„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“: Welt.de-Paywall geht an den Start

Was kostet die Welt? Für treue Online-Leser in Zukunft mindestens 6,99 Euro pro Monat. Denn im Rahmen von Springers „Premium“-Initiative senkt sich bei welt.de ab Mitte Dezember die Bezahlschranke – zum ersten Mal bei einer überregionalen deutschen Tageszeitung. Vorbild ist dabei das „metered-Access“-Modell der New York Times. Nur wer mehr als 20 Seiten pro Monat aufruft, wird zur Kasse gebeten. „Wir haben nicht die Absicht, eine Mauer zu errichten“, betonte bei der Präsentation des Konzeptes denn auch Romanus Otte, seines Zeichens „General Manager Digital“ bei der Welt-Gruppe. So unüberwindbar wie die Berliner Mauer, in deren Schatten die Springer-Zentrale gebaut wurde, ist die Paywall der Welt tatsächlich nicht – die Verweise von Suchmaschinen oder sozialen Netzwerken werden nämlich nicht mitgezählt, gleiches gilt für „Klickmonster“ (vulgo: Bildergalerien) und eingebette Videos.

Brechen die Besucherzahlen bei Welt.de ein?

Doch trotz aller Schlupflöcher will man bei der digitalen „Welt“ prinzipiell nicht mehr nur auf Anzeigenkunden setzen: „Bei den Werbeerlösen sind wir bereits sehr erfolgreich, nun wollen wir die Vertriebserlöse als zweite Säule ausbauen“, so Jan Bayer, Vorstand WELT-Gruppe und Technik. Zugleich rechnet man aber mit deutlichen Einbußen bei den Besucherzahlen, was natürlich einen negativen Einfluss auf die Werbeerlöse haben dürfte. Bisher liegt Welt.de mit knapp 40 Millionen Visits pro Monat im Ranking der wichtigsten Nachrichten-Portale nach Bild.de, Spiegel Online und Chip auf Platz vier. Die Paywall schließt die letzte Lücke im Ökosystem der Tageszeitung – denn schon bisher wurden kostenpflichtige Apps für Smartphones und Tablets angeboten. Das Mindestangebot von 6,99 Euro pro Monat umfasst neben dem Online-Zugang via Browser auch die Smartphone-App, wer auch die Tablet-App lesen möchte, zahlt 12,99 Euro. Was die Welt-Macher den Lesern aber am liebsten verkaufen würden, ist das Kombi-Abo Digital plus gedruckte WamS – mit einem strategischen Pricing von 14,99 Euro pro Monat.

Gedruckte Ausgabe nur noch „Abfallprodukt“

Seit dem Relaunch von welt.de (vorher: „Welt-Online“) und der Ausrichtung der Redaktion auf „online-first“ hat sich die Gewichtung zwischen Print und Digital ohnehin stark verschoben: „Kurz vor Feierabend wird zwar noch eine Zeitung gedruckt, doch das ist eher ein Abfallprodukt dessen, was für welt.de sowieso geschrieben wurde. Eine Papierausgabe für all die treuen Abonnenten, die noch nicht gestorben sind“, lästerte erst vor kurzem Jürn Kruse in der taz, die selbst auf ein freiwilliges Bezahlmodell setzt („Paywahl“). Außerdem müssen die Journalisten im Berliner Newsroom zusammenrücken – denn in Zukunft wird dort (Stichwort: „Zentralredaktion“) nicht nur die „Welt“ produziert, sondern auch der Mantelteil des defizitären Hamburger Abendblattes. Ob die Paywall-Strategie von Welt.de aufgeht, dürfte also nicht nur über das Schicksal von Springers journalistischem Flaggschiff entscheiden.

Abb.: Screenshot

Dutschke reloaded: Online-Medienarchiv soll Rolle der Springer-Presse im Umfeld von 1968 ins rechte Licht rücken

dutschke-reloaded-axel-springer-ag-online-medienarchiv68-pdfSpringer & 1968 – das bleibt eine explosive Mischung, auch wenn längst keine publizistischen Molotow-Cocktails mehr fliegen. Nach missglückten Versuchen, mit Zeitzeugen zu diskutieren setzt der Verlag nun auf Glasnost per Internet: über das gerade freigeschaltete Portal Medienarchiv68.de kann man in zeitgenössischen BILD, B.Z. oder Welt-Ausgaben blättern und sich selbst ein Urteil bilden.

