Überraschung für die Leser*innen: ARD-Videotext bringt testweise das Gendersternchen auf die Bildschirme

bildschirmtext-gendersternchenWird das offizielle Deutsch bald gendergerechter? Heute diskutiert der Rat für deutsche Rechtschreibung das Thema „geschlechtergerechte Sprache“ — u.a. die Möglichkeit, mit Binnensternchen etwa bei Berufsbezeichnungen auch Frauen stärker sichtbar zu machen, und zugleich auf trans-, inter- und weitere Genderidentitäten zu verweisen. Kommt am Ende dabei eine Empfehlung an die Dudenredaktion heraus? Dann könnten in der amtlichen Sprache aus Forschern zum Beispiel Forscher*innen, aus Politikern Politiker*innen und aus Zeitungslesern Zeitungsleser*innen werden.

Wie sich das anfühlt, will anlässlich der Ratssitzung die ARD testweise auf alle bundesdeutschen Bildschirme projizieren — im ARD-Videotext (online unter www.ard-text.de) wird nämlich aus aktuellem Anlass den ganzen 8. Juni über „wo immer möglich“ das Gendersternchen eingesetzt. Ein paar Sternchen habe ich gerade schon entdeckt: auf Tafel 133 ist von „Ökonom*innen“ die Rede, auf Tafel 141 von Ermittler*innen, auf Tafel 142 von Metereolog*innen.

Der erste Eindruck: Ja, es macht Sinn, denn „mitgemeint“ ist tatsächlich etwas anderes als explizit erwähnt. Schon ein paar Textproben machen bewusst, wieviel Diversität in der nicht-gendersensiblen Normalsprache Tag für Tag verschwiegen wird, oder besser gesagt zum Verschwinden gebracht wird, denn in der außersprachlichen Wirklichkeit existieren all diese Menschen ja schließlich.

Das Sternchen empfinde ich bei der Lektüre am Bildschirm gar nicht so störend, es wirkt viel eher als eine Art Hingucker, so werden schnell all die Textstellen sichtbar, an denen bisher die realen Geschlechterverhältnisse unter den Teppich gekehrt wurden. Gehört das Gendersternchen zum Alltag, verschwindet der Überraschungsfffekt natürlich bald wieder durch Gewöhnung, aber das ist ja nicht schlimm, eher im Gegenteil: Das vielgehörte Argument „Binnen-I, Binnen-X, Binnen-* etc. behindert den Lesefluss“ stimmt insofern nämlich nicht.

Geschickt gendern: Online-Wörterbuch gibt Tipps für gendergerechte Sprache

geschickt-gendernDie Akteure werden zu Agierenden, die Alkoholiker zu Alkoholsüchtigen, Anfänger zu Unerfahrenen. Was ist hier passiert? Richtig, hier wurde jeweils eine Pluralform „geschickt gegendert“. Sprich: in eine Form gebracht, die beiden Geschlechtern gerecht wird und zugleich besser lesbar ist als leidige Hilfskonstruktionen wie: Akteure und Akteurinnen, AkteurInnen, Akteur/ -innen, Akteur_innen, etc. Auch im Singular funktioniert das: der Fachmann wird zur „Fachkraft“, der Freund zum „Herzensmensch“, die Forschergemeinde zur „Forschungsgemeinde“. Alles klar!? Damit das im Text-Alltag besser funktioniert, hat die Kieler Kommunikationstrainerin und Diversity-Expertin Johanna Müller die Seite „Geschickt-Gendern.de“ gestartet.

Hacker harren noch auf Gender-Update

In diesem sehr nützlichen Online-Genderwörterbuch gibt man einfach das gesuchte Wort ein oder klickt den Anfangsbuchstaben an — ist der betreffende Begriff schon vorhanden, macht das Wörterbuch verschiedene Vorschläge, wie es sich geschickt gendern lässt. „Benutzerfreundlich“ wird zu „benutzungsfreundlich“, die Blogger (Pl.) zu „Personen, die einen Blog schreiben“ (naja, das ginge vielleicht auch noch besser…) und die „Besucher“ zu „Gästen“ oder zum „Publikum“. Manchmal steht da aber auch: „Noch kein passender Begriff gefunden; senden Sie mir Ihren Vorschlag über das Kontaktformular“. So harren etwa der Hacker, der Rezipient oder der Verkehrssünder noch auf die praktisch verwendbare Gender-Änderung.

„Frauen nicht nur mitmeinen…“

Natürlich darf gefragt werden: Muss das sein!? Wozu brauchen wir eine gendergerechte Sprache? Johanna Müller hat gute Gründe parat: Sprache beeinflusst schließlich unser Denken — „Werden nur Männer genannt, spiegelt sich das in unseren gedanklichen Vorstellungen wider“. Um stereotype Rollenbilder aufzuheben, sollten wir im Alltag deswegen Frauen „nicht nur mitmeinen“, sondern ausdrücklich nennen — erst dann würden sie sich auch wirklich angesprochen fühlen. Letztlich sei das auch demokratischer: „Gendergerechte Sprache zeigt Wertschätzung gegenüber allen Menschen, unabhängig ihres Geschlechts“. Gerade vielen Web-Texten würde das sicher gut tun…