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Von der Muse ungeküsst: Thalias neuer Oyo II im Test

20 Dez 2011

Thalia hat zur Weihnachtsaison einen neuen WiFi-Reader mit Touch-Screen auf den Markt gebracht – der Oyo II soll mit schnellerem Prozessor, mehr Speicherplatz und besserem Kontrast einige Scharten des Vorgängermodells auswetzen. Zum Preis von 119 Euro wird der 6-Zoller sowohl online wie auch über die Thalia-Filialen vor Ort verkauft. Als Weihnachtsgeschenk lohnt sich der Oyo II aber nur bedingt. Denn die Performance des von Medion produzierten Gerätes kann immer noch nicht überzeugen. Das Touch-Screen reagiert viel zu träge, oft passiert sekundenlang gar nichts. Für viele anspruchsvollere Funktionen reichen Prozessorleistung und/oder Firmware offenbar nicht aus. Auch der Kontrast kann mit anderen aktuellen E-Ink-Readern nicht mithalten. Ob Sony Reader, Kobo Touch oder Kindle – technisch ist der Oyo der Konkurrenz unterlegen.

Trojanisches Weihnachtsgeschenk

Der Kindle-Reader ist ein trojanisches Weihnachtsgeschenk, findet E-Book-Pionier und Spiegel-Autor Jürgen Neffe. Das High-End-Gerät werde von Amazon geradezu verramscht, das aber mit Kalkül: die wachsende Zahl der Kindle-Besitzer würde schließlich auf Dauer die Marktmacht des Online-Buchhändlers stärken. Eine Art trojanisches Weihnachtsgeschenk ist aber auch Thalias Oyo II, wenngleich mit umgekehrtem Effekt. Nach einer Serie von Pannen beim Vorgängermodell hätte man eigentlich ein technisch weitgehend überarbeitetes Konzept erwartet. Doch bereits optisch ist alles beim alten geblieben – Thalias Oyo Nummer zwei kommt mit identischem Gehäuse auf den Markt. Wie bisher gibt’s nur vier externe Tasten zur Steuerung, neben dem Ein- und Ausschaltknopf findet man am rechten Displayrand den Home-Button und zwei Umblättertasten. Die Außenmaße des Readers liegen mittlerweile deutlich über denen von vergleichbaren 6-Zoll-Lesegeräten, gleiches gilt für das mit 260 Gramm etwas hohe Gewicht. Die Schnittstellen des Oyo findet man an der Unterkante – neben einem Einschub für Speicherkarten gibt es einen Mikro-USB-Port sowie eine Kopfhörerbuchse.

Langer Marsch zum Lesevergnügen

Die Inbetriebnahme des Oyo II stellt den Kunden vor einige Hürden. Einfach einschalten und lesen geht nämlich nicht. Vorher muss das Gerät via W-LAN registriert werden – die Prozedur beinhaltet ggf. auch das Anlegen eines Kundenaccounts. Theoretisch kann man das auf der virtuellen Tastatur des Touch-Screen-Readers erledigen. Doch das flackernde Display und vor allem die langsame, oft auch ausbleibende Reaktion des Touch-Screens macht die Eingabe der Kundendaten zur Qual. Empfehlenswert ist deswegen der Umweg über den Browser eines Desktop-PCs. Gleiches gilt für die Eingabe der Zahlungsinformationen, ohne die man im E-Store auch keine kostenlosen Titel herunterladen kann. Immerhin ist die Einrichtung des Oyo II in der beigelegten Schnellstartanleitung sehr schön dokumentiert („In fünf Schritten zu Ihrem Lesevergnügen“).

Zu Hause auf dem Home-Screen

Im ausgeschalteten Zustand zeigt der Oyo eine Bildschirmschoner-Grafik an. Bei Aktivierung fährt das Gerät in wenigen Sekunden hoch. War vor dem Ausschalten ein E-Book geöffnet, gelangt man automatisch auf die gerade gelesene Seite zurück. Das Home-Screen („Startseite“) ist übersichtlich mit grafischen Elementen gestaltet. Die obere Hälfte zeigt vier Miniaturcover aus der E-Bibliothek an sowie in einem zusätzlichen Bereich den zuletzt gelesenen Titel. Die untere Hälfte des Home-Screens führt zum Thalia-Shop sowie zu Einstellungen, Extras (u.a. Webbrowser, Audioplayer) sowie zu den „Nachrichten“. Denn via W-Lan empfängt der Oyo aktuelle Buchempfehlungen sowie den Thalia-Newsletter. Unter „Einstellungen“ kann man die Häufigkeit des Screen-Refreshs einstellen („Häufigkeit der Bildschirmaktualisierung“). Weniger Screen-Refreshs sorgen für längere Akkulaufzeit.