„Wir haben genau gesehen, wer da geschossen hat…“

„Drei Kugeln auf Rudi Dutschke, ein blutiges Attentat. Wir haben genau gesehen, wer da geschossen hat“, klampfte Wolf Biermann 1968 nach dem Attentat auf den legendären Westberliner „Studentenführer“. Und wer hatte nun geschossen? „Die Kugel Nummer eins kam aus Springers Zeitungswald“. Mit seiner Analyse stand der Liedermacher damals nicht allein – unisono warfen die politisierten Studenten konservativen Konzern-Blättern wie Morgenpost, Welt, Bild und B.Z. die Manipulation der Öffentlichkeit vor. Gewaltsam versuchte man, die Auslieferung der Zeitungen zu verhindern, skandierte „Enteignet Springer“ und organisierte eine Mischung aus Hearing und Tribunal, um die publizistischen Auswüchse der kapitalistischen Monopolpresse öffentlich abzuurteilen. Das ist nun allerdings auch schon mehr als vierzig Jahre her – rund um das Axel Springer Haus an der, nun ja, Rudi-Dutschke-Straße, nur einen Steinwurf vom Gebäude der alternativen Tageszeitung taz entfernt ist Ruhe eingekehrt. Oder jedenfalls beinahe…

Im Medienarchiv schlummern rund 5.900 Beiträge, Kommentare, Leserbriefe, Reportagen, Glossen und Interviews

DokuGekämpft wird – wenn nicht um Straßennamen (Dutschke) oder Fassadenskulpturen (Diekmann) – um das eigene Bild in den Geschichtsbüchern. Dafür bemüht man bei Springer jetzt sogar das Internet: mit dem Online-Portal medienarchiv68.de will man laut Ankündigungstext „jedem den unkomplizierten Zugriff auf die Originalquellen ermöglichen, um sich selbst ein Bild zu machen“. Rund 5.900 Beiträge, Kommentare, Leserbriefe, Karikaturen, Reportagen, Glossen und Interviews aus der Zeit zwischen 1966 bis 1968 zeigen, wie die Konzernpresse damals über die studentische Protestbewegung berichtet hat. Gibt man Begriffe wie „Ohnesorg“, „Schah“ oder „Terror“ in die Suchmaske ein, wird man tatsächlich schnell fündig. Einzelne Artikel lassen sich als PDF herunterladen – es handelt sich dabei um eingescannte Original-Artikel. Volltextsuche ist nicht möglich, erfasst wurde nämlich neben den Überschriften nur eine „redaktionell bearbeitete Inhaltsangabe“. Einen kleinen Blick über den Tellerrand ermöglicht das Archiv übrigens auch: enthalten sind nämlich auch ausgewählte Artikel des Tagesspiegel als „eine repräsentative bürgerlich-liberale Stimme“ sowie des heute in Vergessenheit geratenen „Telegraf“ als ein „eher sozialdemokratisch orientiertes Berliner Blatt“.

Von „Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt“ bis „Millionen bangen um Dutschke“

Zu den ersten Testern gehörte Springer-Vorstandschef Döpfner. Der stellte in einem Editorial fest: „Wenn man genauer hinschaut, ergibt sich ein  differenziertes Bild. Die These, das Haus Axel Springer  sei eine zentral gelenkte Meinungsmaschine gewesen, welche  die Studentenbewegung verhindern wollte, bestätigt sich jedenfalls nicht.“ So habe es zwar die gerne zitierten Schlagzeilen gegeben wie „Stoppt den Terror der Jung-Roten jetzt“ oder „Wer Terror produziert, muss Härte in Kauf nehmen.“ Anderes sei jedoch in Vergessenheit geraten. Wer wisse zum Beispiel noch, dass BILD nach dem Attentat auf Rudi Dutschke titelte „Millionen bangen mit“? Tatsächlich finden sich sogar durchaus ausgewogene, ja verständnisvolle Artikel über die Lage der Studierenden. „Was ist faul an unseren Universitäten“, fragt da etwa die BamS Ende 1966, und kommt zum Schluss: „Politische Krawalle verschleiern die wirkliche Situation unserer Studierenden: Sie dürfen nicht länger die Sorgenkinder der Nation sein.“ Allgemein machte damals in Bezug auf das Bildungswesen übrigens das Wort vom „Entwicklungsland Bundesrepublik“ die Runde. Auf dem Höhepunkt der Proteste verschärft sich allerdings der Ton. Da bemühte man zeitlose Unworte wie „Terror“, und nicht nur in Leserbriefen, sondern auch in Kommentaren und Karrikaturen werden die „studentischen Horden“ mit der SA von 1933 verglichen. Der generationelle Kurzschluss war damals übrigens so allgegenwärtig, dass die Trefferzahl beim Suchwort „SA“ ungleich höher ist als bei „Terror“.

