Keine Kulturflatrate, keine totale Kontrolle: Bundesjustizministerin beim Urheberrecht ein bisschen „schizo“

urheberrecht-berliner-rede-leutheusser-schizoNiemand hat die Absicht, im Internet Mauern zu errichten, könnte man Sabine Leutheusser-Schnarrenbergers „Berliner Rede“ zum Thema Urheberrecht zusammenfassen. Auch eine Online-Version des Kombinats „Horch&Guck“ soll es nicht geben: detaillierter Kontrolle des individuellen Surfverhaltens erteilte die Bundesjustizministerin eine Absage. Doch wie man das Urheberrecht von Journalisten, Schriftstellern oder Musikern schützt, ohne zugleich die Rechte aller Netz-Bürger zu beeinträchtigen, verriet die Ministerin leider nicht.

„Beim Thema Urheberrecht bin ich so schizophren, eigentlich müsste man mich einweisen“

In der Politik muss man oft schmerzhafte Kompromisse eingehen, die vom ursprünglichen Ansatz nicht viel übrig lassen. Wer wüsste das besser als die vielfach als „Umfaller-Partei“ geschmähte FDP. Noch schlimmer ist es aber, wenn man von Anfang an keine klare Linie hat. Vielleicht war es nicht ganz zufällig, dass Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger in ihrer Berliner Rede den Linux-Erfinder Linus Thorvalds zitierte: „Leider stelle ich fest, dass ich dem Thema Urheberrecht derart schizophren gegenüber stehe, dass man mich eigentlich einweisen müsste“.
Ein bisschen schizo klang nämlich schon, was die vehemente Gegnerin der Vorratsdatenspeicherung Anfang der Woche in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ex cathedra verkündete. Sie verglich das Recht der Kreativen, über die Nutzung ihrer Werke zu bestimmen ausgerechnet mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung.

Um das Urheberrecht durchzusetzen, muss man den Surfern an die Wäsche gehen

Was denn nun – Daten schützen oder noch mehr Daten erheben? Denn um das Urheberrecht im Internet konsequent durchzusetzen, muss man den Usern an die Wäsche gehen, in ihre Privatsphäre eindringen. Selbst wenn man sie nur warnend am Schlawittchen packen möchte, wie Leutheusser Schnarrenberger:

Ein Vorschlag zielt darauf ab, diejenigen, die eine Urheberrechtsverletzung begehen, frühzeitig zu warnen. Da würde dann etwa ein User den automatischen Hinweis auf seinen Bildschirm bekommen: ‚Hallo, was Du da gerade tust, ist illegal und verletzt das Urheberrecht‘.

Da wünscht man sich schon eine ähnlich Regelung für Politikerreden: „Hallo, was Du da gerade forderst, ist illegal und verletzt die Bürgerrechte.“ Irgendwelche mentalen Warnlampen scheinen tatsächlich geblinkt zu haben, denn die Bundesjustizministerin beeilte sich hinzuzufügen, solch ein Modell sei für sie nur akzeptabel, wenn sich dies „technisch ohne eine Inhaltskontrolle und Datenerfassung realisieren ließe“. So wirklich scheint die Ministerin an diese Quadratur des Kreises selbst nicht zu glauben. Oder geht es letztlich doch nur um die Frage, wer hier wen überwacht? Wenn es nicht staatliche Cybercops sind, sondern Provider, die ihren Nutzern stärker auf die Finger schauen, weil sie sonst Regressforderungen von Rechteinhabern fürchten müssen, scheint das für L-S offenbar ganz okay zu sein.

Die Kulturflatrate – Internet-GEZ oder Zwangskollektivierung?

