[Crosspost] „Der Umsatz des Verlags beträgt schon ein Mehrfaches meiner Rente“ – Interview mit Gisela Pekrul (ddrautoren.de), Teil 2

Die meisten Menschen ruhen sich nach ihrer Pensionierung aus, Gisela Pekrul hat einen Digitalverlag gegründet. Ihre Nische: Vergessene DDR-Literatur. Inzwischen verlegt die 70jährige unter anderem Wolfgang Schreyer und Erik Neutsch, deren Werke als Papierbücher Millionenauflagen erreichten. Im ersten Teil des Interviews erzählte Pekrul, warum die meisten DDR-Autoren einen „Wendeknick“ erlebt haben, wie die Übertragung der E-Book-Rechte funktioniert und warum der Standardpreis in ihrem Verlag bei 8,99 Euro liegt. Diesmal spricht sie über gesellschaftskritische DDR-Bücher und gibt Ratschläge für künftige E-Book-Verleger.

Sie verkaufen Ihre E-Books nicht nur über die großen Online-Shops, sondern auch direkt über die Verlagsseite ddrautoren.de. Wie ist der Kuchen verteilt?

Die mit Abstand meisten Verkäufe tätigt Amazon. An zweiter Stelle steht die Tolino-Allinaz. Im Vergleich dazu hat meine Verlagsseite noch großen Nachholbedarf, aber die Akzeptanz entwickelt sich positiv, und es wird sicher noch weitere technische Verbesserungen geben.

Wie sind die Autorentantiemen in Ihrem Verlag geregelt?

Anfangs habe ich mich an dem zwischen dem Verband deutscher Schriftsteller und dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels herausgegebenen Rahmenvertrag für E-Books orientiert und den Autoren einen prozentualen Anteil am Nettoverlagserlös ausgezahlt. Inzwischen bekommen meine Autoren grundsätzlich einen festen Anteil am deutschen Nettoverkaufspreis des E-Books – unabhängig davon, über welche Plattform und in welchem Land das Buch verkauft wird. Das ist eine für beide Seiten überschaubare und nachprüfbare Regelung. Ich habe mir ein wunderbares Programm schreiben lassen, mit dem die halbjährliche Honorarabrechnung für rund 100 Autoren ein Kinderspiel ist.

Neben Wolfgang Schreyer, dessen DDR-Werk stark gesellschaftskritische Züge trug, verlegen Sie zum Beispiel auch den 1983 beim DDR-Verlag Volk und Welt erstmals auf Deutsch erschienenen Roman „Der Winter ist ein anderes Land“ des Rumänen Gabriel Gafita, der in seiner Heimat wiederholt Probleme mit der Zensur hatte.

Es ist für mich immer wieder ein Vergnügen, ein DDR-Buch zu verlegen und aus der heutigen Sicht zu lesen. Auch bei Autoren, die in der DDR stark gelobt wurden und auch heute noch als staatsnah eingeschätzt werden, findet man oft sehr kritische Aspekte, zum Beispiel bei Erik Neutsch. Manches gesellschaftskritische Werk aus meinem Verlagsprogramm wurde schon in der DDR breit diskutiert, etwa „Hexensommer“ von Elke Nagel. Andererseits erzählen mir Autoren, welche Probleme sie mit bestimmten Werken oder Passagen hatten, die ich heute als banal einschätzen würde und die der DDR garantiert nicht geschadet haben.

Kommen Autoren, die bereits in der DDR Bücher veröffentlicht haben, inzwischen auch von sich aus auf Sie zu?

Ja, die letzte Anfrage kam vor einer Woche. Spätestens nachdem ich zur Leipziger Buchmesse 2012 bereits E-Books von 38 DDR-Autoren anbieten konnte, hatte es sich in der Szene herumgesprochen, dass es einen neuen Verlag gab, der DDR-Literatur digital wiederveröffentlicht. Die meisten DDR-Autoren kennen sich untereinander, und manch einer wartete wohl erst auf das Urteil eines Kollegen, ob man mir und der Edition Digital vertrauen könne.

Inzwischen haben Sie rund 100 Autoren unter Vertrag und bringen 200 Titel pro Jahr heraus.

Von den 800 Büchern, die ich unter Vertrag habe, sind bisher 420 umgesetzt. Insofern bin ich bis zum Ende nächsten Jahres voll ausgelastet. Ich habe mir für dieses Jahr eine Jubiläumsliste erstellt, um zu runden Geburtstagen oder besonderen Todestagen eines Autors das Gesamtwerk oder alle vertraglich gebundenen Bücher herauszubringen. Da ich von all „meinen“ DDR-Autoren schon mindestens ein E-Book umgesetzt habe, bevorzuge ich diejenigen, die auf der Verlagsbestsellerliste ganz oben stehen. Dazwischen schiebe ich auch gern mal das Erstlingswerk eines neuen Autors.

Welches sind Ihre Bestseller?

Ganz vorne liegt die Science Fiction-Reihe „Die Zeitreisende“ des Sternberger Autors Hardy Manthey, aus der im April der 14. Teil erschienen ist. Als Nächstes folgen „Die Gespielinnen des Königs“ von Klaus Möckel und „Das grüne Ungeheuer“ von Wolfgang Schreyer.

