Es hat sich ausgelullt: lul.to-Portal von der Polizei beschlagnahmt, E-Book-Piraten verhaftet

ausgellut-ebook-piraten-verhaftetDas ist wirklich neu in punkto E-Book-Piraterie: zum ersten Mal hat die populäre Plattform lul.to ein ordentliches Impressum — verantwortlich für die Domain zeichnen ab sofort die Zentralstelle Cybercrime Bayern sowie das CCC Sachsen, womit nicht der Chaos Computer Club gemeint ist, sondern das dortige „Cybercrime Competence Center“. E-Books oder Audiobooks gibt’s auf lul.to nun aber nicht mehr, der einzige Content besteht in der Mitteilung: „Diese Plattform und der kriminelle Inhalt wurden beschlagnahmt“.

Zahl der Nutzer lag bei 30.000

Das war bis zum 21. Juni noch ganz anders: Das Angebot auf dem „Lesen und Lauschen“ genannten Portal soll mehr als 200.000 Titel umfasst haben, darunter alleine ca. 160.000 deutschsprachige E-Books und 28.000 Hörbücher. Die Zahl der Nutzer habe bei mehr als 30.000 gelegen, meldet das LKA Sachsen in einer Pressemitteilung. Damit dürfte es sich bei lul.to um den deutschen „Marktführer“ in punkto E-Book-Piraterie gehandelt haben.

LKA beschlagnahmt 11 Terabyte Daten

Ein virtueller Erfolg, der reale Folgen zeitigt: Denn seit letzter Woche sitzen drei mutmaßliche Betreiber der Plattform lul.to in Untersuchungshaft, Hardware und Daten wurden beschlagnahmt — laut Ermittlungsbehörden mehr als 11 Terabyte. Außerdem habe man, so das sächsischen LKA, bei Durchsuchungen „erhebliche Vermögenswerte sichergestellt (u.a. 24 Bitcoins = ca. 55.000 Euro, rund 100.000 Euro Bankguthaben, ca. 10.000 Euro Bargeld sowie ein hochwertiges Motorrad)“.

Bezahlte Downloads ließen die Kasse klingeln

Dass die Daten-Piraterie für die Betreiber des Portals so einträglich war, hatte mit den Strukturen der Warez-Szene zu tun — viele Plattformen hatten in den letzten Jahren Nutzungsgebühren eingeführt, vorgeblich, um damit Serverkosten zu decken. In der Community wurde dieser Schritt hin zur Kommerzialisierung durchaus goutiert, viele waren zur Zahlung bereit. Letzlich wohl auch zu viele. Bei einem Durchschnittspreis von 23 Cent pro Download im Fall von lul.tu konnten offenbar satte Überschüsse erwirtschaftet werden.

Wie groß ist der entstandene Schaden?

Das Geschäft mit den Raubkopien war natürlich auch deswegen so ertragreich, weil die Verlage und Urheber dabei naturgemäß leer ausgingen. Nach Berechnungen der GVU beziffert sich alleine der normale Ladenpreis der auf lul.to zum Download bereitgestellten Titel auf 392.000 Euro. Wie groß der tatsächliche entstandene Schaden für die Verlage ist, lässt sich dagegen wohl nicht sagen — denn die „Ersatzrate“ (also letzlich die Frage: wie viele illegale Downloads „ersetzen“ einen legalen Download) ist eine sehr umstrittene Variable.

(via heise.de & tarnkappe.info)

[Aktuelles Stichwort] Ersatzrate – oder: wie gut oder schlecht ist Piraterie für’s Business?


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Schätzwert, um die Auswirkungen illegaler Downloads von urheberrechtlich geschützten Inhalten auf den Umsatz einer Branche zu berechnen. Bei den Auswirkungen der →E-Book-Piraterie auf den Buchhandel wird von Marktbeobachtern z.T. eine sehr hohe Ersatzrate angenommen. Eine Entsprechung finden solche Hypothesen u.a. im Einsatz von →Digital Rights Management (DRM) durch große Verlage, während die meisten erfolgreichen Self-Publisher und Indie-Verlage darauf verzichten.

Die methodische Grundlage für die Berechnung von Ersatzraten ist ohnehin sehr umstritten. Zum einen ist angesichts eines begrenzten Budgets der Konsumenten anzunehmen, dass nicht jeder zusätzliche, unbezahlte →Download tatsächlich einen bezahlten Download ersetzt.

Zum anderen wird der Markt durch kostenlose legale Downloads beeinflusst, sowohl bei Gratisaktionen von Autoren und Verlagen zu Marketingzwecken wie auch durch →Onleihe und →Public Domain-Titel. Schon dabei sind sowohl konsumdämpfende wie konsumfördernde Effekte denkbar, denn durch solche Angebote lernen viele Leser erst bestimmte Autoren oder Themen kennen, die kostenlosen Downloads verbessern also die →„Discoverability“.

Dass die möglichst freie Zirkulation von Inhalten besondere Vorteile für selten verlangte Titel bietet, belegen u.a. Studien zu Musikdownloads: nach dem die Major Labels Ende der Nuller Jahre auf DRM verzichteten, stieg der Umsatz mit →Backlist-Titeln um dreißig Prozent, während generell ein Zuwachs von zehn Prozent verzeichnet wurde.

Eine ebenso wichtige Rolle spielt aber auch die Breite des verfügbaren legalen Angebots. Die Erfahrungen aus der Musikindustrie zeigen, dass gerade seit der Einführung von Streamingdiensten wie Spotify, die Content im Rahmen von →Flatrate-Abos anbieten, die Nutzung von illegalen Download-Portalen abgenommen hat.


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