Staatsferne als ein Wert an sich, dem alles andere unterzuordnen ist? Beim Thema Kulturflatrate funktioniert das auch in die andere Richtung: „Eine Kulturflatrate – die stellen sich einige offenbar so vor, wie eine Internet-GEZ“, vermutet die Ministerin. Um dann gleich mal klarzustellen: Dies wäre eine „Zwangskollektivierung“ der Urheberrechte, was für L-S offenbar so etwas bedeutet wie digitaler Maoismus. Gleichzeitig fürchtet die Freidemokratin im Fall der Flatrate „gewaltige Verteilungskämpfe um die Einnahmen“. Verteilungskämpfe gibt es aber auch so – und sie führen, wie das von der FDP-Ministerin unterstützte Projekt „Leistungsschutzrecht für Verlage“ zeigt, am Ende ebenfalls zu einer Form von Zwangskollektivierung. Denn am Ende würde es bei diesem Szenario eine neue Verwertungsgesellschaft für Online-Inhalte geben, die das Geld der User einsammelt und an die Verlage weitergibt. Eine andere Form von Zwangskollektivierung gibt es bereits jetzt – denn die großen „Gatekeeper“ wie Apple, Amazon oder Google kassieren an der Paywall zu ihren Content-Plattformen schließlich alle anderen Marktteilnehmer ab. Es gibt eben nicht nur, wie L-S beklagt, „Verwerter fremder Kreativität, die ihre lukrativen Geschäftsmodelle der Vergangenheit verteidigen“, auch rückwärts gewandte Verwerter der Zukunft stecken ihre Claims ab.

Damit die Netzökonomie funktioniert, muss das Urheberrecht vom Kopf auf die Füße gestellt werden

Demokratische Kultur, so die Bundesjustizministerin, braucht einen funktionierenden „Markt der individuellen Entlohnung durch ein breites Publikum“. Dem kann man so sicher zustimmen. Doch weder Demokratie noch Markt sind zwingend mit Bezahlschranken und Paid Content verbunden. Es gibt sogar interessante Alternativen jenseits der Kulturflatrate – das Web 2.0 bietet eine ganze Palette neuer Möglichkeiten individueller Entlohnung. Kann man sich etwas demokratischeres vorstellen als Crowdfunding, also freiwillige Beiträge, die von der Netzgemeinde eingesammelt werden? Gibt es ein breiteres Publikum als etwa für einen weltweit frei verfügbaren Web-Comic, dessen kommerzielle Verwertung über die Printversion stattfindet? In ihrer Berliner Rede forderte die Bundesjustizministerin immer wieder, die Urheber selbst in den Mittelpunkt des Urheberrechts zu stellen. Bisher können aber Autoren in den meisten Fällen überhaupt nicht darüber entscheiden, in welcher Form ihre Werke in digitaler Form von großen Verlagen oder Content-Plattformen verwertet werden. Also etwa ob mit Kopierschutz oder ohne, ob kostenlos oder kommerziell. Es ist ja schön, wenn die Liberalen für die freie Verlinkung von Webseiten eintreten oder gegen Netzsperren plädieren. Doch wenn die Netzökonomie ihr Potential voll entfalten soll, muss man vor allem das Urheberrecht vom Kopf auf die Füße stellen. Dafür braucht man allerdings eine klare Position. Das würde in diesem Fall bedeuten: entweder Leutheusser, oder Schnarrenberger.

Deutsches iTunes statt Leistungsschutzrecht: Plädoyer für eine branchenübergreifende Bezahlplattform

Mit dem sogenannten Leistungsschutzrecht wollen deutsche Verlage ihre Web-Inhalte vor unerlaubter Weiterverbreitung bewahren. Doch was ihnen wirklich fehlt, ist wohl eher ein vernünftiges Geschäftsmodell für digitale Güter vom E-Book bis zum Musik-File. CARTA-Mitherausgeber Matthias Schwenk plädiert in seinem Beitrag für eine branchenübergreifende Bezahlplattform, die Paid Content so einfach machen könnte wie wir es bereits von Apples iTunes gewohnt sind.

Was wirklich fehlt, ist eine branchenübergreifende Bezahlplattform

Der Lobbyismus deutscher Verleger um ein Leistungsschutzrecht für ihre Branche ist eine unwürdige und unnötige Veranstaltung. Ein solches Gesetz wird überhaupt nicht gebraucht, da der Markt die Dinge sehr wohl zugunsten der Verlage würde richten können. Das Wesentliche, was dazu fehlt, ist eine branchenübergreifende, standardisierte Plattform für das Bezahlen im Internet, die so einfach funktioniert wie Apples iTunes. Würden sich alle Verlage und Medienhäuser verbindlich mit ihren Medien daran beteiligen, könnten die Leser im Web mit einem einzigen Account überall einkaufen: Hier einen einzelnen Artikel, dort ein Abonnement und wieder woanders eine Sonderedition. Eine Medienbezahlplattform mit Akzeptanz bei den Usern müsste dabei nicht auf Zeitungen oder Zeitschriften beschränkt bleiben: Sie könnte (nach und nach) auf verwandte Gattungen ausgedehnt werden, etwa auf die Buchverlage oder Anbieter von Musik oder Filmen. Zu Ende gedacht könnte schließlich auch der Handel mit Waren partizipieren, so dass damit insgesamt ein bedeutendes deutsches Gegengewicht zu Apple und Amazon, den beiden auch hierzulande führenden Plattformen, entstünde. Wäre das nicht eine Vision?

