Against Amazon, oder: Mit handgebundenen Pamphleten gegen die symbolische Enteignung

against-amazon„Sieben Gründe gegen Amazon“ sind schnell bei der Hand — und doch lohnt es sich, die Aufzählung von (weitaus mehr als sieben) Gründen zu studieren, welche der spanische Autor Jorge Carrión in einem „Manifest“ präsentiert hat. „Weil ich kein Komplize sein möchte bei der symbolischen Enteignung“, „Weil wir zwar alle Cyborgs sind, aber keine Roboter“, „Weil ich nicht will, dass sie mich beim lesen ausspionieren“, „Weil ich an die Notwendigkeit auch des minimalsten Widerstandes glaube“, usw.

Clevere Crosspromotion via Chapbook

Dass Carrións Manifest derzeit vor allem in Nordamerika viel diskutiert wird, hat mit einem glücklichen Umstand zu tun: ein kanadischer Buchhändler verkauft die ins Englische übersetzte Version als schön gedrucktes, handgebundenes (bzw. genähtes) Pamphlet (engl. Chapbook). Eigentlich wollte Dan Wells von der Verlagsbuchhandlung „Biblioasis“ in Windsor nur ein paar Exemplare auf der letzten Frankfurter Buchmesse verteilen, zwecks Crosspromotion eines anderen Carrión-Titels („Bookshops: A Reader’s History“).

Buchbinde-Parties binden die Community ein

Doch irgendwie hatte er mit seiner Aktion einen Nerv getroffen, die Nachfrage reißt nicht ab. Inzwischen wurden mehr als 2.500 Stück abgesetzt, vom Buchhändler-Team und weiteren Aktivisten auf eigens organisierten „Book Binding Parties“ zusammengenäht — bei Biblioasis hat man aber auch schon Erfahrung mit solchen „Chapbooks“ in der Tradition frühneuzeitlicher Flugschriften. Doch es bleibt ein Non-Profit-Projekt – „a combination of promotion, public service, and a labor of love“. Lesen kann man Carrións Thesen aber auch ganz einfach — z.B. via lithub.com — im Internet.

(Via Publishersweekly)

Radio zum Antippen, Radio zum Anfassen: Wie haptisch wird das Hörerlebnis der Zukunft sein?

radiohoeren-und-anfassen„Radio ist nichts für mich, da fehlt mir das haptische Erlebnis“ — selbst die meisten E-Book-Verächter würden soweit wohl nicht gehen. Und wären streng genommen heutzutage auch ziemlich im Unrecht. Die sehr handwerklichen Zeiten, in denen man erst aus diversen Bauteilen ein Detektor-Radio zusammenbasteln musste, um dann mit viel Handarbeit mit dem Abtaster auf dem dem Kristall einen Sender herbeizukratzen, den man per Kopfhörer konsumieren konnte, sind zwar vorbei.

Anfass-Radio für die Podcast-Generation

Doch gerade in Zeiten von Podcasts und Streaming ist der Rundfunk wieder zur Handarbeit geworden — vermittelt durch Interaktionen mit dem Touchscreen. Nicht nur, um einzelne Sendungen per Fingertipp auszuwählen, sondern auch, um hinterher Feedback zu geben über Social Media-Kanäle.

Genau in diese Richtung geht ein aktueller Forschungsbeitrag im „Journal of Radio & Audio Media“ — Angeliki Gazi und Tiziano Bonini untersuchen daran das Phänomen des „haptisch vermittelten Radiohörens“ („Haptically mediated radio listening and its Commodification: The remediation of radio through through digital mobile devices“, 2018).

Der Hörer als Datenproduzent

Die Fragen, die sich dabei stellen, sind aus anderen Bereichen bekannt, aber aus Radio-Perspektive erst mal ungewohnt: Plötzlich entstehen beim „interaktiven“ Radiohören viele Nutzerdaten, was soll damit geschehen? Wie können gerade öffentlich-rechtliche Sender verantwortlich damit umgehen? Nicht umsonst steht im Titel der Studie ja auch das Wort „Kommodifizierung“ — die historisch neue Form des Radiokonsums via Smartphone wird ja gerade zum Mainstream-Medium.

