Hörbücher & E-Books: Kopf an Kopf-Rennen in der medialen Nische

ebooks-und-hoerbuecher-kopf-an-kopfHörbücher und E-Books liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, was die Zahl der Käufer wie auch die Wachstumszahlen betrifft. Das zeigen die letzten GfK-Zahlen – während elektronische Bücher letztes Jahr ein Umsatzwachstum von 2,6 Prozent erzielten, schafften Hörbücher (CD & Downloads) 1,1 Prozent Plus. Die Zahl der Hörbüchkäufer lag 2016 laut GfK bei 3,3 Millionen, die der E-Book-Käufer bei 3,8 Millionen.

Etwa ein Fünftel der Buchhandelskunden gehört zu den Lauschern, etwa ein Fünftel zu den E-Lesern – doch deckungsgleich sind diese Gruppen nicht, das zeigt alleine schon ihr Kaufverhalten: die meisten Hörbücher, nämlich vier von fünf, werden „physisch“ als CD erworben. Vor allem auch deshalb, weil Hörbücher gerne verschenkt werden – ein Drittel landet auf zu unterschiedlichen Anlässen dem Gabentisch.

Besonders beliebt sind Hörbücher wohl auch deshalb bei der Generation 60Plus, obwohl die Beliebtheit bei den 10 bis 19jährigen zuletzt ebenfalls erkennbar angestiegen ist. Schlecht vergleichen lassen sich E-Books und Hörbücher letztlich aber auch aus einem ganz praktischen Grund: nur für vergleichsweise wenige, verkaufsstarke Titel werden überhaupt Hörbücher produziert.

Besonders attraktiv erscheint immerhin die gekoppelte Vermarktung von E-Book & MP3-Audiobooks, besonders aktiv beim Bundling auf internationaler Ebene ist Amazon, siehe die Audible- und Kindle-Shop-Angebote. Hier dürfte wohl auch in Zukunft das größte Potential für E-Lektüre und E-Lauschüre liegen…

(via Börsenblatt)

Abb.: Garry Knight (cc-by-2.0)

Omnichannel extrem: Thalia verkauft E-Books in Filialen (auch als Geschenk verpackt)

thalia-verkauft-ebooks-in-filialen„Kommt ein Kunde in die Buchhandlung, schaut sich um, und kauft schließlich ein E-Book“ – was wie ein alter Witz klingt, wird in den Thalia-Filialen jetzt zum cross-medialen Alltag. Denn Deutschlands Nummer Eins unter den klassischen Buchhandels-Ketten verkündete diese Woche per Pressemitteilung: „Ab sofort können Kunden in allen Thalia Buchhandlungen in Deutschland E-Books vor Ort kaufen“.

Eine eher fiktive Customer Journey

Die Customer Journey stellt man sich bei Thalia dabei ungefähr so vor: der Kunde stöbert vor Ort durch das Buchangebot, lässt sich ggf. durch die BuchhändlerInnen beraten, und hat am Ende die Wahl, statt der gedruckten Version ein E-Book zu erwerben. Da man ein E-Book ja nicht anfassen kann, erhält man entweder an der Kasse entweder einen gedruckten Download-Code, der via Smartphone oder am PC eingelöst werden kann, oder lässt sich das E-Book direkt in Richtung Kunden-Account ausliefern, so dass es via Tolino Cloud verfügbar ist.

Wer wird diesen Service nutzen?

Dass tatsächlich jemand so etwas macht, mag man sich allerdings nicht so richtig vorstellen. Da klingen Bundling-Konzepte, bei dem gedruckte Bücher per Gutschein-Sticker zum kostenlosen oder rabattierten Download der elektronischen Version berechtigen, deutlich realistischer. Aber Thalia versteht sich eben als „Cross-Channel“ bzw. „Omni-Channel“-Anbieter. Und im Rahmen der Mission, „inspirierende Kauferlebnisse sowohl in der ‚realen‘ als auch in der ‚virtuellen‘ Welt der Bücher“ bieten zu können, klaffte im Realen eben noch die E-Book-Lücke.

