Keine Feier ohne Thalimayer: Was die Mini-Megafusion für den deutschen Buchhandel bedeutet

thalimayerDie wohl wichtigste Meldung des Jahres 2019 kam kurz nach Neujahr: „Megafusion“ zwischen Thalia und der Mayerschen Buchhandlung – Deutschlands größte verbliebene Kette und der größte regionale Filialist schließen sich zusammen. Die Rechnung lautet: 300 Filialen plus 55 Filialen gleich 355 Filialen. Entfallen soll durch den Zusammenschluss nämlich vorerst kein Standort – hieß es jedenfalls von beiden Seiten. Ob am Ende an allen Standorten das Firmenschild Thalia prangen wird, ist dagegen zumindest fraglich. Noch steht natürlich auch noch die Genehmigung durch das Bundeskartellamt aus, doch angesichts des immer noch breit aufgestellen Markts mit großen Playern wie Hugendubel und Weltbild sowie kleineren Regionalketten wie Osiander sollte nichts dagegen sprechen.

Die Angst vor Amazon geht weiter um

Hinter der Fusion steht selbstverständlich, wie bei vielen Buchhandels-Entwicklungen der letzten zehn Jahre, niemand anderes als Amazon, für das Deutschland der zweitwichtigste Auslandsmarkt ist. Das Unternehmen betreibt zwar bisher keine eigenen Buchhandlungen auf deutschem Boden, bewegt sich aber umsatzmäßig — soweit man das überhaupt vergleichen kann — als Online-Buchhändler auf Augenhöhe mit dem neuen „Thalimayer“-Konstrukt. Da beide Fusionspartner auch Mitglied der Tolino-Allianz sind, haben sie wiederum ein starkes Bein im deutschen E-Book-Markt und können gemeinsam dem Kindle-Universum Paroli bieten.

Druck im Buchhandel erhöht sich

Ohnehin hatte sich Thalia nach der Übernahme durch Herder als „Botschafter für geistige Nahrung“ bereits neu aufgestellt und kräftige in neue Marketingkonzepte investiert – was viele als ein branchenweites Signal verstanden. Ob die nun verkündete Fusion allerdings dem traditionellen Buchhandel guttut, ist wiederum eine ganz andere Frage — denn Thalimayer konkurriert vor Ort natürlich auch mit den sonstigen Filialisten und unabhängigen Buchhandlungen, wenn auch nicht über den Buchpreis. Und so titelte die Wirtschaftwoche wohl zu recht: „Die Fusion von Thalia und Mayersche wird den Druck im Buchhandel weiter erhöhen“. Fortsetzung folgt. Schnappt sich Hugendubel jetzt Osiander? Oder kauft Amazon doch noch Weltbild? Selbst wenn sich manche Befürchtungen in punkto disruptiver Buch(handels-)Apokalypse nicht bewahrheitet haben: Die nächsten zehn Jahre dürften wohl für die Branche genauso spannend werden wie die letzten zehn Jahre.

Walmart eBooks by Rakuten Kobo — die Anti-Amazon-Allianz im US-Einzelhandel wird konkret

walmart-goes-kobo„Walmart eBooks by Rakuten Kobo“: Anfang des Jahres angekündigt, wird die Kooperation des US-Einzelhandelsriesen mit Kobo in dieser Woche konkret — auf Walmart.com kann man nun auch E-Books und Hörbücher shoppen, zugleich startet die co-gebrandete Walmart-Kobo-App für Smartphone, PC und Kobo-Reader. Auch eine Audiobook-Flatrate für 10 Dollar pro Monat ist angekündigt. Zugleich zeigt Kobo Präsenz in den Filialen selbst — dort wird man die Kobo-Reader kaufen können.

