Watermarking plus Kopierschutz: HarperCollins mutiert zum multiplen DRM-Junkie

Wer bisher dachte, „softes“ DRM wie das digitale Wasserzeichen sei so etwas wie ein Methadon-Programm, um zugedröhnte Verleger vom ganz harten Stoff herunterzubringen, hat sich wohl etwas getäuscht. Mit HarperCollins ist nun erstmals einer der Big Five aus den USA in den Kreis der Mehrfachabhängigen avanciert, bzw. abgestiegen – neben Adobe DRM sollen die E-Books dieses Publishers nämlich zukünftig auch via Watermarking gekennzeichnet werden, in diesem Fall zusammengerührt in den Laboren des US-Dienstleisters DigiMarc.

Die Logik dahinter ist auf den ersten Blick etwas krude, und auf den zweiten Blick wohl auch. Die E-Book-Dateien werden mit der Technik von DigiMarc zwar individualisiert, doch soll damit nur feststellbar sein, in welchem Shop sie verkauft wurden. Harper Collins zufolge sei das „another step to prevent leaks in the digital supply chain as the company adds more e-tailers throughout the world“. Hintergrund: Harper Collins expandiert derzeit massiv in „Übersee“, insbesondere in Richtung China, traditionell ein Paradies der digitalen Piraterie.

Gerade gegenüber den Autoren, so HC, wolle man damit deutlich machen, dass der Verlag alles in seiner Macht stehende tut, um den Content zu schützen. Vor wem? Nun, in diesem Fall eben nicht nur vor potentiell kriminellen Lesern, sondern auch vor dem, ähem, potentiell kriminellen Buchhandel. Letztlich handelt es sich dabei eher um die übliche Verlagspropaganda, nun vielleicht noch in gesteigerter Form. Denn die Watermarking-Ankündigung setzt natürlich stillschweigend voraus, dass klassisches DRM funktioniert, und die Verbreitung illegaler Kopien deswegen nur durch die Branche selbst stattfindet kann.

In Wahrheit – und das weiß man bei HarperCollins selbstverständlich auch – hat DRM noch nie funktioniert, auch nicht beim Endkunden. Mittlerweile entfernen selbst technisch wenig versierte Nutzer das lästige Digitale Rechtemanagement dank im Web verfügbarer Plugins für Calibre & Co. so einfach, wie sie „kopiergeschützte“ CDs oder DVDs rippen: Datei auswählen, importieren, fertig. Und das nicht nur in China, sondern auch in Europa ode den USA. Meistens übrigens zum privaten Gebrauch.

Theoretisch reicht zugleich ein einziger Pirat aus, um ein E-Book via Internet weltweit zu verbreiten. Warum also diese merkwürdige Doppelstrategie, die doppelt nutzlos ist? Zumal parallel auch immer mehr Anbieter komplett auf DRM verzichten, oder auf „Watermarking Only“ setzen (so auch J K Rowlings Plattform Pottermore)? Just one hint: Bei Digimarc bewirbt man das „Guardian Watermarking“ genannte Verfahren damit, dass Verlage optional auch die Möglichkeit haben, Kundendaten mit der E-Book-Datei zu verbinden.

Da die Shop-Identifizierung natürlich die Verbreitung illegaler Kopien nicht einschränken wird, könnte HarperCollins also demnächst behaupten: sorry, hat nicht funktioniert, versuchen wir’s doch mal auf die ganz harte Tour. Wirklich helfen kann man solchen DRM-Junkies wohl nur mit kaltem Entzug…

(via Publishers Weekly)

Abb.: qthomasbower/Flickr (cc-by-sa-2.0)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".