Eine Alternative zu Apple und Amazon brächte mehr Geld und weniger Zensur

Bei dieser Lösung könnte jeder beteiligte Verlag seine Preise autonom setzen und hätte bei jeder Buchung nur einen geringen Abzug, der für die Betriebskosten der Bezahlplattform aufkommt. Nicht aber Abzüge im Bereich von 30 bis 40 Prozent, wie dies andernorts heute der Fall ist. Zudem entfiele hier das Problem der Zensur, so dass Bildzeitung oder Playboy sich mit ihren Inhalten am Geschmack der Leser orientieren könnten und sich nicht den seltsamen und willkürlich anmutenden Standards eines einzelnen Firmenchefs in Amerika unterordnen müssten. Ganz nebenbei könnte eine solche Plattform auch noch etwas für den Jugendschutz tun: Wer einen Account anlegen will, muss sein Alter überprüfen lassen, so dass sich in der Folge Minderjährige vom Kauf ungeeigneter Inhalte abhalten lassen.

iTunes hat gezeigt, das Paid Content funktionieren kann – nicht nur bei Musik

Natürlich werden die Verleger argumentieren, dass das alles keinen Zweck habe, weil das Publikum für Inhalte im Internet nicht bezahlen wolle. Aber stimmt das auch? Wer heute ein iPhone oder auch ein iPad nutzt, erkennt sofort, wie bequem hier eingekauft werden kann. Der Vorgang ist immer gleich, über alle Inhalte oder Gattungen hinweg. Die Standardisierung und intuitive Einfachheit des Bezahlvorgangs macht es wohl aus, dass Apple damit in den USA zum größten Online-Musikhändler aufsteigen konnte und sein Angebot nun in alle anderen Richtungen digitaler Medieninhalte ausweitet. Das Geschäft ist offensichtlich lukrativ, allem Filesharing über andere Kanäle zum Trotz. Den deutschen Medienanbietern muss zudem auch entgegengehalten werden, dass sie in der Vergangenheit mit dem Internet nicht wirklich viel anfangen konnten und ihre Ansätze zu Paid Content daher auch eher phantasielos und lustlos gerieten. Tageszeitungen etwa in Form von Pdf-Dateien im Original-Layout der Printversion im Netz zu verkaufen war keine gute Idee: Für den Leser am Bildschirm war das nur eine Quälerei und sicher nicht geeignet, das Publikum an Paid Content zu gewöhnen. In Zukunft wird man sich mehr einfallen lassen müssen und seine Inhalte so formen, dass sie so begehrenswert wie die Hardware von Apple wird. Dass Paid Content funktionieren kann, zeigt aktuell das Magazin Wired, das von seiner ersten Ausgabe auf dem iPad vermutlich mehr Exemplare verkaufen wird als von der gedruckten Version. Verabsolutieren darf man dieses Beispiel natürlich nicht. Es zeigt aber, dass Paid Content, immer in Kombination mit Werbung und auch einer teilweise frei zugänglichen Version, offenbar doch eine Zukunft hat.

Noch ein Vorteil: Neutralität in Sachen Werbung & Marktforschung

Eine eigene Bezahlplattform hätte einen weiteren Vorteil: Sie wäre vollkommen neutral in Sachen Werbung und Marktforschung. Apple nämlich könnte das Ziel haben, für seine Applikationen im App Store die Werbemöglichkeiten auf das neue, hauseigene Programm iAds zu beschränken und ist bereits dabei bestimmte Fremdanbieter bei der Datenerhebung auszuschließen. Dies richtet sich natürlich in erster Linie gegen Google, ist aber auch ein Affront gegenüber den Applikationsentwicklern und Inhalteanbietern, die sich in immer stärkerem Maß nach Vorgaben von Apple richten müssen. Wie gut wäre es doch demgegenüber, man könnte sich voll und ganz auf seine Seiten im Netz konzentrieren: Ein Medienanbieter muss hier nur auf die Darstellbarkeit seiner Inhalte in unterschiedlichen Browsern Rücksicht nehmen und kann ansonsten Werbung einblenden wo und wie er will. Er muss keine Zensur fürchten und kann seinen Content teils frei, teils hinter die Bezahlschranke stellen, ja wenn es sie nur gäbe, die einheitliche, überall akzeptierte und vom Publikum gern genutzte Bezahllösung.

