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Wenn das Eis des Schweigens bricht: Silke Nowak, Alinas Grab [Leseprobe]

13 Jul 2018

alinas-grab-introKurz nach ihrem achten Geburtstag wird der Kinderstar Alina Odermatt ermordet im Garten ihrer Eltern gefunden. Obwohl die Ermittlungen unter Hochdruck laufen, kann der Fall nicht aufgeklärt werden — er bleibt eines der großen Rätsel der deutschen Kriminalgeschichte. Jahre später wendet sich der Vater der getöteten Eisprinzessin an die Ravensburger Detektei Fuchs & Bentwood mit dem Auftrag, Alinas Bruder Mark ausfindig zu machen. Der damals Elfjährige stand zeitweise selbst unter Tatverdacht, später brach er den Kontakt zur Familie ab. Ruby Fuchs und John Bentwood machen sich auf die Suche nach dem jungen Mann. Schnell wird klar: Sein Verschwinden hängt mit dem Geheimnis um den Mord an Alina zusammen. Zwölf Jahre nach der schrecklichen Tat bricht das Eis des Schweigens — und der Alptraum beginnt erneut. Wie weit darf man für die Wahrheit gehen? Unsere Leseprobe führt direkt ins erste Kapitel…


Silke Nowak, Alinas Grab

1. Kapitel — 1. Juli 2006 —


„Mark“, rief Alina. „Schau doch mal!“
Seine Schwester stand in ihrem roten Glitzer-Kostüm am Pool. Die Pailletten reflektierten das Sonnenlicht, leuchtende Punkte tanzten über das Wasser. Alina liebte dieses Kostüm. Es war das Kostüm aus Lea, die kleine Eisprinzessin. Mit diesem Film war seine Schwester berühmt geworden.
„Was ist denn, Prinzessin?“, rief Mark.
Alina trat jetzt vor bis zum Beckenrand. Dann schloss sie für einen Moment die Augen, sprang in die Höhe, drehte sich anderthalbmal um die eigene Achse und glitt beinahe lautlos ins Wasser.
„Cool“, rief Mark. Er klatschte in die Hände.
„Toll, Schatz!“, rief auch die Mutter von der Terrasse herüber. „Ein richtiger Axel!“
Anderthalb Jahre war es jetzt her, dass die Mutter mit Alina zum Casting nach München gefahren war, eigentlich nur aus Spaß. Man hatte Mädchen gesucht, die gut Schlittschuhlaufen können. Alina konnte das. Sie trainierte täglich unten im Eiskunststadion. Trotzdem hatte niemand damit gerechnet, dass sie die Rolle bekam. Es gab viele Mädchen, die gut Schlittschuhlaufen konnten. Aber die Jury hatte sich für Alina entschieden, weil Alina noch mehr konnte als Schlittschuhlaufen. Alina verzauberte die Menschen mit ihrem Lachen. Sie könne ängstlichen Menschen Mut machen, hieß es in der Begründung der Jury. Der Film war ein Riesenerfolg geworden. Die Dreharbeiten für Teil 2 begannen in wenigen Wochen.
„Huhu“, rief Alina und spritzte ihn nass.
„Na warte.“ Mark zog sein T-Shirt aus. Dann nahm er Anlauf, sprang ab und knallte mit einer Arschbombe ins Wasser, seine Spezialität.
Whom. Wie das klatschte!
Mark sank im Wasser nach unten. Die Welt da draußen wurde leiser, sein Körper schwerelos. Die Sonne schnitt wie ein goldenes Schwert durch die Oberfläche. Mark berührte mit der Hand den Boden und stellte sich vor, er wäre ein Hai. Über ihm zappelten zwei kleine Mädchenfüße. Die Schwester strampelte heftig und riss sich los, als er sie packen wollte.
„Kommt jetzt raus“, rief die Mutter. „In einer Stunde werden die Gäste da sein.“
Die Mutter stand bereits mit einem großen Badehandtuch am Pool, in das sich Alina sogleich schmiegte.
Mark tauchte wieder ab.
Es war Samstag, der 1. Juli 2006. Seine Mutter hatte heute Geburtstag. Wenn Alina kein Kaiserschnitt gewesen wäre, sagte Hedi immer, dann wäre sie vermutlich auch am 1. Juli geboren. Hedi war ihr Kindermädchen. Sie fand, man solle der Natur nicht ins Handwerk pfuschen. Doch weil Marks Mutter das anders sah, hatte Alina schon am 29. Juni das Licht der Welt erblickt. Vorgestern war seine Schwester acht Jahre alt geworden. Zwanzig Mädchen hatte sie zu einer Einhorn-Party einladen dürfen. Es hatte Einhorn-Torte gegeben, eine Einhorn-Hüpfburg und Ponyreiten. Das Pony hatte ein weißes Horn zwischen die Ohren geklemmt bekommen.
