Washington Post wird Bezoston Post: Amazon-Chef kauft sich eine Zeitung

Welche Zeitung liest Jeff Bezos normalerweise? Wir wissen es nicht. Dafür wissen wir aber, welche Zeitung er sich gestern gekauft hat: die Washington Post. Allerdings hat der Amazon-Chef mehr dafür bezahlt, als am Kiosk üblich ist – nämlich satte 250 Millionen Dollar. Wenn das mal keine Breaking News ist, was dann!? Schließlich wechselt über Nacht die älteste noch existierende Gazette der USA den Besitzer – und landet ausgerechnet beim größten „Disruptor“ des gesamten Printgewerbes. Das journalistische Flaggschiff der US-Hauptstadt, berühmt für investigative Recherchen und das Leaken von Skandalen à la Watergate, galt eigentlich nicht als akuter Übernahmekandidat. Doch das 1877 gegründete Blatt macht Miese, die Umsätze sind in den letzten Jahren um fast 50 Prozent eingebrochen, auch die Auflage befindet sich weiter im Sinkflug.

Bezos kann sich teure Hobbies leisten

Deswegen sucht die bisherige Besitzerfamilie in diesen Zeiten ihr Heil offenbar lieber bei einem befreundeten Unternehmer, der als langfristig denkender Stratege gilt. Und immer noch deutlich sympathischer wirkt als Carlos Slim, mexikanischer Milliardär und rettender Engel der New York Times. Und übrigens der zweitreichste Mann der Welt, während Bezos mit einem geschätzten Vermögen von 25 Milliarden Dollar nur am Ende der Top Zwanzig steht. Doch auch das reicht für teure Hobbies. Was wird er nun mit der „WaPo“ machen? Dortselbst liest man folgendes: „Bezos, 49, will take the company private, meaning he will not have to report quarterly earnings to shareholders or be subjected to investors’ demands for ever-rising profits, as the publicly traded Washington Post Co. is obligated to do now. As such, he will be able to experiment with the paper without the pressure of showing an immediate return on any investment.“

„We will need to experiment“

Etwas mehr erfährt man in einem offenen Brief, den Bezos an die Mitarbeiter der Washington Post geschrieben hat: erstmal wird sich optisch nicht viel ändern. Tatsächlich will der Amazon-Gründer nicht täglich an den Potomac pilgern: „I’m happily living in the other Washington“, also in Seattle, Amazons Firmensitz. Allerdings werde es in den kommenden Jahren strukturelle Veränderungen geben, kündigt Bezos im gleichen Atemzug an: „The Internet is transforming almost every element of the news business: shortening news cycles, eroding long-reliable revenue sources, and enabling new kinds of competition, some of which bear little or no news-gathering costs. There is no map, and charting a path ahead will not be easy.“ Und dann kommt der wohl wichtigste Satz: „We will need to invent, which means we will need to experiment.“ Das könnte bedeuten: Die WaPo wird wohl auch in fünf oder zehn Jahren noch erscheinen – doch die meisten Menschen werden sie wohl auf Tablets und E-Readern lesen, auf deren Rückseite ein großes K prangt…

Abb.: Daniel X. O’Neil (Wikimedia Commons / cc)

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".