Hardy Manthey hat erst nach der Wende mit dem Schreiben begonnen. Wollen Sie sich in Zukunft verstärkt Originalausgaben ostdeutscher Autoren widmen?

Die Backlist bleibt der Schwerpunkt, aber ich bin grundsätzlich offen für neue Autoren. Neben Manthey habe ich noch einige andere Originalausgaben veröffentlicht, auch von Autoren aus den alten Bundesländern. Wenn der Inhalt nicht allzu seicht und nicht der rechten Szene zuzuordnen ist oder Kriege und Gewalt verherrlicht, weise ich keinen Autor zurück. Auch die DDR sollte nicht verunglimpft werden, das bin ich meinen DDR-Autoren schuldig. Wenn ich mir von einem Titel keine großen Verkaufszahlen verspreche, verlange ich allerdings einen moderaten Vorschuss für die Covererstellung.

Könnten Sie von dem Verlag leben, wenn Sie es müssten? Oder handelt es sich eher um eine Mischung aus „Geschäft“ und „Herzensprojekt“?

Das Letztere trifft im Moment zu, das Erstere will ich im nächsten Jahr erreichen. Dieses Jahr investiere ich noch stark in die Softwareerstellung – alles was sich automatisieren lässt, soll automatisiert werden, damit nur noch das Vergnügen des Korrekturlesens für mich bleibt. Außerdem lasse ich den Vorlauf bezüglich Covererstellung und Scanservice erstellen, damit ich ab nächstem Jahr die Früchte meiner Arbeit genießen kann. Mein Optimismus beruht auf realen Erfahrungen. Das Unternehmen, das ich eingangs erwähnte, habe ich völlig blauäugig aus dem Nichts heraus und durch Arbeitslosigkeit gezwungen gegründet – und zum Zeitpunkt des Verkaufes ernährte es zwanzig Personen. Da ich inzwischen siebzig und nicht nur älter sondern auch etwas erfahrener bin, werde ich die monatlichen Belastungen nach der Investitionsphase so klein wie möglich halten, so dass dann der größte Teil des Umsatzes, der jetzt schon ein Mehrfaches meiner Rente beträgt, zum Leben verwendet werden kann.

Derzeit grassiert in der E-Book-Szene ein kleines Gründerfieber, immer mehr reine Digitalverlage gehen an den Start. Welche Ratschläge haben Sie für künftige E-Book-Verleger?

Das Wertvollste jeden Verlages sind die Autoren. Dazu gehört unbedingte Ehrlichkeit bezüglich der Verkaufschancen, ein sachkundiges Lektorat und eine korrekte und pünktliche Honorarabrechnung. Bevor man ein E-Book herausgibt, sollte man sich mit solch banalen Fragen wie dem Urheberrecht und dem Titelschutz beschäftigen, denn ich musste schon einigen Verlegern auf die Finger klopfen. In meiner fast 20-jährigen Unternehmensgeschichte waren Buchmessen wegen des direkten Kontakts mit den Lesern für mich sehr wichtig.

Interview: Sebastian Brück

Der erste Teil des Interviews erschien bereits am Montag.

TIPP für Verlagsmenschen: Gisela Pekrul veröffentlicht in der Edition Digital die Reihe „Verlagsprofi verrät sein Know-how“. Die erste Folge behandelt Verträge für E-Books und die Abrechnung der Autorenhonorare. In diesem Monat erscheint die zweite Folge mit technischen Ratschlägen zum Thema „E-Book-Erstellung“.

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Abb.: Gisela Pekrul, ddrautoren.de (c)

[Crosspost] „Ich habe 100 Autoren mit 800 Büchern unter Vertrag“ – Interview mit Gisela Pekrul (ddrautoren.de), Teil 1

Die meisten Menschen ruhen sich nach ihrer Pensionierung aus, Gisela Pekrul hat einen Digitalverlag gegründet. Ihre Nische: Vergessene DDR-Literatur. Inzwischen verlegt die 70jährige unter anderem Wolfgang Schreyer und Erik Neutsch, deren Werke als Papierbücher Millionenauflagen erreichten. Im Interview erzählt Pekrul, wie die Übertragung der E-Book-Rechte funktioniert, warum der Standardpreis in ihrem Verlag bei 8,99 Euro liegt und warum es für sie immer wieder ein Vergnügen ist, ein DDR-Buch aus heutiger Sicht zu lesen.

Wie sind Sie nach Ihrer Pensionierung auf die Idee gekommen, einen Digitalverlag zu gründen?

Die Edition Digital habe ich bereits 1994 in Schwerin ins Leben gerufen. Allerdings hat sich daraus zunächst ein Unternehmen mit dem Schwerpunkt auf Softwareentwicklung und Publikationen auf CD-ROM und im Internet entwickelt. Erst nachdem ich diese Firma 2008 verkauft hatte, konnte ich mich voll auf den Verlag konzentrieren, dem meine heimliche Liebe galt und der weiterhin existiert hatte, aber auf Sparflamme. Neben einigen gedruckten Büchern erschienen in den Jahren 2009 bis 2011 mehrere CD-ROMs mit historischen Ansichtskarten von Schwerin und zu Handwerks- und Berufszeichen, für die ich gleichzeitig Autor bin. Allerdings hatte ich mich schon auf der Leipziger Buchmesse 2010 umfassend über E-Books informiert und mich daraufhin entschieden, 2011 nach vielen Jahren Pause wieder dort auszustellen und probeweise die ersten E-Books anzubieten. Der Einfachheit halber waren das E-Book-Versionen von Büchern aus dem eigenen Verlag.