Die digitale Schnippsel-Sammlung könnte zur Versachlichung der Debatte beitragen: man weiß nun wieder, worüber man eigentlich spricht

Beendet wird der Streit um die historische Rolle der Springerpresse wohl auch mit dem Medienarchiv nicht – zumindest nicht unter den damals Beteiligten. Die Alt-68er werden den Alt-Anti-68ern u.a. auch weiterhin vorhalten können, dass sowohl der Ohnesorg- wie der Dutschke-Attentäter ihre nicht sehr klugen Köpfe schließlich gerne hinter die BILD-Zeitung steckten. Die Law-and-Order-Fraktion hat sich zwischenzeitlich sogar noch weiter aufmunitionieren können: waren es nicht am Ende Neo-Nazi-Netzwerke oder die Stasi, die den Finger mit am Abzug hatten? Verfolgen wird man diese Debatte auch in Zukunft dort, wo sie wohl auch hingehört: in den Feuilletons von Morgenpost, WELT und natürlich der taz. Doch immerhin dürfte die digitale Schnippsel-Sammlung zur weiteren Versachlichung der Debatte anregen – denn soweit muss man Springer-Chef Döpfner natürlich rechtgeben: man weiß in Zukunft wieder genauer, worüber man überhaupt spricht. Anders als früher wird man den Lesern von BILD, B.Z. oder Welt im Sinne von Wolf Biermanns „Drei Kugeln“ nicht mal hinterherrufen können: „Ihr habt dem Mann die Groschen / dafür auch noch bezahlt“. Trotz Blut und Tränen ist es nämlich nicht mehr das alte Lied: anders als früher ist zumindest in Springers Medienarchiv alles umsonst.

„E wie Exklusiv und Euro“: Morgenpost & Abendblatt heizen die Paid Content-Debatte an

Paid Content Abendblatt Springer.gifSchluß mit der „Freibiermentalität“, findet das Hamburger Abendblatt – und schlägt den Weg in Richtung Paid Content ein. Ein gelbes Euro-Zeichen markiert Artikel, die man nur als Abonnent lesen darf – für 7,95 € pro Monat. Ähnliche Eurozeichen leuchten den Lesern der Berliner Morgenpost entgegen: sie sollen für Lokalnachrichten ab sofort 4,95 € zahlen. Beide Blätter gehören dem Axel Springer Verlag – der bereits letzte Woche durch kostenpflichtige iPhone-Apps für Bild und Welt von sich reden machte.

