[e-book-review] Irren im Flirren: Wolfgang Herrndorfs Wüsten-Thriller „Sand“

Die wilden Siebziger Jahre stehen bei hiesigen Autoren hoch im Kurs. Nicht nur der deutsche Herbst. Christian Kracht etwa lässt seinen Ich-Erzähler in „1979“ nach Teheran reisen, mitten in die islamische Revolution. Wolfgang Herrndorfs neuer Roman könnte dementsprechend „1972“ heißen. Noch so eins von diesen medienereignisreichen Jahren. Im „schwarzen September“ 1972 überfallen pälästinensische Freischärler das Olympische Dorf in München. Herrndorf allerdings erzählt von einer fiktiven Parallelaktion, die in der Sahara spielt. Doch von wegen Roman. So einfach ist es nicht. „Sand“ sei ein „Wüstenverschwörungsunterhaltungsschundagententhriller“, findet unser Rezensent Ralph Gerstenberg. Und verleiht dem Buch das Prädikat „Lesenswert“…

Nach dem großen Erfolg seiner Roadnovel „Tschick“ hat sich Wolfgang Herrndorf keineswegs auf seinen Lorbeeren ausgeruht. Jeden Tag habe er geschrieben, zumindest wenn es sein Zustand zuließ, kann man in dem sehr empfehlenswerten Blog des an einem Hirntumor erkrankten Autors lesen. Dort erfährt man auch, worum es sich bei seinem neuen Roman „Sand“ in etwa handelt, nämlich um „ein weites Feld zwischen Unterhaltungs-, Schund- und Gesellschaftsroman, von Thor Kunkel bereits mäßig erfolgreich beackert.“ Das trifft es in etwa. Das Genre des Agententhrillers könnte man vielleicht noch ins Spiel bringen, wie es der Verlag getan hat.

Das Buch beginnt in einem Ort am Rande der Sahara. Wir schreiben das Jahr 1972. Vier Menschen werden in einer Hippiekommune ermordet. Ein Verdächtiger ist bald gefasst. Aber ist er wirklich der Schuldige? Kommissar Polidorio, der zwei Drittel seines Salärs ins Bordell trägt, hat da berechtigte Zweifel. Zeitgleich taucht eine platinblonde Amerikanerin mit einer 357er Magnum im Gepäck in dem Wüstenort auf und gewährt einem Mann, der sein Gedächtnis verloren hat, bei sich Unterschlupf. Ein Psychiater wirbt mit Schnupperpreisen, zwei amerikanische Literaturnobelpreisanwärter geben Partys und ein Atomspion endet in der Kloake.

Einiges ist recht unappetitlich, vieles unerfreulich und eine ganze Weile ist das Ganze reichlich unübersichtlich. Das drosselt zwar die auf Erklärungen und Gewissheiten ausgerichtete Lesespannung, doch wenn man das Rätselhafte und Vage als Zustand aushält, wird man durch absurd komische Dialoge und wunderbare Figurenzeichnungen belohnt. Dem Leser geht es ein wenig wie dem durch das Flirrende irrenden Amnestiker, der nach Plausibilität sucht und nicht weiß, welchen Informationen er trauen kann. Doppelbödig, teilweise parodistisch und sprachlich virtuos entwirft Wolfgang Herrndorf ein großangelegtes Verschwörungsszenario.

Wie das Ganze ausgeht? Nicht gut. Soviel sei an dieser Stelle schon mal verraten. Der Nihilismus in „Sand“ sei eine „direkte Reaktion auf die Freundlichkeit der Welt in „Tschick““, schreibt Wolfgang Herrndorf in seinem Blog.