Geschenk-Option macht Sinn

Was aber tatsächlich für Kunden attraktiv sein dürfte, ist die parallel zu diesem Hokuspokus gestartete Möglichkeit, nicht nur online, sondern auch in den Thalia-Filialen Geschenkgutscheine für E-Books erwerben zu können – mit anderen Worten, schön verpackte Download-Codes, die man nicht für sich selbst, sondern für jemand anders erwirbt. Das ist letztlich auch die eigentliche Nachricht hinter der Nachricht – wird aber ulkigerweise in der Pressemitteilung erst ganz am Schluss erwähnt…

E-Books zum Thema Roulette-Systeme: Kann man an Fortunas Rädchen drehen?

roulette-systemeDas Rad der Fortuna dreht sich, die Kugel klackert. Rot oder Schwarz? Gerade oder ungerade? Hoch oder niedrig? Faites vos jeux…. Rien ne va plus! Roulette ist Glücksspiel par excellence, und das schon seit dem 18. Jahrhundert. Nach den Anfängen in den Spielhallen von Paris hat sich das Konzept überall verbreitet, auch deutsche Spielbanken in Baden-Baden, Bad Homburg oder Wiesbaden führten bald Kessel, Kugel und grünem Tisch ein. Über Wiesbaden gelangte Roulette in die Weltliteratur: hier lernte es 1837 Fjodor Dostojewski kennen, der das Erlebnis in seinem Roman „Der Spieler“ verewigte. Man findet heute auf der ganzen Welt kaum ein Casino, in dem Roulette nicht an mindestens einem Tisch präsentiert wird. Obwohl es für eine Spielbank immer noch relativ großen Aufwand bedeutet, Roulettetische zu betreiben – vier Croupiers, traditionell sogar sechs plus zwei „Chef de table“, gehören dazu. Doch wird dieser Aufwand gerne in Kauf genommen, das Spiel zieht schließlich viele Besucher an. Immer wieder versuchen Spieler zudem, spezielle Roulette-Systeme zu testen, um gegen alle Wahrscheinlichkeit zu gewinnen.

Roulette & die angeblichen „Gewinn-Systeme“

Doch sind solche Systeme, mit denen sich Gewinne garantieren lassen, prinzipiell überhaupt denkbar? Wenn das der Fall wäre, würde Roulette in Casinos wohl nicht mehr angeboten, schließlich wäre es für die Betreiber ein Verlustgeschäft. Kurz gesagt handelt es sich bei Roulette eben um ein reines Glücksspiel. Anders als bei anderen klassischen Tisch-Spielen im Casino, zum Beispiel Blackjack, Baccara oder Poker, kann man mit den eigenen Fähigkeiten die Chancen auf einen Gewinn kaum beeinflussen. Stattdessen gelten bestimmte mathematische Regeln, die sich bei den verschiedenen Varianten zwar ein wenig unterscheiden, die aber allgemein immer dafür sorgen, dass das Casino gegenüber den Spielern einen genau berechneten Vorteil genießt — und niemand am Tisch wissen kann, wer am Ende mit mehr oder weniger Geld das Casino verlässt.

Jenseits vom Millionengewinn: Zusatzeinkommen durch Roulette?