Buchhandels-Inseln im Supermarkt

Nicht vergessen darf man natürlich auch, dass Walmart in seinen Filalien im großem Stil gedruckte Bücher anbietet, jetzt gibt es also ein Vollangebot: „Walmart eBooks will complement our vast physical book assortment and offer customers a comprehensive digital book solution, introducing an entirely new category that hasn’t been previously available at Walmart“ schreibt Mario Pacini, General manager of entertainment auf dem Walmart-Blog.

Kooperation über Ländergrenzen

Nach dem fast alle großen und auch viele kleinen Buchhandelsketten in den USA gegenüber Amazon das Handtuch geworfen haben, bleibt Print und Digital im stationären Einzelhandel ein wichtiges Refugium erhalten. Interessant ist die Kooperation zwischen Kobo und Walmart natürlich auch deshalb, weil Kobo inzwischen zum japanischen Einzelhandelsriesen Rakuten gehört. Im Angesicht der massiven Online-Konkurrenz werden also neue Allianzen in der Branche befördert, die über Ländergrenzen reichen.

Krümel vom Tisch des Herrn…

Ob der Marktanteil von Kobo durch diese Maßnahme in den USA signifikant steigt, ist allerdings fraglich — derzeit liegt er dort dem Author Earnings-Report zufolge bei deutlich unter einem Prozent, während Amazon bereits satte 83 Prozent des Marktvolumens eingeheimst hat. Ein paar Krümel vom Tisch des Herrn freilich könnten ja abfallen — und auch die grundsätzliche Sogwirkung Online-Marktriesen auf Walmart-Stammkunden kann so vielleicht etwas ausgebremst werden.

(via Businessinsider)

Otto sagt „Tschüss“ zum Print-Katalog, Amazon schmeißt zum Weihnachtsgeschäft erstmals die Druckerpresse an

otto-versand-websiteQuelle gibt’s sowieso nicht mehr, Neckermann druckt seit 2012 keine Kataloge mehr (und gehört seitdem zum Otto-Versand), nun stellt auch der Otto Versand selbst auf Digital um — ab 2019 soll der Hauptkatalog nicht mehr in Papierform erscheinen, teilte der Hamburger Handelskonzern diese Woche offiziell mit. „Unsere Kunden haben den Katalog sukzessive selbst abgeschafft, weil sie ihn immer weniger nutzen und schon längst auf unsere digitalen Angebote zugreifen“, so Bereichsvorstand Marc Oppelt. Mittlerweile bestellen nämlich 95 Prozent der Kunden online. Die gute Nachricht lautet also: Otto hat den Wechsel zum Onlinehändler längst geschafft, umsatzmäßig liegt das Unternehmen direkt hinter Amazon und direkt vor Zalando.

Print-Katalog als Imagekiller?

Digitalisierungsopfer ist also nur der Katalog, nicht der Otto Versand — der Papierstapel sei zuletzt ohnehin nur noch ein „740 Seiten starker Imagekiller“ gewesen, ätzte das Handelsblatt zum Abschied. Nicht gerade nett nach einer fast siebzig Jahre währenden Erfolgsgeschichte, die im Jahr 1950 mit einem 14-seitigen handgebundenen Heftchen in 300er Auflage begann. Zur Hochzeit des Kataloghandels steckte das Unternehmen zweistellige Millionen-Beträge in den Druck des Katalogs. Schon in den 1990er Jahren wagte sich Otto dann ins Internet, der endgültige Abschied der Kunden vom Katalog begann aber erst mit dem Smartphone-und Tablet-Zeitalter. Inzwischen kaufen 50 Prozent der Kunden mobil ein.

„Gelungene Transformation“

Bei Otto selbst hält sich insofern die Nostalgie auch in Grenzen, die Pressemitteilung zum Abschied vom Katalog war hanseatisch knapp mit „Tschüss!“ überschrieben. Die Umstellung auf Digital Only sehen die Hamburger als „letztes Zeichen einer gelungenen Transformation“, die ansonsten weltweit kein anderer Katalogversender in dieser Form geschafft habe. O-Ton Marc Oppelt: „In Deutschland reden wir von der Digitalisierung oft so, als wäre diese etwas Störendes. Wir meinen dagegen: Sie ist das Beste, was uns passieren konnte und eine riesige Chance für die Wirtschaft.“ Als reiner Onlinehändler sei man nun erfolgreicher als man es zu Zeiten des Hauptkatalogs je hätte sein können.