Und was kommt dann? Werden Radio, Augmented Reality und das Internet of Things am Ende zu einem ganz neuen Multimedium verschmelzen? Bekommt Radio z.B. durch Gestensteuerung und neue Formen haptischen Feedbacks eine noch konkretere, räumlichere Form? Rückt der Körper des Hörers durch die immer weiter ausufernde Sensorik smarter Geräte stärker in den Fokus der Sendeanstalten und privaten Broadcaster? Gute Idee, diese Fragen mal anzutippen.

Abb.: David Sarnoff, vice-president of the Radio Corporation of America, listens to a wireless radiotelephone (cc-0/gemeinfrei)

Kindergärtnerin, Krankenschwester, Krimiautorin – schlecht bezahlt, selbst schuld? Gender Pay Gap trifft Gender Book Pricing Gap

sonderangebotGender Pay Gap, was war das noch mal? Ach ja, klar, Frauen werden schlechter bezahlt, weil sie … äh, genau, schlechter bezahlte Berufe wählen, wie Kindergärtnerin, Krankenschwester oder … Krimiautorin? Jein. Das stimmt bekanntlich nur zum Teil, denn auch in besser bezahlten Berufen werden Frauen „unerklärlicherweise“ vom meist männlichen Management schlechter bezahlt. Wie tief die Diskriminierung in unserer Kultur verankert ist, zeigt jetzt interessanterweise eine Studie zum Buchpricing.

Gender Pricing Gap liegt bei 45 Prozent

Soziologin Dana Beth Weinberg und Mathematiker Adam Kapelner vom New Yorker Queens College haben für ihre Studie „Comparing gender discrimination and inequality in indie and traditional publishing“ die Preisgestaltung von mehr als zwei Millionen lieferbaren Büchern nach Gender-bedingten Unterschieden analysiert, und siehe da: Bücher von Autorinnen, die bei Mainstream-Verlagen veröffentlicht werden, werden im Durchschnitt 45% günstiger angeboten (oder sollte man sagen: verramscht?) als die ihrer männlichen Kollegen.

Geringere Unterschiede innerhalb einzelner Genres

Nun ist es allerdings so, siehe ganz oben, dass Autorinnen sehr stark in schlechter bezahlten Belletristik-Genres wie etwa Romance vertreten sind, Autoren dagegen sehr stark in besser bezahlten Genres wie Sachbuch oder Wissenschaft. Was bleibt, wenn man das herausrechnet? Tja. Immer noch eine Lücke: “We expected that taking account of the first two discrimination patterns would knock out any remaining differences in prices within genre“, sagt Weinberg, “but we were wrong about that.“ Auch innerhalb einzelner Genres gab es einen Gender Pay Gap von neun Prozent. Der kam den Forschern nicht ganz unbekannt vor: „In retrospect, perhaps we should not have been surprised about this difference, since this pattern also mirrors the wage inequality within jobs that we see in the larger economy.”

Auch Self-Publishing-Titel sind betroffen…

Doch man kann jetzt auch nicht einfach männlich dominierte Verlage vollumfänglich für diese Ungerechtigkeit in Haftung nehmen, ja nicht einmal Verlage überhaupt. Denn auch bei Self-Publishing-Titeln ergab sich innerhalb einzelner Genres von vier Prozent, bei Indie-Titeln insgesamt von sieben Prozent. Was ja letztlich heißen könnte: die von Männern wie Frauen internalisierten sozialen Normen führen auch bei Selbstverlegerinnen dazu, sich unter Wert zu verkaufen.

Vielleicht müsste man aber ohnehin noch mal eine komplette Gegenrechnung aufmachen, was die tatsächlichen Erlöse betrifft. Denn niedriger bepreiste Bücher verkaufen sich ja auch besser — sollte am Ende der erzielte Durchschnitts-Gesamtumsatz von Autorinnen also ähnlich hoch oder sogar höher sein als der von Autoren? Hugh Howey & Data Guy vom Author Earnings Report, bitte übernehmen!

(via The Guardian)

Abb.: Taro the Shiba Inu (cc-by-2.0)

Zahlende Premium-Kunden statt missbrauchte Gratis-Nutzer: Mutiert Facebook zukünftig zum Content-Abo?

facebook-als-aboWird Facebook langsam erwachsen? Und was heißt das? Offenbar vor allem eins: der Slogan „Facebook wird immer kostenlos bleiben“ verändert sich in die Version „Es wird immer EINE kostenlose Version von Facebook geben“. Seit dem Daten-GAU rund um die Beinflussung der US-Präsidentschaftswahlen auf Grundlage missbrauchter User-Daten spekulieren nicht nur mehr Branchen-Insider über ein Abo-Modell, bei dem der Nutzer nicht das Produkt ist, sondern ein Kunde, der deutlich mehr Datensouveränität genießt. Selbst Facebook-Chef Mark Zuckerberg orakelte letzte Woche bei einer Kongreß-Anhörung in Richtung Subskription, siehe obiges Zitat.