Wollen wir wirklich die endlose Fragmentierung von Content?

Da wir diese aber nicht haben und die Verleger lieber die Rechtsanwälte an Stelle der Programmierer bemühen, werden wir in Deutschland bald schon ein schönes Leistungsrecht bekommen! Paid Content dagegen wird es in endlos fragmentierter Form geben, teils in Apples App Store (mit Zensur), teils bei Google Android (ohne Zensur) und sicher auch bald bei Microsoft, Nokia und anderen. Natürlich wird die Hardware all dieser Anbieter untereinander immer weniger kompatibel sein, denn die einzelnen Bezahlplattformen wollen ja geschützt sein und was für die Hardware gilt, wird für die Medieninhalte erst recht gelten: Was auf einer Plattform gekauft wird, wird sich nur schwer oder gar nicht auf konkurrierende Plattformen migrieren lassen. Wollen wir das? Ist diese Perspektive wirklich im Sinne von Medienanbietern und ihren Kunden? Ganz sicher nicht. Aber vermutlich werden wir dieses Tal der Tränen durchschreiten müssen, weil Verlage und Verleger weithin immer noch kein Gespür für das Internet haben und sich mit einer Wagenburgmentalität unter den Schutz von Gesetzen flüchten anstatt die Zukunft zu gestalten.

Autor & Copyright: Matthias Schwenk

(Der Originalartikel erschien am 11. Juni 2010 auf CARTA)

Drin, aber nicht angekommen – „Konkret“ und die Furcht der Linken vor den neuen Medien

drin aber nicht angekommen konkret und die medienfurcht der linken.gifIm neuen Konkret feiert die alte Medienfurcht der deutschen Linken fröhlich Urständ: das Internet ist für Herausgeber Gremliza eine Kloake des deutschen Kleingeistes, E-Reader wie Apples iPad findet Kolumnist Kusenberg fast so schlimm wie Privatfernsehen. Vielleicht weist ja bereits die technisch veraltete Konkret-Homepage auf ein grundsätzliches Problem mit dem drahtlosen Zeitalter: man ist zwar drin, aber noch nicht wirklich angekommen.

Abgetaucht in das ungeheure Kanalsystem der öffentlichen Meinung

Konkret nennt sich nicht ohne Stolz Deutschlands „einzige linke Publikumszeitschrift“. Das 1957 gegründete Magazin erreicht immer noch eine Auflage von 65.000 Stück – obwohl es mit seinen kleingedruckten, dreispaltigen Letternwüsten mittlerweile etwas altmodisch daherkommt. Traditionell ist jedoch auch die Perspektive auf das Mediensystem: alles, was mit Masse zu tun hat, und erst recht mit elektronischen Verbreitungsformen, unterliegt erst einmal dem Generalverdacht von Geistlosigkeit und/oder Manipulation. Das Internet etwa wird in der aktuellen Kolumne von Herausgeber Hermann L. Gremliza mal wieder kräftig abgewatscht – es scheine die „große Kloake der öffentlichen Meinung durch unzählige kleine Jauchegruben verdrängen zu wollen“. Von der Utopie des Mediums – Stichwort: herrschaftsfreier Diskurs – bleibt da keine Spur mehr. Brecht hatte in seiner „Radiotheorie“ noch die Vision: wenn alle nicht nur empfangen, sondern auch senden dürfen, entstünde der „großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem“.

Droht im Internet das „Massaker der totalen Meinungsfreiheit“?

