Vom Webcomic zum Buch: „Zahra’s Paradise“ erscheint auf deutsch

Mit „Persepolis“ fing alles an – iranische Comics liegen voll im Trend. Nun bringt der Knesebeck-Verlag „Zahra’s Paradise“ heraus, eine Bildergeschichte, die ursprünglich als Gratis-Web-Comic gestartet ist. Der iranische Bürgerrechtler & Dokumentarfilmer Amir erzählt darin zusammen mit dem Zeichner Khalil die Geschichte eines iranischen Bloggers, der während der Protestwelle im Sommer 2009 nach seinem verschwundenen Bruder sucht. Die persische Version der „Arabellion“ fand somit im Web ihre virtuelle Fortsetzung, und erreichte dank zahlreicher Übersetzungen ein Millionenpublikum in aller Welt. Die ersten fünf Kapitel des Web-Comic sind weiterhin kostenlos lesbar, vermarktet wird „Zahra’s Paradise“ auschließlich über die Print-Version.

Blogger sind die neuen Helden

Das weltweite mediale Echo der Protestwelle gegen das Mullah-Regime mag mittlerweile abgeflaut sein – doch der Kampf gegen die politische Unterdrückung geht weiter. Zu den Opfern des Protestsommers 2009 gehört auch der Bruder von Amir, einem iranischen Journalisten, Bürgerrechtler und Dokumentarfilmers. Zusammen mit dem in den USA lebenden Künstler Khalil startete Amir im Februar 2010 den Webcomic “Zahra’s Paradise”, um mit veränderter Perspektive ein weltweites Publikum zu erreichen. Die Hauptperson ist ein Blogger aus Teheran: nach einer der großen Demonstrationen gegen die Wahlfälschungen macht er sich auf die Suche nach seinem Bruder Mehdi. Die Suche beginnt auf den Straßen der Hauptstadt und findet ihre Fortsetzung in den Krankenhäusern. Wurde Mehdi am Ende in eines der vielen Internierungslager der islamischen Republik gebracht? Die Story selbst basiert auf Fakten, die Details und vor allem die Namen der Protagonisten wurden allerdings verfremdet – allein schon zu ihrem Schutz. Auch die Namen von Amir & Khalil sind Pseudonyme.

Praktisch unbegrenzte Reichweite

Drei mal pro Woche konnte man bis September 2011 die Suche nach Mehdi auf der Website zahrasparadise.com mitverfolgen. Das mediale Potential des Projekts ist beachtlich: Der Webcomic ist mittlerweile nicht nur auf englisch, arabisch, persisch und hebräisch erschienen. In Zusammenarbeit mit Casterman gibt es eine französische und niederländische Ausgabe, Rizzoli Lizard & Norma Editorial sorgen für die italienische und die spanische Übersetzung. In Deutschland nahm sich der Münchner Knesebeck-Verlag des Comics an – unter dem Titel „Zahra’s Paradise: Die Grüne Revolution im Iran und die Suche einer Mutter nach ihrem Sohn“ ist die Print-Version jetzt zum Preis von 19,95 Euro lieferbar. Durch die kostenlos lesbaren Webcomic-Versionen war die Reichweite praktisch unbegrenzt. Die eigentliche Wertschöpfung findet nun über die Papierausgaben statt. Zu den großen Vorbildern dieser Marketing-Strategie gehört die Graphic Novel „Shooting War“ von Anthony Lappe und Dan Goldman. Interessanterweise gab es hier ähnliche Überschneidungen zwischen Form und Inhalt: denn im Mittelpunkt der Handlung stand mit der Figur Jimmy Burns ein Videoblogger, der mit seiner Berichterstattung globale Aufmerksamkeit erreicht.

Webcomics als popkulturelle Protestform

In der Fiktion wird hier eine zentrale Entwicklung des Internetzeitalters nachvollzogen. Hemingway war gestern: nach Schriftstellern & Journalisten sind die Blogger zu den neuen Helden der Mediengesellschaft avanciert. In der Realität etablieren sich neben charismatischen Persönlichkeiten vom Bagdad Blogger bis zu Yoani Sanchez nun dank Webcomics aber auch echte Medienkünstler. Das ist kein Zufall – denn die Kombination aus wirkungsmächtigen Bildern, dem Prinzip Weblog und dem Potential des E-Publishings bietet in der globalen Wahrnehmungsökonomie eben ganz besondere Vorteile. Interessanterweise schließen sich dabei popkulturelle Formen wie Comics und politischer Protest nicht nur nicht aus – sie können sich wie bei “Zahra’s Paradise” sogar gegenseitig verstärken. Wie hoch der Realitätsgehalt in diesem Fall ist, zeigt ein Blick auf den Anhang: dort sind auf dreizehn Seiten die Namen von mehr als 16.000 Opfern der islamischen Republik verzeichnet. Für Amir selbst ist “Zahra’s Paradise” aber zugleich auch ein Medium der persönlichen Erinnerung: “Auch mein Bruder ist tot, ich habe ihn sozusagen in ‘Zahra’s Paradise’ begraben”.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".