Wenn jeder zahlt, ist es einfach…

Wie das gehen könnte, wurde in den letzten Wochen schon mehrfach durchgerechnet — Basis bilden dabei die bisherigen Werbeeinnahmen von 40 Mrd. Dollar (2017) bzw. 60 Mrd. (2018, geschätzt) pro Jahr (2017) sowie die Zahl der Mitglieder insgesamt bzw. in ausgewählten Ländern mit hoher Kaufkraft (USA, Großbritannien, Deutschland, etc.).

Weil nicht jeder zahlen würde, wird’s kompliziert

Interessant bei solchen Modellen: egal ob man von allen wenig kassiert (was unrealistisch ist) oder von wenigen viel (was eher realistisch ist), ein Abo-Modell dürfte bei weitem nicht alle Kosten wieder hereinbringen, sondern eher ein Drittel oder ein Viertel. Mit anderen Worten: auch die kostenlose, werbefinanzierte Form bleibt für das Unternehmen wichtig. Womit Facebook in einer ähnlichen Lage wäre wie viele Zeitschriften- und Zeitungsverlage.

Facebook als Netflix-Ersatz?

Oder gilt das nur in globaler Perspektive, weil mehr als eine Milliarde neugewonnener Nutzer in armen Schwellenländern leben? Für den US-Markt könnte Facebook das „Comcast of Cord Cutters“ werden, prophezeite unlängst die Washington Post — mit 220 Mio. Mitgliedern versammele das soziale Netzwerk in Nordamerika soviele potentielle zahlende Kunden wie derzeit die per Satellit oder Kabel empfangenen Pay-TV-Sender.

6,87 $ täglich sind notwendig

In den USA und Kanada hat Facebook zuletzt 82 Dollar jährliche Werbeumsätze pro Nutzer generiert — was 6,87 Dollar potentiellen Abo-Gebühren pro Monat entspräche. Wenn alle dabei sind. Zum Vergleich: Netflix hat weltweit 118 Mio. User, Amazon Prime ca. 100 Mio. User weltweit, Spotify 70 Millionen User weltweit. Bei monatlichen Gebühren um 10 Dollar. Ist es realistisch anzunehmen, Facebook könnte — entsprechenden Nutzwert/Content vorausgesetzt — ähnliche Zahlen erreichen? Und in welchem Zeitraum?

(via Washington Post, Tech Crunch & Meedia)

Abb.: Ksayer1 (cc-by-sa-2.0)

Das allwissende KfZ-Kennzeichen: Dubai testet vernetzte Nummernschild-Displays

dubai-smart-number-platesDas Nummernschild am Auto ist ja ohnehin so eine Art Display, nur halt in Blech gestanzt. Warum nicht ein „richtiges“, also digitales Display draus machen, das beliebige Informationen anzeigen kann? Am persischen Golf wird genau das getestet, und noch ein bisschen mehr: wenn ab Mai über Dubais sonnenversengte Teerpisten die ersten klimatisierten Limousinen mit digitalen (E-Ink?-)Nummernschildern rollen, wird zugleich ein großer Schritt in Richtung Internet of Things und zugleich in Richtung Totalüberwachung gemacht.

Smartes Schild, gläserner Fahrer

Die neuen Hightech-Nummernschilder können nämlich drahtlos mit der Verkehrsbehörde kommunizieren, dank GPS und Bewegungssensoren aktuelle Fahrdaten übertragen, bei Unfällen selbständig Notrufe absetzen und gesuchte (z.B. gestohlene) Fahrzeuge oder PkWs mit abgelaufener Zulassung durch eine Markierung am Nummernschild kenntlich machen.

Vernetzung mit elektronischer Geldbörse

Auch untereinander können die Nummernschilder Informationen austauschen und so zum Beispiel andere Verkehrsteilnehmer im vernetzten Schwarm vor Staus oder Unfallgefahren warnen. Nicht zuletzt sind die Smart Number Plates auch mit der elektronischen Geldbörse des Fahrers vernetzt, Geldstrafen, Park- oder Mautgebühren können so direkt abgebucht werden.