„Was erlauben, Strunz!“, dachten die Leser des Abendblatts…

„Was erlauben, Strunz!“, werden sich viele Hamburger gedacht haben, als sie beim Surfen plötzlich vor der verschlossenen Paywall des Abendblattes standen. Doch nicht dem Chefredakteur Claus Strunz war es vorbehalten, die Weihnachtsbotschaft der anderen Art zu verkünden – das übernahm sein Stellvertreter Mathias Iken. Der köpfte den Ball sehr hoch rein: „Es geht um das langfristige Überleben der Medien, es geht um die vierte Gewalt. Es geht um die Demokratie, wie wir sie kennen.“ Worum es vor allem geht, ist natürlich bekannt: Springers Blätter machen minus, weil sie im Printbereich nicht mehr so viele Anzeigenkunden haben wie früher. Das Geschäft mit Online-Werbung hat zwar in letzter Zeit zugelegt, doch damit lassen sich die Verluste nicht ausgleichen. Nun hofft man also darauf, aus den Online-Lesern massenhaft Online-Abonnenten zu machen. Die Berliner Morgenpost, ebenfalls ein Springer-Blatt, hat zeitgleich den selben Weg eingeschlagen. „Das neue, orange E-Zeichen auf der Website von Morgenpost Online steht für zweierlei: für ‚exklusiv‘ und für ‚Euro‘, hieß es in einer redaktionellen Mitteilung. Man wolle „neue digitale Angebote“ auf den Markt bringen, die gegen Bezahlung „attraktive Inhalte“ bieten würden. Damit waren in diesem Fall alle „umfangreicheren Berichte über Berlin und die Region“ gemeint. Während diese Ankündigung in der Hauptstadt kaum Wellen schlug, machte Ikens Philippika gegen Umsonst-Angebote so richtig Furore. Da wurden den Surfern „Freibiermentalität“ und eine Art digitaler Schnorrer-Mentalität vorgeworfen: für jeden Kaffe im Pappbecher Geld würden die Leute zahlen, nur nicht für das Abendblatt im Netz. Viele empfanden das als Publikumsbeschimpfung und gaben kräftig Kontra, ein besonders prominentes Flaming kam vom Medien-Blogger Stefan Niggemeier.

Rückzugsgefechte digitaler Grabenkrieger zwischen Gutenberg-Galaxis & Netzökonomie

Doch es lohnt sich auch, auf Ikens inhaltliche Argumente zu achten – denn sie sind ein schöner Beleg für die rhetorischen Rückzugsgefechte digitaler Grabenkrieger, die den Unterschied zwischen der Gutenberg-Galaxis und der Netzökonomie nicht wahrhaben möchten. „Berauscht von den Möglichkeiten des weltweiten Webs“, so wusste Iken zu berichten, habe man leider lange Zeit nicht an das „Naheliegende“ gedacht, nämlich daran, „Geld zu verdienen“. Was noch naheliegender war, verschweigt Iken hier allerdings – vom Spiegel bis zum Abendblatt haben alle Player in Deutschland das Netz gerne genutzt, um ihre Reichweite zu vergrößern. Denn nichts lässt sich besser und schneller absetzen als eine Ware, die nichts kostet – für den Nutzer, wohlgemerkt! Mit ökonomischer Unvernunft muss ein solches „Umsonst“-Angebot – anders als Iken es behauptet – überhaupt nichts zu tun haben. Denn zum einen macht es ja erst das Internet möglich, etwa die Inhalte des Abendblatts ohne große Distributionskosten von Blankenese bis über den Ozean an den Mann zu bringen. Natürlich kostet die Produktion von Qualitätsjournalismus auch im Netz weiterhin Geld, die Frage ist nur, wer es bezahlt. Wired-Chefredakteur Chris Anderson hat in seinem lesenswerten Buch „Free – The Future of a Radical Price“ die verschiedenen Bedeutungen von „umsonst“ sehr schön dargestellt. „Umsonst“ für die Leser muss eben nicht heißen, das überhaupt kein Geld eingenommen wird. Werbeeinnahmen im Online-Bereich sind nur ein Gegenbeispiel. Der Spiegel etwa konnte mit dem Umsonst-Angebot SPOL die Auflage der Print-Version stabilisieren. Free und Paid Content müssen sich nicht einmal ausschließen. Wie Anderson zeigt, rentieren sich viele Vertriebsstrategien im Netz wegen des riesigen Publikums schon dann, wenn nur fünf Prozent der Nutzer zu zahlenden Kunden werden, angelockt etwa von speziellen Premiumversionen. Deswegen macht es theoretisch auch nichts, wenn in Befragungen regelmäßig bis zu neunzig Prozent aller Internet-Surfer Bezahlangebote ablehnen. Es bleiben immer noch ein paar Millionen zahlungswillige Kunden übrig. Genau dieses Kalkül verfolgt eigentlich auch Springer – vielleicht im Fall von Abendblatt und Morgenpost nur etwas zu forsch. Besser scheint die Strategie bei Bild und Welt gelungen zu sein – hier gibt es mit den iPhone-Apps tatsächlich neue, zusätzliche Angebote, während die bisherigen Web-Angebote ohne Paywall auskommen. Warum also bei den Regionalblättern das mediale VaBanque-Spiel – vielleicht, weil sie als Springers Bauernopfer im Zweifelsfall verzichtbar sind!?