„Mark“, schimpfte die Mutter. „Raus jetzt!“
Mark hievte sich aus dem Wasser und legte sich, nass wie er war, auf die immer noch warmen Fliesen. In der Ferne schlug eine Kirchturmuhr halb sieben. Es war ein heißer Tag gewesen. Mark hatte sich fast nur von Eis ernährt. Hedi hatte gesagt, es sei der heißeste erste Juli seit hundert Jahren gewesen. Das habe sie im Radio gehört.
„Die Sessel bitte da hin“, hörte er die Stimme seiner Mutter.
Schon seit Stunden schleppten die Männer von Festland Stühle und Tische durch den Garten. Der Schweiß lief ihnen über die Gesichter. Der dunkle Mann wischte sich mit dem Ärmel über die Augen; Mark sah die schwarzen Haare unter den Achseln. Festland war eine Partyagentur. Heute Abend kamen 145 Leute, das schaffte seine Mutter nicht allein. Mark wunderte sich, wie man so viele Freunde haben konnte. Er selbst hatte nur zwei: Jonas und Finn.
„Zieh endlich das nasse Ding aus, Schatz“, hörte er die Mutter zu Alina sagen. Dann vernahm er das Summen einer Biene, die dicht an seinem Ohr vorbeiflog.
Mark blickte in den Himmel hinauf. Auf einem hellblauen Grund bewegten sich zwei Wolken. Als Überraschung für seine Mutter sollte es an diesem Abend einen Schlumpf-Tanz geben. Den hatte Marks Vater mit ein paar Kumpels einstudiert, weil seine Mutter die Schlümpfe wahnsinnig süß fand. Auch Felix machte mit bei dem Tanz. Felix war der Chef von Marks Vater und zugleich Marks Taufpate. Die Männer trugen Kostüme aus Plüsch. Darin sahen sie aus wie echte Schlümpfe, nur größer.
„Creme dich ein, Schatz“, sagte die Mutter zu Alina.
Alina sollte als Schlumpfine auftreten und am Ende von den Männern in die Luft gehoben werden. Bei den Proben hatte das nicht immer geklappt.
„Mark“, sagte die Mutter. „Du liegst ja immer noch rum.“
Mark setzte sich auf.
„Wow“, sagte er zu Alina, die nackt vor ihm stand. „Kriegst ja langsam echte Titten.“
Alina streckte ihm die Zunge heraus. Seine Schwester war dürr und flach wie ein Knabe. Trotzdem verschränkte sie die Arme vor der Brust und sagte: „Gar nicht wahr!“
„Mark, bitte“, ermahnte ihn die Mutter. „Nicht so eine Ausdrucksweise. Ich will das Wort nicht hören!“
„Welches Wort?“, fragte Mark schelmisch. „Du meinst Ti…?“
„Titikakasee, genau“, sagte die Mutter. Dann packte sie Mark und kitzelte ihn aus.
„Titikakasee“, wiederholte Alina und kicherte.
Mark japste nach Luft und flehte um Gnade, doch die Mutter ließ nicht locker. Dann kam auch noch Alina dazu und half mit. Seine Schwester lachte laut und rief immer wieder: „Titikakasee!“
„Was geht denn hier vor?“
Plötzlich stand der Vater am Pool. Mark hatte ihn nicht kommen hören. Er trug noch den Anzug und die Krawatte vom Büro. Sein Vater musste immer lange arbeiten. Eigentlich sei Marks Vater ja der Chef der Trapp-Werke, sagte seine Mutter immer. Aber die Firma gehörte trotzdem Felix.
„Du siehst phantastisch aus“, sagte der Vater zur Mutter.
Die Mutter war schon für die Party gerichtet. Sie trug ein langes, rotes Abendkleid mit vielen Glitzersteinen und sah aus wie die Frauen, die immer in den Modezeitschriften waren. Marks Freunde pfiffen durch die Zähne, wenn sie über seine Mutter sprachen.
„Ist dir nicht heiß?“, fragte die Mutter, ging zum Vater und schmiegte sich an ihn.
„Verdammt heiß“, entgegnet der Vater und grinste. Dann küsste er die Mutter inniger, als er es sonst zur Begrüßung tat.
„Bäh!“, schrien die Kinder im Chor.
Mark wendete sich ab. Er war elf Jahre alt, fast zwölf. Er mochte es nicht, wenn seine Eltern sich küssten, und schon gar nicht mit der Zunge, das war doch voll ekelig. Wie zwei Tiere, sagte Hedi immer.