Autor & Copyright: Ralph Gerstenberg

„Arbeit und Struktur“ heißt Wolfgang Herrndorfs Blog, den man unter www.wolfgang-herrndorf.de findet


Wolfgang Herrndorf, „Sand“
E-Book (Kindle) 16,99 Euro
E-Book (epub) 16,99 Euro

Abb.: Flickr/patrickw1

[e-book-review] Im Kindersarg auf Montparnasse: Houellebecqs neuer Roman „Karte und Gebiet“

houellebecq-karte-gebiet-ebookKampfzone, Elementarteilchen, Insel: schon die Titel-Stichwörter von Michel Houellebecqs wichtigsten Romanen verweisen auf deren zentrale Themen – Konkurrenz, Egozentrik und Narzissmus in der Konsumgesellschaft. So weit wie in seinem aktuellen Buch hat es der französische Bestseller-Autor allerdings noch nie getrieben. In „Karte und Gebiet“ tritt eine Romanfigur namens Michel Houellebecq auf – nur um recht bald auf äußerst unsanfte Weise das Zeitliche zu segnen. Mehr über dieses ebenso autofiktive wie autodestruktive Künstlerporträt verrät unser Rezensent Ralph Gerstenberg.

Portrait des Künstlers als alte Schildkröte

Wenn Michel Houellebecq einen neuen Roman veröffentlicht, ist das Rauschen im Blätterwald vorprogrammiert. Das ist bei seinem bislang lesbarsten und vielleicht auch lesenswertesten Werk „Karte und Gebiet“, für den er in seiner Heimat den „Prix Goncourt“ erhielt, nicht anders als bei seinen Vorgängern. Keinen Skandal gebe es diesmal, und genau das sei der eigentliche Skandal, üben sich Feuilletonisten aller Postillen in Stabilbaukastendialektik. Der Mann, der in sturer Einfallslosigkeit jahrelang als „enfant terrible“ bezeichnet wurde, hat den von ihm genau wegen dieser selbstgefälligen Stupidität verhassten Kulturzeitungsschreibern eine neue Vokabel in den Mund gelegt: „kranke, alte Schildkröte“. So beschreibt er in einer der großartigsten Szenen des Buches seine Romanfigur Michel Houellbecq, und kaum ein Rezensent verzichtet nun auf den Schildkrötenvergleich.

Bei einem Alter Ego bleibt es nicht…

Doch zunächst beginnt der Roman mit einem anderen Protagonisten, dem Künstler Jed Martin, der mit Houellebecq durchaus wesensverwandt ist. Neben der gemeinsamen Begeisterung für Supermärkte und perfekte Produkte verfügen beide über äußerst spärliche Sozialkontakte und pflegen eine kühle Sicht auf die schnöde kapitalistische Wirklichkeit. In Jeds Werk steigert sich das nach einer Foto-Reihe von Michelin-Karten zu einer warholesken Ikonografie der Gegenwart. Seine Porträts heißen Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf oder Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Informatik.

Finaler Twist: Vom Künstlerroman zum Krimischocker

Letzteres hätte Martin auch Eine kurze Geschichte des Kapitalismus nennen können, meint die Romanfigur Michel Houellebecq, der berühmte Schriftsteller, der ebenfalls von Martin porträtiert und wenig später auf bestialische Weise ermordet wird: Sein Kopf wird mit einem Laserschneider abgetrennt. Die Beerdigung Houellebecqs in einem Kindersarg auf dem Friedhof von Montparnasse unweit des Grabes von Emmanuel Bove ist ein lustvoll-makaberer Höhepunkt dieses postmodernen, autofiktiven Künstlerromans, der im letzten Drittel in einen Krimischocker á la Stig Larsson übergeht, um mit einer postindustriellen Zukunftsvision zu enden.

Autor&Copyright: Ralph Gerstenberg

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Michel Houellebecq,
Karte und Gebiet
Hardcover (Dumont) 22,99 Euro
E-Book (epub) 18,99 Euro

[e-book-review] : Liebe, Tod und Sgt. Pepper, oder: Midlife-Crisis eines Werbetexters

sgt-pepperSex, Liebe und Tod – darum kreisen fast alle Bücher von Helmut Krausser und – laut Reich-Ranicki – sowieso alle großen Romane der Weltliteratur. Warum sich also mit Nebensächlichkeiten aufhalten? Kraussers Titel sind Programm: „Eros“ „Thanatos“, zuletzt „Einsamkeit und Sex und Mitleid“. Um all das geht es auch im neuen, novellenhaft schmalen Krausser-Roman „Die letzten schönen Tage“. Die E-Book-Fassung gibt’s sowohl im epub-Format wie auch als iPhone- bzw. iPad-App via textunes.