Gebrauchtwagenkäufer jubeln, Datenschützer grummeln

Auch die Fahrzeugvorgeschichte soll über die schlauen Nummernschilder transparent gemacht werden, vom Produktionsdatum über die Erstzulassung bis zu den Vorbesitzern, Unfallschäden, Wartungsintervallen und Reparaturen. Gebrauchtwagenkäufer dürfte das freuen. Insgesamt sind die mannigfachen Funktionen der digitalen Nummernschilder natürlich ein datenschützerischer Alptraum. Hätte ein einfaches E-Ink-Display mit Autonummer, Amtssiegel und Tüv-Plakette nicht auch ausgereicht?

(via tarnkappe.info)

Die eine Post, die andere Post, & immer Bezos: Trump vs. Amazon geht in die nächste Runde

trump-vs-amazon-twitter-fehdeAch ja, Donald Trump und die Twitter-Fehde mit den „Raketenmännern“. Einer dieser Sparring-Partner lebt in den USA — nämlich BlueOrigin-Gründer Jeff Bezos. Trumps Tweet-Tiraden zieht Bezos freilich aus ganz anderen, nicht-ballistischen Gründen auf sich, schließlich ist er gleichzeitig Chef des knallhart kalkulierenden Weltkonzerns Amazon und stolzer Besitzer der regierungskritischen Washington Post, und gilt persönlich nicht gerade als Freund des aktuellen US-Präsidenten.

Gibt es den „Post Office-Betrug“ wirklich?

Was dem Cheftwitterer aus dem Oval Office nun wieder Munition für diverse populistische Anti-Amazon-Tweets bot. Zum gewohnten Muster „Amazon zahlt keine Steuern & nutzt die WaPo als Lobbyorgan, damit das auch so bleibt“ kam diesmal noch ein drittes Argument hinzu: Online-Händler Amazon missbrauche den US Postal Service als billigen Lakaien für den Transport der Pakete, was der Post Milliardenverluste beschere — angeblich zahle der staatliche Postdienstleister für jedes Paket 1,50 Dollar drauf.

Was allerdings Fake News ist, die Verluste macht die Post in den USA — wie man es auch anderswo kennt — im wenig lohnenswerten Briefgeschäft, während das Paketgeschäft wachsende Gewinne erzielt. Und Steuern sparen Amazon bzw. Bezos natürlich auch deshalb, weil Trump gerade eine Mega-Steuerreform zugunsten der Wirtschaft und der Superreichen durchgedrückt hat.

Washington Post oder Bezostan Post?

Nicht ganz von der Hand zu weisen ist allerdings die Verbindung zwischen Bezos und der Washington Post — und hier dürfte auch der eigentliche Aufreger für Trump liegen. Die WaPo hat sich seit den Pentagon Papers und der Watergate-Affäre den Ruf erworben, durch das freie Wort Präsidenten stürzen zu können. Und am Ende des Tages ist es Bezos, der für die WaPo (alleine schon finanziell) gerade stehen muss.

Wer in diesen Tagen im Kino Steven Spielbergs Historiendrama „Die Verlegerin“ anschaut — im Original vielsagender: „The Post“, was“Verleger-Posten“ wie auch „Washington Post“ bedeuten kann — kommt nicht umhin, die Verlegerin Katharine „Kay“ Graham mit Jeff Bezos zu vergleichen, und Richard Nixon mit Donald Trump. Schließlich sitzt mit letzterem derzeit erneut jemand auf dem Präsidentenstuhl, der die Presse zum Staatsfeind Nummer eins erklärt, während die WaPo mit dem Slogan wirbt: „Democracy dies in Darkness.“

Mr. Amazon als nächster Kandidat?

Fragt sich nur, was die Twitter-Fehde am Ende bezwecken soll: ist es eine persönliche Sache, will Trump seinen Widersacher Bezos ganz einfach aus der Reserve locken? Denn so leicht einschüchtern lässt sich der reichste Mann der Welt nicht, das sollte auch dem nicht ganz so gut betuchten Herausforderer klar sein. Vielleicht ist aber am Ende eine ganz andere Reaktion einkalkuliert — Mr. Amazon als demokratischer Gegenkandidat bei den amerikanischen Präsidentschaftswahlen Ende 2020.

