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[e-book-review] Yohoho! „Treasure Island“ wird zum Vook – inklusive N.C. Wyeths legendärer Illustrationen

23 Jan 2010 Ansgar Warner 2 Kommentare

vook-treasure-island-e-bookYohoho! Mit Treasure Island hebt Vook einen bibliophilen Schatz im digitalen Ozean. Natürlich ist Robert Louis Stevensons Schatzinsel längst Public Domain. Doch in dieser liebevoll edierten Version für iPhone und iPod Touch sind die Abenteuer um Jim Hawkins und Long John Silver ergänzt mit N.C. Wyeths legendären Illustrationen. Auch Stevensons berühmte Schatzkarte fehlt natürlich nicht… P-(

“Fifteen men on the dead men’s chest – yo-ho-ho and a bottle of rum“

„Fünfzehn Mann auf des toten Seemanns Kasten, yohoho, und ne Buddel voll Rum“ – was klingt wie ein uraltes Seemannslied, ist in Wirklichkeit eine Erfindung von Robert Louis Stevenson, aufgeschrieben für den Roman „,Treasure Island“ – und der kam erstmals 1881 unter die Leute, als Fortsetzunggeschichte für die Jugendzeitschrift „Young Folks“. treasure_island-wyeth-vook-e-book-wikipediaAuch die prototypische Piratenfigur mit Holzbein und sprechendem Papagei auf der Schulter hat sich erst durch die „Schatzinsel“ ins kollektive Bewusstsein eingebrannt – nach dem Vorbild von Long John Silver und dem gefiederten Kumpan “Käpt’n Flint”. Doch der langfristige Erfolg war auch an die Illustrationen gekoppelt – in Europa vor allem durch Georges Roux, populär auch für seine Jules Vernes-Bebilderung, in den USA dagegen N.C. Wyeth, dessen Zeichnungen auch Ausgaben von Robinson Crusoe oder Lederstrumpf begleiteten. Insofern liegt es nahe, dass auch die Macher von Vook sich für Wyeth entschieden haben. Der alte Seebär Billy Bones, wie er mit seinem Teleskop Ausschau hält, Long John Silver mit seiner Krücke und die Meuterei auf der Hispaniola – das alles wikt in Wyeths realistischen, farbigen Illustrationen so lebendig, als hätte man ein Szenenbild aus „Fluch der Karibik“ vor sich.

Vook steht eigentlich für die Kombination von E-Book & Video…

Vook steht eigentlich für die Kombination von E-Book und Video – seit Anfang 2009 macht der Silicon-Valley-Unternehmer Bradley Inman mit seinem ambitionierten Startup von sich reden. Normalerweise werden „Vooks“ in Zusammenarbeit mit der Produktionfirma TurnHere mit einem Dutzend kurzer Videos ergänzt, die in einem Roman oder Thriller einzelne Handlungsstränge illustrieren, oder in einem Ratgeber praktische Hinweise geben, sei es für’s ayurvedische Kochen, sei es für Fitness-Gymnastik. Mit der Kombination Text-Film soll es gelingen, besser mit den Online-Medien zu konkurrieren – ohne die Balance zwischen Buch und Bewegtbildern zu verlieren: „Wenn man Videos in ein Buch integriert, müssen die Bilder sich so nahtlos in den Erzählfluss einfügen, dass die Leser den Medienwechsel gar nicht bemerken“, so Inmans Devise. Mittlerweile geht Inmans Team aber auch die Klassiker an – zuletzt etwa Conan Doyle. In „The Sherlock Holmes Experience“ werden zwei klassische Detektivgeschichten mit kurzen Docu-Fiction-Clips begleitet, die einem die Original-Schauplätze, kulturelle Details wie „Opium-Smoking“ und Wissenswertes zu Doyles Biografie näherbringen. Die aufwändig gestaltete iPhone-Version von Treasure Island zeigt nun, dass Vook auch ohne Videos ein ganz besonderes Leseerlebnis inszenieren kann. Wichtige Clues geben statt Videoclips hier Hyperlinks im Text – wer etwa wissen will, was der Ausdruck „captan bars“ bedeutet, was ein „buccanner“ ist oder eine „fourpenny“-Münze, wird zu Wikipedia oder anderen Online-Enzyklopädien weitegeleitet.

Am Anfang der Geschichte steht eine längst verschollene Schatzkarte

vook-e-book-treasure-island-map-wikipediaDas Vook zur Schatzinsel setzt auf Nostalgie – das fängt bereits an beim beigen Texthintergrund, der vergilbtes Pergamentpapier nachahmt. Auch die eingestreuten Illustrationen – die trotz Verkleinerung auf dem Farbdisplay hervorragend wirken – tragen natürlich zum besonderen Leseerlebnis bei. Manche führen bereits den ursprünglichen Erfolg des Romans auf den Nostalgie-Faktor zurück – in Form eines Kinderbuchs für Erwachsene: „My impression is that Treasure Island is still appreciated less by boys than by grown-up readers“, schrieb bereits ein Zeitgenosse Stevensons. Ein Nachteil ist allerdings, dass die Illustrationen nicht zoombar sind. So muss man auf die Details von Stevenson berühmter Schatzkarte leider verzichten – das ist doppelt schade. Denn sie war sogar der Ursprung der ganzen Geschichte: Lloyd Osborne, Stevenson Stiefsohn, hatte einmal zum Zeitvertreib mit Wasserfarben eine Phantasie-Insel gemalt. Daran entzündete sich die Phantasie des Schriftstellers: „das zukünftige Romanpersonal tauchte aus seinen Verstecken in den imaginären Wäldern auf, mit gebräunten Gesichtern, blitzenden Waffen, auf der Jagd nach dem Schatz, alles projiziert ein paar Quadratzentimetern Papier… Die Karte war der wichtigste Teil des Plots.“ Die Originalkarte mit dem „x“ ist übrigens seit mehr als hundert Jahren verschollen, was wir heute auf dem Display des iPhones zu sehen bekommen, ist aber immerhin Stevensons eigenhändige Rekonstruktion. In der Erstausgabe des Buches war sie übrigens die einzige Illustration. Ach ja – das Buch! Manche Leser werden am Ende vielleicht so nostalgisch, dass sie die Schatzinsel in Papierform haben möchten – für diesen Fall hat das Vook eine kleine Hintertür parat: ein direkter Link in Richtung Amazon. Die iPhone-Version gibt’s im App-Store für umgerechnet knapp 1,50 Euro.

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