Ikens Irrtum: Im Netz wird Paid Content nie „alternativlos“ sein

Iken übte sich jedenfalls in wahrhaft nibelungenhaftem Trotz: „Vielleicht ist es aussichtslos. Vielleicht ist es selbstmörderisch. Vielleicht ist es auch unverschämt. Doch vor allem ist es eins: Es ist alternativlos“ Das blieb nicht unbeantwortet. „Anscheinend glaubt man beim ‚Abendblatt‘, die Redensart vom ‚Selbstmord aus Angst vor dem Tode‘ sei keine Warnung, sondern ein Ratschlag“, kommentierte Medien-BloggerStefan Niggemeier diese merkwürdige Argumentationskette. Tatsächlich dürften die ersten drei Aussagen von aussichtslos bis unverschämt einen hohen Wahrheitsgehalt haben. Die „Alternativlosigkeit“ jedoch entspringt wohl eher vom Wunschdenken des Redakteurs. Nicht umsonst mangelte es ja in letzter Zeit kaum an Aufrufen der Paid Content-Befürworter von Springer-Chef Döpfner bis hin zum britischen Zeitungszar Rupert Murdoch, der Rest der Branche solle doch bitteschön mitziehen. Das ist natürlich an Naivität kaum zu überbieten – gerade aus marktwirtschaftlicher Sicht. Denn der Schritt der einen Seite in Richtung Paid Content macht kostenlose Angebote der Mitbewerber erst so richtig konkurrenzfähig. Es gibt keinen Schritt zurück – die Regeln der Gutenberg-Galaxis sind durch die Netzökonomie ein für alle Mal abgelöst worden. „Paid Content“ und „Free“ werden auf absehbare Zeit parallel existieren – weltweit, und auch in Deutschland.

Paid Content kann funktionieren – wie etwa das Wall Street Journal zeigt

Es gibt sogar international bekannte Beispiele dafür, dass Paid Content in der Umsonst-Welt des Internets funktionieren kann: so hat etwa das Wall Street Journal mittlerweile 400.000 zahlende Online-Abonnenten, bei einer gedruckten Gesamtauflage von knapp unter 2 Millionen Exemplaren. Auch die zur Murdoch-Gruppe gehörende Londoner Times (Gedruckte Auflage: 600.000) plant den Schritt in Richtung Bezahl-Inhalte: ab 2010 soll es einen gebührenpflichtigen 24-Stunden Zugang sowie ein monatliches Abo geben. Die große Frage ist aber: können auch vergleichsweise kleine Blätter wie Morgenpost (Auflage: 143.000) oder Abendblatt (Auflage: 250.000) genügend neue Abonnenten gewinnen, die nur an der Online-Ausgabe interessiert sind? Gerade für die Berliner Morgenpost scheint das eher zweifelhaft zu sein – es gibt mit Berliner Zeitung, taz, Tagesspiegel oder ND genügend lokale Alternativen. In Hamburg könnte die Rechnung schon eher aufgehen – hier konkurrieren eher kleinere Blätter wie die HAN oder die Bergedorfer Nachrichten mit dem Springer-Produkt. Problematisch könnte für Iken & Co. am Ende genau das werden, was ihnen bisher genützt hat: die soziale Dynamik des Internets. “ Es bedarf ja nicht vieler Sätze, um sich mit der halben Nutzerschar im Netz anzulegen“, stellte der Vize-Chefredakteur verblüfft fest, und widmete sich persönlich der Widerlegung einzelner Online-Lesermeinungen. Doch nicht nur das – Iken schrieb sogar selbst eine Art Leserbrief, genauer gesagt: einen Kommentar auf Stefan Niggemeiers Blog. Besonders getroffen hatte den Vize-Chef des Abendblatts wohl der Vorwurf, angesichts der „Freibiermentaltität“ der Abendblatt-Leser „rumzuschimpfen wie ein einarmiger Renter 1968 über die langhaarigen Studenten“. Auf eine Entschuldigung bei den Lesern von Abendblatt.de hat Iken bis jetzt verzichtet – doch auch Worte des Bedauerns würden wohl nicht verhindern, dass man ihn im Netz wenn nicht für einen einarmigen Rentner, so doch für einen einarmigen Banditen halten dürfte.

