Von „Most Highlighted“ zu „Most Wanted“: Spioniert Amazon die Kindle-Leser aus?

kindle amazon datenschutz most highlighted passages e-book e-reader.gifAmazons „Highlighting“-Feature klingt nach einem echten Highlight: man bekommt beim Lesen von Kindle-E-Books häufig markierte Passagen angezeigt, und im Internet gibt’s sogar eine Ranking-Liste. Doch gerade die „Most Highlighted Passages of all Times“ stoßen auf Protest: Amazon spioniert die Leser aus, lautet der Vorwurf. Sind persönliche Anmerkungen und Markierungen im Zeitalter des elektronischen Lesens kein Teil der Privatsphäre mehr?

Ein Kindle-Feature zwischen Erfolgsgeschichte und Riesen-Flop?

Nicht ohne Stolz präsentiert Amazon seit kurzem im Internet die „Most Highlighted Passages of all Time“. Das Ranking zeigt, welche Textpassagen auf dem Kindle-Reader am häufigsten markiert wurden. An Platz eins steht aktuell folgender Satz: „Three things—autonomy, complexity, and a connection between effort and reward—are, most people agree, the three qualities that work has to have if it is to be satisfying“. Die Passage stammt aus Malcolm Gladwells Sachbuch „Outliers: The Story of Success“. Wie man im Ranking lesen kann, ist diese Stelle von mehr als 1273 Lesern angestrichen worden. Gleich danach kommt ein Satz aus William P. Youngs „Guy-meets-God“-Geschichte „The Shack“ (1271 Markierungen), und an Platz drei landet ein Bonmot aus Dan Browns Mystery-Thriller „Lost Symbol“ (1170 Markierungen). Schönes neues Feature, könnte man jetzt denken. Endlich erfährt man mal, was die anderen Leser wirklich gut finden. Und vor allen Dingen: welche Bücher die Leute aufmerksam lesen. Insofern ist das Ranking natürlich auch eine gute Ergänzung zu Amazons Bestseller-Liste. Für viele Amazon-Kunden klingen die Worte „Most Highlighted Passages“ allerdings ein bisschen nach „FBI’s most wanted„. Erst im letzten Jahr war Amazon in die Kritik geraten, als ausgerechnet E-Book-Versionen von Orwells „1984“ auf dem Kindle-Reader automatisch gelöscht wurden. Beim nächsten Datenskandal könnte es nicht um Zensur, sondern um Spionage gehen: Schaut das Unternehmen den Lesern etwas zu genau über die Schulter?

Wer auf „Popular Highlights“ verzichten will, muss die Backup-Funktion für Anmerkungen deaktiviern

Die Ranking-Liste selbst ist natürlich anonymisiert – jede Passage, die mindestens von drei unterschiedlichen Lesern markiert wurde, kann hier auftauchen. Trotzdem habe die ganze Sache einen gewissen „Creepiness“-Faktor, zitiert Red-Tape-Blogger Bob Sullivan den Datenschutz- und Sicherheitsexperten Larry Ponemon: „Reading is one of those things that is very personal, something you do in your own space. How you read and what you emphasize is really important to people.” Doch es geht um mehr als nur ein neues Feature mit einem gewissen Geschmäckle. Grundsätzlich können Informationen darüber, was Kindle-Nutzer lesen und welche Passagen sie markieren, nämlich auch bei den Strafverfolgungs-Behörden landen. Datenschützern wie etwa der Electronic Frontier Foundation sind WiFi-Reader wie Amazons Kindle deswegen schon seit längerem ein Dorn im Auge – schließlich werden schon bei normalem Betrieb ständig Daten zwischen dem Gerät und den Firmenservern hin- und her bewegt. „Die Gerätesoftware liefert Amazon Daten über ihr Lesegerät und dessen Interaktion mit einzelnen Services, Informationen zum Content auf dem Gerät, und wie Sie Ihn nutzen“, heißt es dazu in den Kindle-Lizenzbedingungen.

Ein Minimum an Privatsphäre gibt’s nur auf nicht-vernetzten E-Readern

Insofern ist das Markierungs-Ranking nur die Spitze des Eisbergs. Ein Minimum an Privatsphäre ist grundsätzlich nur auf nicht vernetzten E-Readern garantiert, die lediglich zum Hin- und Herbewegen von E-Book-Dateien via USB-Kabel Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen. Ein „datensicherer“ Betrieb des Kindle ist gar nicht vorgesehen – schon allein aus Gründen des Digital Rights Managements möchte das Unternehmen genau bescheid wissen, was auf den Lesegeräten passiert. Das neue Ranking sieht Amazon insofern auch recht locker – es sei vergleichbar mit automatisierten Kaufempfehlungen („Kunden die diesen Artikel gekauft haben…“). Das ist sicherlich stark untertrieben. Denn es gibt ja durchaus einen Unterschied zwischen dem Wissen, welche Bücher jemand besitzt, und dem aktiven Beobachten beim Lesen selbst. Immerhin haben die Kunden beim „Popular Highlights“-Feature eine Wahl. Sie können nämlich die Backup- bzw. Sync-Funktion für Anmerkungen und Notizen komplett deaktiveren. Dann gehen ihnen zwar bei einem Systemcrash diese Daten möglicherweise verloren – doch Amazon geht auf jeden Fall leer aus.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

4 Gedanken zu „Von „Most Highlighted“ zu „Most Wanted“: Spioniert Amazon die Kindle-Leser aus?“

  1. Man hat es wie immer auch ein wenig selbst in der Hand.

    Wenn man die Sync Funktionen nicht unbedingt braucht, kann man sie einfach abschalten. Am besten schaltet man das Funkmodul gleich ganz ab, dann hält der Akku auch gleich länger.

    Man kann den Kindle auch gleich ganz ohne Registrierung nutzen, dann macht er aber nicht mehr so viel Spaß und alles wird etwas komplizierter.

    Ich habe mir einen Fake-Account bei Amazon mit einer US-Adresse eingerichtet in welchem ich nur mit Gutscheincodes bezahle. Damit sollte es um einiges aufwändiger sein, mein Leseverhalten auszuspionieren, bzw. auf die reale Person zurückzuführen. Darüberhinaus, de-DRMe ich alle gekauften Bücher und nutze dann die „gecrackte“ Version, damit bin ich auch vor einer eventuellen Sperrung des Accounts geschützt.
    Ganz nebenbei kosten mich die Bücher so gleich deutlich weniger und ich kann mit dem Kindle überall ins Netz.

    1. Wow, ich muss sagen, so gefällt mir der Kindle schon etwas besser. Allerdings: die meisten Nutzer werden den Reader ja wohl so nutzen, wie Amazon es vorsieht. Das ist so ein bisschen wie bei Windows – da macht sich auch kaum jemand die Mühe, die Grundeinstellungen so zu verändern, dass der Rechner sicher ist – ob’s nun um Viren geht oder um Datenschutz. Das finde ich den eigentlichen Skandal – auch ein Lesegerät sollte man jenseits von „Partisanentricks“ und Workarounds benutzen können, ohne dass gleich ein Dutzend Behörden, Firmenabteilungen und Geheimdienste mitliest. Ein vernetztes Gerät ist natürlich immer kritischer als ein unvernetztes, aber ein Mindestmaß an Datenschutz könnte eben auch ein Kindle direkt aus der Packung bieten.

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