Welches waren die ersten Autoren, die Sie nach der Messe als E-Book wiederveröffentlicht haben?

Als klar war, dass ein steigendes Interesse für E-Books besteht, habe ich mich von einem Blick ins eigene Buchregal inspirieren lassen. Dort steht unter anderem eine große Sammlung von DDR-Kinderbüchern, und im Juli 2011 habe ich einige der Autoren angeschrieben. Günther Saalmann, Rudi Czerwenka, Gerhard Dallmann, Barbara Kühl, Brigitte Birnbaum und Jürgen Jankofsky waren die ersten, die auf meinen Brief reagierten, und schon im August 2011 erschienen die ersten E-Books. Ich merkte dann aber schnell, dass die Zeit für Kinder-E-Books, die nicht multimedial aufbereitet sind, noch nicht gekommen war, und begann mich auch für die Veröffentlichung von belletristischen DDR-Werken zu interessieren.

International bekannte ostdeutsche Autoren wie Christa Wolf, Stefan Heym oder Heiner Müller waren schon „besetzt“ und bei Publikumsverlagen unter Vertrag. Gleichzeitig gab es unter dem Dach der Eulenspiegel-Verlagsgruppe eine Reihe von Verlagen mit DDR-Wurzeln und dem Schwerpunkt auf ostdeutschen Autoren. Wie haben Sie vor diesem Hintergrund Ihre Nische gesucht und gefunden?

Die Nische war deshalb leicht zu finden, weil die meisten DDR-Autoren einen schlimmen „Wendeknick“ erleben mussten. Ihre Bücher waren schlicht und einfach vergessen und nicht mehr erhältlich. Einige Autoren wollten zunächst gar nicht glauben, dass ich vor allem aus Liebe zu ihren Büchern an den E-Book-Rechten interessiert war. Erst aus den Gesprächen mit ihnen erfuhr ich, dass sie bisher vorwiegend Angebote von Bezahlverlagen erhalten hatten. Daraufhin änderte ich mein Standardschreiben und wies darauf hin, dass für die Autoren keine Kosten entstehen. Erik Neutsch …

…, der mit „Spur der Steine“ eines der erfolgreichsten Bücher der DDR-Literatur schrieb und 2013 verstarb, …

… sagte mir am Telefon: „Sie können alle meine Bücher bekommen, die will sowieso kein Verlag mehr haben.“ Eine Woche später erhielt ich den von ihm unterschriebenen Vertrag zurück. Die Umsetzung seiner bedeutendsten Bücher konnte er noch erleben, alle anderen erscheinen bis zu seinem ersten Todestag im August dieses Jahres. Im Oktober 2011 habe ich außerdem mit der Umsetzung des Gesamtwerkes von Wolfgang Schreyer, Klaus Möckel und Dietmar Beetz begonnen, einschließlich deren Nachwendebücher.

Wie waren die Reaktionen, wenn Sie den Autoren erzählten, dass Ihr Verlag ausschließlich in digitaler Form veröffentlicht?

2011 und 2012 war das Medium E-Book für viele so neu, dass sie sich auf meine Erfahrungen verlassen haben. Die Autoren begriffen aber auch die Chance, auf diese Weise ihre Bücher erneut auf den Markt zu bringen. Nur einige wenige Autoren haben es abgelehnt, ihre Bücher digital zu veröffentlichen. Inzwischen habe ich manchen meiner Autoren beim Kauf eines E-Book-Readers beraten. Meine mit 91 Jahren älteste Autorin Holda Schiller ließ sich kurz vor ihrem 90. Geburtstag ein Lesegerät schenken.

Wie funktioniert die Rechteübertragung? Sind die Rechte nach dem Ende der DDR automatisch auf die Autoren übergegangen?

Ich erwerbe grundsätzlich die Rechte direkt von den Autoren. Viele vertrauten nach dem Untergang der DDR-Verlage den neuen Eigentümern nicht und forderten ihre Rechte zurück. Andere fragten nach, ob Interesse an einer neuen Auflage besteht und erhielten daraufhin die Rechte zurück. Ich veröffentliche aber auch neue Manuskripte ehemaliger DDR-Autoren, die es leid sind, Absagen von Verlagen zu erhalten. Meist drucke ich zusätzlich zur E-Book-Veröffentlichung auch eine kleine Auflage, damit die Autoren „etwas in der Hand haben“.

Bücher zwischen 200 und 400 Seiten kosten bei Ihnen in der Regel 8,99 Euro, kürzere Texte liegen meist bei 6,99 Euro oder 4,99 Euro. Sind das auch die E-Book-Standardpreise, mit denen Sie 2011 losgelegt haben? Oder haben sich die Preise erst im Laufe der Jahre durch Marktbeobachtung ergeben?