Gremliza denkt da offenbar ganzheitlicher als Brecht – das Kanalsystem braucht auch eine Kläranlage. Angesichts der „Massaker totaler Meinungsfreiheit“ in Blogs und Chat-Foren wünscht sich Gremliza die „zivilisatorischen“ Errungenschaften der Gutenberg-Galaxis zurück, insbesondere redaktionelle Hierarchien. Dem Furor über das Forum folgt der Ruf nach dem Zensor – woher kommt dieser autoritäre Kurzschluss? Ganz einfach: Der Herausgeber ist in die Welt von digitalen Avataren wie Hase19 und LatteM hinabgestiegen, und was es dort zu sehen gab, war ihm ein Gräuel: „Schmierer, die nicht zwischen das und daß unterscheiden können, richten en Blog über Gott und die Welt.“ Doch nicht nur „dass“: „in den Suchmaschinen reservieren sie, ich weiß nicht wie, die ersten Plätze wie deutsche Touristen morgens um fünf mit ihren Handtüchern die Liegestühle am Ballermann.“

Enzensberger wird konkret: „Veraltete Kommunikationsformen und esoterische Handwerkelei“

Aufschlußreich an letzterem Zitat ist wohl vor allem der Einschub „ich weiß nicht wie“. Schaut man sich die Internet-Präsenz von Konkret an, beginnt man das grundsätzliche Problem zu ahnen: technisch und gestalterisch verharrt der Online-Auftritt von Deutschlands ältester linker Publikumszeitschrift auf dem Stand der späten Neunziger Jahre. Mit anderen Worten: Konkret ist zwar drin, aber nicht wirklich angekommen. Offenbar steckt ein Teil der deutschen Linken noch immer in einem Dilemma, das Enzensberger schon vor vierzig Jahren in seinem medienpolitischen Baukasten kritisierte: man würde aus Berührungsangst vor den Medien in der politischen Praxis auf „veraltete Kommunikationsformen und in esoterische Handwerkelei“ ausweichen, die etwa dem Stand von 1900 entspreche. Im Privatleben „hören sie die Rolling Stones, verfolgen auf dem Bildschirm Invasionen und Streiks und gehen ins Kino zum Western oder zu Godard“. Die praktische Arbeit mit den neuen Medien, so Enzensbergers Vorwurf, überlasse man dagegen jedoch vollkommen der Subkultur, dem Underground – heute könnte man am Ende wohl auch Gestalten wie LatteM und Hase19 dazu zählen. Doch von dieser „Medienfeindschaft der Linken“, so warnte Enzensberger zu recht, „profitiert einzig und allein das Kapital.“

„Wer ein iPhone nutzt, akzeptiert die Allmächtigkeit des Systems“

Ach ja, das Kapital. Während aus der Perspektive der linksdrehenden Gutenberg-Galaxis ausgerechnet das demokratisch-utopische Potential des Internets zum Problem hochsterilisiert wird, zieht Konkret bei der Betrachtung des Mediums E-Book schnell noch mal die alte Manipulationsthese aus dem Ärmelschoner: wenn Großunternehmen wie Amazon oder Apple kontrollieren können, was auf den E-Reader gehört und was nicht, kann ja nichts vernünftiges dabei rauskommen. In der aktuellen Kulturkolumne hat sich Peter Kusenberg vor allem das neue iPad zur Brust genommen. Warum überhaupt der ganze Medienrummel um Apples Tablet!? „Das iPad besitzt keinen erweiterbaren Speicher, es beherrscht kein Multitasking, die Betriebssoftware ist restriktiv, und der Name läßt englischsprachige Menschen an Tampons denken“. Soweit, so gut. Interessanterweise wird im Unterschied zu Gremlizas Internet-Schelte nun aber Apple vorgeworfen, die totale Freiheit des Internets auf seinen vernetzten Gadgets durch eine Kontrollausübung einzuschränken: „Wer ein iPhone nutzt, der akzeptiert die Allmächtigkeit des Systems und lädt die gewünschten der rund 150.000 Programme herunter, die allesamt von Apple geprüft wurden. Wäre das Apple-Modell der Standard im Internetzeitalter, dann kontrollierten auschließlich wenige Konzerne, zu welchen Inhalten die Menschen Zugang erhielten.“ Doch nicht nur das. Die bösen Konzerne würden durch Digital Rights Management auch noch kontrollieren, was man mit E-Books tun darf, und was nicht: „Wer im App Store Marxens Kapital kauft, der darf dieses E-Buch nicht auf einen Linux-PC übertragen. Das ist ein technischer Rückschritt um mehrere Jahrzehnte.“ Mit anderen Worten: die bösen Konzerne übertragen die Regeln der Gutenberg-Galaxis auf das drahtlose Zeitalter. Wahrlich ungerecht!