Midlifecrisis eines Werbetexters

Zunächst klopft das Schicksal an die Tür des Werbetexters Serge. Ein Centstück blinkt von den U-Bahngleisen zu ihm herauf. Soll er sein Leben riskieren, um den Glücksbringer an sich und das Glück quasi in die eigene Hand zu nehmen? Wenig später kommt der Zusammenbruch. Ein wichtiger Auftrag zur Weihnachtszeit, die Verspätung der Freundin Kati, die mit dem verhassten „Kollegenschwein“ David ein Verhältnis hat, vom dem Serge zwar nichts weiß, aber natürlich irgendwas ahnt. All das führt dazu, dass Serge in eine handfeste Midlife-Krise schlittert. Klinkaufenthalt, Psychopharmaka. Ein Urlaub zu zweit auf Malta soll helfen. Kati beendet sogar ihr Verhältnis mit David. Doch die Geister der Vergangenheit folgen den beiden auf Schritt und Tritt.

Liebe, Misstrauen & Sgt. Pepper

Wie der Wunsch, in Liebe zu leben, durch Misstrauen zerstört wird, ein gegenseitiges Belauern und Belügen zu Manipulation und Missachtung führen, was der Beatles-Song „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ mit dem Tod von Serges Mutter zu tun hat und welch dunkle Geheimnisse dazu führen, dass ein Therapeut seine Schweigepflicht bricht, davon handelt der jüngste Streich des lustvollen Seelensezierers Helmut Krausser. Konsequent wechselt er in seiner gut komponierten Geschichte die Perspektive, findet überraschende Wendungen und konfrontiert den Leser mit verschiedenen Sichtweisen auf dieselben Ereignisse, wodurch auch seine Protagonisten im Blick des anderen immer wieder gespiegelt werden.

“Wahrheit – ein Gefühl, das vorübergeht“

Aus verqueren Motiven, moralischem Hin und Her und taktischen Spielchen entsteht ein dramaturgischer Sog, aber auch ein tragikkomischer Diskurs über Lüge und Wahrheit. „Was ist das schon Wahrheit? Ein Gefühl, das vorübergeht“, heißt es bei Krausser. Doch so sehr man sich auch bemüht, irgendwann gibt es immer eine Wahrheit, der man nicht entkommen kann. Dann sind die „letzten schönen Tage“ gezählt. Es beginnt etwas Neues, und sei es das Ende.

Autor&Copyright: Ralph Gerstenberg

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Helmut Krausser, Die letzten schönen Tage
Hardcover (Rowohlt Verlag) 19,99 Euro
E-Book (epub) 15,99 Euro
textunes-App (iPhone/iPad) 15,99

[e-book-review] Ohne Navi im Lada Niva: „Tschick“, eine mitteldeutsche Road-Novel

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Das hippe Berlin der „Plüschgewitter“ ist out, die öde Provinz dagegen ist schwer im Kommen: Wolfgang Herrndorf widmet seinen neuen Roman den Außenseitern Maik und Tschick, und schickt die beiden Teenager ohne Kompass und Karte auf die mitteldeutschen Landstraßen. Herausgekommen ist eine Road-Novel der besonderen Art. Warum sich die Lektüre lohnt, und auch was „Tschick“ mit dem „Fänger im Roggen“ zu tun hat, zeigt unser Rezensent Ralph Gerstenberg.

Ohne Karte und Kompass durch die ostdeutsche Provinz

Zwei vierzehnjährige Jungs auf der Landstraße. Der eine, Maik, ein in sich gekehrter Maklersohn, dem es eigentlich an nichts fehlen sollte, der andere, Tschick, ein stiller Russe, der mit Alkfahne in die Schule kommt und irgendwie gefährlich wirkt. Was sie verbindet? Beide wurden nicht zur ultimativen Party der „superporno“ aussehenden Tatjana Cosic eingeladen. Ein klares Indiz dafür, dass sie zu den Außenseitern gehören, den Assis, Blödis, Nazis und Langweilern. Und nun fahren sie gemeinsam durch die ostdeutsche Provinz, ohne Karte, ohne Kompass. An ein Navi ist in dem geklauten Lada Niva, in dem es nur ein verfilztes Kassettenteil gibt – und ein Tape von Richard Clayderman -, natürlich nicht zu denken.

