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“Vorsicht, Buchfälscher”: Börsenverein plant automatische Textmanipulation als DRM-Variante

14 Jun 2013 Ansgar Warner 3 Kommentare

„Wir verbrennen Montag Molière, Dienstag Dostojewski, Mittwoch Klaus Mann, Freitag Faulkner, Samstag und Sonntag Schleiermacher und Sartre.“ Na, kommt euch dieses Zitat aus “Kelvin 451″ bekannt vor? Okay, zugegeben, wir haben den Wortlaut ein klitzekleines bisschen verändert. Und auch den angeblichen Titel. Aber nur, um festzustellen, ob ihr es uns nicht gleich per Copy & Paste klaut. So machen wir das ab jetzt immer. Wir möchten schließlich die Nutzer von E-Book-News zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Content anhalten und vor illegaler Weitergabe und Nutzung abschrecken – schließlich geht es um verdammt viel Geld. Wir nennen dieses Verfahren “SiDiM”, “Silent Digital Manipulation”, oder ganz einfach auch “Waterboarding”. Nein, entschuldigung, eigentlich sollte das SiDiM doch jetzt abgeschaltet sein. Also noch mal: Wir nennen es ganz einfach “Watermarking”.

“Textuelle Wasserzeichen” als DRM-Alternative?

Klingt nach Satire? Ist leider eher Realsatire: Denn eine unheilige Allianz aus der Börsenvereinstochter MVB, dem Fraunhofer Institut, der Universität Darmstadt und weiteren Partnern arbeitet zur Zeit tatsächlich an einem Projekt namens “Sichere Dokumente durch individuelle Markierung” (SiDiM). Neben unsichtbaren Markierungen, wie man sie bereits im Rahmen von “Social DRM” kennt, sollen dabei auch “textuelle Wasserzeichen” zum Einsatz kommen. “Hierbei werden E-Books individualisiert, indem textliche Änderungen am Originaltext vorgenommen werden, die für den Benutzer nicht zu erkennen sein sollen”, beschreibt das Börsenblatt dieses Verfahren. Jeder Käufer erhält somit ein “völlig individuelles Buch”. Was jeweils verändert wird, entscheiden automatische Algorithmen.

An die breitere Öffentlichkeit gelangten diese Pläne erst durch eine Umfrage – die SiDiM-Macher präsentierten Anfang Juni 15 kurze Textbeispiele, deren textuelle Veränderungen man auf einer Skala von “Sehr störend” bis “Nicht unterscheidbar” markieren kann. Neben eher harmlosen Bindestrich-Variationen reichen die Veränderungen bis hin zu Wortänderungen wie “inkonstant” gegenüber “nicht konstant” und veränderten Reihenfolgen bei Aufzählungen wie etwa “Blei, Gold, und Silber” versus “Gold, Silber und Blei”. Letzteres Beispiel stammt übrigens aus einem Text von Sigmund Freud.

“Um das Buch zu retten, zerstören wir es”

Der Textzerstörungstrieb der SiDiM-Macher führte dann schnell zu weitaus mehr Feedback als nur Kreuzchen in Umfragebögen – zu recht empörten sich zahlreiche Journalisten und Blogger (nicht nur) aus der Buchbranche. Besteht der einzige Schutz für literarische Texte jetzt nur noch darin, sie vor den Lesern zu schützen, aber nicht vor den Eingriffen einer Maschinenlogik, der die Reihenfolge “Krieg und Frieden” oder “Frieden und Krieg” schnurzpiepe ist? Dann sind wir im Kampf gegen Copyright-Verletzungen jetzt bei der strategischen Logik des Vietnamkriegs angekommen (“Um die Stadt zu retten, mussten wir sie zerstören”).

In diese Lage hat sich die Branche allerdings selbst manövriert, nämlich durch das Ignorieren des Medienwandels. Das Wachstum im digitalen Sektor wird nicht nur durch störendes Adobe-DRM und hohe Preise ausgebremst, sondern auch durch das Zurückhalten von Titeln. Die neuesten Zahlen des Börsenvereins belegen: Noch immer ist die Hälfte der Backlist gar nicht als E-Book lieferbar, gleiches gilt für mehr als ein Viertel der Neuerscheinungen. Kein Wunder, dass sich die Nachfrage am Markt vorbei entwickelt (ähnlich, wie es vor iTunes bei MP3s passiert ist) – und anders als etwa in den USA der E-Book-Verkauf die sinkenden Absätze im Print-Bereich nicht kompensieren kann.

“Vorsicht Buch” oder “Burn after reading?”

Der Buchhandel, diesen Eindruck hatte man schon bisher, versteht sein eigenes Geschäft nicht mehr. Nun kommt noch ein ganz anderer Verdacht hinzu – er versteht auch das Kulturgut Buch nicht mehr. Sonst hätte von Anfang an klar sein müssen, warum willkürliche Eingriffe in den Text von vorneherein ein absolutes No-Go sind. Dass Ingenieure und Software-Entwickler einer rein instrumentellen Vernunft gehorchen, mag vielleicht nicht zu ändern sein. Dass aber der Börsenverein des Deutschen Buchhandels über seine Marketing-Tochter MVB die Manipulation von Buchtexten unterstützt, um die Leser zu kontrollieren, ist ein Skandal. Von wegen, “Vorsicht, Buch”. Die Denke geht längst in Richtung “Burn after reading”.

Abb.: Screenshot

3 Kommentare »

  • SiDiM – Schwachsinn der zur Methode wird? | Bibliothekarisch.de schrieb:

    [...] Phantanews Eckenfels, Mela: Kopf sucht Tischplatte: Wasserzeichen-DRM, Schreibsucht Warner, Ansgar: “Vorsicht, Buchfälscher”: Börsenverein plant automatische Textmanipulation als DRM-Variante, E-Book-News.de Kim: SiDiM vs. DRM: Neuartiger Kopierschutz schreibt eBooks um, E-Book-Fieber.de [...]

  • rr schrieb:

    Ich frage mich, was der Spaß am Ende bringen soll. Als Privatkopie darf ich das rechtmäßig erworbene Buch schließlich weitergeben. Gibt einer der Empfänger meiner Privatkopie selbige in die Tauschbörse, bin zwar ich als Käufer identifizierbar, aber nicht als der, der es in dei Tauschbörse gestellt und somit gegen das Urheberrercht verstoßen hat. Ob die Störhaftung hier zieht scheint mir eher zweifelhaft.

  • Markus schrieb:

    Was sagen die Autoren,Übersetzer usw. der Bücher dazu das ihre Werke per Software inhaltlich verändert werden sollen?

    Kaufe ich dann noch einen echten Stephen King wenn vorher eine Software den Txt zig fach manipuliert hat?

    Hoffe das dies unsere Gerichte schnell verbieten werden.

    Jeder Käufer eines manipulierten Buches sollte sein Geld zurück verlangen wegen Täuschung.