Die Marx-App kann man nicht auf Linux-PCs lesen – Kusenbergs Kolumne aber auch nicht

Was die inhaltliche Kontrolle betrifft, können sich Apple & Co. jetzt aber lustigerweise auf Hermann L. Gremliza berufen. Ist Apples Content-Filter nicht eine „zivilisatorische Errungenschaft“, ähnlich wie die des Zeitschriften- und Zeitungsredakteurs? Schließlich könnten ja Hase19 und LatteM auch auf die Idee kommen, eine iPhone-App zu basteln, eine ganz geschmacklose, mit vielen Rechtschreibfehlern. Doch auch die Passage zur verhinderten Marx-Lektüre auf dem Linux-PC entbehrt nicht einer gewissen Ironie – denn Kusenbergs Kolumne kann man auch nicht auf einem Linux-PC lesen. Genauer gesagt, auf gar keinem PC. Es gibt sie – genau wie Gremlizas Internet-Invektiven – ausschließlich in gedruckter Form. Zum Digital Rights Management von Konkret gehört es nämlich, nur einen Teil der Heft-Texte auch online zur Verfügung zu stellen. Nun ist das durchaus nicht unüblich. Doch ausgerechnet zwei Kolumnen unter Verschluss zu halten, die sich kritisch mit den neuen Medien auseinandersetzen, und speziell mit elektronischem Lesen, entwertet die Kritik schon im Ansatz. Oder ist alles am Ende nur heroische Pose? Das aktuelle Heft endet schließlich mit einem Kluge-Zitat: „Das Internet ist nur ein Bild für eine übermächtige Faktizität, gegen die wir uns etwa seit Verdun 1916 in Gegenwehr befinden.“

„Electronic Book Burning“ – Alan Kaufmans umstrittene Polemik gegen E-Books & Digitalisierung

Alan Kaufman Electronic Bookburning Polemik gegen E-Books.gifDroht uns eine „elektronische Bücherverbrennung“? Der New Yorker Schriftsteller Alan Kaufman polemisiert in einem umstrittenen Essay gegen E-Books und die Digitalisierung unserer Kultur – allerdings mit merkwürdigen Vergleichen. Da ist von einer „Deportation“ der Literatur in virtuelle Räume die Rede und von einem „High-Tech Pogrom“ gegen das Buch. Veröffentlicht hat Kaufman seinen Text ausgerechnet in der Online-Zeitschrift „Evergreen Review“.

Die Evergreen Review und der kulturelle Counter Strike gegen Google & Amazon

Die Zeitschrift Evergreen Review bot ihren Lesern schon immer „Counter Culture“ – in der Nachkriegszeit druckte sie Texte von Jean-Paul Sartre, Timothy Leary oder William S. Bourroughs. 1964 wurde eine Ausgabe wegen Pornographie-Vorwürfen beschlagnahmt, nach dem Abdruck eines Che Guevara-Fotos auf dem Cover verwüstete im Jahr 1968 ein Bombenanschlag von Castro-Gegnern die Redaktionsbüros. So oder so, Evergreen Review war Kult. Zu den besten Zeiten verkaufte man eine Million Exemplare pro Ausgabe – doch 1973 wurde das Magazin eingestellt. Erst in den Zeiten des Internets gab es 1998 dann Revival – als Onlineversion. Der „Counter Culture“ bleibt man aber offenbar verpflichtet – das zeigt Alan Kaufmans aktueller Essay zum Thema „Electronic Book Burning“.

Gibt es wirklich ein „Hi-Tech-Pogrom“ gegen das Buch!?

Denn da wird schon von der ersten Zeile an hart ausgeteilt gegen Google, Amazon & Co. – das Verschwinden der Buchläden in New York und anderswo bezeichnet Kaufman als „stille Kristallnacht“ gegenüber der schwindenden Minderheit von Buchliebhabern. „Wie tote Seelen verlassen die Buchinhalte ihren irdischen Körper in Richtung einer besseren Welt: Kindle, e-book, Web, die High-Tech-Version des Paradieses.“ Durch Googles Buchprojekt bekommt die Digitalisierung für Kaufman eine ganz besondere Dramatik: „Man muss sich entscheiden, wo man steht, die Enteignung ist schon Tatsache geworden, entweder, man ist dabei, oder man bleibt zurück und gerät in Vergessenheit.“ Die Grundzüge von Kaufmanns Kritik klingen bekannt – Bücher werden zur Ware, sinken im Wert, der Urheberrechtsschutz ist durch die beliebige Reproduzierbarkeit bedroht. Doch die Begriffe sind äußerst polemisch: da ist die Rede von einem „hi-tech pogrom against the book“, das Verschwinden der „echten“ Bücher wird als „catastrophe of holocaustal proportions“ bezeichnet, die Buchhandlung wird gleichgestellt mit der Synagoge im Nazi-Deutschland als „house of a doomed religion“. Und es ist eben, wie schon im Titel, von den elektronischen Lektüre-Scheiterhaufen die Rede – bis hin zum unvermeidlichen Heine-Zitat „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“…

