Bezos & der Fall Amazon: Wenn Darth Vader Memos schreibt…

amazon-20-jahreAmazon hat ein Problem, das andere Tech-Unternehmen so nicht haben: man traut dem Unternehmen alles zu, im positiven wie im negativen. Bücher, Windeln und Gemüse morgen schon per Drohne? Kaufen wir euch ab, sagen die Leute. Lagerlogistik demnächst komplett mit Robotern? Kaufen wir euch ab, sagen die Leute. Menschenschinderei auf allen Ebenen? Kaufen wir ab, sagen die Leute. Man könnte auch sagen: egal was passiert, Amazon ist immer schon alles, was der Fall ist, es gibt nichts, was man Amazon nicht zutrauen würde.

Sogar Jeff Bezos kommt daran nicht mehr vorbei. Kaum war am Wochenende in der New York Times eine Skandalreportage von Wallraffschem Ausmass erschienen („Inside Amazon: Wrestling Big Ideas in a Bruising Workplace“), die Dutzende Fälle von Mobbing, seelischer Misshandlung und herzlosem Hire & Fire im Management-Bereich von Amazon aufdeckte, erhielten die Amazonen ein „Memo“ vom Chef: „Ich glaube fest daran dass jeder, der in einen Unternehmen arbeiten möchte, dass tatsächlich so aussieht wie das in der NYT beschriebene, verrrückt wäre, wenn er dort bliebe. Ich weiß dass ich solch ein Unternehmen verlassen würde“.

Bezos‘ Credo in Sachen Amazon lautet natürlich zugleich: Wir sind nicht so, sondern ganz anders. Und falls es doch Probleme gäbe wie in der NYT beschrieben, sollte man doch sofort eine E-Mail an jeff@amazon.com schreiben. Dass Surreale daran ist natürlich: der große Vorsitzende, der hier hundert Blumen blühen lässt, müsste genau wissen, dass die NYT recht hat mit ihrer Hauptthese. Amazon veranstaltet ein Menschenexperiment: „wie weit kann man White-Collar-Arbeiter pushen, um die ständig expandierenden Erwartungen zu erfüllen?“ Den Urheber dieses auf kalte Algorithmen und totale Effektivität getrimmten Systems sollte Bezos auch kennen.

Andere jedenfalls tun es: „Amazon dürfte wohl das böseste Tech-Unternehmen überhaupt sein – und Jeff Bezos sollte sich schämen“, titelte etwa The Next Web, und vielsagend liest sich auch die URL des Artikels, sie endet auf „the-real-deathstar“. Amazon als Todesstern, Jeff Bezos gleich Darth Vader? Das geht dann doch ein bisschen weit: Darth Vader glaubt schließlich auch öffentlich an seine eigenen Methoden und schreibt keine Memos…

Abb.: Ian MacKenzie (cc-by-2.0)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".