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„Wenn nur dieser verdammte Krieg nicht wäre“: Anja May, Am Ende dieses Jahres [Leseprobe]

1 Sep 2016 0 Kommentare

am-ende-dieses-jahres-intro„Wenn nur dieser verdammte Krieg nicht wäre!“ — Schlesien, Anfang 1945: Uhrmacherlehrling Anton Köhler würde lieber eine Geige in der Hand halten statt eine Waffe. Doch die Front rückt immer näher: als um Neujahr 1945 die Rote Armee schließlich kurz vor Breslau steht, wird Anton zusammen mit seinen Altersgenossen als Wehrmachtshelfer eingezogen. Für Anton und seinen besten Freund Gerhard beginnt ein langer und gefährlicher Weg, der sie mit feindlichen Luftangriffen und der Grausamkeit der eigenen Landsleute konfrontiert. Anton ist entschlossen, seine Familie wiederzusehen — und entschließt sich, zu fliehen… In ihrem historischen Jugendroman „Am Ende dieses Jahres“ erzält Anja May nicht nur eine spannende Geschichte — die Story basiert auf wahren Begebenheiten: die Autorin hat nämlich Erlebnisse ihres Großvaters im Zweiten Weltkrieg verarbeitet. Unsere Leseprobe führt direkt ins 1. Kapitel…


Anja May, Am Ende dieses Jahres

20. Juli 1944, Breslau/Schlesien

Wenn nur dieser verdammte Krieg nicht wäre. Es könnte der schönste Sommertag sein. Die Sonne brennt warm auf meine Waden, als ich mich mit nackten Zehen auf der vorletzten Leitersprosse festklammere, um an die weiter oben hängenden Äste zu gelangen. Dort baumeln die Kirschen noch immer in dicken Bündeln und leuchten mich verlockend an. Als ich mir eine der Früchte in den Mund stecke und ihr süßer Saft durch meine Kehle rinnt, glaube ich beinahe, dass ich Sommerferien habe, so wie früher während der Schulzeit. Seit ich letztes Jahr meine Lehre angefangen habe, hatte ich keinen Urlaub mehr. Nur für heute Nachmittag hat mir die Meistersfrau »hitzefrei« gegeben, damit ich für sie Kirschen pflücke.
Aus dem geöffneten Küchenfenster tönt leise das Violinkonzert von Brahms, das sich mit dem Flöten der Amsel vermischt. Der Duft von gebratenen Zwiebeln zieht hinaus in den Garten. Mir läuft schon jetzt das Wasser im Mund zusammen.
Plötzlich bricht die Musik ab und die Stimme eines Nachrichtensprechers setzt ein. Sie klingt verzerrt, blechern … Ich schnappe nur einige Satzfetzen auf und beachte sie nicht weiter. Doch dann fängt ein Wort meine Aufmerksamkeit ein.
Ich schaue zum Fenster, als könnte ich so besser verstehen, was gesagt wird. Habe ich das eben richtig gehört? Oder bilde ich mir schon Sachen ein? Vielleicht habe ich einen Sonnenstich?
Frau Pollack, die Meistersfrau, reißt das Küchenfenster weiter auf und streckt ihren Kopf heraus. Ihre runden Wangen sind noch röter als sonst, wie die Bratäpfel, die es zur Weihnachtszeit bei uns zu Hause gibt. Sie schaut mich mit verwirrtem Blick und glasigen Augen an.
»Anton«, keucht sie, während im Hintergrund immer noch die Nachrichtenstimme schnarrt. »Auf unseren Führer«, sie stockt kurz, als fehlte ihr der Atem zum Weitersprechen, »ist ein Attentat verübt worden …«
Also doch! Habe ich also doch richtig verstanden. Ich stehe stocksteif und wie gelähmt auf der Leiter. Der einzige Gedanke, zu dem ich fähig bin, ist: Hat es diesmal geklappt? Die Antwort auf diese Frage entscheidet über alles: Was weiter mit Deutschland geschehen wird, mit meinem Bruder Helmut und Onkel Emil und all den anderen Soldaten an der Front, entscheidet über Sieg oder Niederlage, über das Ende des Krieges.
Ich halte die Luft an. Mein Herz pocht mir in den Ohren, sodass ich die nächsten Worte fast verpasse.
»Der Führer ist am Leben. Der Führer hat überlebt!«, kreischt die Stimme des Nachrichtensprechers hysterisch.
Was? Meine Finger und Zehen lösen sich von der Leiter; ich verliere den Halt und rutsche polternd und krachend die Sprossen hinab. Mit einem dumpfen Aufschlag lande ich auf dem Boden, merke aber kaum, dass ich mir die Knie dabei aufschlage. Ich muss weiter zuhören.
»Ich wiederhole: Unser Führer, Adolf Hitler, lebt. Durch eine göttliche Fügung wurde er vor einem weiteren feigen Attentat gerettet und erlitt nur leichte Verletzungen. Unverzüglich hat er seine Arbeit wieder aufgenommen, um dem deutschen Volk Frieden und Wohlstand zu bringen. Noch in dieser Nacht will er sich selbst in einer Rundfunkansprache an alle Volksgenossen und ‑genossinnen richten.«
Eine »göttliche Fügung«? Wohl eher Hexerei! Es grenzt wirklich an ein Wunder – dieser Schweinehund hat so viele Leben wie eine Katze; immer wieder entrinnt er scheinbar im letzten Augenblick dem Tod. Oder ist die Tatsache, dass er bisher allen Anschlägen entgangen ist, wirklich ein Zeichen, dass er dafür bestimmt ist, uns Deutsche zu führen? Aber wohin?
Frau Pollack strahlt mich aus dem Fenster an. Ihre Gesichtsfarbe hat sich wieder normalisiert. Dann verschwindet sie in der Küche und dreht das Radio leiser. Ich betrachte meine blutigen Knie und zupfe ein paar Grashalme aus der Schürfwunde. Die Haut an Knien und Handballen brennt. Mit meiner Ferienstimmung ist es aus.

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Autorin & Copyright: Anja May

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