Reservist Kaufman würde für ein gutes Buch in den Stiefeln sterben…

Nun war Alan Kaufman schon immer ein Querkopf, der seine eigenen Wege geht. Er setzte sich für Poetry-Slam ein, als diese neue Kunstform in den USA fast noch niemand kannte. Von ihm herausgegebene Bände tragen Titel wie die „Outlaw Bible of American Poetry“ oder die „Outlaw Bible of American Essay“. Und Alan Kaufman ist auch ein sehr streitbarer Zeitgenosse. Das hat auch etwas mit seiner Biographie zu tun. Geboren und aufgewachsen in der New Yorker Bronx als Sohn eines Holocaust-Überlebenden, leistet er vor mehr als zwanzig Jahren seinen Wehrdienst bei der israelischen Armee ab. Mehrmals wird er als Reservist wieder eingezogen – zuletzt 2003 in den Gaza-Streifen. Die Gewalterfahrungen aus dieser Zeit tauchen in seinem vor vier Jahren erschienenen Roman „Matches“ wieder auf. Doch ein Roman ist eben vor allem ein Roman – hat also eine fiktiven Rahmen. Kaufmans Kritik am E-Book könnte man sich als satirische Rollenprosa einer Woody-Allen-Figur vorstellen, doch als Essay sind solche Thesen schon sehr starker Tobak. Auch wenn man abzieht, dass Kaufmans Plädoyer für das gedruckte Buch eben aus der romantischen Perspektive eines Literaten geschrieben wurde. Denn selbst die Print-Nostalgie wird überdeckt von einer heroischen Perspektive: „Für mich ist ein Buch ein heiliges Ding, eine Torah, ein Vermächtnis, etwas, das nicht nur Wert ist, dafür zu leben, sondern auch, wie Ray Bradbury’s ‚Fahrenheit 451‘ zeigt, dafür zu sterben.“

Ist Kaufmans Polemik am Ende essayistische Slam-Poetry aus der Jewish Bronx?

Immerhin bleibt Kaufman ein Rest von Selbsterkenntnis – schließlich weiß er, dass viele andere Autoren überhaupt kein Problem damit haben, als Bestsellerautor vom „Über-Kindle“ geschluckt zu werden. „Perhaps I am crazy. Perhaps this is only a private complaint“, schränkt er seine Betrachtungen ein. Nur um dann im gleichen Atemzug zu betonen: „Hätte man mir früher gesagt, eines Tages würde meine Literatur in einem 7-Zoll-Plastik-Gadget enden, mitten unter tausenden anderen Texten, hätte ich die Schriftstellerei gleich an den Nagel gehängt und wäre Auftragskiller oder Rabbi geworden.“ Whow! Spätestens an dieser Stelle geht einem aber auch ein Licht auf: ist der kulturkritische Essay in Wirklichkeit vielleicht eine dialektische Übung in essayistischer Slam-Poetry aus der jewish Bronx, gerichtet gegen „twenty first century, late-stage hypercapitalist book publishers“ wie Bertelsmann & Co.? Vielleicht ist das wirklich die einzige sinnvolle Lösung – denn selbst die Polemik gegen das elektronische Bücherverbrennen gibt es schließlich nur als digitale Version. Kaufman ist, so muss man also vermuten, moderner, als es auf den ersten Blick scheint – schaut man sich die Wirkung an, die er im Internet mit seiner Polemik erreicht hat, ist er sogar ein echter Virtuose auf der Klaviatur der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie. Wer sein Metier so gut beherrscht wie Kaufman, wird am Ende vielleicht nicht ohne E-Books auskommen, er wird aber als guter Self-Marketer zumindest nicht mehr auf einen Verlag angewiesen sein…