Bald Spielzeug-Katalog von Amazon?

Kleiner Nachtrag: Amazon.com soll ironischerweise gerade planen, zum US-Weihnachtsgeschäft erstmals Kataloge zu drucken und millionenfach in Geschäften auszulegen wie auch an Kunden zu verschicken, und zwar speziell im Spielzeug-Segment. Was wiederum mit der Toys’r’us-Pleite zusammenhängt — denn für die Kids in Amerika war das Erscheinen des Katalogs der Traditionsmarke bisher einer der Höhepunkte des Jahres.

Neue Zahlen zum System Amazon: 100 Mio. Prime Mitglieder, jede 2. Lieferung von Dritthändlern

amazon-logoWer wirklich belastbare Zahlen über das System Amazon finden möchte, ist entweder auf grobe Schätzungen von „Brancheninsidern“ angewiesen, oder auf gelegentliche Transparenz-Momente in offiziellen Verlautbarungen, die sich nicht an die Presse richten, sondern an die Börsenaufsicht oder die Aktionäre. Gerade war wieder so ein Moment — in seinem „Shareholder Letter“ nennt Unternehmenschef Jeff Bezos nicht nur bekannte Hausnummer, etwa die Zahl von jetzt 560.000 Amazon-Mitarbeitern weltweit, sondern auch bisher unbekanntes: 13 Jahre nach dem Start von Amazon Prime hat das Premium-Programm rund um den Globus jetzt mehr als 100 Millionen Mitglieder. 2017 wurden mehr als 5 Milliarden Artikel an Prime-Kunden verschickt, und der jährliche Mitgliederzuwachs war der größte jemals gemessene.

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch: erstmals erfolgte mehr als die Hälfte der globalen Amazon-Lieferungen insgesamt über Dritthändler („Third Party Sellers“), oft direkt über Amazons eigene Logistik-Zentren („Fulfilment by Amazon“). Insgesamt gibt es mehr als 2 Millionen solcher selbständigen „Seller“.

Blickt man parallel auch noch in das aktuelle „Proxy Statement“, also eine obligatorische Meldung an die Börsenaufsicht SEC, gibt’s mindestens noch eine weitere interessante Zahl — denn dort liest man: „The 2017 annual total compensation of our median compensated employee other than Mr. Bezos was $28,446; Mr. Bezos’ 2017 annual total compensation was $1,681,840, the ratio of those amounts is 1-to-59.“ Mit anderen Worten: stellt man alle Amazon-Mitarbeiter (ausgenommen Jeff Bezos) in eine Reihe sortiert nach Einkommen, verdient derjenige genau in der Mitte der Reihe 28.446 Dollar. Und somit 59-mal weniger als der Chef.

Eigenmarken als Allzweckwaffe: Wie Amazon die Umgehungsstrategie perfektioniert

amazon-eigenmarkenDisintermediation kann viele Formen annehmen, das Ende ist immer gleich: Unternehmen A drängt Unternehmen B, C, D etc. aus dem Markt, in dem es sich zwischen traditionelle Anbieter und den Kunden drängt. Eine ganz besondere Waffe sind in Massen produzierte, günstig angebotene Eigenmarken — Amazon hat diese Strategie inzwischen perfektioniert. Was 2009 mit „Amazon Basics“ anfing, ist mittlerweile zu einem kaum noch überschaubaren Feld unterschiedlichster Segmente geworden.