Die WELT rotiert, das BILD-Girl schüttelt sich: iPhone-Apps als neue Cash Cow für die Springer Presse

Einen „Laborversuch“ in Sachen Paid Content wagt der Axel Springer-Verlag: seit Mittwoch sind die WELT sowie BILD als iPhone-App zu haben. Neben multimedialen Inhalten erwarten die Leser auch PDF-Versionen der gedruckten Ausgabe. Das intellektuelle Flaggschiff des Verlags gibt es im ersten Monat für 1,59 €, Deutschlands meistgelesene Boulevard-Zeitung für 79 Cent, danach verteuern sich die Abos.  Der Start war bis jetzt erfolgreich: im deutschen App Store rangieren Springers digitale Cash Cows bereits unter den Top 5.

Das iPhone-Abo als „zweite Säule der Monetarisierung“ neben Online-Werbeerlösen

Exklusiv war die BILD-Zeitung bisher vor allem aus einem Grund – es gab sie nur am Kiosk. Dass man Deutschlands meistgelesene Boulevard-Zeitung nun auch abonnieren kann, hat mit einer kleinen medialen Revolution zu tun. Der Axel Springer Verlag wagt nämlich in punkto Paid Content den großen Sprung nach vorn: am Mittwoch gingen parallel die WELT und BILD als iPhone-Apps an den Start. Springer-Vorstandschef Döpfner hat nämlich eine Vision – in einigen Jahren möchte er 50 Prozent der Konzernumsätze im Online-Bereich machen. Dabei setzt Döpfner auf „Premium-Content“. Mit „hochwertigen Hintergrundinformationen, exzellenten Services und einzigartige Benutzerfreundlichkeit“ will man den Besitzern von Apples Edel-Handy jeden Monat ein paar Euros aus der Tasche locken. Vor allem das stark eingebrochene Anzeigengeschäft im Printbereich macht Springer zu schaffen. Neben den bisher eher bescheidenen Online-Werbeerlösen hofft man auf das Handy-Abo als„zweite Säule der Monetarisierung in der digitalen Welt“. Auch das Nachrichtenmagazin SPIEGEL will noch im Dezember einen vergleichbaren Schritt wagen – mit einem PDF-Abo speziell für das iPhone. PDFs der gedruckten Ausgaben haben auch Springers iPhone-Apps im Gepäck – doch vor allem bieten sie multimedial aufbereitete Inhalte, die speziell auf das iPhone abgestimmt sind.

Was ist ein noch so schön animierter Globus gegen das Quietschen eines Schüttel-Girls?

Um die mediale Aufmerksamkeit braucht sich in der Chefetage des Zeitungskonzerns wohl keine Sorgen zu machen – denn man hat für genügend digitales Bling-Bling gesorgt. So dreht sich in der iPhone-Version von Springers intellektuellem Flaggschiff WELT ein Google-Earth-würdiger kleiner iWelt-Globus. Taucht man per Finger-Flip in die virtuelle Welt hinein, poppen Themenfenster auf, die aktuelle oder geschichtliche Daten mit geographischen Orten verbinden. Da liest man Richtung Brüssel etwa vom „Machtkampf über die Gehälter der EU-Beamten“, schwebt man nach Riga, erfährt man von Arbeitslosen, die ein Zeltdorf bauen, und bewegt man sich in Richtung Asien, tauchen Meldungen über Kampfkamele, Heilige Kühe und Schweingrippen-Tote auf. Im Geschichtmodus dagegen bricht Luther an einem 10. Dezember im Jahr 1520 mit Rom, in Skandinavien fällt Karl der Zwölfte an einem zehnten auf dem Schlachtfeld, und 1901 werden am zehnten die ersten Nobelpreise verliehen. Doch was ist ein noch so schön animierter Globus gegen die Rundungen von Alexandra, einer 22 jährigen Artzhelferin aus Köln? Während der Globus zwar etwas eiert, aber gar nicht quietscht, wirft das BILD-Schüttel-Girl begleitet von digitalem Juchzen die Garderobe ab. Geschüttelt wird natürlich per Hand – möglich macht das der G-Sensor des iPhones. Da bisher wohl kaum ein Bild-Girl oder Boy so viel Handbewegungen ausgelöst haben dürfte, hat sich BILD-Chef Kai Diekmann mit dem Schüttel-Feature ein viel besseres Denkmal gesetzt, als es andere Medienkünstler je tun könnten. Für Personen unter siebzehn Jahren, so werden die iPhone-Benutzer übrigens bei der Installation gewarnt, könnten manche Inhalte der BILD möglicherweise nicht geeignet sein. Gleiches gilt allerdings auch für die Welt-App…(!)