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Richard Claydermann als Soundtrack

Die „Ballade pour Adeline“ wird zum Soundtrack für diese Road-Novel, in der die beiden Protagonisten durch die sorbische oder sächsische, jedenfalls ziemlich ostig wirkende Landschaft kurven. Bei einer Einladung auf einem Bauernhof müssen sie an einem Wissensquiz um das Dessert teilnehmen. Auf einem Müllplatz lernen sie Isa kennen, ein stinkendes, aber mit allen Wassern gewaschenes Mädchen, das ihnen beim Benzinklau hilft. Irgendwann werden sie von einem Altkommunisten beschossen, der stolz darauf ist, bei den Nazis an vorderster Front Russen abgeknallt zu haben. Und schließlich liegt der Lada auf dem Dach.

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Nicht ohne Hintergedanken geht’s ins Kornfeld

Natürlich handelt dieser Roman auch von den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens. Für seine jugendlichen Helden findet Wolfgang Herrndorf einen stilisierten und stilsicheren Slang, der ganz ohne „krass“ auskommt und so schöne Vokabeln wie „endbescheuert“ und „Alter Finne!“ zelebriert. Aber dieses Buch ist vor allem eins: ein wunderbares Hohelied auf die Freundschaft. „Meinen Freunden“ hat es der an einem Tumor erkrankte Autor gewidmet, der sich in seinem Blog „Arbeit und Struktur“ öffentlich mit der schweren Krankheit auseinandersetzt. Darin erfährt man auch, dass Wolfgang Herrndorf, der seine Jungs natürlich nicht ohne Hintergedanken in ein Kornfeld geführt hat, Biere ausgeben muss, wenn in einer Rezension der Name Salinger nicht erwähnt wird. Also: „tschick“ ist die bislang einzige ernstzunehmende, irre komische und zugleich sehr zärtliche Antwort eines deutschen Autors auf Salingers „Der Fänger im Roggen“.

Autor & Copyright: Ralph Gerstenberg
Fotos: nutbird/flickr

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Wolfgang Herrndorf, Tschick
Hardcover (Rowohlt Verlag) 16,95 Euro
E-Book (epub) 14,99 Euro

[e-book-review] „Ich habe Freunde mitgebracht“: Lucy Fricke besichtigt die Welt der Thirty-Somethings

lucy-fricke-freunde-mitgebracht-e-book-reviewWenn Romane ablaufen wie ein Film im Kopf, kann das auch daran liegen, dass die Autorin mal als Cutterin & Produzentin gearbeitet hat – wie im Fall von Lucy Fricke. Nach einigen Kurzfilmen & Buchtrailern hat die Absolventin des Leipziger Literaturinstitutes nun auch schon ihren zweiten Roman vorgelegt: „Ich habe Freunde mitgebracht“. Der im September 2010 bei Rowohlt erschienene Band ist erfreulicherweise auch bereits als E-Book lieferbar – unser Rezensent Ralph Gerstenberg verrät, ob sich der Download wirklich lohnt.

Vier Mittdreißiger am Rande des Nervenzusammenbruchs

Jon ist Schauspieler, spezialisiert auf Leichenrollen. Henning zeichnet Comics. Seine Freundin Martha spricht im Radio die Nachrichten. Betty arbeitet als Script-Girl bei Filmproduktionen. Vier miteinander befreundete Mittdreißiger, die um sich selbst kreisen, noch immer auf die große Chance warten oder sich an ihre Träume klammern wie an einen morschen Ast, der weit über einen dunklen Abgrund ragt. Die Zeit hat ein paar Kerben in der Seele hinterlassen, doch mit Alkohol und probaten Ritualen lässt sich das Leben einigermaßen ertragen. Den anderen geht es ja nicht besser. Doch dann wird Martha schwanger. Für Hennings Cyberspace-Superhelden-Comic, an dem er seit zehn Jahren arbeitet, interessiert sich ein Verlag. Bertha rastet am Set aus. Und Jon kriegt – völlig unerwartet – die Rolle seines Lebens: Er soll einen Pfeife rauchenden Großschriftsteller mit Waffen-SS-Vergangenheit verkörpern.