Ich biete qualitativ hochwertige Inhalte an, die ich auch im Interesse der Autoren nicht verschleudern kann und möchte. Es handelt sich ja nicht um rechtefreie Bücher und auch nicht um erste Versuche eines unbekannten Autors. In meiner E-Book-Reihe „Verlagsprofi verrät sein Know-How“, das sich an neue Digitalverlage oder kleine Printverlage mit E-Book-Ambitionen richtet, habe ich in der ersten Folge ausführlich und durch Rechenbeispiele unterlegt die Prämissen für die Preisgestaltung aufgezeigt, die vor allem von Apple und Amazon bestimmt wird. Mit diesen Preisen kalkuliere ich seit dem Start des E-Book-Programms der Edition Digital. Lediglich bei einigen sehr dicken Büchern, die sicher einen noch höheren Preis wert wären, habe ich mich auf 9,99 beschränkt, um bei Amazon nicht in die 35%-Tantieme zu rutschen.

Das heißt sie beliefern Amazon direkt über das KDP-Programm für Selbstverleger? Und die anderen Anbieter über Distributoren?

Ja, soweit es mir durch Verträge möglich ist, beliefere ich die Plattformen direkt. Gerade lasse mir ein maßgeschneidertes Programm zur automatischen Anlieferung erstellen. Weltbild, Thalia, Hugendubel und die anderen Anbieter der Tolino-Allianz sowie Bibliotheken bediene ich durch Distributoren. Mit GooglePlay habe ich schon lange einen Vertrag, aber noch keine Zeit gehabt, alle Titel einzustellen. Beim iBooks-Store von Apple hat der erste Anlauf nicht geklappt, und ich muss mich erneut darum kümmern.

Interview: Sebastian Brück

Der zweite Teil des Interviews erscheint am Mittwoch.

TIPP für Verlagsmenschen: Gisela Pekrul veröffentlicht in der Edition Digital die Reihe „Verlagsprofi verrät sein Know-how“. Die erste Folge behandelt Verträge für E-Books und die Abrechnung der Autorenhonorare. In diesem Monat erscheint die zweite Folge mit technischen Ratschlägen zum Thema „E-Book-Erstellung“.

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Abb.: Gisela Pekrul, ddrautoren.de (c)

[Crosspost] „Die Dominanz von Amazon hat abgenommen“ – Interview mit Jürgen Schulze, Null Papier Verlag (Teil 2)

Der Neusser Jürgen Schulze hat Deutschlands vermutlich erfolgreichsten Ein-Mann-Verlag auf die Beine gestellt: Null Papier. Im ersten Teil des Interviews erklärte er, warum er sich auf gemeinfreie Literatur spezialisiert hat, warum „Böse E-Books, gute E-Books“-Diskussionen dem Leser nichts bringen und warum sich der E-Book-Standardpreis für Klassiker bei nur 99 Cent eingependelt hat. Diesmal spricht Jürgen Schulze über die abnehmende Dominanz von Amazon, den steigenden Stellenwert von Self Publishing, den Unsinn von hartem Kopierschutz, die Prüderie im iBooks Store und über den digitalen Verlagsgründerboom.

Wie verteilt sich der E-Book-Kuchen im Null Papier-Verlag, wie groß ist die Dominanz von Amazon?

2011 entfielen noch 70 bis 80 Prozent meiner Verkäufe auf Amazon. Inzwischen hat sich das etwas verschoben: Amazon kommt je nach Buch auf 40 bis 60 Prozent, danach folgen Thalia.de und Google Play, beide auf dem gleichen Niveau mit rund 15 Prozent. Der Rest verteilt sich auf die übrigen Anbieter.

Die Tolino-Allianz von Thalia, Weltbild, Hugendubel und Bertelsmann als Gegengewicht zum Kindle existiert erst seit März 2013. Wie erklären Sie sich, dass die deutsche Buchbranche so spät auf die Dominanz von Amazon reagiert hat?

Die Amerikaner probieren Dinge eben gerne aus. Motto: Wenn etwas nicht klappt, können wir immer noch nachbessern. Google ist ein Milliardenkonzern, und Google Play Books macht bereits beträchtliche Umsätze, aber der Shop scheint mir immer noch in der Betaphase, vieles wirkt wie mit der heißen Nadel gestrickt und wird erst nach und nach perfektioniert. Ähnlich war es anfangs bei Amazons Selbstveröffentlichungs-Programm KDP. In Deutschland gibt es diese Ausprobieren-Mentalität nicht: Bevor ein Shop online geht, lässt man jedes Detail vom TÜV durchprüfen. In anderen Branchen hat diese Grundeinstellung natürlich auch Vorteile: Nicht umsonst bauen die Deutschen die zuverlässigsten Autos …

Wie finden die Leser den Weg zu Ihren E-Books? Machen Sie Werbung?