Um kurz nach 19:30 Uhr kam Mark auf die Terrasse herunter. Er fühlte sich unwohl. Nur seiner Mutter zuliebe hatte er das Hemd und die Fliege angezogen. Die ersten Gäste verteilten sich bereits über den Garten. Unter der Trauerweide saßen zwei Frauen und spielten Cello. Seine Mutter und Jutta standen am Buffet und luden sich die Teller voll.
„Schick siehst du aus“, sagte Jutta und zwinkerte ihm zu. Sie war blond und hatte Riesentitten – und sie war Felix’ Frau.
„Möchtest du nicht wenigstens mal probieren?“, fragte die Mutter und deutete auf die Muscheln und Krabben.
„Igitt“, sagte Mark. „Krieg ich Chips, Mama? Bitte!“
Jutta lachte und sagte: „Kinder! Das ist doch überall dasselbe.“
Der Garten füllte sich. Mark schlängelte sich zu Alina durch. Sie hatte schon mehr Geschenke als die Mutter bekommen. Mark half ihr, die Sachen nach oben in ihr Zimmer zu tragen. Dort rissen sie das Papier auf. Puppen, Bücher, Kuscheltiere, Puzzles. Alina jubelte über eine rosafarbene Kinderkamera. Mark schnappte sich ein Legoschloss und baute es für seine Schwester zusammen. Er war froh, wenn er seine Ruhe hatte. Die Erwachsenen sagten immer dasselbe: „Du bist aber groß geworden!“ Oder sie fragten: „Na, wie läuft es in der Schule?“
Mark mochte das nicht.
Trotzdem ließ er sich später von Hedi dazu überreden, wieder mit runterzugehen. Da war es draußen schon dunkel geworden. Die Fackeln leuchteten. Auf dem Pool schwammen Boote mit Kerzen. Auf der Terrasse machte jemand Fotos von den Gästen, die sich dafür mit Masken verkleideten. Alina ließ sich mit einer Micky-Maus-Maske fotografieren. Mark wählte eine schwarze Zorromaske. Dann setzte er sich zusammen mit Hedi und Alina auf die Treppenstufen der Terrasse. Auch Felix setzte sich zu ihnen. Plötzlich gab es einen lauten Knall und die erste Feuerwerksrakete schoss nach oben. Ihr Licht hinterließ ein großes, leuchtendes Herz im Himmel.
„Oh“ und „Ah“ sagten die Leute.
Felix legte seinen Arm um Marks Schulter. Gemeinsam blickten sie in den Himmel hinauf. „So sieht das Glück aus“, flüsterte Felix und deutete auf die flüchtigen Bilder aus roten Linien, goldenen Punkten und grünen Kreisen. Auch Mark und Felix sagten „Ah“ und immer wieder „Oh“.
Alina schoss mit ihrer neuen Kamera ein paar Bilder.
Nach dem Feuerwerk hielt Marks Vater eine Rede. Er sprach in ein Mikrofon, das seine Stimme noch tiefer machte. Mark hielt sich die Ohren zu. Nur die Worte „Erfolg“ und „Familie“ drangen immer wieder zu ihm durch.
„Außerdem möchte ich Sie noch auf einen besonderen Programmpunkt hinweisen“, sagte sein Vater nach einer Ewigkeit. „Um Punkt elf wird das legendäre Männerballett der Trapp-Truppe die Tanzfläche eröffnen. Danach wird DJ Rafi Yes für Sie auflegen. Sie dürfen gespannt sein.“
Die Leute spendeten Beifall.
Auch Felix klatschte.
„Und nun“, fuhr der Vater fort: „Erheben wir das Glas auf meine liebe Frau!“ Er überreichte der Mutter einen Strauß Rosen und sagte: „Ich liebe dich, Kitty!“
Noch einmal applaudierten die Leute.
Hedi band Alina die Schleife im Haar.
DJ Rafi Yes spielte Mamas Lieblingslied, Wonderful dream von Melanie Thornton.
„Komm“, flüsterte Alina nah an seinem Ohr. „Wir gehen.“
Die Kinder schlüpften durch ein Loch in der Hecke auf das benachbarte Grundstück hinüber. Das Zirpen der Grillen wurde lauter. Mark hatte seine Taschenlampe dabei, Alina die Kamera. Das Nachbargrundstück gehörte auch der Familie, der Vater hatte es gekauft, falls Mark oder Alina später hier bauen wollten. Bisher standen aber nur Apfelbäume darauf. Ganz hinten, auf dem ältesten und größten Baum, befand sich ihr Baumhaus. Es war ein richtiges kleines Häuschen mit zwei Zimmern, einer Veranda rundum und rot-weiß karierten Vorhängen. Es gab sogar kleine Fensterläden aus grünem Holz, die man öffnen und schließen konnte.