Wer sich für das Spiel interessiert und mehr über die neuen Systeme lesen möchte, die einige Spieler in den vergangenen Jahren angeblich entwickelt haben, findet im Kinde Shop trotzdem eine ganze Reihe von E-Books zu diesem Thema. Sofortige Millionengewinne werden dort zwar nicht versprochen, immerhin aber wirbt etwa Thomas Pfennig, Autor von „Erfolgreiche Roulettesysteme“ mit dem Claim: „Sollten Sie sich mit einigen Hundertern am Tag, statt mit Millionenversprechungen zufrieden geben, dann ist dieses Ebook genau das richtige für Sie.“ Rücken „Zusatzeinkommen“ eher „in den Bereich des Möglichen“, wenn man online Casino spielt? Johannes Flörsch hat für sein Buch „Online-Casinos. Nebenjob „Glücksspieler“ mit erfolgreichen Roulette-Profis ebenso gesprochen wie mit Spielsüchtigen – und formuliert dann selbst „Strategien fürs Spielen und Strategien fürs Spielverhalten“. Anders als Pfennig und Flörsch konzentriert sich Horst E. Schmidt in seinem knappen Ratgeber „Roulette spielen“ auf Methoden und Strategien, die vor allem auf das tradiionelle Offline-Spiel im echten Casino zielen, und distanziert sich zugleich von jeglichen Gewinnversprechungen. Stattdessen gibt der pensionierte Bundesbeamte mit Faible für Spielbank-Atmosphäre lediglich „Empfehlungen“, die man „befolgen und überprüfen könne“. Schmidt bringt auch ein Argument vor, dem man sich kaum verschließen kann: es gibt nur eine ganz sichere Methode, um mit scheinbar unschlagbaren Roulettesystemen Geld zu verdienen — wenn man selbst ein Buch darüber schreibt und es anschließend gut verkauft.

Was E-Books zum Thema Roulette bieten können

Fazit: Als potentieller Spieler sollte besser nicht auf das Marketing von Autoren hereinfallen, die reale Gewinne in maßgeblicher Höhe versprechen. Wundern darüber, dass so viele Bücher über Roulettesysteme erscheinen, sollte man sich aber ebensowenig. In den vergangenen Jahren ist es immer leichter geworden, als Self-Publisher solche E-Book-Ratgeber über große Marktplätze wie Amazon zu vertreiben. Wenn sich manche dieser Roulette-Titel am Ende doch lohnen, dann vor allem, weil man dort interessante Hintergründe und Stories über das Spiel mit dem rollenden Rädchen erfahren kann. Statt dort nach Tipps für sichere Gewinne zu suchen, sollte man das Geld aber lieber gleich in Jetons wechseln…

Abb.: Ralf Roletschek (cc-by-sa-3.0)

Verleihnix-Praxis am Ende? EuGH-Urteil stützt E-Book-Verleih durch Bibliotheken

eugh-stuetzt-verleihreicht-fuer-ebooksKommen endlich mehr E-Books in unsere Bibliotheken – inklusive von Belletristik-Bestsellern? Eine aktuelle Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) könnte dazu führen — es stellt nämlich E-Books und Print-Bücher rechtlich auf die gleiche Stufe. Gedruckte Titel können öffentliche Bibliotheken ganz normal einkaufen und für die Ausleihe zur Verfügung stellen. Bei E-Books mussten bisher dagegen bisher spezielle Verleih-Lizenzen erwerben — soweit die Verlage überhaupt dazu bereit waren.

„One-copy-one-user“-Modell ist rechtens

Nun befanden die Richter am Luxemburger EuGH jedoch: solange es sich um das „One-copy-one-user“-Modell handelt — d.h. per Digital-Rights-Management geregelte Leihfristen — sei die E-Book-Ausleihe mit der Print-Buch-Ausleihe vergleichbar, und befinde sich somit in Übereinstimmung mit einer EU-Richtlinie 2006/115/EG zum Vermiet- und Verleihrecht.

Im Wortlaut wird festgestellt, es handele sich um „Verleihen“ im Sinne der Richtlinie, „wenn dieses Verleihen so erfolgt, dass die in Rede stehende Kopie auf dem Server einer öffentlichen Bibliothek abgelegt ist und es dem betreffenden Nutzer ermöglicht wird, diese durch Herunterladen auf seinem eigenen Computer zu reproduzieren, wobei nur eine einzige Kopie während der Leihfrist heruntergeladen werden kann und der Nutzer nach Ablauf dieser Frist die von ihm heruntergeladene Kopie nicht mehr nutzen kann.

