Web 2.0 als Lesebühne: BookGlutton vereint E-Book und Chat-Forum

Bücher werden von ihren Lesern auch im Zeitalter des E-Books verschlungen. Dabei hilft ihnen jetzt eine Software namens Bookglutton, zu deutsch: Bücher-Vielfraß. Der digitale Buchverschlinger ist zunächst einmal ein online-E-Reader wie etwa Bookworm von O’Reilly. Nur: man liest nicht mehr allein. Bookglutton vereint nämlich „book group“, Computer und Buch. „Die Leute wollen gleichzeitig lesen, Anmerkungen machen und miteinander diskutieren“, schreiben die BookGlutton-Erfinder Travis Alber und Aaron Miller in ihrem Mission Statement. Denn: „Das ist der beste Zeitpunkt, um über ein Buch zu sprechen“. Der virtuelle Lesezirkel funktioniert tatsächlich wie eine Mischung zwischen Facebook, Chat-Forum und Google Books. Als Widget lässt er sich zudem in jeden WordPress-Blog integrieren. Doch was bringt die Mischung von Web 2.0 und Buch 2.0?

Man kann auch solo schmökern, doch wer Mitleser sucht, wird bei BookGlutton nicht alleine bleiben

Das Glutton-Buch kommt in einem recht romantischen Seiten-Design daher. Die Buchseite (mit Schmuckborte) hat zwei blau umrahmte Randspalten. Sie lassen sich per Mausklick ausklappen.
Links ist die Talk-Leiste, eine Art literarisches Chatforum, das anzeigt, wer gerade online ist und an welcher Stelle des Buches er sich befindet. Voraussetzung ist natürlich, dass man zuvor einer Lesegruppe beigetreten ist. Auf der rechten Seite finden sich eigene und fremde Kommentare zu einzelnen Passagen der Seite bzw. des Kapitels. Man kann wohlgemerkt auch nur für sich bleiben, doch wer „Mitleser“ sucht, wird nicht alleine bleiben. Über eine Suchfunktion lassen sich auf der Startseite sowohl Buchtitel finden wie auch passende Lesegruppen zu einem Buch bzw. einem Thema. Zur Zeit gibt es knapp 2000 E-Books in der BookGlutton-Bibliothek, allesamt gemeinfreie Literatur, wie sie auch bei Projekt Gutenberg u.ä. Plattformen zugänglich ist. Gleichzeitig ist BookGlutton aber auch eine Seite zum Book-Sharing. Nutzer können eigene Bücher im DRM-freien epub- oder HTML-Format hochladen und mit anderen E-Bookinisten gemeinsam lesen.

BookGlutton richtet sich an die Web 2.0-Gemeinde: im Coffee Shop sitzen, gemeinsam lesen und darüber chatten

Sicherlich werden einige bibliophile Zeitgenossen die Nase rümpfen: online lesen, und dann auch noch in aller Öffentlichkeit! Doch die Zielgruppe sind ganz offenbar die „neuen Leser“, Leute, die sich erst via E-Book überhaupt wieder für Literatur interessieren. In den Worten der Erfinder:

„BookGlutton was designed for the laptops people carry to their coffee shops, and meant for the network, not the desktop“.

Lesen wird wieder zum sozialen Ereignis, so wie ganz, ganz früher, als Lesen eigentlich noch Vorlesen bedeutete. Natürlich kann heutzutage (fast) jeder selbst lesen: doch die Lesebühnen-Kultur zeigt ja, wie wichtig das gemeinsame Erlebnis von Literatur geworden ist. Dazu passt, dass BookGlutton sich per Widget („Embed this Book!“) in den persönlichen Blog einbauen lässt. E-Book plus Web 2.0 ergibt Buch 2.0, nämlich die Möglichkeit, sich im Internet als Leser und beim Lesen zu präsentieren, und natürlich: darüber mit anderen Leuten zu reden.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".