Die BILD-App lockt mit Rihannas heißen Höschen, die WELT eher mit Politik, Kultur und Webnews

Doch auch die jugendfreien Inhalte von WELT und BILD verdienen eine Würdigung – denn eins steht fest: Auswahl und Aufbereitung des Nachrichtenangebots sind sehr gut gelungen. Die BILD-Schlagzeilen auf der Startseite lehnen sich an das Layout der Print-Ausgabe an, die ineinander montierten Bilder und Schlagzeilen lassen sich per Fingerbewegung zur Seite scrollen – von Tiger Woods Edel-Huren geht es dabei über Guttenbergs Blitzbesuch an der Kunduz-Front und Rihannas heiße Höschen Show bis zum Marken-Test für Natur-Kosmetik. Tippt man die Schlagzeile an, kann man die eher nüchtern gelayouteten Artikel selbst lesen, an deren Kopf jeweils ein großes Farbfoto zu sehen ist. Der begrenzte Raum des iPhone-Displays zwingt deutlich zu gestalterischen Kompromissen – das zeigt auch der Rest des Startmenus. Thumbnails plus Anreißer – das sieht selbst bei der iPhone-App der BBC nicht sehr viel anders aus. Eingeschoben in die Startseite sind ein paar spezielle Info-Elemente, so etwa der Wetterbericht, die „Gewinner/Verlierer“-Rubrik sowie zwei Leisten mit Video-Stills und Fotos, die wie die Schlagzeilen zur Seite gescrollt werden können. Das Informationsangebot insgesamt ist äußerst reichhaltig – über das Ressort-Menü gelangt man auch auf sämtliche Regionalseiten (etwa Berlin, Bremen, Hamburg, Ruhrgebiet, München) inklusive Regional-Sport. Gut bedient wird man auch bei der Welt-App, besonders haben uns beim Testen die Rubriken Web-Welt, Kultur und Wissenschaft gefallen.

Doppel-Moppel von Multimedia & PDFs macht keinen Sinn – auf dem iPhone wirkt nur, was für das iPhone gemacht wurde

Wer einen Blick in die gedruckte Ausgabe werfen will, dem wird ebenfalls geholfen: schon am Vorabend ist das PDF der Print-Bild innerhalb der App lesbar – inklusive animierten Papierraschelns beim Umblättern. Doch bei aller Nostalgie: um eine Zeitung im großen nordischen Format auf dem iPhone-Display zu lesen, sind eindeutig zu viele Fingerbewegungen und Zooms notwendig. Zudem zeigt ja der Rest der multimedialen App, dass man in anderer Form die Inhalte viel komfortabler anbieten kann. Etwas leichter hat man es bei der Welt, die auf dem iPhone-Display als PDF in Form der WELT KOMPAKT präsent ist – und kompakt ist eben auch das Format. Sinnvoll dürfte aber auch die kompakte Welt erst auf einem zehn bis zwölf Zoll großen Display sein – irgendwo zwischen iPhone und Joo Joo. Wer ab Januar auch weiterhin die PDFs von BILD oder WELt lesen will, wird außerdem mit 3,99 bzw. 4,99 € pro Monat zur Kasse gebeten. Die normalen Apps werden im Abo dagegen nur 1,59 bzw. 2,99 € kosten – was im Vergleich zu einem richtigen Zeitungsabo durchaus günstig klingt. Doch man muss natürlich eins bedenken – es gibt bisher noch genügend kostenlos Alternativen, vor allem auch die Webseiten von BILD und WELT. „Um die für viele iPhone-Nutzer wichtigste Frage sofort zu beantworten: Nein, der bisherige Zugang zur Mobil-Plattform von WELT-Online wird nicht geschlossen oder mit einer Bezahlschranke versehen“, beeilte sich die Redaktion den Lesern diese Woche mitzuteilen.  Allerdings „empfehle“ man „dringend“, die neue App „zum Einführungspreis“ zu testen. Hat im Axel Springer-Haus wirklich niemand vor, eine Bezahl-Mauer zu bauen? Den Zeitpunkt werden wohl die Leser selbst festlegen – sobald genügend Abonnenten für die Apps von BILD und WELT gewonnen sind, dürfte am östlichen Ende der Berliner Rudi-Dutschke-Straße der digitale Schlagbaum heruntergekurbelt werden.

