Zahn um Zahn in Baden-Baden: Ilona Bulazel, Sepsis – Das Schandmaul [Leseprobe]

sepsis-das-schandmaul-introBöses Erwachen in Baden-Baden: Als Kommissar Rolf Heerse zu einer grausam entstellten Leiche gerufen wird, ahnt er noch nicht, dass bald weitere Morde folgen werden. Doch bald wird klar: Ein mysteriöser Serienmörder hinterlässt auf seinem Streifzug durch das beschauliche Städtchen eine blutige Spur des Hasses. Warum verstümmelt er auf so brutale Weise den Mund seiner Opfer? Während die Ermittler bald in die Abgründe der menschlichen Seele blicken, holt den Hauptkommissar ein dunkles Kapitel der eigenen Vergangenheit ein. Mit „Sepsis – Das Schandmaul“ legt Thriller-Autorin Ilona Bulazel nach »Sepsis – Verkommenes Blut« den zweiten Krimi mit Hauptkommissar Rolf Heerse vor. Neben Psychothrillern schreibt die in Baden-Baden lebende Self-Publisherin auch SciFi-Krimis, zuletzt erschien „Projekt Todlicht“. Unsere Leseprobe zu „Sepsis“ führt direkt zum Fundort der ersten Leiche…

Ilona Bulazel: Sepsis – Das Schandmaul

Kapitel 1

»Das Schandmaul steht im weitesten Sinne für ein freches Mundwerk, wird aber oft auch als Bezeichnung für jemanden verwendet, der abwertend oder boshaft über andere Personen spricht.«

Liane Ohwaldt fühlte sich alleingelassen und hilflos. Während ihr dicke Tränen über die Wangen liefen, dachte sie an die Zeit, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war und der Vater ihr jeden Abend vorgelesen hatte. Die Märchen ihrer Kindheit – alles Lügen! Die Geschichten über die dunklen Wälder und bösen Hexen stimmten genauso wenig wie die Legenden von gütigen, alten Weibern und edlen Rittern. Die Welt war vollkommen anders, die Welt war grausam. Liane schluchzte, aber das, was geschehen sollte, ließ sich nicht mehr aufhalten.
Grob wurde sie auf die Knie gestoßen. Der feuchte Boden roch vertraut, wieder eine Kindheitserinnerung. Dieses Mal an Pilzesammeln und Versteckspielen. Verzweifelt bettelte sie um Gnade, das qualvolle »Bitte nicht« war das Letzte, was sie sagen konnte. Das Metallrohr traf sie mitten ins Gesicht, Knochen und Zähne splitterten und plötzlich war da nur noch Schmerz. Der zweite Schlag verletzte sie schwer am Hinterkopf. Liane hörte das Brechen des eigenen Schädels und verlor das Bewusstsein. Wenige Minuten später war sie tot.