(via Amazon Watchblog & Politico)

Lügen haben längere Beine: Fake News verbreiten sich auf Twitter sechs mal schneller als Fakten

luegen-haben-schnellere-beineFake News verbreiten sich in sozialen Netzwerken bis zu sechs mal schneller als Real News, hat eine Studie von MIT-Forschern ergeben, die jetzt im Magazin „Science“ veröffentlicht wurde („The spread of true and false news online“). Umgekehrt formuliert: Fakten brauchen in der Regel sechs mal länger, um eine bestimmte Anzahl von Empfängern (in der Studie: 1.500) zu erreichen. Untersucht wurden Millionen von Tweets, die zwischen 2006 und 2017 durch die Zwitschermaschine diffundierten. Daraus filterten die Wissenschaftler 126.000 Retweet-Kaskaden, an deren Verbreitung insgesamt etwa drei Millionen Nutzer beteiligt waren.

Gefakte Polit-News als Turbolader

“Falsehood diffused significantly farther, faster, deeper, and more broadly than the truth in all categories of information”, heißt es in dem Paper. Besonders ausgeprägt sei dieses Phänomen bei politischen Inhalten, weniger bei Themen wie Terror, Naturkastrophen, Wissenschaft oder Finanzen. Selbst Urban Legends werden von den Polit-Fakenews abgehängt.

Um den Wahrheitsgehalt bestimmter Tweets zu verifizieren, nutzen die Forscher dieselben Instrumente, die auch normalen Nutzern zur Verfügung stehen, nämlich „fact-checking“-Websites wie FactCheck.org, Snopes oder Politfact, und arbeiteten sich dann durch die Tweetkaskaden zurück zur Ursprungs-Kurznachricht.

Das Problem ist Otto Normaluser

Dabei kam wiederum etwas sehr interessantes heraus: nicht mächtige Influencer oder russische Bots bringen in der Regel den Stein ins Rollen, sondern ganz normale Twitter-User mit relativ wenigen Followern, die Fake News mit ihren Freunden teilen.

Am Ende liegt die Ursache für das Übel wohl in einer Wechselwirkung zwischen menschlicher Psyche und den Gesetzmäßigkeiten der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie: die klassische zwischenmenschliche Gerüchteküche wird durch durch soziale Netzwerke wie Twitter, Facebook, Youtube & Co. leider deutlich verstärkt.

Twitter unterstützt Fake News-Forschung

Vielsagend ist übrigens auch die Tatsache, dass die Twitter-Studie zum Thema Fake News überhaupt zustande kommen konnte. Das Unternehmen zeigte sich nämlich in diesem Fall sehr offen, und stellt die notwendigen Daten in großem Umfang zur Verfügung. Facebook dagegen verhält sich solchen Anfragen gegenüber weitaus restriktiver.

(via vox.com)

Astrophysiker warnen: Wer E-Mails oder E-Books von Außerirdischen öffnet, tut das auf eigenes Risiko

seti-at-home„Watch the Skies!“ — In der Thüringer Sternwarte Sonneberg macht man das schon seit 1925, doch zugleich bleibt auch Zeit für theoretische Überlegungen. So verdanken wir dem dort tätigen Astrophysiker Michael Hippke und dessen US-Kollegen John G. Learned eine aktuelle Warnung davor, E-Mails von Außerirdischen einfach so zu öffnen, erst recht, wenn sie ein Attachment enthalten. Oder überhaupt Nachrichten aus dem All unüberlegt zu dechiffrieren. Die Grundannahme in ihrem Paper zum Thema Interstellare Kommunikation: „Es ist für ETI (d.h. Extraterrestrische Intelligenzen) einfacher, eine böswillige Nachricht zu verschicken, um damit die Menschheit zu vernichten, als Kampfraumschiffe in Marsch zu setzen.“ Weitere Voraussetzung ist natürlich, dass es überhaupt jemanden gibt da draußen – und er anderen gegenüber feindlich gesonnen ist. Was man natürlich nicht ausschließen kann.