Amazon weiß genau, was sich lohnt

Mehr als 70 In-House-Labels kamen bei einer aktuellen Zählung durch die Kollegen von Recode zusammen, darunter Haushaltsbedarfs-Linien wie Mama Bear, Presto oder Stone & Beam, aber auch diverse Modelabels wie Lark & Ro oder Scout & Ro. Das funktioniert natürlich auch deswegen so gut, weil Amazon genau weiß, welche Waren in welchen Preissegmenten gut laufen — schließlich nutzen diverse Dritthändler den Online-Händler als Verkaufsplattform, zumindest so lange, bis sie Amazon mit eigenen Angeboten aus dem Business drängt.

Vom Kunden aus zurück denken

“Wir starten beim Kunden und arbeiten uns von dort aus zurück, um ihm die Produkte zu bringen, die er unserer Meinung nach mögen könnte“, beschreibt das eine Amazon-Sprecherin gegeünber Recode. Man werde auch weiterhin ein offenes Ohr haben und sich von den Kunden zeigen lassen, in welchen Bereichen das Angebot noch erweitert werden kann. So mancher Drittanbieter wird dagegen das Gefühl haben, dass Amazon sich nicht „zurück“ arbeitet, sondern ihm in den Rücken fällt.

Als Content-Strategie längst erprobt

Wundern darüber dürfte sich aber eigentlich niemand, denn das Prinzip hat der Online-Händler ja längst schon im Content-Bereich praktiziert, erst mit Hilfe der Self-Publishing-Plattform KDP, deren Indie-Titel die Verlagsware im Kindle Shop beim Pricing locker an die Wand spielen, später dann mit hauseigenen Imprints — und was anderes sind Imprints anderes als die „Eigenmarken“ des Verlagswesens. Erst recht, wenn man selbst eigentlich nicht als Verlag angetreten ist.

(via Amazon Watchblog & Recode)

Die eine Post, die andere Post, & immer Bezos: Trump vs. Amazon geht in die nächste Runde

trump-vs-amazon-twitter-fehdeAch ja, Donald Trump und die Twitter-Fehde mit den „Raketenmännern“. Einer dieser Sparring-Partner lebt in den USA — nämlich BlueOrigin-Gründer Jeff Bezos. Trumps Tweet-Tiraden zieht Bezos freilich aus ganz anderen, nicht-ballistischen Gründen auf sich, schließlich ist er gleichzeitig Chef des knallhart kalkulierenden Weltkonzerns Amazon und stolzer Besitzer der regierungskritischen Washington Post, und gilt persönlich nicht gerade als Freund des aktuellen US-Präsidenten.

Gibt es den „Post Office-Betrug“ wirklich?

Was dem Cheftwitterer aus dem Oval Office nun wieder Munition für diverse populistische Anti-Amazon-Tweets bot. Zum gewohnten Muster „Amazon zahlt keine Steuern & nutzt die WaPo als Lobbyorgan, damit das auch so bleibt“ kam diesmal noch ein drittes Argument hinzu: Online-Händler Amazon missbrauche den US Postal Service als billigen Lakaien für den Transport der Pakete, was der Post Milliardenverluste beschere — angeblich zahle der staatliche Postdienstleister für jedes Paket 1,50 Dollar drauf.

Was allerdings Fake News ist, die Verluste macht die Post in den USA — wie man es auch anderswo kennt — im wenig lohnenswerten Briefgeschäft, während das Paketgeschäft wachsende Gewinne erzielt. Und Steuern sparen Amazon bzw. Bezos natürlich auch deshalb, weil Trump gerade eine Mega-Steuerreform zugunsten der Wirtschaft und der Superreichen durchgedrückt hat.

Washington Post oder Bezostan Post?

Nicht ganz von der Hand zu weisen ist allerdings die Verbindung zwischen Bezos und der Washington Post — und hier dürfte auch der eigentliche Aufreger für Trump liegen. Die WaPo hat sich seit den Pentagon Papers und der Watergate-Affäre den Ruf erworben, durch das freie Wort Präsidenten stürzen zu können. Und am Ende des Tages ist es Bezos, der für die WaPo (alleine schon finanziell) gerade stehen muss.