Bibliotheksverband froh, Börsenverein sauer

Anlass der Entscheidung war ein Rechtsstreit zwischen dem niederländischen Bibliotheksverband „Vereniging Openbare Bibliotheken“ (VOB) und der Verwertungsgesellschaft „Stichting Leenrecht“, den das Bezirksgericht Den Haag wegen der europarechtlichen Dimension dem EuGH vorgelegt hatte.

Während der Deutsche Bibliotheksverband das Urteil ausdrücklich begrüsst, hagelte es Kritik vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels: Der Verleih eines E-Books unterscheide sich grundsätzlich von dem eines gedruckten Buchs, argumentiert auch weiterhin die Lobby der Buchhändler und Verlage.

(via irights.info & Buchreport)

E-Book-Alarm: Print-Marktanteil in Deutschland sinkt auf 94,4 Prozent

infografik-boersenverein-e-book-2015Von einem „stetig wachsenden“ E-Book-Markt“ spricht der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in der aktuellen Quartalsbilanz Januar bis Juni 2015: um 13,4 Prozent steigerte sich der Umsatzanteil elektronischer Bücher im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, E-Books erreichen jetzt 5,6 Prozent Markanteil (Vorjahr: 4,9 Prozent). Umgekehrt ausgedrückt: Print-Bücher haben jetzt „nur“ noch einen Anteil von 94,4 Prozent.

Auch die Zahl der Leser steigt

Stetiges Wachstum ist auch bei der Anzahl der E-Book-Käufer zu verzeichnen: zu ihnen zählt der Börsenverein jetzt 2,9 Millionen Personen (Vorjahr: 2,7 Prozent), ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung steigt auf 4,2 Prozent (Vorjahr: 4,0 Prozent). Grundlage für die präsentierten Daten ist das repräsentative Konsumentenpanel der GfK, für das regelmäßig 25.000 Personen befragt werden.

E-Book-Marktsegmente wachsen unterschiedlich

In einzelnen Bereichen scheint der Markt allerdings deutlich schneller zu wachsen, als es die Börsenvereins-Zahlen nahelegen: vieler (Zwischen-)Buchhändler und Verlage haben zuletzt Zuwächse von bis zu 40 Prozent gemeldet. Betrachtet man den Gesamtmarkt inklusive Schul- und Fachbücher, zeigt sich ebenfall ein anderes Bild: Statista rechnet bis 2020 mit einem jährlichen Umsatzwachstum von 20 Prozent.

Infografik (Ausschnitt): boersenverein.de (cc-by-sa-4.0)

Späte Schlauchgelüste: jugendgefährdende E-Books dürfen nur nach 22 Uhr verkauft werden

schlauchgelueste-ebookEs gibt sie noch, die gute alte „Bückware“ – also gedruckte Bücher, die nur unter dem Ladentisch verkauft werden. Die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ darf nämlich beispielsweise gewaltverherrlichende oder pornografische Bücher auf den Index setzen. Eine komplette Zensur findet nicht statt, doch der Verkauf an Minderjährige wird auf diese Weise unterbunden. Doch was ist mit E-Books? Die gelten in punkto Jugendschutz als „Telemedien“, ihr Vertrieb wird durch die Jugendmedienschutz-Staatsverträge der Bundesländer geregelt. Konkret heißt das: solche E-Books dürfen zwar überall online verkauft werden, aber nur zwischen 22 Uhr abends und 6 Uhr morgens.

E-Books werden wie Kinofilme behandelt

„Die Vorschrift wurde eigentlich für Kinofilme gemacht, weil nur Erwachsene in dieser Zeit in die Kinos gehen“, zitiert das Börsenblatt den Börsenvereinsjustitiar Christian Sprang. Sie werde nun aber auch auf indizierte E-Books angewandt. Praktisch ändert sich bisher jedoch kaum etwas – denn die Online-Buchhändler wissen in der Regl überhaupt nicht, welche Titel in ihrem Katalog jugendgefährdend sein könnten oder sogar von den deutschen Jugendschützern indiziert wurden.

