Home » Lesen & Schreiben, Self-Publishing

„Zwölf Jahre als Sklave“: Indie-Übersetzung von Solomon Northups Klassiker überholt Verlags-Version

25 Mrz 2014 2 Kommentare

Northup, nicht Northrup! Anfang März machte die New York Times Schlagzeilen mit der Korrektur eines Artikels, der bereits vor 161 Jahren erschienen ist. Der historische Typo betraf den Namen eines Mannes, der spätestens seit der letzten Oscar-Verleihung in aller Munde ist: Solomon Northup – Autor der historischen Vorlage von „12 Years a Slave“. Kurz vor dem amerikanischen Bürgerkrieg war der autobiographische Bericht des frei geborenen, dann aber wieder versklavten Farmers & Violinisten ein ebenso großer Bestseller wie der fast parallel erschienene Roman „Uncle Tom’s Cabin“. Später jedoch geriet das Werk in Vergessenheit, erst in den 1960er Jahren wurde es von Afroamerikanisten wiederentdeckt, und schließlich zur Vorlage für die Kinoversion „12 Years a Slave“, die in Hollywood zum „Besten Film 2014“ gekürt wurde.

Verlagsversion als „Buch zum Film“ vermarktet

In der Folge wurde nun auch hierzulande ein historisches Versäumnis korrigiert: Anders als Harriet Beecher-Stowes „Onkel Tom’s Hütte“, nach dem in Berlin sogar eine U-Bahn-Station benannt wurde, hatte es „12 Years a Slave“ bisher nie als „12 Jahre als Sklave“ in deutsche Bücherschränke geschafft – seit Februar gibt’s nun aber sogar gleich zwei sehr gut gemachte Übersetzungen. Eine der beiden Versionen warf Mitte Februar der Münchner Piper Verlag auf den Markt, realisiert durch die Übersetzer Johannes Sabinski und Alexander Weber. Die Vermarktung wird eng an die Kinofassung angelehnt – schon das Cover erinnert an das Filmplakat, man sieht Northup-Darsteller Chiwetel Ejiofor in Großaufnahme, der Titel lautet „12 Years a Slave – Die wahre Geschichte“, das Vorwort steuerte Regisseur Steve McQueen bei.

Indie-Konkurrenz: schneller, günstiger…

Noch bevor Piper Taschenbuch- und E-Bookversion auslieferte, landeten jedoch zwei Self-Publisher einen echten Indie-Coup: der Berliner Buchgestalter Rainer Zenz hatte nämlich Anfang 2014 zusammen mit der Übersetzerin Petra Foede ein Ad-Hoc-Projekt auf die Beine gestellt, und die Übersetzungsarbeit in drei große Portionen aufgeteilt. Schon Anfang Februar war Teil 1 von „Zwölf Jahre als Sklave“ bei Amazon als E-Book lieferbar, zum Preis von 99 Cent, Teil zwei folge Mitte Februar, parallel zum Start der Piper-Gesamtausgabe, im Vorfeld der Oscar-Verleihung Anfang März war dann Teil 3 der Selfpublishing-Fassung online. Die Gesamtversion bieten Zenz und Foede nun für 2,99 Euro an, gegenüber stolzen 8,49 Euro für Pipers E-Book.

…und näher dran am Original

Doch nicht nur preislich unterscheiden sich Indie- und Verlagsversion deutlich – auch die Aufmachung ist klar voneinander abgesetzt: die beiden Self-Publisher verfolgen einen eher dokumentarischen Ansatz, angefangen beim Cover, das ein historisches Foto aus den 1930er Jahren zeigt, aufgenommen von der New Yorker Dokumentarfotografin Dorothea Lange bei einer Reportagereise durch die Südstaaten. Außerdem nutzte Buchgestalter Zenz für die Gestaltung des Innenteils die Schwarz-Weiß-Lithographien der Erstausgabe aus dem Jahr 1853, ein zusätzlicher Bildteil enthält weitere historische Aufnahmen aus der Zeit der Sklaverei.

Self-Publishing sorgt für die nötige Reichweite

Aktuell steht „Zwölf Jahre als Sklave“ bei Amazon immer noch auf Platz 105 der Kindle-Charts, die deutlich teurere Verlagsversion dagegen dümpelt auf Platz 2400 ff. herum, was nur wenigen verkauften Büchern pro Tag entspricht. Indie-Konkurrenz, das kann man daraus lernen, belebt in der digitalen Ökonomie nicht nur das Geschäft, sondern sorgt oft überhaupt erst für die notwendige Verbreitung von Inhalten. Und das ist gerade in diesem Fall wirklich gut so. „12 Years a Slave“ sei für das Thema Sklaverei so wichtig wie Anne Franks Tagebuch für die Nazizeit, so der in Amsterdam lebende Regisseur Steve McQueen zu recht. Dank Kintopp und KDP bekommt nun auch Solomon Northup die ihm zustehende Bekanntheit.

2 Kommentare »

  • Anonymous schrieb:

    Andernorts…

    Der Indiebookday ist gelaufen. Offiziell ist er zumindest für dieses Jahr wieder vorbei. Es war jedoch ein großer Spaß und man kann die meisten der Bücher auch den Rest des Jahres weiterhin erwerben. Nur zu. Neben all den Fundst…

  • Aktuelles 8. April 2014 schrieb:

    […] Aktuell steht „Zwöllf Jahre als Sklave“ bei Amazon immer noch auf Platz 105 der Kindle-Charts, die deutlich teurere Verlagsversion dagegen dümpelt auf Platz 2400 ff. herum, was nur wenigen verkauften Büchern pro Tag entspricht. Indie-Konkurrenz, das kann man daraus lernen, belebt in der digitalen Ökonomie nicht nur das Geschäft, sondern sorgt oft überhaupt erst für die notwendige Verbreitung von Inhalten. […]