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Die 100 Tage von Hearst: Print-to-Online-Transition auf die harte Tour

3 Mrz 2009

Der amerikanische Medienkonzern Hearst verschärft angesichts sinkender Umsätze den Übergang von Print- zu Online-Angeboten. Das „100 Days of Change“ genannte Konzept umfasst kostenpflichtige Online-Angebote, höhere Abo-Preise für die Papier-Version und ein neues E-Paper-Package: Abonnenten sollen zukünftig einen E-Reader inklusive E-Abo kaufen. Steven Swartz, Vorsitzender des Konzerns, betont in einem offiziellen Memo die Rolle der digitalen Bezahl-Angebote:

Wir verlangen von unseren Lesern Geld für das Kindle-Abo, und ab jetzt müssen wir auch mit dem iPhone, mit Smartphones und anderen E-Readern Angebote etwas verdienen.

Hearst stellt fest: Die Abonnenten bekommen für ihr Geld eigentlich mehr, als ihnen zusteht

Hearst ist finanziell angeschlagen. Auf einer aktuellen Liste zehn bedrohter US-Zeitungen finden sich zwei Hearst-Blätter. Ein Problem unter vielen ist: die Abonnenten decken mit ihren Abo-Gebühren nicht die steigenden Kosten für Druck und Vertrieb. Das macht man den Subskribenten des bedruckten Papiers offenbar jetzt zum Vorwurf: „Our print subscribers don’t pay us enough today that we can say they are actually paying for content.“ Das klingt fast schon so, als würden die Leser Papier & Druckerschwärze schnorren. Doch eins ist klar: kostendeckend waren die Abo-Gebühren allein noch nie.

Ein eigener E-Reader im Großformat soll das Anzeigengeschäft des Hearst-Konzerns beleben

Entscheidend für die augenblickliche Krise sind die finanziell viel bedeutsameren Anzeigenerlöse. Da man diese konjunkturabhängige Größe kaum beeinflussen kann, sucht man bei Hearst nun offenbar, ähnlich wie bei der New York Times, sein Heil in großformatigen elektronischen Lesegeräten. Mit diesen lassen sich nämlich anders als bei Amazons Kindle auch Anzeigen darstellen. In diesem Fall setzt Hearst auf ein eigenes, in Zusammenarbeit mit der MIT-Ausgründung E-Ink entwickeltes Gadget. Das kündigte vor kurzem Vorstandsmitglied Kenneth Bronfin bei einem Gespräch mit dem Fortune-Magazin an, ohne allerdings weitere Einzelheiten zu nennen. Fortune spekuliert schon mal über die näheren Einzelheiten:

Beim jetzigen Stand der Technik wird der Hearst-Reader sein Debut in Schwarz-Weiß erleben, hochauflösende Farbdarstellung, inklusive Videowiedergabe, ist noch in der Testphase, soll aber später ebenfalls auf den Markt kommen. Inhalte wird man drahtlos herunterladen können. Die Geräte werden flexibel oder sogar faltbar sein.

Eine Print-to-online-Transition lohnt sich nur, wenn möglichst viele Leser auf Papier verzichten

Das verspricht viel für die Zukunft, für den Augenblick jedoch sehr wenig. Zeitung in schwarz-weiß lesen auf einem drahtlos mit dem Internet verbundenen E-Reader kann man dank Kindle jetzt schon. Mit Anzeigen auf einem Schwarz-Weiß-Display gibt es allerdings noch keine Erfahrungen. Hochglanz-Magazine, wie Hearst sie im Angebot hat, wirken in Black&White auch nicht so toll. Wie man in kurzer Zeit möglichst viele Abonnenten vom Papier zum E-Paper locken will, bleibt völlig unklar.

Auch in Deutschland könnte man mit der Methode Hearst viel Geld sparen…

Die forcierte Print-to-online-Transition lohnt sich nur, wenn möglichst viele Leser ganz auf die Papierversion verzichten. Nur dann kann man theoretisch 50 Prozent der Kosten sparen, wie etwa Spiegel Online unter Berufung auf eine Berechnung des Silicon Alley Insider-Blogs schrieb. 50 Prozent der Kosten, und auch einen großen Teil des nicht-journalistischen Personals. Was Spiegel Online nicht schreibt: Silicon Alley Insider empfahl in seinem (auf die New York Times bezogenen) Fallbeispiel zudem, einen Großteil auch des journalistischen Personals zu feuern, und einen Teil davon unter verschlechterten Bedingungen für eine reine Online-Edition wieder einzustellen. Rein rechnerisch könnte man so natürlich auch in Deutschland viel Geld sparen… (Nachtrag: Am 4.3. meldete Kress.de, der SPIEGEL erwarte 2009 einen Rückgang der Anzeigenerlöse im zweistelligen Bereich und müsse in allen Teilen des Unternehmens Sparmaßnahmen ergreifen.)