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WikiLeaks und unsere verflüssigte Moderne

8 Jan 2011 Nathan Jurgenson 0 Kommentare

wiki-leaks-liquid-modernityWas ist bloß los mit der Moderne? Alles beginnt zu fließen: die Unterhaltungsindustrie sieht Musik- und Filmdateien frei im Netz flottieren, vor den Augen der Bibliothekare und Verleger verdunsten die Bücher in Rechnerwolken, und jetzt können auch Regierungen die Zeugnisse ihrer geheimen Haupt- und Staatsaktionen nicht mehr bei sich halten. Am Beispiel von WikiLeaks hat US-Soziologe Nathan Jurgenson sich mit den Verflüssigungstendenzen unserer modernen Welt beschäftigt („Wikileaks and our Liquid Modernity“) – E-Book-News dokumentiert diesen lesenswerten Artikel im Folgenden in deutscher Übersetzung.

“Alte, verfestigte Strukturen schmelzen dahin…”

Von Zygmunt Bauman stammt die berühmt gewordene Konzeptualisierung der modernen Gesellschaft als zunehmend „verflüssigt“ („liquid modernity“). Informationen, Objekte, Personen und sogar Orte können sich sehr viel einfacher durch Raum und Zeit bewegen. Alte, feste Strukturen schmelzen dahin zugunsten schnellerer und beweglicherer Aggregatszustände. Ich habe bereits an anderer Stelle beschrieben, wie der Kapitalismus im Westen sich verflüssigt hat, indem die „festen“ Fertigungshallen aus Stein und Mörtel mit ihren „schweren“ Produkten in eine „leichtere“, vielleicht sogar „gewichtslose“ Form eines Kapitalismus übergegangen sind, der sich um die Ware Information dreht. In diesem Artikel geht es mir darum, was mit den sich verflüssigenden Daten passiert – sie beginnen durchzusickern, zu „leaken“.

“Das Logo von WikiLeaks: die verflüssigte Weltkugel“

WikiLeaks ist dafür das beste Beispiel. Bereits das Logo selbst zeigt buchstäblich eine sich verflüssigende Weltkugel. Während das Durchsickern („leaken“) von vertraulichen Dokumenten nichts Neues darstellt (man denke nur an die „Pentagon Papers“), ist doch die Menge der öffentlich gemachten Daten ohne Beispiel. Die geleakten Kriegsberichte („War-Logs“) aus Afghanistan und dem Irak waren bereits schockierend. Die aktuellen Wikileaks-Veröffentlichungen betreffen nun die US-Diplomatie. Wir konnten erfahren, dass sich die Saudis für die Bombardierung des Irans aussprechen, dass China sich gegen Nordkorea wendet, dass das Pentagon Flüchtlingslager zum Ziel von Luftangriffen gemacht hat, und so weiter. Und keine dieser Indiskretionen wäre geschehen ohne die großen „Verflüssiger“: digitale Technik und das Internet.

WikiLeaks ist das neue Napster – abschalten zwecklos

Diese Technologien lassen Informationen entstehen, die fließender geworden sind und deswegen auch entfließen („leaken”) können, zugleich haben sie aber auch WikiLeaks selbst erlaubt, im hohen Masse in einen flüchtigen Zustand überzugehen. WikiLeaks ist nicht einfach eine Website, sondern fließt durch die Spiegelung auf zahlreichen Servern durch das Netz. Die Daten werden über Peer-to-Peer-Netzwerke verbreitet, so dass WikiLeaks tatsächlich zum „neuen Napster“ wird. Und genauso wie das Abschalten von Napster nicht das Music-Sharing beendet hat, wird auch das Abschalten von WikiLeaks nicht das Teilen und Austauschen von Geheiminformationen beenden.

Von der Hacker-Kultur zum Cyberlibertarianism

Doch was sind die Folgen dieser neuen „Politik der Verflüssigung” („Politics of liquidity“)?
In den Anfangszeiten des Internets bildete sich eine Hacker-Kultur heraus, die sich nach und nach politisierte und zwischen den 80er und 90er Jahren in etwas mündete, das man heute als „cyberlibertarianism“ kennt. Was diese Bewegung vor allem ausmacht, ist der Glaube daran, dass Informationen frei zugänglich sein sollten, eine Forderung, die insbesondere von WikiLeaks Chef-Herausgeber Julian Assange immer bekräftigt wurde (und was ihn im Dezember 2010 auf das Cover des „Time Magazines“ brachte). Assange will der Geheimniskrämerei von Regierungen ein Ende setzen. Und er räumt ein, dass die Regierungen auf WikiLeaks mit erhöhter Geheimhaltung reagieren. Doch genau darum – vielleicht gegen jedes Bauchgefühl – geht es. Assange stellt nämlich fest:

In einer Welt, in der das „leaken“ von Informationen einfach ist, werden geheimniskrämerische oder ungerechte Systeme unvergleichbar stärker getroffen als offene, gerechte Systeme. („in a world where leaking is easy, secretive or unjust systems are nonlinearly hit relative to open, just systems“)

Assange & die Strategie der „Secrecy tax”

zygmunt baumanDie Aussage von Assange ähnelt einer Argumentation von George Ritzer. Mit den Begrifflichkeiten von Bauman schlussfolgert Ritzer nämlich, dass „schwere“ Strukturen durchlässiger („poröser“) werden müssen, um nicht von der Welle der Verflüssigung hinweggeschwemmt zu werden.
Nun besteht aber die Strategie von Assange gerade darin, die US-Regierung zu mehr Geheimhaltung zu zwingen, und sie damit gerade weniger durchlässig zu machen. Dadurch wird die Regierung sowohl intern wie auch auf dem diplomatischen Parkett nicht mehr so effektiv mit anderen kommunizieren können – was Assange als eine Form der „Besteuerung von Geheimhaltung” (“secrecy tax”) versteht.
Zur historischen Rolle des Internets gehört die Schaffung einer immer weiter verflüssigten Welt, und WikiLeaks ist in diesem Zusammenhang mindestens genauso bedeutend wie Napster. Egal ob man nun für oder gegen WikiLeaks ist, sollte man sich der Frage stellen: Hat Bauman recht? Wird es der US-Regierung schaden, selbst immer verfestigter, verhärteter und altmodischer zu werden angesichts des sich verflüssigenden Mainstreams der Moderne?

Autor & CC-Lizenz: Nathan Jurgenson
Übersetzung: Ansgar Warner
(Originaltitel „WikiLeaks and our Liquid Modernity“,
erschienen auf Cyborgology @ thesocietypages.org)

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