„Gespickt mit drastischen Beschreibungen“

Das kann aber in Deutschland schnell zu juristischen Problemen führen, wie aktuell im Fall von Jacob Winters Romans „Schlauchgelüste – Liebesbrief an eine verlorene Männlichkeit“. Der freie Verkauf dieser autobiografisch geprägten Trans-Gender-Geschichte (laut Klappentext „gespickt mit drastischen Beschreibungen, aber immer in einer gepflegt-ironischen Sprache“) war für die Bonner Jugendschützer offenbar zu viel des Guten – sie wurden in diesem Fall gegen einen Online-Buchhändler tätig, der den Titel feilbot.

Buchfilterung für die Generation Youporn

Um die effektive Zensur im Geiste des Jugendschutzes zukünftig reibungsloser zu gestalten, soll das Online-Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB) zukünftig ein „Pflichtfeld“ enthalten, über das Verlage beim Eingeben der Metadaten jugendgefährdende E-Books kennzeichen können. Außerdem gibt es offenbar Überlegungen, indizierte E-Books auf den Websiten von Online-Buchhändlern unsichtbar zu machen – zumindest für Browser, die mit einer Jugenschutzsoftware erweitert wurden.

Abb.: Screenshot E-Book-Angebot „Schlauchgelüste“

Sekundenbücher für die Apple Watch: Brauchen wir ultrakurze E-Books?

ebooks-fuer-die-apple-watchGute Neuigkeiten für Twitterati, Schlagzeilen-Absahner und Aphoristiker: mit der Apple Watch könnte uns ein weiterer Schritt zu Kürzest-Texten bevorstehen. Das digitale Zeiteisen wurde darauf ausgerichtet, unsere Aufmerksamkeit (und die Armmuskulatur) nicht länger als 5 bis 30 Sekunden zu strapazieren. Ist es trotzdem als E-Reader brauchbar? Sascha Lobo ruft im Sobooks-Blog schon mal dazu auf, „das Absurde zu denken“: E-Books speziell für die Apple Watch.

„Informationsfilter der neuen Art“

Die elektronischen Sekundenbücher lohnten sich allein schon deshalb, weil die von Apple entwickelte Smartwatch nach dem Smartphone eine ganz neue Klasse von „intimen Interfaces für die digitale Welt“ bereitstellen würde, meint Lobo: „Das Smartphone klingelt oder vibriert, aber ein Vibrationsalarm ist so nervig und laut, dass man sich selbst in einem fünfzehn-Leute-Meeting dafür entschuldigen muss. Das ist das Gegenteil von intim. Die Apple Watch könnte zu einem Informationsfilter neuer Art werden“.

Das „tl;dr“ der Literatur

Der längst auch als Startup-Verleger aktive Multi-Selbstvermarkter schüttelt gleich ein paar potentiell marktfähige Beispiele aus dem Handgelenk, vom Haiku-Stakkato über Ödön von Horvath-Dialogsplittern bis hin zu Best-Of-Buchsätzen und 30-Sekunden-Buchzusammenfassungen. Nicht ganz zufällig war es ja auch Sascha Lobo, der in Deutschland das „tl;dr-Format“ populär gemacht hat, also twitterfähige Zusammenfassungen von längeren Texten. Too long, didn’t read? Das wird auf der Apple Watch nicht passieren.

Bekannte Konzepte helfen nicht weiter

Solche One-Sentence-Stories wären noch weiter vom konventionellen Literaturmodell entfernt als die schon sehr kurzatmige Handy-Literatur der Nuller Jahre, geschrieben für Displays, die mindestens genauso klein waren wie das Touch-Screen der Apple Watch. Aber Lobo hat recht – es geht ja gar nicht darum, bekannte Konzepte „eins zu eins auf die Apple Watch zu pressen“, sondern „eher um eine geeignete Idee, wie man Uhr und E-Book verbinden kann“.

