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Zuckerbergs Bücherberg besichtigt: “A Year of Books” — 23 Titel im Überblick

22 Feb 2016 0 Kommentare

a-year-of-booksEs geht doch nichts über gute Vorsätze zum Neuen Jahr: Im Zwei-Wochen-Rhythmus hat Mark Zuckerberg seit Anfang 2015 in seinem Face-Buch-Club “A Year of Books” interessante Schmöker vorgestellt. Mit der gemeinsamen Lektüre möchte der Multimilliardär einen Lernprozess anstoßen in Sachen “new cultures, beliefs, histories and technologies”. Seit dem Start sind inzwischen tatsächlich 23 Titel zusammengekommen, und bei den mehr als 600.000 Abonnenten der Gemeinschafts-Seite auf unterschiedliche Resonanz gestoßen: die anfangs prophezeite “Opraheske” Auswirkung hatte das Projekt “A Year of Books” nicht in jedem Fall.

“Universal Elements of progession in humanity”

Muss es ja andererseits auch nicht — denn die zusammen mit den Facebook-Followern abgearbeitete Leseliste ist sehr persönlich, sichtbar interessengeleitet, und alleine deshalb lohnt sich ein Blick auf Zuckerbergs Bücherberg, in dem sich aktuelles und nicht ganz so aktuelles vermischen. Der älteste Titel, “The Muqaddimah”, stammt sogar aus dem 14. Jahrhundert: dabei handelt es sich um geschichtsphilosophische Betrachtungen des islamischen Gelehrten Ibn Khaldun. Kein Zufall: denn Khalduns Ziel deckt sich mit dem des superreichen Philantropen aus Silicon Valley: “find universal elements in the progression of humanity”.

Darum ging’s Zuckerberg auch bei Yuval Noah Hararis Sachbuch “Sapiens. A Brief History of Mankind”, ebenso bei “The Beginning of Infinity” von David Deutsch — wenn man versteht, wie kulturelle, philosophische und technische Ideen die Welt verändern, kann man ja z.B. auch das Phänomen “Social Media” und deren Zukunftsaussichten besser einschätzen. Ein bisschen mehr Spiritualität kann natürlich auch nicht schaden: “When I read Sapiens, I found the chapter on the evolution of the role of religion in human life most interesting and something I wanted to go deeper on,” schreibt Zuckerberg — was zur Lektüre von “The Varieties of Religious Experience” von William James motivierte.

Besichtigung us-amerikanischer Problemzonen

Was schnell auffällt: Zahlreiche Titel auf der Leseliste befassen sich mit speziellen US-Problemzonen, etwa Michelle Alexander, The New Jim Crow – Untertitel: “Massen-Einkerkerung im Zeitalter der Farbenblindheit”, Steven Pinkers “The Better Angels of our Nature. Why Violence Has Declined”, “Gang Leader for a Day” von Sudhir Vekatesh oder auch “On Immunity” von Eula Biss — ein Pamphlet gegen die Impfverweigerer in den USA und anderswo.

Fehlen darf natürlich auch nicht das Thema Superreichtum — Superarmut, inklusive der Folgen für die Welt(-politik) und den Weltpolizisten USA. Mit “Why Nations Fail — The Originis of Power, Prosperity, and Poverty” und “The Rational Optimst — How Prosperity evolves” hat Zuckerberg hier zwei kontroverse Positionen parat, und damit auch zwei mögliche Antworten auf die Frage: Kann die Welt am amerikanischen Wesen (= Turbokapitalismus) genesen — oder ist das System Teil des Problems, und nicht der Lösung… Die Antwort betrifft natürlich nicht zuletzt auch den langfristigen Börsenwert von Facebook. Insofern ist selbst die Lektüre eines Buches wie “Portfolios of the Poor — How the World’s Poor Live on $2 a Day” nicht ganz uneigennützig.

Jenseits von Kissinger & Orwell

Eine schöne Gegenüberstellung der Prinzipien von alter und neuer Weltordnung bietet auch die Auswahl von Henry Kissingers “World Order” und Moises Naims “The End of Power” — “The trend towards giving people more power is one I believe in deeply”, schreibt Zuckerberg zu letzterem Titel. Dazu passt auch die Auswahl von “Orwell’s Revenge”, einer inoffiziellen Fortsetzung von “1984”: “After seeing how history has actually played out, Huber’s fiction describes how tools like the internet benefit people and change society for the better”, kommentiert Zuckerberg. Überhaupt muss man sich ja mit etwas anderen Dingen beschäftigen als früher (Stichwort: Kalter Krieg) — was ein Titel wie “Dealing with China – An Insider Unmasks the New Economic Superpower” belegt.