Wer in diesen Tagen im Kino Steven Spielbergs Historiendrama „Die Verlegerin“ anschaut — im Original vielsagender: „The Post“, was“Verleger-Posten“ wie auch „Washington Post“ bedeuten kann — kommt nicht umhin, die Verlegerin Katharine „Kay“ Graham mit Jeff Bezos zu vergleichen, und Richard Nixon mit Donald Trump. Schließlich sitzt mit letzterem derzeit erneut jemand auf dem Präsidentenstuhl, der die Presse zum Staatsfeind Nummer eins erklärt, während die WaPo mit dem Slogan wirbt: „Democracy dies in Darkness.“

Mr. Amazon als nächster Kandidat?

Fragt sich nur, was die Twitter-Fehde am Ende bezwecken soll: ist es eine persönliche Sache, will Trump seinen Widersacher Bezos ganz einfach aus der Reserve locken? Denn so leicht einschüchtern lässt sich der reichste Mann der Welt nicht, das sollte auch dem nicht ganz so gut betuchten Herausforderer klar sein. Vielleicht ist aber am Ende eine ganz andere Reaktion einkalkuliert — Mr. Amazon als demokratischer Gegenkandidat bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen Ende 2020.

(via Amazon Watchblog & Politico)

Bibliotheks-Downloads als Blind Spot: Ist Rakuten OverDrive die mächtigste Nummer Zwei auf dem E-Book-Markt?

rakuten-overdrive-amazon-dicht-auf-den-fersenDie Nummer eins der E-Book-Branche, das ist Amazon, klar. Aber wer ist eigentlich Nummer zwei? Apple? Barnes & Noble? Nein, weit gefehlt, meint Adam Rowe auf Forbes.com, wahrscheinlich Rakuten, und zwar mit deutlichem Abstand vor allen anderen. Denn zu Rakuten gehört nicht nur Kobo, sondern auch der Bibliotheksdienstleister OverDrive. Und der habe alleine für das Jahr 2017 eine Zahl von 155 Millionen E-Book- und 68 Millionen Audiobooks durch Bibliotheksnutzer gemeldet.

Downloads via KU zählen, Overdrive-Checkouts nicht!?

In den Branchenstatistiken von Nielsen wie auch Bookstat (früher: Author Earnings Report) würden die Download-Zahlen solcher Contentlieferanten für Bibliotheken allerdings nicht mitgerechnet, im Rahmen von Flatrate-Abos heruntergeladene E-Books — insbesondere via Kindle Unlimited — aber schon. Das sorge für eine verzerrte Sicht auf den Markt: denn rechne man die Bibliotheks-Downloads mit ein, sei Rakuten dem Branchenprimus Amazon weitaus dichter auf den Fersen als andere Konkurrenten.

Verzerrter Blick auf Markt & Nutzerverhalten

Zum Vergleich verweist Rowe auf Zahlen des Author Earning Reports aus 2016 — dort sei Amazon mit 440 Millionen verkauften E-Books an Platz eins, gefolgt von iBooks mit 44 Millionen und B&N mit 19,4 Millionen. Das Problem mit den ignorierten Zahlen der Bibliotheksdienstleister sei letztlich sogar ein doppeltes, betont Rowe mit Verweis auf Branchenbeobachter Mark Williams: „we are given not only a distorted picture of the units and value of the digital market, but more importantly a very distorted view of the wider level of engagement with digital books.“

Ich wär so gerne stationär… Bitteschön: Amazon Books ist in den USA die achtgrößte Buchhandelskette

amazon-books-in-seattleFrohes Neues Jahr! Für den Start gleich mal eine doppelt positive Nachricht: „Nein, Amazon ist noch immer nicht unter den fünf größten Buchhandelsketten“. Das gilt nicht nur für die USA, auf die diese Headline von The Digital Reader gemünzt ist, sondern auch für Deutschland. Denn hier hat Amazon Books überhaupt noch keine eigenen Läden. Und selbst wenn in 2018 in Berlin, München, Hamburg oder sonstwo welche entstehen sollten, wird zumindest in den nächsten vier, fünf Jahren wohl eine solche Klarstellung hierzulande nicht nötig sein. (Es sei denn, Droege International verkauft Weltbild zwischenzeitlich doch an Jeff Bezos…)

