World E-Book Fair, oder: Download-Festival für Millionen

Die Messe von morgen braucht keinen festen Ort mehr: im Internet öffnet heute die „World E-Book Fair“ ihre virtuellen Pforten. Das meldeten in den letzten Tagen zumindest zahlreiche deutsche E-Lese-Blogs. Doch eine Buchmesse ist es eigentlich selbst im virtuellen Sinn nicht. Eher eine Art „Download-Festival“, das sehr stark an ein us-amerikanisches Publikum gerichtet ist. Mit der „World E-Book Fair“ gehen prominente E-Bibliotheken wie Project Gutenberg, die World Public Library und das Internet Archive medial in die Offensive. Gemeinsam stellt man zum amerikanischen Nationalfeiertag mehr als zwei Millionen E-Books zum Download bereit. Wohlgemerkt: Die meisten standen auf den jeweiligen Plattformen auch schon zuvor online zur Verfügung.

Wer eine Kreditkarte besitzt, kann ein Jahr lang 500.000 E-Books lesen

Die World E-Book Fair macht Werbung für einen Komplett-Service, der freie Downloads in vielen verschiedenen E-Libraries ermöglicht. Allerdings nur für dreißig Tage. Danach gibt es die enormen Bestände der World Public Library (500.000 Titel) wie üblich nur gegen eine Jahresgebühr von 8 Dollar 95. Vorausgesetzt, man hat eine Kreditkarte. Demokratischere Online-Bezahlfunktionen wie etwa PayPal gibt es leider nicht. Viele Benutzer in Europa werden das Angebot deswegen wohl auch in Zukunft noch nicht wahrnehmen können. Macht aber eigentlich auch nichts. Der globale Anspruch ist bei näherem Hinsehen nämlich wie so oft eingeschränkt: Den Löwenanteil der World Public Library machen englischsprachige Bücher aus dem Public Domain-Bereich aus. Während der Weltbuchmesse ist allerdings der „Long Tail“ auch nicht völlig zu unterschätzen. Jedenfalls haben die Veranstalter den Anspruch, insgesamt E-Books mehr als 100 Sprachen zu repräsentieren, darunter Chinesisch, Deutsch und Urdu.

Amerika hat es in Sachen E-Books besser, macht sich aber auch Sorgen um die Welt jenseits der „digital divide“

Doch bei aller Kritik: die World Public Library Association, Organisatorin der Weltbuchmesse, macht sich offenbar Sorgen um die digitale Kluft zwischen den USA, Teilen von Europa und dem Rest der Welt. Man setzt deswegen nicht nur auf „klassische“ E-Reader mit E-Ink-Display, sondern vor allem auf Mobiltelefone:

There aren’t even a million Kindles or Sony’s, but there are now ~4 1/2 billion cell phones– which means the possibility of reading readers via cellphones is larger than any other media.

Mehr als 4 Milliarden Mobiltelefone weltweit! Auch wenn das nicht alles iPhones sind, heißt das: rein statistisch trägt schon die Hälfte der Weltbevölkerung ein Lesegerät mit sich herum. E-Book-Marketing könnte in Zukunft also auch bedeuten, die Handy-Besitzer zum Lesen von E-Books auf dem Display zu motivieren.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".