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Vorsicht Digi-Buch!? US-Kinderärzte warnen vor enhanceten E-Book-Apps

27 Okt 2016 1 Kommentar

enhanced-ebooks-aerzte-warnenGehört ein Bügeleisen ins Kinderzimmer? Sicher nicht. Aber wie steht’s mit einem Tablet-PC? Da streiten sich die Geister, nur eins schien bisher festzustehen: für die ganz kleinen Knirpse unter zwei Jahren sollten bunte Touchscreens absolut tabu sein, für Kinder bis zum Vorschulalter nur für begrenzte Zeit leuchten, und auch nur unter elterlicher Aufsicht. So empfiehlt es in Deutschland z.B. der vom Bundesfamilienministerium gestartete Elternratgeber „Schau hin – Was dein Kind mit Medien macht“. In den USA wurden entsprechende Empfehlungen dagegen gerade gelockert, wenn auch mit deutlichen Vorbehalten gegen zu viel Bling-Bling.

Gebadet in digitalen Medien

Neuerdings meint nämlich der nationale Kinderärzte-Verband AAP („American Academy of Pediatrics“), heutzutage würden die Sprösslinge ohnehin mitten in einer digitalen Medienumgebung aufwachsen („immersed in digital media“). Bereits ab einem Alter von 18 Monaten (bisherige Empfehlung: 24 Monate) könnte deswegen das gemeinsame Anschauen von „Qualitätsprogrammen“ wie der Sesamstraße oder das öffentlich-rechtliche Kinderfernsehen PBS Kids z.B. via Tablet durchaus erzieherischen Wert besitzen.

App-Effekte mindern Verständnis

Medial aufgepeppte Kinderbuch-Apps werden von den US-Kinderärzten dagegen deutlich kritischer beäugt: die ablenkenden Enhancement-Effekte würden erwiesenermaßen das inhaltliche Verständnis von Klein- bzw. Vorschulkindern verringern, und zugleich den für das Begreifen einer Geschichte wichtigen Vorlese-Dialog zwischen Eltern und Kind stören. Das Nachfragen, Zeigen und Erklären durch die Eltern selbst sei bei „interaktiven“ E-Books genauso wichtig wie bei traditionellen Büchern.

Video-Chat für die Kleinsten

Immerhin gibt es aber nach Meinung der AAP experimentelle Apps, die zumindest unter Laborbedingungen den Spracherwerb der Kleinsten fördern könnten, diese seien jedoch so nicht im freien Handel verfügbar. Eine besondere Stellung nimmt zudem der Video-Chat mit räumlich entfernten Verwandten ein — an dem könnten sogar schon Kinder unter 18 Monaten teilnehmen, meinen die AAP-Experten. Sie stellen zugleich klar: Insgesamt seien die wissenschaftlichen Belege für positive Effekte des sehr frühen Medienkonsums bei unter-Zweijährigen noch begrenzt. Auch bei den zwei bis fünfjährigen treten die Kinderärzte auf die Bremse: eine Stunde Mattscheibe pro Tag sei bis zum Schulalter das Limit.

Off-Screen-Zeiten festlegen

Wichtig bleibt es dafür natürlich, das innerhalb der Familie genaue Regeln über den Medienkonsum gelten — der AAP empfiehlt nicht nur die Erstellung eines „Family Media Plan“, sondern bietet dafür auch ein Online-Tool an: den „Media Time Calculator“. Vorrang haben im geplanten Medien-Alltag dabei „offscreen“-Aktivitäten, damit dem Nachwuchs genügend Zeit zum Spielen, Entdecken, Sprechen und auch Schlafen bleibt. Den Erziehungsberechtigten wird im übrigen nahegelegt, komplett medienfreie Zeiten bzw. Räume festzulegen, z.B. bei den Mahlzeiten, bei Autofahrten oder im Schlafzimmer.

Leseempfehlung: „Media and Young Minds“, veröffentlicht von der „American Academy of Pediatrics“ (Oktober 2016)

Abb.: Peter Gagilas (cc-by-sa-2.0)

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