Die Erfolgskontrolle bei Werbe- und PR-Maßnahmen für E-Books finde ich sehr schwierig. Daher mache ich – von gelegentlichen Pressemitteilungen abgesehen – gar nichts. Allerdings kontrolliere ich regelmäßig, ob meine Verlags-Website von Google gefunden wird, damit möglichst viele Leute bei der Suche nach einem bestimmten Klassiker auf ihr landen und dann an den Online-Shop ihrer Wahl weitergeleitet werden. Manchmal macht das Fernsehen unfreiwillig Werbung für mich: Anfang diesen Jahres lief Anna Karenina als Zweiteiler in der ARD, danach hat sich der Umsatz des E-Books drei bis vier Tage verzehnfacht.

Kopierschutz – ja oder Nein? Diese Frage bewegt den E-Book-Markt derzeit ähnlich wie vor einigen Jahren die Musikindustrie.

Ich verzichte bei Null Papier auf hartes DRM (Digital rights management) als Kopierschutz, weil es einfach zu viele Leute gibt, mich eingeschlossen, die dadurch mit legal gekauften E-Books Probleme haben. Man kann die Buchdatei nicht hin- und herkopieren, sie abends im Bett auf dem E-Book-Reader lesen und morgens auf dem Weg zur Arbeit auf dem Smartphone. DRM gängelt die ehrlichen Kunden und schützt nicht wirklich gegen Raubkopierer. Inzwischen verzichten einige große Verlage und Online-Shops bereits auf hartes DRM, und früher oder später werden die meisten nachziehen.

Welche Rolle wird Self Publishing in Zukunft spielen? Haben die Verlage dieses Thema unterschätzt?

Heute hat jeder die Möglichkeit, sein eigenes E-Book ohne Verlag bei Amazon KDP, Epubli, Xinxii oder Bookrix hochzuladen und den Preis selbst festzulegen. Wer es zum Beispiel für 2,99 Euro anbietet, kassiert bei jedem Verkauf 70 Prozent Tantiemen. Das sind rund 2 Euro pro E-Book, davon können die Taschenbuchautoren bei großen Publikumsverlagen nur träumen. Die Krimi-, Fantasy- oder ChickLit-Bestseller von Self Publishern nehmen den etablierten Verlagen im E-Book-Bereich einen beträchtlichen Teil der Umsätze weg. Ende Januar belegten Self Publisher sogar zum ersten Mal die kompletten Top 10 der Kindle Charts. Klar, viele selbstverlegte Bücher können qualitativ nicht mit Verlagstiteln mithalten. Aber keiner zwingt die Leute, diese E-Books zu kaufen. Und wenn sie das mögen: Bitteschön! Ich bin mir sicher, dass in den Verlagsbüros die Köpfe rauchen. Dann heißt es: Müller, kommen Sie mal her! Warum sind wir nicht in den Top 10? Es gibt ja auch schon einige Fälle, wo erfolgreiche Self Publisher die digitalen Rechte an einem Buch behalten und lediglich für die Papierausgabe mit einem Verlag zusammenarbeiten. Einige Verlage kommen also mittlerweile von sich aus auf erfolgreiche Self Publisher zu. Da ist einiges in Bewegung geraten.

Auch verlagsunabhängige Autoren müssen sich an die Buchpreisbindung halten und ihr E-Book in allen Shops zum gleichen Preis anbieten, allerdings verlangen sie dafür selten mehr als 3,99 Euro. Die Verlag verkaufen die digitalen Versionen für 75 bis 80 Prozent des Preises für die Printausgabe.

Die etablierten Verlage haben es nicht einfach. Für die Printausgabe investieren sie oft viel Geld in Lektorat, Werbung und Vertrieb. Trotzdem ist es vielen Kunden schwer zu vermitteln, dass sie für die digitale Ausgabe eines aktuellen Bestsellers, der im Hardcover 19,99 Euro kostet, immer noch 15,99 bezahlen müssen. Ich gehe aber davon aus, dass die Verlage auch bei den E-Book-Preisen früher oder später flexibler agieren werden.

Ihre Branche bekommt immer mehr Zuwachs. 2013 gründeten sich kleine Digitalverlage wie Frohmann, Das Beben, Mikrotext und Culturbooks, die nicht auf den typischen Kindle Top 100-Leser schielen, sondern Literatur abseits des Mainstreams veröffentlichen.

Ich glaube, wir werden in den kommenden Jahren noch viele solcher Verlagsgründungen erleben. Das Risiko eines reinen E-Book-Verlags ist einfach viel überschaubarer. Ein Printverlag muss eine Druckerei finden und für die Produktion Geld vorschießen, und man muss die Vertriebswege organisieren. Das ist riskant und zeitaufwendig. Für einen Digitalverlag braucht man lediglich ein enthusiastisches Team von Layoutern und Lektoren, einen guten Steuerberater und eine Palette der gängigen Lesegeräte, um vor jeder neuen Veröffentlichung zu prüfen, ob das E-Book richtig dargestellt wird. Den Vertrieb übernehmen kostengünstige Dienstleister.

E-Books gelten als ideales Trägermedium für kurze Texte …

… und interessanterweise entwickelt sich ein Teil der E-Book-Branche gerade so, wie es bereits vor 200 Jahren der Fall war. Charles Dickens, Jules Verne, Alexandre Dumas – viele große Autoren haben ihre Romane und Novellen in kleinen Fortsetzungs-Häppchen in Zeitungen veröffentlicht. Anschließend erschien die komplette Geschichte in gebundener Form als Buch. Für solche Serien bietet sich das E-Book natürlich an, und sowohl Verlage als auch Self Publisher experimentieren bereits damit.