„Wir sind Freunde. Bitte führt beiliegenden Code aus!“

Bücher sind nur längere Briefe an Freunde, heißt es ja so schön, doch wenn uns grüne Männchen scheinbar eine Version der galaktischen Enzyklopädie übermitteln, könne das ja auch ein Köder sein, so Hippke und Co. Vor allem, wenn die Nachricht auch komplexen, nur mit Computern ausführbaren Code enthält. Ihr Beispiel: “Wir sind Freunde. Anbei die Galaktische Enzyklopädie. Sie besteht aus einer Form künstlicher Intelligenz, die eure Sprache lernt und alle eure Fragen beantwortet. Ihr könnt den Code mit folgender Anleitung ausführen.“

Kosmische KI als tödliche Bedrohung

Was wohl nicht zufällig ein bisschen nach den üblichen, virusverseuchten E-Mails klingt, die wir regelmäßig in unserem Posteingangskorb finden. Die kosmische Mail wäre allerdings weitaus gefährlicher — denn wäre die künstliche Intelligenz, die uns da geschickt wird, nicht nur böswillig, sondern tatsächlich auch deutlich cleverer als wir, könnte man sie letztlich nicht kontrollieren, selbst wenn sie etwa nur auf dem Mond in einer mit Sprengladungen gesicherten Forschungseinrichtung ausgeführt würde. Die Annahme der Forscher: entweder überlistet die KI am Ende ihre Aufseher, oder machtgierige Dritte helfen ihr zur Flucht.

Dekontaminierung ist unmöglich, was tun?

Und dann Helm ab zum Gebet: „Mit einer Ausbruchswahrscheinlichkeit größer als Null wird die KI an irgendeinem Zeitpunkt frei sein. Das schlimmste, was dann passieren könnte, wäre die Vernichtung der menschlichen Zivilisation oder irgendeine andere nicht wieder rückgängig zu machende globale Katastrophe.“ Was also tun mit der verdächtigen Post von ET? Es gibt letztlich nur zwei konträre Möglichkeiten — da weder die „Dekontaminierung“ noch das „Containment“ solcher Nachrichten möglich sei, müsse man sie sofort zerstören, oder das zwar geringe, aber nicht auszuschließende Risiko in Kauf nehmen, das Leben auf der Erde auszulöschen.

Um intergalaktische Missverständnisse zu vermeiden, geben Hippke und Learned der „active SETI“-Gemeinde übrigens auch noch einen Pro-Tipp mit auf den Weg: wer Nachrichten ins All schickt, sollte das lieber „Text-Only“ machen. Gut, dass wir darüber geredet haben.

Abb.: Bildschirmschoner des SETI@home-Clients, Gnu Public License

Mit den Autorinnen verschwinden die weiblichen Charaktere: Langzeitstudie zeigt kontinuierliche „Vermännlichung“ der Belletristik von 1850 bis 1950

gender-gap-in-fictionWenn clevere Algorithemen digitale Archive durchforsten, kommt nicht selten überraschendes heraus — manchmal möchten Forscher dabei sogar ihren eigenen Augen nicht trauen. Als Forscher von zwei US-Universitäten aus Illinois und Kalifornien jetzt 104.000 belletristische Werke der Jahre 1780 bis 2007 unter die Lupe nahmen, und dabei automatisch das Geschlecht von Autor wie auch der Protagonisten registrierten, erwarteten sie eigentlich die stetige Zunahme weiblicher Charaktere bis in die Gegenwart.

Gender Gap trotz First Wave Feminismus

Tja, falsch erwartet. Das Gegenteil ist nämlich der Fall: “from the 19th century through the early 1960s we see a story of steady decline,” schreiben Ted Underwood, David Bamman and Sabrina Lee in ihrem Artikel „The Transformation of Gender in English-Language Fiction“. Auch die Zahl der von Frauen verfassten Werke halbierte sich zwischen 1850 und 1950. Lag der Anteil Mitte des 19. Jahrhunderts noch bei etwa 50 Prozent, so sank er bis in die frühen 1960er Jahre auf ungefähr 25 Prozent.

Die Forscher waren über diese Zahlen so verblüfft, dass sie alles nochmals durchrechneten, um den vermeintlichen Fehler zu finden — es gab aber keinen, der Schwund ist real. In der Literaturgeschichtsschreibung war mangels verlässlicher Langzeit-Daten aber bisher niemand darauf aufmerksam geworden.