Wenn Männer von Frauen angefahren werden…

Nach „Durst ist schlimmer als Heimweh“, in dem eine Sechzehnjährige versucht, ihre miese, von Missbrauch und Alkohol geprägte Kindheit hinter sich zu lassen, folgt mit „Ich habe Freunde mitgebracht“ nun gewissermaßen das leichte Sommerstück auf Lucy Frickes hartes Debüt. Denn obwohl ihre Figuren bald vor den Trümmern ihrer Träume stehen und mit verschrammter Seele ins Taumeln geraten, hat man doch keine Angst, dass sie allzu tief fallen werden. Dafür sorgt auch der Sinn für Absurditäten, den sich ihre Protagonisten bewahren, und eine pointierte Lakonie, mit der sie von ihrer Autorin beschrieben werden. Und wenn zwei Männer von zwei flüchtenden Frauen mit dem Auto angefahren werden und schließlich, stöhnend und verwundet, auf der Rückbank landen, kommt auch noch ein wenig Slapstick ins Spiel.

Besser kann der Film zum Buch gar nicht werden

Lucy Fricke ist so alt wie ihre Figuren und hat lange als Script / Continuity gearbeitet – was das ist, erfährt man ebenfalls im Roman -, bevor sie am Deutsche Literaturinstitut studierte und 2005 den „Open Mike“ gewann. Ihr Stil ist filmisch: knappe Dialoge, schnelle Szenenwechsel. Das Tempo, die Genauigkeit der Milieuschilderungen und ihr humorvoller, Seichtigkeiten jedoch geschickt vermeidender Stil machen ihre Geschichte zu einer sympathischen Tragikomödie, die man jedoch lieber lesen sollte, anstatt auf die gewiss nicht annähernd so gute Verfilmung (nahe liegender Gedanke) zu warten.

Autor&Copyright: Ralph Gerstenberg

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Lucy Fricke, Ich habe Freunde mitgebracht
(September 2010)
E-Book (epub) 16,99 Euro
Rowohlt (Hardcover) 16,95 Euro

[e-book-review] Atombombe als soziale Kettenreaktion – Hubert Mania erzählt die Vorgeschichte einer furchtbaren Waffe

kettenreaktion-hubert-mania-atombombe-geschichte-e-bookDie Atombombe basiert auf Kettenreaktionen – auch in sozialer Hinsicht. Schon Jahrzehnte vor Hiroshima war vielen Wissenschaftlern klar, dass die Kernspaltung eine fürchterliche Waffe möglich machen würde. Trotzdem forschten sie gemeinsam weiter. In seiner „Geschichte der Atombombe“ interessiert sich Hubert Mania vor allem für das Zusammenspiel von Experten, Politikern und Militärs. Es sei fast so etwas wie ein „Roman der Atombombe, aber mit historischen Darstellern“, so Mania selbst über „Kettenreaktion“. Ralph Gerstenberg hat das Buch für uns gelesen.

Von der Entdeckung des Urans bis Los Alamos

Hubert Manias Buch „Kettenreaktion“ beginnt mit der Entdeckung des Urans durch den Berliner Apotheker Martin Heinrich Klapproth im Revolutionsjahr 1789 und endet mit der Zündung der ersten Atombombe am 16. Juli 1945. Dazwischen liegen gut anderthalb Jahrhunderte des Forschens und Experimentierens, die Hubert Mania chronologisch beschreibt: die Entdeckung der Radioaktivität durch Henri Bequerel, die Erforschung des Atomkerns durch Nils Bohr, Albert Einstein, Max Planck und Werner Heisenberg, die erste erfolgreiche Kernspaltung durch Otto Hahn und den Wettstreit zwischen amerikanischen und deutschen Wissenschaftlern bei der Entwicklung einer kernwaffentauglichen nuklearen Kettenreaktion in den Kriegsjahren von 1939 bis 1945. Dabei bemüht der 1954 geborene Autor Hubert Mania, der bereits eine Stephen-Hawking-Monografie und eine Biografie über Carl Friedrich Gauß veröffentlichte, die komplexe wissenschaftliche Materie verständlich zu machen und das gesellschaftliche Umfeld zu schildern, in dem die jeweiligen Entdeckungen stattfanden.