A wonderful dream of love and peace for everyone…
Die Musik wurde leiser. Die Kinder schlichen durch das hohe Gras. Der Gärtner mähte die Wiese hier drüben nur alle sechs Wochen. Marks Turnschuhe wurden feucht und färbten sich an der Lederkappe dunkel.
A wonderful dream of love and peace for everyone …
Sie hatten das Baumhaus erreicht, als Alina fragte: „Hörst du das?“
Etwas hatte geraschelt. Er hatte es auch gehört.
„Vielleicht Molly?“, fragte Mark. Er leuchtete mit der Taschenlampe ins Gras. Molly war die Katze von Hagers, ihren Nachbarn. Doch Molly war nirgends zu entdecken.
Plötzlich knackte es. Das Geräusch war von oben gekommen, diesmal deutlich. Beide blickten hoch zum Baumhaus. Mark richtete den Strahl der Taschenlampe hinauf. Doch nur das dunkle Rechteck mit der Luke war zu erkennen. Eine stabile Holzleiter führte hinauf. Die Kinder bevorzugten die Strickleiter, die daneben baumelte.
„Eichhörnchen sind auch nachtaktive Tiere“, erklärte Alina altklug. „Ihr Nest nennt man Kobel.“
„Na, dann klettere mal hoch, du Eichhörnchen“, sagte Mark.
Alina war geschickt im Klettern. Ihr rosafarbener Schlüpfer blitzte unter dem Kleid hervor, während sie eine Stufe nach der anderen nahm. Nachdem die Schwester durch die Luke verschwunden war, stieg Mark hinterher. Die Taschenlampe steckte er sich vorne in den Hosenbund.
Oben hatte Hedi schon alles hergerichtet. Ein Nachtlicht leuchtete schwach rötlich. Zwei Matratzen lagen da, darauf die Schlafsäcke und Jogginganzüge. Sogar an die Chips hatte Hedi gedacht. Die Tüte steckte im Kopfteil seines Schlafsacks. Mark griff danach und drückte die Tüte zusammen. Es gab einen dumpfen Knall. Der würzige Geruch stieg ihm in die Nase. Schnell zog sich Mark die Klamotten aus, fluchte über den Verschluss der Fliege, der klemmte, und kämpfte mit den Knöpfen an seinem Hemd. Währenddessen stopfte sich Alina bereits eine Handvoll Chips in den Mund.
„Alina!“, rief er wütend. „Das sind meine Chips!“
Und plötzlich ging alles ganz schnell.
Es polterte. Mark drehte sich um und sah den Mann. Er trug eine Zorromaske. Alina sagte, er solle sofort verschwinden. Das sei ihr Baumhaus. Doch der Mann verschwand nicht. Er kam näher.
Mark war wie erstarrt.
Alina schrie. Sie hob ihre Arme schützend über den Kopf, dünne Mädchenarme, und rief: „Aufhören!“, doch der Mann hörte nicht auf. Mit der Taschenlampe schlug er Alina auf den Kopf, bis sich ihre blonden Haare rot färbten.
Mark konnte nichts dagegen tun. Es war, als blickte er von oben auf alles herab. Als wäre er außerhalb von sich. Obwohl er dabei war, konnte er sich später nicht mehr daran erinnern, was folgte – außer an einen eigenartigen Schmerz, der seinen mageren Körper zu zerreißen schien.*

* Text von Peter Redlich, Rekonstruktion der Tatnacht im Fall Alina O., veröffentlicht auf www.peter-redlich.de und www.wahre-kriminalfälle.de

2. Kapitel — 12 Jahre später —

Ich überwachte die beiden jetzt schon seit Monaten.
Doch da lief nichts.
Der Mann hieß Sam Weber, er war ein Singer-Songwriter, der seine eigenen Lieder vortrug und sich dabei auf der Gitarre begleitete. Am Vorabend hatte er ein kleines Konzert im Café Central gegeben. Ich hatte mich ganz hinten an einen runden Marmortisch gesetzt, zwei Gläser Rotwein getrunken und über fünfzig Fotos mit dem Handy geschossen. Doch da lief absolut nichts zwischen den beiden, keine Umarmung, kein Kuss, nicht einmal Händchen hatten sie gehalten.
Ich gähnte.
Es war Montagmorgen, der 25. Juni, kurz nach zehn. Während mein Computer die Fotos hochlud, ging ich in die Küche und machte mir einen Kaffee.
