Telefonbuch über alles: Wird E-Reading bald zum reinen Phone-Reading?

vom-ereading-zum-phone-readingKlassische E-Reader sind ja als Haupt-Umsatztreiber schon seit einer Weile abgeschrieben, demnächst könnte dem Tablet (zumindest als Lesegerät) ein ähnliches Schicksal drohen: „Die Zukunft des E-Reading findet auf dem Smartphone statt. Man wird auf dem Smartphone lesen, und man wird auf Papier lesen“, zitierte das Wall Street Journal letzte Woche Judith Curr, Chefin des Simon & Schuster-Imprints Atria Books. Schaut man sich an, wie groß die Displays bei den Smartphone-Marktführern Samsung (Galaxy-S-Reihe) und Apple (iPhone 6 sowie iPhone 6 Plus) jetzt schon sind, klingt das gar nicht mal nach einer so steilen These.

Zahl der Smartphone-Leser steigt

Die WSJ kann den absehbaren Trend aber auch ganz gut mit Nielsen-Daten zum Leseverhalten untermauern: In nur wenigen Jahren hat in den USA die Zahl der Smartphone-Leser stark zugenommen – jeder zweite (54 Prozent) schmökert mittlerweile ab und zu auf iPhone & Co., vor drei Jahren waren es erst 24 Prozent. Mitterweile lesen 14 Prozent der Smartphone-Nutzer ausschließlich auf dem Gerät, 2012 waren es erst 9 Prozent.

Dazu kommt natürlich noch: in den Vereinigten Staaten besitzt fast schon jeder ein Smartphone, mit 64 Prozent der Erwachsenen nähert sich das Land der Vollaustattung (Pew Research prognostiziert 80 Prozent für 2019) der Bevölkerung mit hochmobilen Lesegeräten, mit denen man nicht nur überall lesen, sondern auch von überall aus E-Books shoppen kann.

Mitnahme-Effekt

Oyster-Mitgründer Willem Van Lancker hatte für das WSJ zu diesem Thema einen klugen Satz parat: „Das beste Lesegerät ist das, was man dabei hat.“ Lesen per Smartphone erfordere keine Vorausplanung – offenbar ein entscheidendes Kriterium auch bei der Nutzung der Flatrate-App: jeder zweite Oyster-Kunde liest auf dem Smartphone. Auch Amazon scheint das bereits zu spüren: die Kindle-App, so hat das WSJ erfahren, wird häufiger auf iPhone 6 oder iPhone 6 Plus genutzt als auf dem iPad.

Muss Literatur für’s Mini-Screen oberflächlich sein?

Doch was wird aus der Literatur, wenn man sie nicht auf ein sechs-, sieben-, acht- oder neun-Zoll Display zwängt, sondern auf ein vier- oder fünf-Zoll-Display? Zwingt die kleine Oberfläche zur großen Oberflächlichkeit in Stil und Aufmachung? Ist das Lesen auf dem Smartphone am Ende die „Antithese zur vertieften Lektüre“?

Dazu findet man noch einen sehr klugen Satz im WSJ-Artikel: „Die Leute sollten sich keine Gedanken darüber machen, wie die Leute lesen, sondern froh sein, dass sie lesen“, sagt Anna Todd, eine Bestseller-Autorin, deren Erfolg sich auf die Storytelling-Plattform Wattpad gründet. Was via Wattpad veröffentlicht wird, landet sogar in neun von zehn Fällen auf dem Touch-Screen eines Mobilgerätes.

Abb.: Daz Smith (cc-by-2.0)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".