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Mitwirken am potentiellen Ende der Menschheit?

Spätestens seit dem September 1904, als Frederick Soddy und Ernest Rutherford auf der Weltausstellung im amerikanischen St. Louis ihre Erkenntnisse über die potentielle Zerstörungskraft der Uranenergie verkündeten, standen Wissenschaftler, die Kernforschung betrieben, vor einem moralischen Konflikt: Sollten sie mitwirken bei der Erschließung einer Energiequelle, die militärisch genutzt das Ende der Menschheit bedeuten könnte? Der Beginn des Zweiten Weltkrieges war zugleich der Startschuss im Wettlauf um die atomare Vorherrschaft. Das Kriegsziel nahm den Wissenschaftlern auf beiden Seiten die Skrupel. Die militärische Relevanz ihrer Aufgabe verschonte sie nicht nur vor einem Fronteinsatz, sondern verschaffte ihnen auch die für die Forschungsaufgabe dringend benötigten Gelder. Zwei Milliarden Doller investierte die US-Regierung in die Entwicklung der Atombombe. Auf dem Forschungsgelände in Los Alamos arbeiteten unter der Führung von Robert Oppenheimer 1200 Leute fieberhaft an der Entwicklung einer Kernwaffe mit gewaltiger Sprengkraft.

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Entscheidung in New Mexico: “Now we are all sons of bitches“

Das Zentrum der deutschen Kernforschung bestand zu jener Zeit aus einer Bretterbude in der märkischen Heide, wie Hubert Mania in seinem Buch lakonisch bemerkt. Bis zum Kriegsende gelang es den deutschen Wissenschaftlern nicht, was die Amerikaner schon Ende 1942 geschafft hatten: die Auslösung einer Kettenreaktion. Als Deutschland bereits besiegt war, zündeten amerikanische Wissenschaftler in New Mexiko die erste Atombombe. Die Beschreibungen der Explosion gleichen denen von gewaltigen Naturereignissen. Doch jedem, der den Atomblitz gesehen hat, war klar, dass die Welt nun nicht mehr dieselbe sein würde. „Now we are all sons of bitches“ – mit diesem an Robert Oppenheimer gerichteten Ausspruch des Testleiters Kenneth Bainbridge endet Hubert Manias Buch. Nur drei Wochen später wurde die erste Atombombe über Hiroshima abgeworfen. Hubert Manias stilistisch brillantes und packendes Buch zeigt exemplarisch, dass das Drängen des Menschen nach Erkenntnissen nicht zu bändigen sein wird, selbst wenn es ihn ins Verderben führt.

Autor & Copyright: Ralph Gerstenberg
Fotos vom Trinity-Testgelände/New Mexico: Ed Siasoco/Flickr

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Hubert Mania,
Kettenreaktion. Die Geschichte der Atombombe (September 2010)
E-Book (epub-Format), 22,99 Euro
Hardcover (Rowohlt) 22,95 Euro

[e-book-review] Simple Stories zur Banalität des Normalen (Hanna Lemke, „Gesichertes“)

e-book-review hanna lemke gesichertes e-bestseller_pixelio_robson.gif„Gesichertes“ präsentiert die Berliner Autorin Hanna Lemke im gleichnamigen Erzählband – lakonische Notizen aus dem Interim zwischen Jugend und Erwachsenwerden. Doch auch simple Stories können es in sich haben, weiß man seit Ingo Schulzes Sampler „Simple Storys“. Technisch sind Hanna Lemkes Streifzüge zwischen Clubs, Kneipen, Wohngemeinschaften & Jobs auf der Höhe der Zeit – man kann sie via textunes als iPhone-App herunterladen. Wie es inhaltlich aussieht, verrät unser Rezensent Ralph Gerstenberg.