Lesen auf dem Touch-Screen

E-Books im epub-Format werden problemlos angezeigt, PDF-Dateien dagegen lassen sich durch eine fehlende Reflow-Funktion nicht komfortabel lesen. Die Leseansicht lässt sich komplett über das Touch-Screen steuern. Umgeblättert wird per Fingerwisch (alternativ mit den Umblätter-Tasten), das doppelte Antippen einzelner Worte aktiviert die Wörterbuch- und Lexikon-Funktion. Neben dem Langenscheidt-Wörterbuch Deutsch/Englisch bzw. Englisch/Deutsch ist das Konversationslexikon von wissen.de vorinstalliert. Der Aufruf der jeweiligen Artikel dauert jedoch viel zu lange, somit ist gar nicht direkt feststellbar, ob das Antippen überhaupt registriert wurde. Nicht viel besser funktionieren einfache Menüfunktionen wie etwa das Ändern der Schriftgröße oder die Auswahl des Schriftfonts. Wählt man eine neue Fontart, friert das Display bis zu fünfzehn Sekunden lang ein. Das Schreiben von Anmerkungen im Rahmen der Lesezeichenfunktion ist ebenfalls nicht ganz so einfach – denn die virtuelle Tastatur reagiert viel zu träge auf die Eingaben. Dazu kommen störend flackernde Screen-Refreshs, bei denen die Tastatur für Sekundenbruchteile komplett verschwindet.

Drahtlos im Thalia-Shop

Zu den großen Vorteilen des Oyo-Readers gehört der integrierte E-Store. Der Thalia-Shop ist grafisch schön gestaltet und inhaltlich gut aufbereitet. Tipps von einzelnen Thalia-Buchhändlern und Leser-Rezensionen erleichtern die Auswahl der Lektüre. Der Seitenaufbau dauert allerdings selbst bei guter Netzanbindung deutlich zu lange. Im Unterschied zum Kindle- oder Kobo-Store lassen sich leider auch keine Leseproben herunterladen. Über das „Extra-Menü“ kann man sich via Webbrowser auf die Suche nach E-Books gehen oder eine Google- oder Wikpedia-Recherche tätigen. Doch auch hier geht alles nur in Zeitlupe, vom Scrollen durch eine Seite bis zum Einzoomen in den Text. Ein wirkliches Surferlebnis kommt dabei nicht auf. Weitere Extra-Funktionen sind der Audio-Player, eine Notizbuch-Funktion sowie ein Bildbetrachter.

“Einfach genial lesen“

Dem selbst gesetzten Motto „einfach. genial. lesen“ wird Thalias Oyo II im Kern tatsächlich gerecht. Denn die Lektüre selbst funktioniert gar nicht mal so schlecht. Sobald es aber um mehr als nur Umblättern geht, fällt das Gerät weit hinter vergleichbare Modelle zurück. Die kaum teureren Touch-Screen-Reader von Kobo oder Sony bieten nicht nur besseren Kontrast als das SiPix-Display des Oyo II, sondern prompt reagierende Benutzeroberflächen, die wirklich das Gefühl von direkter Interaktion zwischen Mensch und Reader aufkommen lassen. Manches wird beim Oyo II vielleicht durch neue Firmware-Updates noch zu verbessern sein, doch wer nicht für 119 Euro zum Beta-Tester werden möchte, sollte vorerst besser auf den Kauf des neuen Oyos verzichten. Wer auf Touch-Screen verzichten kann, bekommt mit dem Kindle 4 deutlich mehr Komfort für weniger Geld. Legt man zehn oder zwanzig Euro drauf, bekommt man mit dem Kobo-Touch oder der neuen Sony Reader Touch Edition Lesegeräte in die Hand, die im vollen Umfang halten, was Thalias Oyo bisher leider größtenteils nur verspricht.

Oyo II (Thalia.de)


Display

6 Zoll SiPix Touch-Screen, 600×800 Pixel, 16 Graustufen

Gewicht:

260 Gramm

Schnittstellen

USB, WLAN

Speicher

4 Gigabyte intern, max. 32 Gigabyte extern

E-Book-Formate

epub (DRM), PDF (DRM)

Audio-Features

MP3-Player, 3,5 mm Kopfhörerbuchse

Preis

119 Euro (Thalia)