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„Wir bringen dich ganz groß raus“: Amazon fördert junge Talente – und mausert sich langsam zum Verlag

30 Jan 2010

Amazon Encore foerdert junge Autoren.jpgAmazon mausert sich langsam zum echten Verlag: neben direkten Deals mit Bestsellerautoren fördert der digitale Buchhandelsriese nun auch junge Talente. Das „Amazon Encore„-Programm wählt anhand von Kundenrezensionen erfolgversprechende Debutanten aus, die über Amazons Self-Publishing-Service BookSurge publizieren. Deren Titel kommen dann im Amazon-Store ganz groß raus – als Printversion, als Kindle-Book und via Audible auch als Hörbuch.

Talentschuppen Internet: die Chancen der Monetarisierung von Literatur steigen

„Wir bringen dich ganz groß raus“ – so ein Versprechen konnten den Autoren früher nur klassische Verleger machen. Denn nur sie verfügten über die entsprechende Logistik, um einen Roman oder ein Sachbuch nicht nur herzustellen – vom Lektorat über den Satz & Layout bis zum Druck – sondern vor allem auch für Werbung und Vertrieb zu sorgen. Doch in der Generation „Broadcast Yourself“ kann eine klassische Autorenkarriere längst ganz anders verlaufen. Viele Nachwuchsautoren verschicken keine Manuskripte mehr, sondern laden ihre Texte auf eine Self-Publishing-Plattform. In Deutschland gibt es da etwa Xinxii, Bookrix, Lulu oder Readbox.
Wer dort einen Erfolg landet, hoffte dann natürlich zumeist darauf, vom Talentscout eines Print-Verlages entdeckt zu werden. So ähnlich wie die Youtube-Starlets, die auf den Plattenvertrag mit einem Major-Label spekulieren. Doch das Internet bietet mittlerweile nicht nur Vorteile im Rahmen der Aufmerksamkeitsökonomie – auch die Chancen der selbständigen, verlagsunabhängigen Monetarisierung von Literatur steigen. Wir haben hier in der letzten Zeit bereits erfolgreiche Beispiele aus den USA vorgestellt wie etwa das Autorenkollektiv BookViewClub oder die Online-Zeitschrift Electric Literature. Blickt man auf Amazons jüngste Aktivitäten, scheint sich jedoch ein weitaus mächtigerer Weg des Direkt-Publishings zu entwickeln.

Amazon wagt sich auf das Gebiet klassischer Verlagsarbeit: Autoren entdecken & fördern

Cayla Kluver Legacy Amazon Encore.jpgDer Buchhandels-Riese nutzt seine Marktmacht im Bereich der Distribution nicht nur mehr für spektakuläre Deals mit Autoren, die bereits Rang und Namen besitzen, so wie etwa Stephen King, Paul Coelho oder Stephen Cowey. Oft handelte es sich bisher ohnehin nur um Zweitverwertungen von Titeln aus der Backlist. Mit dem „Amazon Encore“-Programm hat die Unternehmenszentrale in Beacon Hill/Seattle einen Schritt in Richtung klassischer Verlagsarbeit gewagt: das Entdecken von interessanten Autoren, und vor allem ihre Förderung mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln. Wie gut das funktioniert, zeigt das Beispiel der siebzehnjährigen Fantasy-Autorin Cayla Kluver – ihr Erstlingswerk „Legacy“ steht seit Herbst 2009 in einer professionell gemachten Printausgabe im Amazon-Katalog. Das Unternehmen nutzt nach eigenen Angaben „Informationen wie etwa Kundenrezensionen auf Amazon-Websites“, um außergewöhnliche Autoren wie Kluver zu finden. Maßgeblich sind aber auch Preisverleihungen bei Autoren-Wettbewerben und ähnliches. Mitte Februar werden vier weitere Titel erscheinen: „Page From a Tennessee Journal“ von Francine Thomas Howard, „Greyhound“ von Steffan Piper, „A Cruel Harvest“ von Paul Reid sowie „Crossing“ von Andrew Fukuda.

Die nächste J K Rowling könnte nicht nur von Amazon entdeckt werden, sondern auch bei Amazon bleiben

Besonders interessant am „Encore“-Programm ist, das Amazon hier selbst seine Kompetenzen bündeln kann – schließlich gehören zum Unternehmen bereits die Self-Publishing-Plattformen BookSurge (demnächst: CreateSpace) für den Print-Bereich wie auch DTP für den Kindle. Das Förderprogramm kann also auf neue Weise die soziale Dynamik von Amazons Publisher- und Kunden-Community koppeln – und könnte das Unternehmen damit mittelfristig zu einer echten Konkurrenz für konventionelle Verlage machen. Die nächste Stephenie Meyer, die nächste J.K. Rowling könnte nicht nur von Jeff Bezos‘ Talentscouts entdeckt werden, sondern würde auch von Anfang an exklusiv bei Amazon publizieren – und zwar parallel für Print, Kindle-E-Book und sogar Hörbuch (Audible.com gehört nämlich ebenfalls zu Amazon). Nicht nur Amazon hätte davon einen deutlichen finanziellen Vorteil – selbst bei einem Fifty-Fifty-Deal, wofür es ja bereits einige Beispiele gibt. Auch die Karrieren von Schriftstellern würden angesichts der sehr vorteilhaften Umsatzbeteiligung steiler verlaufen – erst recht wenn man an die grenzenlose Lieferbarkeit von E-Books denkt. Momentan müssen Verlage nur fürchten, ihre Cash-Cows an Amazon (bald vielleicht auch Google oder Apple) zu verlieren. Mittelfristig könnte aber auch der Zustrom an neuen Talenten versiegen.