Die Frau, um die es ging, hieß Eva Müller-Horgau. Sie war eine Elfe, blond, zierlich, hübsch. Ihre Haut und ihre Haare sahen weich aus, nur der Ausdruck um ihren Mund wirkte hart. Eva hatte Sams Lieder laut mitgesungen. Dabei hatten ihre Augen geleuchtet, und auch das Harte um ihren Mund war weicher geworden; ein bisschen zumindest.
Ich mochte Eva.
Und ich mochte Sams Lieder. Er hatte eine warme und zugleich raue Stimme, die voller Leben war, selbst wenn er vom Tod sang. Irgendwann hatte auch ich den Refrain von Countdown mitgesungen, seinem bisher erfolgreichsten Lied:
Du hast mein Herz, verdammt, mit deinem Lächeln gerammt.
Und ich seh’s in deinem Blick, unser Countdown, der macht Tick:
10, 9, 8. Alle Toten sind erwacht.
Der Haken an der Geschichte war, dass Eva Müller-Horgau die Ehefrau von Sven Müller-Horgau war, meinem Auftraggeber. Sven Müller-Horgau war der Leiter einer großen Personalabteilung, er war träge, und er war eifersüchtig. Natürlich war er das. Mit der Tasse Kaffee in der Hand ging ich zurück an den Schreibtisch.
Ich hatte nichts gegen eifersüchtige Ehemänner. Im Gegenteil. Schließlich war ich Privatdetektivin. Ich lebte davon, Ehefrauen zu überwachen, aber auch Ehemänner, Kinder, Angestellte und vieles mehr. Sogar einen Hund hatte ich schon überwacht. Tatsächlich stellte sich der Vierbeiner am Ende als der Übeltäter heraus, der immer in Nachbars Rabatte kackte.
Ich ließ die Jalousie herunter.
Der Download war abgeschlossen und ich öffnete das erste Foto. Ich hatte die Sonne ausgesperrt, aber auf meinem Bildschirm leuchtete Sams Gesicht. Mein Blick glitt über seine Lippen, den Dreitagebart, die Narbe am Kinn. Aber das Beste waren seine Augen, die direkt in meine Kamera blickten.
Ich nahm einen Schluck Kaffee.
Eva war um 01:07 Uhr mit dem Taxi nach Hause gefahren. Zum Abschied hatte sie Sam auf die Wange geküsst, einmal rechts, einmal links. Sven Müller-Horgau verschwendete nur sein Geld, wenn er seine Frau weiterhin überwachen ließ. Und ich meine Zeit.
Ich nahm noch einen Schluck Kaffee.
Sie wollen die Wahrheit wissen? Dann sind Sie bei uns richtig, stand auf der Internetseite der Detektei Fuchs & Bentwood. Ich hatte die Detektei zehn Monate zuvor gegründet. Vorher war ich Polizistin gewesen, Hauptkommissarin in der Kriminalinspektion für Organisierte Kriminalität. Doch bei einem Großeinsatz, bei dem ich die Leitung gehabt hatte, waren zwei Männer erschossen worden. Narkas und Snajdrom waren international gesuchte Verbrecher gewesen, die selbst ohne mit der Wimper zu zucken hunderte von Menschen ermordet hatten, aber der Aufschrei war trotzdem groß gewesen. Nach dem Fiasko hatte ich einen Monat im Krankenhaus verbracht; Trümmerbruch des rechten Fußknöchels. In meinem Einzelzimmer mit Blick auf den Klinikpark hatte ich viel Zeit zum Nachdenken gehabt. Danach war ich nicht mehr zurückgekehrt in den Polizeidienst.
Für einen Moment starrte ich ins Leere.
Dann blickte ich wieder in Sams Gesicht. Er habe mich in letzter Zeit öfter gesehen, hatte Sam gesagt, als wir nachts um halb zwei vor dem Café Central gestanden hatten. Was ich denn so mache? Ich sei Privatdetektivin, hatte ich wahrheitsgemäß geantwortet. Spannend, meinte er, und was mache man so als Privatdetektivin? Die Wahrheit herausfinden, hatte ich geantwortet. Was die Wahrheit sei, hatte Sam gefragt.
Und dann hatte er mich angesehen.
Die Wahrheit war, dass ich mich längst in Sam verliebt hatte. Ich starrte auf die Sonne, die zwischen den Lamellen der Jalousie festklemmte. Dann schloss ich die Augen.
Du hast mir den Verstand geraubt,
hast Raketen auf mein Herz gebaut.
Komm, wir schießen uns ins All.
Nur wir zwei im freien Fall.