Im Jahr 2017 mussten mehr als 400 Filialen schließen

In den USA ist die Sache dagegen nicht ganz so einfach, dort hat das Unternehmen bereits 16 eigene Buchläden an den Start gebracht, was in der darbenden Buchbranche dann zwar nicht für die Top Fünf, aber immerhin für die Top Ten reicht. Entstanden war die anderslautende „Fake News“ interessanterweise im Sommer 2017 durch Publishers Weekly, nachdem eine ganze Reihe von Ketten schließen musste, die u.a. Bücher verkauften, neben Book World auch die Family Christian Stores sowie Hastings Entertainment, insgesamt mehr als 400 Filialen.

Platz vier für Bezos? Hier irrte die New York Times…

Am Ende schrieben dann aber auch die Top Checker von der New York Times: „Here is one way to measure the upheaval in bookselling: Replacing Book World as the fourth-largest chain, Publishers Weekly says, will be a company that had no physical presence a few years ago.“ Zum Glück gibt’s ja Nate Hoffelder, und der hat noch mal nachgezählt: Nein, es gibt neben Barnes & Noble, Books-a-Million und Halfprice Books auch noch recht ansehnliche Ketten namens Deseret Books, Lifeways, Hudson Bookseller sowie Seagull Books. Fazit: Amazon erreicht in den USA „nur“ Platz acht.

Abb.: Amazon.com, Filiale in Seattle

„Die Frage ist nicht ob, sondern wann“: 2018 erste Amazon Läden in Berlin, Hamburg oder München?

amazon-flagship-store-bald-auch-in-berlinHat Amazon.de-Chef Ralf Kleber jetzt wirklich etwas qualitativ neues gesagt? „Amazon will Läden in Deutschland eröffnen“, lautete Anfang der Woche die angebliche Breaking-News — wie man’s in Zeiten der galoppierenden Medienkonzentration eben so macht — vorab und prominent über alle Kanäle verbreitet als „sagte XY in einem Interview mit der Funke Mediengruppe“. Nicht ob, sondern wann sei die Frage, las man ebenso schon vorab. Im kompletten Wortlaut des Interviews, welches dann u.a. in der Berliner Morgenpost abgedruckt wurde, kam dann noch die schwurbelige Ergänzung hinzu: „Und die Frage [des Wann] ist immer am schwierigsten zu beantworten“. Das war’s.

Experimente auf dem Auslandsmarkt Nummer Eins

Nichts genaues weiß man nicht, könnte man also auch sagen — denn dass irgenwann nach den Experimenten mit Buchläden in den USA auch in Deutschland eine Buchhandlung mit Amazon-Logo aufmachen würde, schien ja schon seit geraumer Zeit klar zu sein (nämlich spätestens seit Ende 2015, siehe unten). Ebenfalls ist klar, dass Amazon auch den wichtigsten Auslandsmarkt für diverse Experimente nutzt: Aufbau eigener (Express-)Lieferlogistik bis vor die Haustür, innerstädtische Depots (in Berlin zum Beispiel am Ku-Damm-Karree), Packstationen — hierzulande läuft schon eine Menge, gerade in den großstädtischen Testregionen Berlin, Hamburg und München.

Letzte Etappe auf dem Weg in Richtung Multichannel

Steigt Amazon dann tatsächlich demnächst ins stationäre Geschäft ein, wird nur noch das lang erwartete finale Mosaiksteinchen in eine längst offenbare Multichannel-Strategie eingefügt. Der klassische Handel stehe immer noch für 90 bis 95 Prozent des Handesumsatzes, so Kleber gegenüber der Morgenpost (tatsächlich liegt der Online-Anteil im Einzelhandel laut HDE bei knapp zehn Prozent), und man werde sich nicht dem verschließen, was der Kunde wolle. Mit anderen Worten: am Ende wird Amazon genau das machen, was alle anderen eben auch machen, siehe die Multichannel-Strategien der großen Buchhandelsketten.