Klang die Lesesliste bisher ein bisschen so wie bei Barack Obama oder Hillary Clinton abgekupfert, so wird’s jetzt doch endlich so richtig nerdig: nicht links liegenlassen konnte Zuckerberg natürlich Titel wie Matt Ridleys “Genome”, Vaclav Smils “Energy: A Beginner’s Guide” (“It explores important topics around how energy works, how our production and use might evolve, and how this affects climate change”) oder einen Klassiker wie Thomas S. Kuhns “The Structure of Scientific Revolutions” (ja, genau, der mit dem “Paradigmen-Wechsel” – wobei Zuckerberg betont, er sehe die Paradigm Shifts vor allem als “Katalysator sozialen Fortschritts”).

Ideenfabriken & Common Knowledge

Wundern mag sich vielleicht so mancher, dass Zuckerberg sich weder eine Biografie von Bill Gates oder von Steve Jobs vorgenommen hat (oder Edison, Tesla etc.) — doch so ganz entgleitet ihm das High-Tech- und Digitalisierungs-Thema nicht: schließlich ist mit “The Idea Factory” die Geschichte der Bell Labs mit dabei, und Ed Catmulls “Creativity, Inc.” erzählt die Story von Pixar. Zu diesem Komplex passt dann auch sehr schön “Rational Ritual – Culture, Coordination, and Common Knowledge” von Michael Suk-Youn Chwe. In Zuck’s Worten: “The book is about the concept of ‘common knowledge’ and how people process the world not only based on what we personally know, but what we know other people know and our shared knowledge as well.”

Während Non-Fiction bei weitem überwiegt, hat sich Zuckerberg immerhin auch dreimal an Romane herangewagt, aber wohl nicht ganz zufällig jedesmal Science-Fiction gewählt. Neben dem oben bereits erwähnten “Orwell’s Revenge” findet man auf der Leseliste des Facebook-Gründers zwei sehr empfehlenswerte Titel: den Bestseller “The Three-Body-Problem”, Teil 1 der Sci-Fi-Trilogie “Remembrance of Earth’s Past” von Liu Cixin — ein “First Contact”-Szenario aus chinesischer Perspektive, sowie Ian M. Banks Klassiker “The Player of Games”, Teil 2 der “Culture”-Serie, ein klassisches Singularity-Szenario: “It explores what a civilization would look like if hyper-advanced technology was created to serve human needs and surpassed human capabilities”, so Zuckerberg. Wenn alles gut läuft, unterscheiden die Historiker ja vielleicht in Zukunft zwischen Skynet- und Facebook-Paradigma…

Mark Zuckerbergs Leseliste in chronologischer Reihenfolge:

  1. Moisés Naím, The End of Power: From Boardrooms to Battlefields and Churches to States, Why Being In Charge Isn’t What It Used to Be
  2. Steven Pinker, The Better Angels of Our Nature: Why Violence Has Declined
  3. Sudhir Venkatesh, Gang Leader for a Day: A Rogue Sociologist Takes to the Streets
  4. Eula Biss, On Immunity: An Inoculation
  5. Ed Catmull, Creativity, Inc.: Overcoming the Unseen Forces That Stand in the Way of True Inspiration
  6. Thomas Kuhn, The Structure of Scientific Revolutions
  7. Michael Chwe, Rational Ritual: Culture, Coordination, and Common Knowledge
  8. Hank Paulson, Dealing With China: An Insider Unmasks the New Economic Superpower
  9. Peter W. Huber, Orwell’s Revenge: The 1984 Palimpsest
  10. Michelle Alexander, The New Jim Crow: Mass Incarceration in the Age of Colorblindness
  11. Ibn Khaldun, Muqaddimah
  12. Yuval Harari, Sapiens: A Brief History of Humankind
  13. Iain Banks, The Player of Games
  14. Vaclav Smil, Energy: A Beginners Guide
  15. Matt Ridley, Genome: The Autobiography of a Species in 23 Chapters
  16. William James, The Varieties of Religious Experience: A Study in Human Nature
  17. Daryl Collins/Jonathan Morduch/Stuart Rutherford, Portfolios of the Poor: How the World’s Poor Live on $2 a Day
  18. Daron Acemoğlu/James A. Robinson, Why Nations Fail: The Origins of Power, Prosperity, and Poverty
  19. Matt Ridley, The Rational Optimist: How Prosperity Evolves
  20. Liu Cixin, The Three-Body Problem
  21. Jon Gertner, The Idea Factory: Bell Labs and the Great Age of American Innovation
  22. Henry Kissinger, World Order
  23. David Deutsch, The Beginning of Infinity: Explanations that Transform the World

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