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„Zeitgemäßer Schutz der Bestände“: Deutsche Nationalbibliothek zwingt Benutzer zur E-Book-Lektüre

15 Dez 2016

dnb-sperrt-die-buecher-ein„Der Bibliothekar muss den Leser als einen Feind betrachten“, ätzte einst Umberto Eco in seinem Essay „Die ideale Bibliothek“. Am besten sollte man den Benutzer deswegen erst gar nicht ins Gebäude lassen, wenn aber doch, dann möglichst von den Büchern fernhalten. Was Gedrucktes betrifft, hält es nun ausgerechnet die Deutsche Nationalbibliothek genauso. Wie der Hessische Rundfunk berichtet, teilt neuerdings an den Standorten Frankfurt/Main und Leipzig ein Aushang am Eingang mit: „die digitale Ausgabe erhält ab sofort den Vorzug bei der Bereitstellung“. Das heißt konkret: liegt ein Werk sowohl gedruckt wie auch elektronisch vor, darf der Nutzer es nur am Bildschirm lesen. In Frankfurt gibt es knapp 300 entsprechend ausgestattete Arbeitsplätze.

Vergessliches Gedächtnis der Nation

Außerhaus-Ausleihe gab es in der DNB ohnehin nicht. Doch selbst im Lesesaal bekommt man zukünftig das physische Exemplar nur noch in Ausnahmefällen in die Hände — wenn man nämlich einen „plausiblen Grund“ vorweisen kann. Ergonomische Gründe gehören nicht dazu, etwa, dass die Lektüre am aufrecht stehenden LED-Bildschirm (anders als etwa mit einem mobilen Lesegerät) für Augen und Nacken sehr anstrengend sein kann. Auch das nicht nur gedruckte Bücher ein Kulturgut darstellen, sondern auch die Lektüre von gedruckten Büchern, scheint dort, wo das „Gedächtnis der Nation“ (O-Ton DNB) verwaltet wird, in Vergessenheit geraten zu sein.

„Institutionelle Arroganz“

Im FAZ-Feuilleton (Original liegt E-Book-News gedruckt vor) geißelt Jochen Hieber die Nicht-Bereitstellung der Papierversionen als „freiheitsbeschränkenden Ukas“, „Zwangsdigitalisierung“ und „unverhohlene Institutionenarroganz“. Nicht ganz zu unrecht — die Maßnahme hat doch am Ende von allem etwas. Die offizielle Begründung der Bibliotheksleitung bestätigt diesen Vorwurf:
man verbinde „komfortablen Ad-hoc-Zugriff“ mit „zeitgemäßem Schutz der Bibliotheksbestände“, heißt es im DNB-Newsletter.

Inhalt wichtiger als das Medium?

Folge man aber einer solchen sonderbaren Logik, so der FAZ-Kolumnist, „hätte es öffentliche Bibliotheken im vordigitalen Zeitalter erst gar nicht geben dürfen, dienten sie doch zuallererst der Zerstörung ihrer Bestände.“ Ziemlich weltfremd klingt dann auch ein Argument, das DNB-Direktorin Ute Schwens gegenüber dem Hessischen Rundfunk vorbringt: die meisten Menschen würden sich „für den Inhalt und weniger für das Medium“ interessieren. Aber bedeutet Lesen nicht doch etwas mehr als mit den Augen den Text abscannen und Informationen aus dem Text ziehen?

Die DNB betont übrigens, dass die bevorzugte Bereitstellung von elektronischen Versionen keine Sparmaßnahme darstellt: man habe „keinen direkten finanziellen Vorteil“, wenn die Bücher im Magazin verborgen bleiben. Da kann man wirklich nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und rufen: „Dann lasst es doch bleiben!“. E-Books als Ergänzung sind wunderbar, als alternativloses Medium (zumal auf Desktop-Bildschirmen) dagegen der reinste Horror.

(Abb.: Iris386/Flickr (by-sa-2.0))