Zeitungskrise passé? Print schrumpft bis 2018 langsamer, Digital wächst stärker (lt. BDZV)

bzdv-studie-print-schrumpft-langsamer-digital-waechst-staerkerSilberstreif am Horizont oder schon echte Trendumkehr? Die deutschen Zeitungsverlage melden nicht nur langsamer schwindende Printauflagen, sondern auch zunehmendes Wachstum bei digitalen Produkten: einer repräsentativen BDZV-Studie zufolge wird es bis 2018 nicht nur ein jährliches Plus von 5 Prozent bei E-Paper und Paid Content geben, sondern auch bei den Einnahmen mit digitaler Werbung. Die ganz großen Player (Top 15 Prozent) erwarten sogar mehr als 20 Prozent Wachstum.

Zeitungskrise erzeugt Abkehr vom Kerngeschäft

Allerdings haben die Verlage auch strukturell aus der Zeitungskrise gelernt und stellen sich immer breiter auf – neben das Kerngeschäft treten vermehrt neue Geschäftsmodelle wie Reiseveranstaltungen, Messen, Web-Dienstleistungen, Gutschein-Deals etc. Die große Mehrheit der Verlage plant, bis 2018 sogar 25 Prozent oder mehr ihrer Erlöse außerhalb des Kerngeschäfts zu erzielen, einige der großen Verlage planen sogar mit 50 Prozent und mehr.

Große Verlage in Start-Up-Einkaufslaune

Neben Digital-Abos und weiteren Online-Angeboten gehen auch immer mehr Zeitungsverlage auf Einkaufstour oder beteiligen sich an anderen Unternehmen bzw. Start-Ups. Die Geldströme landen immer öfter außerhalb klassischer Formate: Im Jahr 2013 wurden im Durchschnitt bereits 40 Prozent der Investitionen im Digital- und E-Commerce-Bereich getätigt. Der Hauptgrund dafür ist wohl klar: auf Print hofft niemand mehr so richtig, die Auflagen und Erlöse sinken weiter. Einzige Hoffnung: 2015 dürften sich die Verluste im Vergleich zu den Vorjahren reduzieren.

Abb.: Nick Page/Flickr (cc-by-2.0)

Paid Content: Freemium & Metered Modell in Deutschland auf dem Vormarsch (laut BDZV)

Schon 70 Zeitungen in Deutschland bitten ihre Online-Leser mittlerweile mit durchschnittliche acht Euro monatlich zur Kasse, und damit 75 Prozent mehr Blätter als im Jahr 2012. Das zeigt die aktuelle Paid Content-Studie des Bundesverbands der Deutschen Zeitungsverleger (BDZV). „Die Menschen sind bereit, auch in der Digitalwelt für gute journalistische Inhalte zu bezahlen“, interpretiert Hans-Joachim Fuhrmann, Mitglied der BDZV-Geschäftsführung den aktuellen Bezahl-Boom. Doch vor allem bedeutet der Trend wohl auch: immer mehr Zeitungen sind verzweifelt auf der Suche nach digitalen Geschäftsmodellen. Auf die ganz harte Tour versuchen es jedoch nur drei Lokalzeitungen – beim Bocholter-Borkener Volksblatt, der Böhme-Zeitung und der Ibbenbürener Volkszeitung gibt’s außer kurzen Teasern im Web gar nichts mehr zu lesen.

Siebzehn Blätter, darunter etwa der Weserkurier oder der Trierer Volksfreund, aber auch DIE WELT setzen nur auf ein „Metered Model“, die Nutzer können also jeden Monat eine limitierte Zahl von Beiträgen kostenlos lesen, bevor sie sich registrieren und/oder ein Abo abschließen müssen. Die große Mehrheit, nämlich 50 Titel, experimentieren dagegen nur mit Freemium-Lösungen – sie legen also immer wieder neu fest, welche Artikel nur für Abonnenten zugänglich sind. So machen es neben Wald- und Wiesentiteln auch größere Regionalzeitungen wie die Berliner Morgenpost, die Dresdener Neuesten Nachrichten oder das Hamburger Abendblatt, und übrigens auch BILD. In diesem Bereich gab’s die größten Zuwächse – der Paid-Content-Boom ist also eigentlich vor allem ein Freemium-Boom.

Schaut man noch mal genauer in die Online-Liste des BDZV, entdeckt man übrigens noch eine weitere „Paid-Content“-Kategorie – als Titel Nr. 71 wurde nämlich die taz mit ihrer „Pay-Wahl“ erfasst. Ob das wirklich Sinn macht? Die alternative Tageszeitung aus Berlin sperrt schließlich grundsätzlich keine Leser via Paywall aus, sondern ruft durch regelmäßige Einblendungen zu freiwillige Spenden auf. Die Methode hat also eher etwas mit Crowdfunding-Logik zu tun als mit der üblichen Paid Content-Logik, die auf künstliche Verknappung der Ware Information auf Kosten der Reichweite setzt. Allerdings zeigt ja der große Anteil an Freemium-Modellen in der BDZV-Liste, dass auch die große Mehrheit der Paid-Content-Experimente die gewachsene Leser-Community so weit wie möglich erhalten möchte.