Es war 10:25 Uhr, als es unten an der Tür klingelte.
Die Detektei Fuchs & Bentwood lag mitten in der Altstadt von Ravensburg, im zweiten Obergeschoss eines vierstöckigen Geschäftshauses, in dem auch ein Spielwarengeschäft und ein Metzger untergebracht waren. Ich stand auf, drückte den Türöffner und blickte aus dem Fenster auf den Marienplatz hinab. Ravensburg war eine Stadt, von der ich als Kind immer geglaubt hatte, sie wäre das Vorbild für die Playmobil Ritterburg gewesen. Türme, Zinnen, Fahnen und Reste der Stadtmauer bestimmen bis heute das Stadtbild, so als habe es nie ein zwanzigstes Jahrhundert gegeben, keine Weltkriege, keine Bomben. Unten eilten Herren mit Aktentaschen vorüber, Frauen schoben Kinderwagen über die Trottoirs oder trugen prall gefüllte Tüten nach Hause. An einem sonnigen Vormittag wie diesem hätte man annehmen können, dass auch die Geschlechterkämpfe des 20. Jahrhunderts hier kaum nennenswerte Spuren hinterlassen hatten.
Es klopfte. Ich öffnete die Tür.
Ein großer, massiger Mann stand vor mir. Ich schätzte ihn auf Ende fünfzig. Er sah aus, als wäre er früher mal sportlich gewesen, Rugby-Spieler oder so. Doch die Proportionen waren bereits im Umbruch. Bald würde nicht mehr der Brustbereich die breiteste Stelle seines Körpers sein, sondern der Bauch. Das rosafarbene Hemd spannte über dem braunen Ledergürtel, der in einer blauen Anzughose steckte. Ein feines Aftershave stieg mir in die Nase.
„Guten Morgen“, sagte ich und streckte ihm meine Hand entgegen. Ich konnte den lukrativen Auftrag förmlich riechen. Wahrscheinlich sollten wir seine um zwanzig Jahre jüngere Ehefrau überwachen. „Mein Name ist Ruby Fuchs“, stellte ich mich vor. „Was kann ich für Sie tun?“
„Sehr erfreut“, sagte er und zerquetschte mir fast die Hand. „Thomas Odermatt.“ Dabei blickte er mich an, als müsste ich ihn kennen.
Odermatt. Odermatt.
Etwas klingelte da bei mir.
„Oh Gott!“, rief ich bestürzt, als wir bereits Platz genommen hatten, ich hinter meinem Schreibtisch, er davor. „Sind Sie etwa der Vater des kleinen Mädchens, das damals ermordet wurde?“
„Alina war meine Tochter“, sagte er. „Richtig.“
Schweigen. Dann bot ich ihm einen Kaffee an, er bevorzugte ein Glas Wasser. Nachdenklich ging ich in die Küche. Wie lange war das jetzt her? Zehn Jahre? Länger? Der Fall Alina O. hatte damals ganz Ravensburg in Angst und Schrecken versetzt. Darüber hinaus war er deutschlandweit mit großem Interesse verfolgt worden, vor allem im Internet hatten sich unzählige Foren und Seiten über Alina O. herausgebildet. Spekulationen darüber, wer das Mädchen getötet hatte, legten zeitweise ganze Server lahm. Obwohl ich mit den Ermittlungen nichts zu tun gehabt hatte, erinnerte ich mich gut an die vielen Diskussionen, die damals in Polizeikreisen zum Thema digitale Aufklärung geführt worden waren. Mein damaliger Arbeitsplatz war dreißig Kilometer von Ravensburg entfernt in Friedrichshafen gewesen, doch meine Einsatzgebiete hatten sich über ganz Osteuropa bis hin in die arabische Welt erstreckt.
Ich drehte den Wasserhahn auf, füllte ein Glas und ging damit zurück.
„Bitte.“ Ich stellte Odermatt das Wasser hin.
„Meine kleine Prinzessin“, sagte er mit regungsloser Miene. „Alina war das reinste Geschöpf, das man sich vorstellen kann. Und das perverse Schwein, das sie auf dem Gewissen hat, läuft immer noch frei herum.“
Ich griff nach meiner Kaffeetasse. Ja, der Fall war nie aufgeklärt worden. Es hatte zwar einen Prozess gegeben, bei dem der Angeklagte aber freigesprochen worden war. Der Mord an dem kleinen Mädchen gehörte zu den größten Rätseln der deutschen Kriminalgeschichte.