In den USA haben E-Books einen Marktanteil von 30 Prozent, bei uns liegt die geschätzte Zahl bei rund 11 Prozent. Wie lange wird es dauern, bis wir amerikanische Verhältnisse haben?

Gegenfrage: Wer kauft heute noch CDs? Ich glaube, man kann das nicht genau abschätzen. Klar ist: Der Anteil wird weiter steigen, den etablierten Verlagen nichts anderes übrig bleiben, als sich auf die Digitalisierung einzulassen und ihre eigenen E-Book-Imprints zu gründen. Das wird auf Kosten der Taschenbücher gehen, die übrigens in den 1950er Jahren auch viel kritisiert wurden, als sie zum ersten Mal auf den Markt kamen. Wühltische mit remittierten Taschenbüchern wird es immer seltener geben. Print wird natürlich nicht sterben: Hardcover-Ausgaben für Liebhaber: Fotobände, Comics funktionieren in gedruckter Form einfach besser. Noch ist es so, dass viele Verlage nur ihre erfolgreichen Papierbücher parallel als E-Book veröffentlichen, langfristig wird es genau anders herum sein: Erfolgreiche E-Books erscheinen zusätzlich als Papierbuch.

Was war Ihr kurioseste Erfahrung als E-Book-Verleger?

Die extrem penible Auslegung der allgemeinen Geschäftsbedingungen im iBooksstore von Apple! Auf dem Cover des historischen Romans „Das Gotteslehen“ von Ludwig Ganghofer habe ich ein mittelalterliches Gemälde von Lucas Cranach platziert – eine barbusige Justitia, die eine Waage hält. Völlig absurd, aber ein blanker Busen darf bei Apple nicht gezeigt werden, auch nicht auf einem uralten Kunstwerk. Vermutlich handeln die Support-Mitarbeiter streng nach den global geltenden Vorgaben und trauen sich nicht, im Einzelfall den gesunden Menschenverstand walten zu lassen. Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis das Werk endlich im iBook Store verfügbar war.

Welche Pläne haben Sie mit dem Null Papier-Verlag?

Ich werde weiterhin schwerpunktmäßig gemeinfreie E-Books verkaufen, denke aber, dass mein Verlag in Zeiten von Self Publishing eine interessante Alternative zur Veröffentlichung in Eigenregie sein kann. Wenn mich ein Manuskript überzeugt, übernehme ich Cover, Lektorat sowie die Distribution. Und der Autor erhält die Hälfte meiner Verlags-Tantiemen, die wiederum bei mindestens 50 Prozent des Netto-Verkaufspreises liegen. Ich habe ja mit „Der Hexer von Hymal“ bereits erfolgreich die Fantasy-Reihe eines lebenden Autors veröffentlicht, und momentan plane ich die englische Übersetzung. Der englischsprachige Markt ist in diesem Genre sicher nicht einfach zu knacken, aber ich habe große Lust, das auszuprobieren. Außerdem plane ich, ab 2015 Hörbücher zu produzieren. Und ich hätte nichts dagegen in irgendeinem Archiv oder Antiquariat einen vollkommen vergessenen Autoren, den keiner mehr auf dem Schirm hat, neu zu entdecken und bekannt zu machen.

[Der erste Teil des Interviews ist am 11. April 2014 erschienen]

Autor & Copyright: Sebastian Brück

Abb.: Jürgen Schulze, Null Papier Verlag (c)

Crossposting via sebastianbrueck.blogspot.de mit frdl. Genehmigung des Autors

[Crosspost] „Pro Monat setze ich rund 30.000 E-Books ab“ – Interview mit Jürgen Schulze (Null Papier Verlag)

Der Neusser Jürgen Schulze hat Deutschlands vermutlich erfolgreichsten Ein-Mann-Verlag auf die Beine gestellt: Null Papier. Schulze verkauft ausschließlich E-Books, mit dem Schwerpunkt auf gemeinfreien Klassikern, monatlich rund 30.000 Stück. Mit einer Gesamtausgabe von Grimms Märchen stand er bei Google Play wochenlang auf Platz eins in den E-Book-Charts. Im Interview spricht er über Vorurteile gegen E-Books, den Unsinn von hartem Kopierschutz, die abnehmende Dominanz von Amazon, die Prüderie im iBooks Store und die Zukunft des digitalen Buchmarkts.

Den Null Papier-Verlag haben sie 2011 gegründet, ohne jede Verlagserfahrung. Wie viele E-Books haben Sie seitdem abgesetzt? Können Sie davon leben?

Verkauft habe ich insgesamt circa 400.000 E-Books. Dazu kommen circa 1,3 Millionen, die ich als Gratis-Downloads verschenkt habe. Von einem 99 Cent-Buch, das ich bei Amazon, Thalia, Google Play und all den anderen Online-Shops verkaufe, bleiben um die 30 Cent bei mir hängen. Pro Monat setze ich rund 30.000 E-Books ab, von denen einige auch 1,99 Euro kosten. Für mich als Einzelkämpfer lohnt sich das also auf jedem Fall. Als selbständiger Verleger verdiene ich mehr als in meiner vorherigen Festanstellung in der IT-Branche – noch dazu habe ich weitaus mehr Spaß, allerdings auch sehr viel mehr Arbeit.