Sprach-Haikuisierung oder Text-Atomisierung?

Letztlich bleiben den literarisch ambitionierten Wotschmännern und -frauen zwei Möglichkeiten: die Sprache wird dem Medium angepasst, siehe die obigen Haikuisierungs-Techniken, oder die normale Seitenstruktur wird komplett verlassen und der normale Text atomisiert, siehe Text-Streaming- und Speed-Reading-Methoden à la „Spritz“. Beides scheint denkbar, wirklich absurd wäre es wohl höchstens, die Apple Watch nur als Uhr zu verwenden.

Abb.: Quinn Dombrowski/Flickr (cc-by-2.0)

E-Books wuchsen 2014 leiser, Hörbücher lauter (laut Börsenverein/GfK)

ebooks wachsen leiser hoerbuecher lauterDer Umsatzanteil von E-Books wächst, aber längst nicht mehr so schnell wie früher: im Jahr 2014 stieg ihr Anteil am Publikumsmarkt von 3,9 auf 4,3 Prozent. Das gab der Börsenverein im Vorfeld der Leipziger Buchmesse bekannt. Damit liegt der Marktanteil nur knapp vor physischen Hörbüchern (CDs), die dank starkem Wachstum im letzten Jahr 4,2 Prozent vom Kuchen ergatterten. Die Steigerungsrate bei E-Books flachte dagegen von 60 Prozent im Jahr 2013 auf 7 Prozent im Jahr 2014 ab.

„Die Dynamik nimmt derzeit stark ab, obwohl Lesegeräte mittlerweile sehr verbreitet sind“, so Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller. Es gebe jedoch Hinweise auf weiteres Wachstum: „Auch der online gut aufgestellte Buchhandel vor Ort spürt die steigende Nachfrage nach E-Books“, beobachtet Riethmüller.

Schaut man sich die einzelnen Warengruppen an, zeigen sich jedoch große Unterschiede – mehr als 80 Prozent des E-Book-Umsatzes werden im Bereich Belletristik erzielt, auf Ratgeber, Jugendbuch und Sachbuch enfallen nur jeweils 5 bis 6 Prozent. Da Belletristik umsatzmäßig zugleich die stärkste Warengruppe im Gesamtmarkt (Print plus E-Book) darstellt (ca. 30 Prozent), ist der E-Book-Anteil dort natürlich deutlich höher, die 10 Prozent-Marke dürfte dort längst überschritten sein.

Erhoben werden die E-Book-Absätze und Umsätze vierteljährlich im Rahmen des GfK Consumer Panel Media*Scope, sie beruhen also nicht auf Marktdaten sondern auf einer repräsentativen Verbraucherbefragung (Zahl der Teilnehmer: 25.000 Personen).

Dank GfK wissen wir auch, wie groß der Anteil der E-Book-Käufer an der Gesamtbevölkerung ist: er lag 2014 bei 5,7 Prozent, was fast 4 Millionen Menschen entspricht. 2013 waren es noch 600.000 weniger, die E-Lese-Community wuchs also immerhin um 15 Prozent.

Abb.: James Popsys/Flickr (cc-by-2.0)

Nicht per se Müll: Auf dem Weg zum schönen E-Book („Ästhetik des E-Books – Beginn einer Debatte“)

Kein Hackathon ohne Booksprint, das ist die Regel, erst recht natürlich, wenn es darum geht, die Buchbranche zu hacken, so wie auf der ersten Electric Book Fair, die im Juni 2014 in der Berlin-Weddinger Coworking- und Eventzone „Supermarkt“ stattfand. Kaum war die Messe vorbei, gab’s auch schon ein elektronisches Kompilat im epub-Format – und zwar zur „Ästhetik des E-Books“. Urquell dieser Debatte ist nicht so sehr die Messe selbst, sondern der legendäre Anti-E-Book-Rant von Friedrich Forssmann, dem Suhrkampschen Setzer von Arno Schmidts voluminösen Typoskriptromanen.