„Die Polizei verdächtigte uns“, sagte Odermatt. Er blickte mich offen an, aber seine Hand schloss sich zur Faust, als er hinzufügte: „Uns, die Familie! Das muss man sich mal vorstellen! Die Bullen waren so verbohrt in ihrem Sozialneid, dass wichtige Spuren jahrelang nicht ausgewertet wurden.“
„Das war sicher nicht einfach für Sie“, sagte ich.
„Es war ein Albtraum.“
„Das kann ich mir vorstellen.“
„Können Sie nicht!“ Wieder schloss sich seine Hand zur Faust. Dann klingelte sein Handy und er sagte zu mir: „Entschuldigung, aber ich muss kurz ran.“
Ich nahm einen Schluck Kaffee.
An der Wand hing ein Foto von meiner Mutter aus der Zeit, als sie noch mit Blumen im Haar und der Gitarre im Arm gegen den Vietnamkrieg protestiert hatte. Ihre Augen lächelten. Heute lebte sie mit vier anderen stark gealterten Hippies auf einem Bauernhof im Allgäu und protestierte vor allem dann, wenn ich sie zwang, die Medikamente zu nehmen, die der Arzt ihr verschrieben hatte. Dass ausgerechnet ich, ihre Tochter, nach der Schule bei der Polizei angefangen hatte, war nie leicht für sie gewesen. Jahrelang hatte sie es vor ihren Freunden verheimlicht.
„Ich möchte, dass Sie meinen Sohn finden“, sagte Odermatt, nachdem er aufgelegt hatte. „Mark war damals ja selbst noch ein Kind, gerade mal elf. Mit achtzehn hat er dann seine Sachen gepackt und ist verschwunden. Wir haben gehofft, dass er eines Tages zurückkommt, aber …“
„Seit wann ist er weg?“
„Seit sechs Jahren“, sagte Odermatt. „Im August 2012 wurde er achtzehn. Im September ist er gegangen.“
Während Odermatt von seinem Sohn erzählte, googelte ich im Internet nach einem Foto von Alina. Sofort kamen hunderte Bilder. Ich klickte auf das erste, das Alina mit ihrer Mutter zeigte. Die Mutter war eine klassische Blondine, die durch das zu dick aufgetragene Make-up stark an Ausstrahlung verlor. Alina hingegen war klar und frisch und verfügte über eine Schönheit, die mitten ins Herz traf.
„Die Ermittler haben sich damals viel zu lange auf meinen Sohn konzentriert“, sagte Odermatt. „Dabei gab es nie hinreichende Beweise. Aber den Leuten ist das egal. Für viele ist und bleibt Mark der Mörder seiner Schwester. Schauen Sie doch mal ins Internet. Dieser ganze Dreck.“
Odermatt verschränkte die Arme.
Unten hupten mehrere Autos.
„Es ist der Neid“, sagte Odermatt. „Die Leute wollen, dass wir es waren. Damit ihre eigene ärmliche Existenz erträglicher wird.“
Odermatt hatte kurze, graue Haare, die sich an der Stirn stark lichteten.
„Wissen Sie, wie viele Pädophile und Kriminelle in unserer Gesellschaft frei herumlaufen?“, fragte er.
Draußen schlug eine Kirchturmuhr. Vier helle Schläge, elf dunkle. Das bedeutete, es war jetzt elf.
Odermatt öffnete seine Ledertasche, nahm ein Foto heraus und schob es mir über den Tisch. Das Foto zeigte einen hübschen Jungen mit dunklen Haaren und einem klaren, symmetrischen Gesicht. Nur das Lächeln wirkte, als wäre es tiefgefroren.
„Das war vor sechs Jahren an Marks achtzehntem Geburtstag“, sagte Odermatt. Und dann: „Bitte finden Sie meinen Sohn. Meine Frau hat Krebs. Sie will Mark noch einmal sehen, bevor sie …“
Er schwieg.
„Haben Sie jemals die Polizei eingeschaltet?“, fragte ich.
„Die Polizei hat mein Vertrauen verspielt“, sagte Odermatt.
Ich nickte und fragte: „Gab es seit Marks Verschwinden irgendwelche Lebenszeichen?“
Wieder klingelte sein Handy. „Entschuldigung“, sagte Odermatt, drehte sich von mir weg und nahm das Gespräch an.
Ich stand auf, trat ans Fenster und blickte auf die Stadt hinaus. Ravensburg hatte 50.000 Einwohner, 17 Türme und 750.000 Leichen. Die Zahl der Leichen ergab sich aus einer Sterberate von einem Prozent und der Stadtgeschichte seit dem Jahr 1088. Aus dieser beeindruckenden Masse von Tod, Krankheit und Verbrechen erhoben sich die 17 Türme so unschuldig, als wüssten sie von nichts. Dabei standen die meisten schon seit dem Mittelalter da. Der Grüne Turm zum Beispiel, der sich schräg gegenüber von Fuchs & Bentwood erhob, diente über fünfhundert Jahre als Gefängnis, zuletzt noch bis 1943. Sein Name kam von den grün glasierten Dachziegeln.