Springer setzt auf langen Marsch von Print zu Online – und auf Paid Content für iPhone & Co.

Bezahlen fängt mit B an – genauso wie BILD. Wie passend: Der Axel Springer-Verlag will in Zukunft verstärkt auf Paid Content im Web setzen – allerdings nur dort, wo mobil gesurft wird. Springer-Vorstandschef Döpfner hofft, dass iPhone-Nutzer anders sozialisiert sind Desktop-User: „Mobile Endgeräte bieten völlig neue Chancen. Hier sind die Nutzer gewohnt, zu bezahlen“, argumentierte Döpfner diese Woche bei der Präsentation des Halbjahresberichts. Vor allem Micro-Payment und Abomodelle böten „eine große Chance die Kostenlos-Kultur des Internets zurückzufahren“. Unterstützung gab’s gleich darauf von finanziell angeschlagenen WAZ-Konzern: dort hielt man Döpfners Plädoyer für Bezahlinhalte gar für die „wichtigste medienpolitische Initiative seit Jahrzehnten“.

Am östlichen Ende der Berliner Rudi-Dutschke-Strasse hat man sich auf den langen Marsch von Print zu Online begeben

Kein Wunder, dass man im Springer-Haus so große Stücke auf Big Money im Netz der Netze setzt: schließlich hat man sich an der Rudi-Dutschke-Straße auf den langen Marsch von Print zu Online begeben. Erst im Juni hatte Döpfner in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Dow Jones Newswire angekündigt, man wolle binnen zehn Jahren den Anteil des Onlinesegments am Gesamtumsatz auf 50 Prozent steigern. Derzeit wird er auf etwa 17 Prozent geschätzt. Und es tut sich tatsächlich was: Im Bereich Digitale Medien steigerte Springer trotz Krise im ersten Quartal 2009 den Umsatz um 28,5 Prozent auf 104,7 Millionen Euro. Doch das liegt nicht an Paid Content, sondern viel eher an höheren Werbeeinnahmen: hier haben Zuwächse im Online-Bereich nämlich Verluste im Print-Bereich (bei Zeitungen in Deutschland minus zehn Prozent, bei Zeitschriften minus zwanzig Prozent) ausgleichen können.

Wie das Verhältnis zwischen Free und Paid Content aussehen kann, zeigt der Hamburger IT-Dienstleister Heubach Media

Doch Döpfner plädierte ohnehin nicht für ein generelles Aus für kostenlose Inhalte. Sondern sprach von bestimmten Nischen, d.h. „spezialisierten sowie exklusiven Inhalten“. Schon jetzt hat man etwa auf BILDmobil Erfahrungen mit solchen Angeboten gesammelt. Konkrete Gewinnerwartungen gibt es aber auch noch nicht. In der Umsatzplanung für die nächsten Jahre sind keine Paid-Content-Erlöse enthalten. Wie ein reales Verhältnis von Free zu Paid Content auf dem iPhone im deutschen Marktumfeld aussehen kann, zeigt der Hamburger IT-Dienstleister Heubach Media. Dort setzt man nicht auf News, sondern auf E-Books. Im ersten Halbjahr 2009 verzeichnete man mehr als 100.000 Downloads über den App Store. Etwa 25.000 E-Book-Apps wurden zu Preisen zwischen 0,79 Euro und 24,99 Euro verkauft, die übrigen 75.000 E-Book-Apps waren kostenlose Marketing-Apps bzw. Leseproben der kostenpflichtigen Apps. Es geht vielleicht sogar mit noch mehr Free und noch weniger Paid: Chris Anderson schätzt in seinem aktuellen Bestseller „Free – The Future of a radical price“, dass bei einer genügend großen Zahl von Downloads lediglich 5 Prozent der User zahlende Kunden sein müssen, um ein funktionierendes Business-Modell zu erreichen.