Die meisten der im E-Book versammelten Texte sind denn auch Repliken auf Forssmanns im Februar 2014 via Suhrkamp-Blog gepostete Philippika „Warum es Arno Schmidts Texte nicht als E-Book gibt“ (schon die Überschrift ist übrigens Quatsch), deren tl;dr-Version so geht: „E-Books sind ein Unfug, ein Beschiß und ein Niedergang!“.

Als eine der ersten antwortete damals Zoe Beck. „Das eBook schmutzt, nässt und ist bissig. Außerdem ist es ständig besoffen und kotzt überall hin“, bündelte die Autorin & E-Book-Verlegerin in ihrer Replik auf die Forssmannsche Polemik die Phalanx der Vorurteile recht saftig. Doch die „Grabenkampf- und Schlammschlachtdiskussion eBook vs. Papierbuch“ sei eigentlich eher traurig – laufe sie doch auf eins hinaus: „Die Unterstellung, ein eBook sei per se Müll“.

Man kann natürlich auch quasi systemtheoretisch-manichäisch argumentieren wie Christiane Frohmann: „E-Books sind keine Bücher“. Die Salonière & Startup-Verlegerin behält sich vor, ihre Vorteile ungeniert zu genießen: „Ich liebe die strukturelle Offenheit von E-Books. Ich liebe die Möglichkeit, in einem Text lesend hin- und herzuspringen. Von drinnen nach draußen und wieder zurück. Im E-Book sind Sachen Wirklichkeit geworden, von denen Bücher träumten. Ich liebe und nutze die 30.000-E-Books-am-Strand-Option“. Als umtriebige E-Publisherin mit geringem Budget liebt Frohmann E-Books natürlich auch, plädiert aber eingedenk der ästhetischen Schwächen für einen „regelmäßigen Austausch über typografische Ideale und technische Möglichkeiten“ zwischen „Geräteherstellern, Storebetreibern, Appdesignern, Verlegern, klassischen Gestaltern und Lesern“

Die üblichen Verdächtigen, doch es gibt auch ganz besonders verdächtige Verdächtige. Das viele E-Books nicht schön aussehen, so Charlotte Reimann in ihrem „Plädoyer für eine digitale Typografie“, sei nämlich insbesondere die Schuld der Verlage: „eBooks werden von den meistens Verlagen als Nebenprodukte angesehen, die Prozesse sind in der Buchproduktion auf Print ausgelegt“. Deswegen fehle allein schon die Bereitschaft, Zeit und Geld in gutes Design von eBooks zu investieren. Letztlich habe die Gestaltung von E-Books aber auch mehr mit Webdesign als mit klassischer Print-Typografie zu tun – und Typografen mit Programmier-Know-How seien noch eine seltene Spezies. (Es gibt sie aber, z.B. Fabian Kern, der ein kleines How-To zum Einbinden von Fonts in epubs geschrieben hat).

Doch selbst wenn es noch viel zu tun gibt: Ganz vorne dran sind Digital-Startups wie Frohmann, CulturBooks oder mikrotext schon jetzt, wenn es um die (auch typo-)grafische Gestaltung von E-Book-Covern geht, von der Wiedererkennbarkeit in Thumbnail-Größe bis hin zum Design von Reihentiteln. Das zeigen die Beispiele und Statements in Charlotte Reimanns Beitrag „Netzbilder – Die Covergestaltung von E-Books“.

Die Berliner Kommunikationsdesignerin Andrea Nienhaus (von ihr stammen u.a. die Cover der Mikrotext-Titel) nähert sich dem Thema Typografie dann noch einmal ganz grundsätzlich: Was sind eigentlich die Kriterien für ein ’schönes E-Book‘ im Jahr 2014? Einfach, soviel ist klar, ist die Sache nicht. „Es gibt viele Faktoren, darunter die Funktionen der Lesegeräte, die Software, die für das Lesen eines ’schönen E-Books‘ ausschlaggebend sind, vom Inhalt des Buchs ganz abgesehen“.