Klasssischer Buchhandel kann genial lokal schon längst…

Nur das Amazon eben aus der Richtung Online kommt, nicht aus der Richtung Vor-Ort-Handel — und natürlich eigene Filialen als Teil der Umgehungsstrategie vorbei an klassischen Verlagen und klassischem Buchhandel nutzen wird. Parallel spielen aber inzwischen auch große Ketten wie Thalia, aber auch Verbünde wie Genialokal die Stärke von Digital plus Lokal aus, etwa durch das Reservieren bzw. Bestellen und Abholen von Büchern in Filialen.

„Berlin wäre ein Top-Kandidat für einen Amazon-Laden“

Bleibt die Frage: wo wird Amazon die erste deutsche Buch- (&Reader Tablet-, etc.)handlung eröffnen? Das verriet Kleber schon in seinem Vorweihnachts-Interview vom 7. Dezember 2015 gegenüber dem Tagesspiegel: „Berlin wäre ein Top-Kandidat für einen Amazon-Laden“, orakelte der Deutschland-Chef des Unternehmens damals. Und fügte hinzu: „In keiner anderen deutschen Stadt haben wir in so vielen Bereichen investiert, sind wir so breit vertreten und haben wir so viel vor.“

Abb.: Amazon.com, Seattle

Sperrst du Chromecast aus, blockier ich Youtube: Amazon kämpft vs. Google, doch die eigentlichen Opfer sind (mal wieder) die Nutzer

amazon-versus-googleGatekeeper machen am liebsten das, was sie am besten können: Gatekeeping eben, sie halten die Pforte geschlossen. Für die Nutzer ist das schon ärgerlich genug. Noch ärgerlicher wird es, wenn sich zwei Gatekeepter bekämpfen, wie derzeit Amazon und Google. Aktueller Zankapfel ist der Zugriff auf Youtube — auf Amazons Echo Show ist er bereits blockiert, der Zugang via Fire TV wird ab Januar 2018 ebenfalls geblockt, teilte Google jetzt mit.

So lautet die offizielle Begründung: „Wir haben versucht, eine Verständigung mit Amazon zu erreichen, so dass Konsumenten beider Unternehmen gegenseitig Zugang zu Produkten und Services haben. Aber Amazon weigert sich, Produkte wie Chromecast und Google Home zu führen, macht Prime Video nicht für Google Cast-Nutzer zugänglich, und hat auch den Verkauf bestimmter Nest-Produkte gestoppt. Aufgrund dieses Mangels an Entgegenkommen unterstützen wir Youtube nicht länger auf Echo Show und FireTV. Wir hoffen dass wir uns bald einigen können, um diese Probleme zu beheben.“

Amazon wiederum ließ verlauten: „Mit seiner Blockade-Haltung statuiert Google ein enttäuschendes Exempel, indem ausgewählte Benutzer daran gehindert werden, eine ganz normale, offene Webseite zu erreichen.“

Allerdings muss man hier auch dringend mal Anlass und Ursache unterscheiden — denn schon lange liegen beide Konzerne wegen Amazons Android- und App-Store-Politik im Clinch. Nate Hoffelder von The Digital Reader zieht zu Recht eine Parallele zum Streit um konkurrierende E-Reading-Apps in Amazons App Store: auch in diesem Fall trat Amazon bereits als unfairer Gatekeeper auf. Doch diesmal hat der Gegner deutlich mehr Kawumm: Tatsächlich gingen die Verkaufszahlen für das Echo Show erkennbar zurück, seitdem Google im September die Youtube-Blockade verhängt hat.

(via Variety & The Digital Reader)