Autorinnen gewähren paritätischen „Character Space“

Noch eine bezeichnende Erkenntnis der Studie: mit der schwindenden Zahl der Autorinnen schwindet nicht nur die Zahl weiblicher Charaktere in Erzählungen, der ihnen zugemessene Erzählraum schrumpft sogar überproportional. Denn während Autorinnen offenbar generell Männer und Frauen in ihren Romanen gleichermaßen zu Wort kommen lassen, räumen Männer weiblichem Romanpersonal nur ein Viertel bis ein ein Drittel „character space“ ein.

Daran haben übrigens uch alle kulturellen Umbrüche und Feminismus-Wellen nichts ändern können: Trotz grundsätzlich beobachtbarer Verschiebungen im Geschlechterdiskurs, inklusive der weniger starken Markierung von Männlichkeit oder Weiblichkeit über die Sprache, besteht diese Tendenz der Ungleichheit bei den Redeanteilen bis in die Gegenwart fort.

(via The Guardian)

Bridget Lawless, oder: Keine Frauenleiche zum Frühstück – neuer „gewaltloser“ Thriller-Award setzt #Metoo-Debatte fort

staunch-award-trhiller-ohne-frauenleicheWas braucht man für einen guten Thriller? Bisher sah das Rezept oft so aus: Man nehme einen männlichen (Serien-)killer mit verpfuschter Jugend, blutjunge Frauen als Opfer, und einen väterlich-freundlichen Kommissar in der Midlife-Crisis. Schluss damit, sagt nun die britische Drehbuch-Autorin Bridget Lawless — es hat genug Gewalt gegen Frauen gegeben, sowohl fiktiv wie auch real! Als Teil der Lösung hat sie den „Staunch Book Prize“ ausgerufen. Einzige Voraussetzung der Teilnahme: man muss einen englischsprachigen Thriller einreichen, in dem „keine Frau geschlagen, gestalkt, mißbraucht, vergewaltigt oder ermordet wird.“ („in which no woman is beaten, stalked, sexually exploited, raped or murdered“)

„Es gibt eine Menge großartige Stories die so etwas einfach nicht brauchen“, so Lawless gegenüber nbcnews. „Wenn Frauen ständig als hilflose Opfer dargestellt werden, als inaktiv und Staffage für Männer, die Verbrechen aufdecken und sie beschützen, dann hat das meiner Meinung nach einen unbewussten Effekt darauf, wie Frauen sich selbst sehen und von anderen betrachtet werden.“ Die Gewinnerin oder der Gewinner des Awards — dotiert mit einem Preisgeld von umgerechnet 2330 Euro — wird am 25. November 2018 bekanntgegeben, dem „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“.

Der neue Award darf als Reaktion auf die #Metoo-Debatte verstanden werden, und zugleich als Erweiterung bisheriger Interventionen: Man konzentriere sich auf den Thriller, so Lawless, weil es sich um ein großes, um ein bedeutendes Genre handele — und oft würden Thriller auch als Drehbuchvorlage für Kino- und TV-Produktionen dienen. „Lasst uns nicht nur den Lesern, sondern auch Produzenten, Regisseuren und Schauspielern zeigen, dass heutige Autoren großartige, komplexe Thriller schreiben können, mit neuen Ideen, großer Vorstellungskraft und Erzähltalent.“

Für ihren Schritt hat Lawless viel Unterstützung erfahren, zumindest allgemein gesprochen, speziell die Thriller-Autoren sind allerdings deutlich geteilter Meinung. Ein sehr interessanter (weil absurder) Einwurf lautet: dann kommen ja noch weniger Frauen in der Literatur vor als bisher. Was natürlich stillschweigend voraussetzt, dass die Täter weiter Männer bleiben – was ja auch nicht zwingend ist.

Der Staunch Award weist insofern noch einmal deutlich auf die Macken der „Geschlechterordnung“ hin: ist die Frau ein Opfer, alles ganz normal. Ist sie Täterin, heißt es plötzlich: „doppelte Delinquenz“, Verstoß gegen das Strafgesetzbuch und auch noch die angebliche „Geschlechtsnatur“. Letzlich alles Quatsch, weil es sich um konstruierte, tradierte Vorstellungen handelt. Es könnte alles ganz anders sein, und Literatur ist ein guter Ansatzprunkt. Denn die Welt der Krimi-Literatur (bzw. dem Krimi-Drehbuch) lässt sich schon mit einem Federstrich verändern — Literatur war schließlich immer schon der Modus des Möglichen. Warum darauf verzichten?

(via The Guardian & nbcnews)