnt auf den Straßen der Hauptstadt und findet ihre Fortsetzung in den Krankenhäusern. Wurde Mehdi am Ende in eines der vielen Internierungslager der islamischen Republik gebracht? Die Story selbst basiert auf Fakten, die Details und vor allem die Namen der Protagonisten wurden allerdings verfremdet – allein schon zu ihrem Schutz. Auch die Namen von Amir & Khalil sind Pseudonyme.

„Der Blogger als Citizen-Journalist steht im Zentrum der Geschichte“


„Zahra’s Paradise“ erscheint beim New Yorker Verlag First Second, die Print-Ausgabe ist für 2011 geplant. Mit Herausgeber & Verlagschef Marc Siegel haben Amir & Khalil einen tatkräftigen Förderer gefunden: „Manche Leute sagen: um die historischen Fakten zu finden, schau dir die Fiktionen an. Das Projekt ist genau zu dem Zeitpunkt entstanden, als die ganze Welt via You Tube, Twitter und Blogs zu Augenzeugen wurde. Der Blogger als citizen-Journalist steht im Zentrum der Geschichte“, äußerte sich Siegel gegenüber Publisher’s Weekly. Siegel selbst ist jemand, der die Entwicklung der Graphic Novel zu einer neuen Kunstform seit Jahren aktiv begleitet – er macht sich weltweit auf die Suche nach neuen talentierten Zeichnern, und versucht vor allen Dingen, auch Journalisten, Schriftsteller und Drehbuchschreiber als Autoren für das neue Genre zu gewinnen. Mit dem Medium Webcomic hat Siegel auch ganz praktische Erfahrungen – vor ein paar Wochen ging nämlich sein eigenes Projekt „Sailor Twain or the Mermaid on the Hudson“ online.

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„Manche Geschichten lassen einem keine Wahl: sie müssen erzählt werden“


Doch im Vergleich zur Mississipi- & Raddampfernostalgie von „Sailor Twain“ ist ein Projekt wie „Zahra’s Paradise“ doch ein ganz anderes Kaliber. „A Persian writer, an Arab artist and a Jewish editor walk into a room…sounds like the beginning of a bad joke“, umschreibt Siegel ironisch die ungewöhnliche Konstallation, welche da unter dem Dach des New Yorker Flatiron Buildings zusammengefunden hat. Doch manchmal, meint Siegel, bekommt man eben Material auf den Tisch, dass keine Wahl zulässt: „It must be told“. Und „Zahra’s Paradise“ gehört dazu. Besonders hat ihn die Mischung der verschiedenen Story-Elemente überzeugt: „Es geht um Social Media und den technologischen Fortschritt, die Rolle von Frauen in der iranischen Oppositionsbewegung, aber auch um Politik, Justiz und Bürgerrechte.“

„Der Iran meiner Kindheit war voller Freude, Zuneigung und Lachen“


Für Amir selbst ist „Zahir’s Paradise“ nicht nur eine neue Protestform, sondern zugleich auch ein Medium der Erinnerung – zu allererst an die Opfer: „Auch mein Bruder ist tot, ich habe ihn sozusagen in ‚Zahra’s Paradise‘ begraben“. Erinnern möchte sich Amir aber auch an den Iran vor der islamischen Revolution: „Der Iran meiner Kindheit war voller Freude, Zuneigung und Lachen. So wie ein überbordender Teller mit Früchten waren auch die Menschen, großzügig, farbenprächtig, aber auch stolz und stark.“ Die Erinnerung an das, was einmal war, verbindet sich mit der Hoffnung auf eine neue, demokratische Zukunft. Stellvertreter für die Chance eines Neuanfang steht Mehdis Familie: „Sie haben keine Führer, kein Gesetz, keine Medien, keine Armee und kein Geld. Alles was auf ihrer Seite steht, ist das gegenseitige Vertrauen und die Freundschaft. Und der Widerstand, die Weigerung, Mehdi loszulassen und aufzugeben.“

Da alle Webcomic-Versionen kostenlos lesbar sind, ist die Reichweite praktisch unbegrenzt.


Drei mal pro Woche kann man die Suche nach Mehdi nun auf der Website zahrasparadise.com mitverfolgen – jeweils Montags, Mittwochs und Freitags erscheint eine neue Folge. Das mediale Potential des Projekts ist beachtlich: Der Webcomic startet nicht nur auf englisch, arabisch und persisch. In Zusammenarbeit mit Casterman gibt es eine französische und niederländische Ausgabe, Rizzoli Lizard & Norma Editorial sorgen für die italienische und die spanische Übersetzung. Da alle Webcomic-Versionen kostenlos lesbar sind, ist die Reichweite praktisch unbegrenzt. Die eigentliche Wertschöpfung wird erst mit der gedruckten Fassung beginnen. Zu den großen Vorbildern dieser Marketing-Strategie gehört die Graphic Novel Shooting War von Anthony Lappe and Dan Goldman. Interessanterweise gab es hier ähnliche Überschneidungen zwischen Form und Inhalt: denn im Mittelpunkt der Handlung stand mit der Figur Jimmy Burns ein Videoblogger, der mit seiner Berichterstattung globale Aufmerksamkeit erreicht.

Dank Webcomics etablieren sich neben klassischen Bloggern nun auch echte Medienkünstler


In der Fiktion wird hier eine zentrale Entwicklung des Internetzeitalters nachvollzogen. Hemingway war gestern: nach Schriftstellern & Journalisten sind die Blogger zu den neuen Helden der Mediengesellschaft avanciert. In der Realität etablieren sich neben charismatischen Persönlichkeiten vom Bagdad Blogger bis zu Yoani Sanchez nun dank Webcomics aber auch echte Medienkünstler. Das ist kein Zufall – denn die Kombination aus wirkungsmächtigen Bildern, dem Prinzip Weblog und dem Potential des E-Publishings bietet in der globalen Wahrnehmungsökonomie eben ganz besondere Vorteile. Interessanterweise schließen sich dabei popkulturelle Formen wie Comics und politischer Protest nicht nur nicht aus – sie können sich wie im Fall von „Zahra’s Paradise“ sogar gegenseitig verstärken. „Die Kunst mischt mit diesem Comic ihre Stimme mit dem Sprechchor auf Straßen und Häuserdächern im Iran“, so Herausgeber Marc Siegel. Oder, in den Worten von Amir: „Zahra’s Paradise is our rooftop. It is our minaret—a minaret erected to protect the name and celebrate the life of Iran’s children.“