Leben im Interimszustand: Die Welt der Twenty-Somethings

Hanna Lemke ist so ziemlich das Gegenteil von Helene Hegemann. Sie veröffentlicht ihr Debüt mit Ende zwanzig, also in einem Alter, in dem das hierzulande Jungschriftstellerinnen normalerweise zu tun pflegen, sie lächelt offen auf ihrem Autorinnenfoto – kein Haar im Gesicht – und sie beschreibt das, was man als eine in Wuppertal geborene und nun in Berlin lebende Autorin, die zwischendurch am Leipziger Literaturinstitut studiert hat, nun mal kennt: die Welt der Twentysomethings, die sich in Bars und Kneipen treffen, oft zuviel trinken, miteinander rumziehen und in einer Art Interimszustand leben – noch nicht wirklich bereit, Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, nicht mehr unbedarft genug, einfach ihre Jugend zu genießen.

Gesichertes Einkommen & anderweitiges

Die Ich-Erzählerinnen nehmen Jobs an, die sie nicht verstehen, spüren die Anziehungskraft von Frauen und Männern, denen sie begegnen, und versuchen so etwas wie Beziehungen aufrecht zu erhalten oder aufzubauen – zu Liebhabern, zu Freunden, zu Geschwistern. Oft reden sie kaum miteinander, wie Georg, der vom Geld seiner Eltern lebt und vom Vater am Telefon gefragt wurde, ob er inzwischen „anderweitig ein gesichertes Einkommen“ hätte. „“Und was hast du gesagt?“, fragte ich. Georg antwortete nicht. „Das fand ich nett, wie der das gesagt hat“, sagte er nur. „Anderweitig ein gesichertes Einkommen.““

Woher den Erfahrungsstoff für gute Geschichten nehmen?

Doch, es gibt in den Geschichten durchaus gelungene Passagen. Auch wie der wortkarge Boris eine eingespielte Freundesclique erst analysiert und dann als Katalysator deren Reduzierung vorantreibt, ist schön beobachtet und lakonisch beschrieben. Allerdings fehlt es den Geschichten an Tragik, an Fallhöhe, an Relevanz. Sie beschreiben abgesicherte Welten, in denen das Weiterkommen vielleicht noch etwas unsicher ist, junge Leute, die ein bisschen einsam sind und ein bisschen was ausprobieren, bis sie irgendwann die sicheren bürgerlichen Bahnen einschlagen werden. Auch stilistisch bieten diese Stories nicht viel, nur die übliche Reduktion und das nicht zu Eindeutige – Dinge, die man in Leipzig lernt. Angesichts dieser Prosa spürt man ein Dilemma, in dem junge, wohlbehütet aufgewachsene Autoren und Autorinnen heutzutage stecken: Woher den Erfahrungsstoff für gute Geschichten nehmen und nicht stehlen? Und man ist fast geneigt, der Methode Hegemann zuzustimmen: Lieber eine geborgte Erfahrung als die Banalität des Normalen!

Autor & Copyright: Ralph Gerstenberg

Hanna Lemke Gesichertes E-Book Bestseller.jpg
Hanna Lemke,
Gesichertes (2010)
E-Book/ iPhone-App (textunes), 9,99 Euro
Hardcover (Kunstmann-Verlag) 17,90 Euro

Bild: Pixelio/Robson

[e-book-review] Das Leben der Anderen, nur ganz anders: Rayk Wielands Roman „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“

rayk-wieland-schlage-vor-dass-wir-uns-kuessen-e-book-e-bestseller-textunes.gif„Die DDR hat es wirklich gegeben“, behauptet der Klappentext von Rayk Wielands neuem Roman. Doch nicht nur das Setting, auch die Story von „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“ beruht auf einer wahren Begebenheit. Gibt es aber auch einen „Verein der unbekannten Untergrunddichter Deutschlands“? Herr W., der Held der Geschichte, ist sich nicht sicher. W.’s Entdeckungsreise in die eigene Vergangenheit können nun auch iPhone & iPod Touch-Nutzer folgen – denn bei textunes ist die E-Book-Version erschienen. Ralph Gerstenberg hat das Buch für E-Book-News rezensiert.