Mitte Juni

Die Hitze war beinahe unerträglich. Lydia kniff die Augen zusammen. Auch wenn sie gerade ihren eigenen Gedanken nachhing, beäugte sie wachsam die Kinder. Die dritte Klasse Grundschule war kein Zuckerschlecken. Sollte Lydia jemals wieder eine Jobentscheidung treffen müssen, dann würde sie sich mit Sicherheit für die Erwachsenenbildung entscheiden.
Mit einer scharfen Ermahnung pfiff sie einen der Jungen zurück, der gerade den höchsten Baum auf der Lichtung erklimmen wollte, und hoffte, dass dieser Wandertag bald zu Ende sein würde. Dann versank sie wieder in Grübeleien über das eigene Schicksal. Die Vorstellung, mit ihrem neuen Freund den ersten gemeinsamen Urlaub am Meer zu verbringen, konnte sie nicht wirklich fröhlich stimmen. Die acht Kilo, die zwischen ihr und der perfekten Bikini-Figur standen, hatten sich seit Weihnachten erfolgreich behauptet. Zu allem Übel war die Ex ihres neuen Partners gertenschlank gewesen. Doch noch bevor sich Lydia ihrem Frust hingeben konnte, hörte sie einen lauten Schrei.
Die Lehrerin wusste sofort, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Auch ihre Kollegin und zwei der Mütter, die sich als Begleitpersonen angeboten hatten, erhoben sich von den Picknick-Decken. Schon folgte das aufgeregte Rufen der Kinder.
»Till! Es war Till! Er hat es gefunden!«, schrie der kleine Johann, einer der sommersprossigen Zwillinge.
Natürlich!, dachte Lydia, wer sonst! Es war immer Till. Der Junge schien ihr ganz persönlicher Sargnagel zu sein. Hyperaktiv, schlau und ohne den Hauch von Verantwortungsgefühl.
»Mara weint«, erreichte sie das dünne Stimmchen von Susanne, die mit verzweifelter Miene zu ihrer Lehrerin aufsah.
Lydia legte einen Zahn zu. Außer Atem stapfte sie in Richtung der Kinder, die trotz des ausdrücklichen Verbots den Waldweg verlassen hatten und nun im Dickicht standen.
Sie zerkratzte sich die Waden an einem Dornengestrüpp. Mit strengem Gesichtsausdruck stürmte sie zu der Gruppe. Zwei Mädchen hielten sich an den Händen. Die eine wurde, den Kopf gesenkt, von Weinkrämpfen geschüttelt, die andere starrte mit ihren großen blauen Kulleraugen stur geradeaus, so als würde sie unter Schock stehen.
Till, der vermeintliche Übeltäter, kam ihr erleichtert entgegen – ein Umstand, der die Lehrerin zusätzlich beunruhigte.
»Schnell, dort vorne!«, keuchte der Junge aufgeregt.
Als sich Lydia schließlich dem aufgewühlten Blätterhaufen näherte, traf sie der Anblick völlig unvorbereitet. Die Leiche war fast vollständig von Erde und Laub bedeckt. Nur das bleiche, marmorierte Gesicht lag frei und bildete einen merkwürdig grellen Kontrast zu den dunklen Farben des Waldes. Eine seltsame Stille schien plötzlich um sie herum zu herrschen und Lydia spürte eine unangenehme Kälte. Der fremdartige süßlich-faulige Geruch verursachte ihr Übelkeit. Der Lehrerin wurde schwindelig. Sie hörte ihr eigenes Blut in den Ohren rauschen. Unfähig den Blick abzuwenden, betrachtete sie jedoch weiter das entstellte Gesicht. Tiere mussten sich bereits über das Fleisch hergemacht haben. Kleine Nager mit winzigen, scharfen Zähnchen hatten den rechten Wangenknochen bearbeitet. Die Augäpfel fehlten. Vielleicht war hier einer der großen Rabenvögel auf eine willkommene Mahlzeit gestoßen. Anklagend stierten die leeren Augenhöhlen in Lydias Richtung, die erschrocken erkannte, dass die weißen Stückchen, die am Kinn der Leiche klebten, keine Kiesel, sondern ausgeschlagene Zähne waren. Als im nächsten Moment ein dicker schwarzer Käfer aus einem der Nasenlöcher krabbelte, verlor sie die Kontrolle und musste sich übergeben.
Niemand lachte oder sagte etwas. Mittlerweile hatten auch die anderen Erwachsenen begriffen, was vor sich ging. Mit brüchigen Stimmen gaben sie den Kindern Anweisungen. Folgsam sammelten die sich auf der kleinen Lichtung, suchten die Nähe zueinander und lauschten schweigsam dem Gespräch, das Lydia wenig später per Handy mit dem Notruf der Polizei führte.

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Copyright Cover & Leseprobe: Ilona Bulazel
Veröffentlichung mit frdl. Genehmigung der Autorin

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Ilona Bulazel, Sepsis – Das Schandmaul
E-Book (Kindle) 0,99 Euro
Taschenbuch (Createspace) 9,99 Euro

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".