Grün, wie das Leben.
Grün, wie die Natur, die am Ende über alles wächst.
„Entschuldigung“, sagte Odermatt noch einmal, nachdem er aufgelegt hatte. Dann nahm er einen dicken DIN-A4-Umschlag aus der Tasche, legte ihn auf den Schreibtisch und sagte: „Darin finden Sie alles, was Sie brauchen. Auch einen Text von Peter Redlich. Peter ist Journalist, er hat sich damals lange mit Mark unterhalten und die Polizeiakten eingesehen. Auf dieser Grundlage hat er aufgeschrieben, was wirklich in der Tatnacht geschah. Ich rate Ihnen, lesen Sie diesen Text zuerst, bevor Sie sich an die Arbeit machen.“
Ich nickte wieder.
„Mark schreibt ab und zu eine Postkarte“, fuhr Odermatt fort. „Außerdem bekomme ich die Abrechnung seiner Kreditkarte, die über mich läuft. Daher wissen wir, dass er ein paar Semester Informatik in München studiert hat. Danach ist er nach Mallorca. Die letzte Abbuchung fand im Mai dieses Jahres in Manacor im Osten der Insel statt.“
„Also vor sechs Wochen ungefähr?“
Odermatt nickte. „Ende Mai hat Mark sich Wanderschuhe in einem Sportladen in Manacor gekauft“, sagte er. „Die Abrechnung für Juni ist noch nicht gekommen.“
Plötzlich klopfte es.
Odermatt und ich blickten uns überrascht an. Beide hatten wir kein Klingeln gehört und auch keine Schritte im Treppenhaus. Ein bisschen fühlte es sich so an, als wären wir belauscht worden. Ich öffnete. Vor der Tür stand eine große, abgemagerte Frau mit einem schmalen Gesicht. Ihre Haare waren kurz. Als sie mich ansah, wusste ich sofort Bescheid. Das war zwar nicht mehr die hübsche, naive Blondine von dem Foto, aber der durchdringende Blick aus den großen, dunklen Augen war noch immer derselbe.
„Frau Odermatt?“, fragte ich.
Sie reichte mir eine kalte, knöcherne Hand und sagte: „Nennen Sie mich Kitty.“
„Ruby“, entgegnete ich.
„Was machst du hier?“, fragte Odermatt, der sofort aufgestanden war und seine schwer atmende Frau zu dem Stuhl führte, auf dem er eben noch gesessen hatte.
„Hat er Ihnen den Auftrag gegeben?“, fragte sie mich, ohne auf ihren Mann zu achten.
Ich setzte mich wieder hinter den Schreibtisch und nickte ihr zu. Dann fragte ich an Odermatt gewandt: „Warum fliegen Sie eigentlich nicht selbst nach Mallorca und suchen Ihren Sohn?“
Odermatt stand hinter seiner Frau. Er hatte seine riesigen Hände auf ihre schmalen Schultern gelegt und lächelte. Es war dasselbe eingefrorene Lächeln, das Mark auf dem Foto zeigte. Doch plötzlich brach das Lächeln, als er sagte: „Ich kann hier nicht weg. Meine Frau braucht mich jetzt. Sie steht die Strapazen einer Reise nicht mehr durch.“
Kitty senkte den Blick.
„Und all die Jahre vorher?“, fragte ich.
„Wir hatten Angst“, antwortete sie. „Angst, dass unser Sohn uns nicht sehen will.“
Wir schwiegen alle drei.
„Da drin“, sagte Kitty schließlich und deutet auf den DIN-A4-Umschlag, „da drin finden Sie einen Brief von mir. Er ist für Mark.“
Odermatt blickte zur Decke hinauf, die mit Rissen durchzogen war, und fügte wie beiläufig hinzu: „Ich bezahle Ihnen dreißigtausend Euro, wenn Sie meinen Sohn in den nächsten drei Wochen finden. Und fünfzigtausend, wenn Sie ihn in den nächsten zehn Tagen haben.“
Ich schnappte nach Luft. Und wenn ich Mark nicht fand? Mit Blick auf Kittys schmales Gesicht beschloss ich, die Frage später zu stellen.
„Das ist viel Geld“, sagte ich bloß.
„Wir haben Geld“, entgegnete Odermatt.
„Aber nicht mehr viel Zeit“, fügte Kitty hinzu.

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Autorin & Copyright: Silke Nowak

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