Mauerfall mit Zigarren & Cuba Libre

Der Mauerfall ist noch lange kein Grund, sein Glas nicht auszutrinken. So wie sich Sven Regeners Herr Lehmann auf der einen Seite der Mauer nicht von der schlichten Nachricht der Grenzöffnung vom Tresen vertreiben lässt, verzichtet auf der anderen Rayk Wielands Protagonist W. in dem autobiografischen Roman „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“ nicht auf Zigarre und Longdrink: „An den Nachbartischen brach Enthusiasmus aus, ein Grüppchen nach dem anderen zahlte und verließ den Laden, bis ich mit meiner angerauchten Cigarre und dem frisch eingeschenkten Cuba Libre allein blieb, eindrucksvoll umstanden von zwei Serviererinnen und ihrem mich konsterniert musternden Chef hinter der Bar.“

Das lyrische Frühwerk, überliefert in der Stasi-Akte

Der 1965 geborene Autor und Journalist Rayk Wieland, der für den Mitteldeutschen Rundfunk arbeitet, musste sich – wie alle ostdeutschen Mitarbeiter des Senders – einer Stasi-Überprüfung unterziehen. Er staunte nicht schlecht, als er einen mehrere hundert Seiten starken Ordner in seinem Briefkasten fand, in dem neben zahlreichen Spitzelberichten der Briefwechsel mit seiner damaligen West-Geliebten sowie sein gesamtes lyrisches Frühwerk dokumentiert waren. In Wielands halbfiktivem Roman ist es der zum Lyrikspezialisten avancierende Oberleutnant Schnatz, der in jeder Zeile des liebestrunkenen W. staatsfeindliche Botschaften wittert.
Bald glaubt er, fündig geworden zu sein und veranstaltet mit dem Verfasser eine Art Lyriktribunal. Es geht um ein Gedicht, das an Eindeutigkeit scheinbar nichts zu wünschen übrig lässt: „Die dummen Schweine, die da thronen / In allerhöchsten Positionen / Und in den abgesperrten Zonen / Wo sie mit warmen Hintern wohnen / Und ihre Ärmelschoner schonen, / Nicht eine Zeile würde für sie lohnen.“ Doch W. weiß sich zu verteidigen. Das Gedicht bedeutete nicht das, was es bedeute. Schließlich – so W. – heiße sein Gedichtzyklus nicht umsonst: „Mögliche Exekution des Konjunktivs“. Es gehe um die Möglichkeitsform, die schließlich alles Gesagte relativiere.

Witziger Gegenentwurf zum hochmoralischen „Leben der Anderen“

Diese schwejksche Haltung ist typisch für den Protagonisten in Rayk Wielands Roman. Er ist kein Opfer, kein politischer Aktivist, sondern jemand, der jung ist, seiner Westfreundin mit ebenso pointierten wie kühnen Versen imponieren will und dadurch ins Visier der Stasi gerät. Damit gelingt Wieland ein intelligenter und witziger Gegenentwurf zu dem hochmoralischen Stasidrama „Das Leben der anderen“. In Wielands Roman „Ich schlage vor, dass wir uns küssen“, der wie der Film in den achtziger Jahren spielt, ist die Stasi ein paranoider Apparat, der sich seine Feinde selbst erfindet. Der inoffizielle Mitarbeiter, der über W. berichtet, ist kein politischer Idealist, der aus Überzeugung handelt, sondern ein Glücksspieler, Zuhälter und Betreiber von lukrativen Toilettenhäusern in der Innenstadt. Ostalgiefrei und charmant erzählt Rayk Wieland vom Untergang einer Gesellschaft, die nicht nur Oppositionelle und Mitläufer hervorgebracht hat, sondern auch Typen wie W., die im DDR-Alltag hin und wieder kleine poetische Leuchtraketen zündeten und im Nachhinein manchmal sogar als unterdrückte Untergrunddichter verklärt wurden.

Autor: Ralph Gerstenberg

Rayk Wieland Schlage vor dass wir uns kuessen E-Book textunes E-Bestseller.jpgRayk Wieland,
„Ich schlage vor, dass wir uns küssen“,
Print: Antje Kunstmann Verlag, 16,90 Euro
E-Book/iPhone-App: textunes, 9,99 Euro