Sie haben sich auf E-Book-Ausgaben gemeinfreier Klassiker spezialisiert, also auf Bücher, bei denen der Autor – und gegebenenfalls auch der Übersetzer – seit mindestens 70 Jahren tot ist. Lohnt sich dieses Geschäftsfeld für die etablierten Verlage nicht?


Vermutlich haben die das durchkalkuliert, und ihnen waren die Margen zu klein. Inzwischen haben sie sicher gemerkt, dass man mit gemeinfreien Klassikern durchaus Geld verdienen kann. Allerdings haben ich und andere E-Book-Verleger und –Verlage in dieser Sparte inzwischen so viel Vorsprung, dass sich die Publikumsverlage lieber wie gehabt um ihr Kerngeschäft kümmern und Bücher von lebenden Autoren herausbringen. Ich gebe mich da aber keinen Illusionen hin: Wenn jetzt doch noch ein großer Verlag auf die Idee käme, den gesamten Backkatalog an Klassikern günstig als E-Book anzubieten, stünde ich schlecht da.

Ist Null Papier gemessen an den verkauften E-Books der erfolgreichste Digitalverlag in Deutschland?


Das weiß ich nicht, aber wenn es eine Rangliste gäbe, wäre ich sicherlich in den Top 3.

Warum gründet man als Seiteneinsteiger einen Verlag?

Ich bin technikaffin und selbst ein begeisterter Leser. Also habe ich mir im März 2011 aus den USA den Kindle-Reader kommen lassen, noch vor dem offiziellen Start in Deutschland. Auf Amazon.com lief damals bereits das Programm für Self Publisher, Kindle Direct Publishing (KDP), und zum Spaß habe ich ein erstes E-Book produziert und hochgeladen: „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch. Damals gab es bei KDP so gut wie keine deutschsprachigen E-Books, dennoch habe ich täglich mehrere Exemplare verkauft. Ein paar Monate später startete KDP auch bei uns, und sofort schnellten die Zahlen nach oben, „Max und Moritz“ waren in den Charts. Ich habe die Einnahmen hochgerechnet, und mir war schnell klar, dass ich sie auch bei der Steuer angeben muss. Da kam der Gedanke, es lieber gleich richtig zu machen und einen Verlag zu gründen. Wobei ich nach diversen Nummer-Ein-Plazierungen in den Online-Stores von Amazon und Google jetzt schon viel mehr erreicht habe, als jemals erträumt.

Cover, Bildbearbeitungen, Satz, Webdesign – Sie machen alles selbst?

Ja, in 20 Jahren IT-Branche habe ich gelernt, damit umzugehen. Allenfalls Korrektorat und Lektorat lagere ich manchmal aus. So habe ich die volle Kontrolle und kann die Verlagskosten gering halten.

Apropos „gering“: Wieso hat sich allgemein der E-Book-Standardpreis für Klassiker bei nur 99 Cent eingependelt?

Zum einen verlangen die wenigen großen Verlage, die gemeinfreie Klassiker auch in einer Digitalversion anbieten, meist zwischen fünf und sieben Euro pro E-Book, und das ist schon sehr verwegen – nicht zuletzt, weil es unter den Lesern auch eine Fraktion gibt, die der Meinung ist, gemeinfreie Bücher gehörten allen und dürften daher gar nichts kosten. Zum anderen bietet Amazon seit Jahren eine Vielzahl von gemeinfreien Klassikern zum Gratis-Download an – von Karl May bis Rainer Maria Rilke. Nicht wirklich ein Vergnügen: Diese E-Books bieten keinerlei Extras, und oft sind Rechtschreibfehler und falsche Absatzumbrüche enthalten. Dennoch haben sie gewisse Erwartungen verfestigt. Für meine Klassiker-Ausgaben, die zum Teil auch als Amazon-Gratisversion zu haben sind, kann ich daher im Preis nicht allzu hoch gehen. Es gibt jedoch genügend Kunden, die bereit sind 99 Cent in einen Mehrwert zu investieren. Dafür biete ich überarbeitete Texte, Illustrationen und vernünftige Umbrüche, ein klickbares Inhaltsverzeichnis sowie erklärende Fußnoten, etwa bei Fremdwörtern oder wenn in einem Roman eine Person erwähnt wird, die real existiert hat: Ein Künstler, ein Politiker, ein Adliger, ein Verbrecher. Manchmal stoße ich auch auf Übersetzungsfehler, die erkläre ich dann ebenfalls.

Zum Beispiel?

In einer Sherlock Holmes-Erzählung isst der Protagonist in der englischen Ursprungsversion ein Sandwich. In der ersten deutschen Übersetzung, die Grundlage meiner Ausgabe ist, machte der Übersetzer aus dem Sandwich ein belegtes Brötchen. Ich habe das in einer Fußnote erklärt und in meiner Ausgabe „Sandwich“ übernommen. Die Leser wissen schließlich, dass das Buch in England spielt, da passen die anglophilen Ausdrücke oft einfach besser, genauso habe ich zum Beispiel „Cognac“ in „Brandy“ geändert und „Bakerstraße“ in „Baker Street“. Generell versuche ich die Originaltexte bzw. Übersetzungen so wenig wie möglich aber so viel wie nötig anzutasten.