Was jedoch fehlt, ist ein Schiedsrichter. Die Jury der Stiftung Buchkunst etwa, in Sachen Print die maßgebliche Instanz, fühlt sich bisher außerstande, E-Books zu beurteilen. Eigentlich erstaunlich, denn Buchgestaltung findet schon seit den 1980er Jahren am Computerbildschirm statt, Stichwort: Desktop Publishing. Nienhaus gibt einen kleinen Einblick in ihre Arbeitspraxis als Buchgestalterin für Print und Digital, und zieht das Fazit: „Buch und E-Book unterscheiden sich in der Dateierstellung gar nicht so sehr“.

Weniger ist mehr: E-Book-Boutique Minimore setzt auf handverlesene Titelauswahl

„Thrilling, handpicked, no drm“ – unter diesem Motto ging Mitte März ein E-Store der besonderen Art an den Start: Minimore versteht sich als Online-Boutique für schöne elektronische Literatur, etwa von kleinen, geilen Berliner Verlagen wie Mikrotext, Frohmann oder SuKuLTuR. Unter letzterer Adresse firmieren nicht zufällig auch die Minimore-Macher Marc Degens, Torsten Franz und Frank Maleu. „Seit vier Jahren veröffentlichen wir im SuKultuR Verlag schon E-Books“, so Maleu. Mittlerweile würden überhaupt immer mehr innovative E-Book-Verlage entstehen, doch für alle bestehe das Problem der Sichtbarkeit: „Auf den großen Verkaufsplattformen gehen diese E-Books in der Masse oft unter“.

Jenseits von Bestsellern & Buchsupermärkten

Ähnlich wie Indie-Bookstores à la Ocelot bewegt sich Minimore deswegen bewusst jenseits der Bestseller-Hysterie, und setzt statt dessen auf gut gemachtes Design und individuelle, handverlesene Titelauswahl. Schon alleine der Blick auf einige Cover der bisher knapp hundert Titel hebt sich angenehm vom Einerlei der großen E-Book-Supermärkte ab: da ist z.B. „Strobo“ von Techno-Blogger Airen (Sukultur), der Erzählband „Wir schießen Gummibänder zu den Sternen“ von Stefan Beuse (CulturBooks) oder „Bescheiden aber auch ein bisschen göttlich“, eine Sammlung goldener Tweets von @Anousch (Frohmann Verlag). Überhaupt sind mehr als ein Dutzend Titel bei Minimore Twitteratur-Sampler, siehe die Programm-Kategorie „Tweets“

SuKultur setzt auf clevere Distributions-Alternativen

Auch wenn es im Minimore-Programm durchaus längere Texte gibt (beim Durchscrollen entdeckte ich etwa die E-Book-Neuauflage von Albert Vigoleis Thelens wunderbarem Roman „Der Magische Rand“), so sind literarische Kurzstrecken doch das eigentliche Spezialgebiet von Degens, Franz und Maleu, ebenso das Aufspüren neuer Wege zur cleveren Distribution: die schmalen gelben Leseheftchen von SuKultur begegnen dem Bahnhofsbesucher auch mitten in Berlin, Köln oder Leipzig als kulturelle Konterbande in Süßwarenautomaten. Für ein Euro pro Stück wurden auf diese Weise seit 2003 schon mehr als 80.000 Bände der Reihe „Schöner Lesen“ verkauft – ganz ohne Amazon, aber auch ganz ohne Weltbild oder Thalia. Das klassische DIN A 6 – Reclam-Format entspricht ja ungefähr der Displaygröße von Smartphones, auch deshalb wohl kein Wunder, dass der Vertrieb der su(b)kulturellen Variante elektronisch genauso gut klappt…

Abb.: Screenshot