Manchmal packen Sie sogar das Gesamtwerk eines Autors in ein einzelnes E-Book.

Zuletzt habe ich das bei Stefan Zweig gemacht, dessen Bücher 2013 gemeinfrei geworden sind. Ich habe mich bei der Recherche intensiv mit seiner Vita beschäftigter, kannte vorher nur die „Schachnovelle“ und habe mich gewundert, wie viele Texte er verfasst hat: Dramen, Lyrik, Novellen. Also habe ich dann alle wichtigen Werke – bis zum Abschiedsbrief vor seinem Selbstmord – zusammengetragen, in Druckfassung wären das rund 7000 Seiten.

Sie sprachen anfangs davon, dass sie über Ihren Verlag selbst Gratis-E-Books anbieten.

Für jedes Genre gibt es einen Appetithappen, der über die gängigen Online-Shops kostenlos zu laden ist – mit Ausnahme von Thalia und Weltbild, die generell keine Gratisbücher anbieten. Auf jedes bezahlte E-Book kommen in meinem Programm ungefähr vier kostenlose. Mein erstes Null Papier-Buch „Max und Moritz“ biete ich mittlerweile umsonst an, derzeit wird es allein bei Amazon etwa 300 Mal täglich heruntergeladen.

99 Cent-Klassiker und Gratis-Downloads – für Kritiker wie Friedrich Forssman, einen Mitarbeiter der Arno Schmidt-Stiftung, der sich vor rund zwei Monaten im Blog des Suhrkamp-Verlags über die Minderwertigkeit von E-Books beschwerte („ein Unfug, ein Beschiß und ein Niedergang“) und prompt hier, da und dort auf das entsprechende Echo aus der E-Book-Szene stieß, wäre das eine Steilvorlage.

Ich habe das mit halbem Auge verfolgt. Generell bringen selbstreferenzielle „Böse E-Books, gute E-Books“-Diskussionen aus Lesersicht überhaupt nichts, denn 99,9 Prozent der Käufer interessieren sich nicht dafür. Mir geht es in erster Linie um die Leser, also halte ich mich da raus und mache mein Ding, denn das kostet schon genug Zeit und Energie. Abgesehen davon schadet es sicher nicht, wenn viele Menschen über das Medium E-Book die alten Literaturklassiker neu entdecken. Früher gab es, von Reclam abgesehen, keine Papierbuchverlage, die sich dauerhaft um Klassiker gekümmert haben.

Wie viele Titel haben Sie im Programm, und anhand welcher Kriterien entscheiden Sie, welche neuen Titel Sie veröffentlichen?

Derzeit sind es 161. Zum einen orientiere ich mich an Listen wie Harenbergs „Buch der 1000 Bücher“, zum anderen schaue ich jeden Frühling, welche Autoren ab 1. Januar des kommenden Jahres gemeinfrei werden und wer von ihnen für mich interessant wäre. Und manchmal stoße ich auch per Zufall auf spannende Bücher, zum Beispiel, wenn ich recherchiere, wen der Übersetzer eines Klassikers sonst noch übersetzt hat. Außerdem beobachte ich, was sich bei lebenden Autoren gut verkauft und welcher Klassiker dazu passen könnte. Nach dem Erfolg von „Shades of Grey“ habe ich „Die Memoiren einer russischen Tänzerin“ herausgebracht, eine Art Soft-SM-Geschichte aus dem Jahr 1900, dessen Autor nur unter den Initialen E.D. bekannt ist.

Wie funktioniert die technische Umsetzung vom Buch zum E-Book?


Frei verfügbare Quellen wie Gutenberg.org spielen für mich keine Rolle. Ich besorge mir das gemeinfreie Original antiquarisch als Papierbuch, in möglichst guter Qualität. Mit einer Schneidemaschine trenne ich den Buchrücken so, dass die Kanten möglichst gerade sind. Dann benutze ich einen Einzugscanner und ein Programm für optische Zeichenerkennung. Bei Nicht-Fraktur-Texten werden so zwischen 90 und 99 Prozent korrekt erkannt und in eine Textdatei umgesetzt. Bei Frakturtexten ist die Fehlerquote höher, die Nachbearbeitung entsprechend aufwendiger.

Gab es schon einmal rechtliche Probleme – etwa, dass ein Verlag Einspruch gegen Ihre E-Book-Version eines Klassikers erhoben hat?

Nein, ich passe immer sehr genau auf, dass das Todesdatum des Autors bzw. Übersetzers mindestens 70 Jahre her ist.

[Ende des 1. Teils, der zweite Teil des Interviews ist am 15. April erschienen]

Autor & Copyright: Sebastian Brück

Abb.: Jürgen Schulze, Null Papier Verlag (c)

Crossposting via sebastianbrueck.blogspot.de mit frdl. Genehmigung des Autors