Vom Vulkanstaub zu den Sternen: Christian Klemkows „Exploration Capri – Inferno“ [Leseprobe]

Alles beginnt mit einem Ausbruch des Vesuvs im Jahr 2033 – doch „Naturkatastrophe“ wäre das falsche Wort. Die zum Auftakt von Christian Klemkows Sci-Fi-Drama „Exploration Capri“ entfesselten Gewalten sind nicht von dieser Welt: unter dem Golf von Neapel schlummert ein gigantisches außerirdisches Artefakt, das plötzlich zum Leben erwacht und tödliche Strahlen in den Himmel aussendet. Der Zweck der Maschine bleibt jedoch unklar, bis auf die Tatsache, dass sie in Verbindung mit dem Sonnensystem Eta Cassiopeia steht. Ende des 21. Jahrhunderts schickt die Menschheit deswegen eine Expedition auf die knapp 20 Lichtjahre weite Reise. Doch das Raumschiff kommt vom Kurs ab, während sich die Besatzung im Tiefschlaf befindet, so dass die Mission einen völlig unerwarteten Verlauf nimmt. Drei Bände der insgesamt vierteiligen Serie sind bereits im Kindle Shop erhältlich: Teil 1 („Inferno“), Teil 2 („Verschollen“) sowie Teil 3 („Zerstörung“), der letzte Teil erscheint im März 2015. Der folgende Ausschnitt stammt aus dem ersten Teil – und führt tatsächlich mitten ins Inferno – nämlich den Ausbruch des Vesuvs… Wie alles anfängt, verrät die Leseprobe im Kindle Shop.

Christian Klemkow: Exploration Capri

Italien, Neapel
24. Mai 2033, 11:20 AM

Das Grollen des Bebens wurde stärker, Alarmgetöse erfüllte die vom allgegenwärtigen Smog gesättigte Luft, Autos schrillten um die Wette. Francesca blickte über die Stadt, wo sich erste graue Schwaden Betonstaub emporhoben, wo zuvor noch größere Gebäude standen. Deutlich konnte sie auch das Schwanken ihres Hauses fühlen. Reifen quietschten unten an der Straße.
Wiedersehensfreude mischte sich mit Schüben von Angst und Furcht. Francesca blickte zum Berg empor, der sich geradezu aufzublähen schien. Spielten ihr die Sinne einen Streich, oder würde gleich ein Inferno über die Stadt hinwegfegen.
Regungslos stand sie auf ihrem Dach, umgeben von der ihr vertrauten Idylle blühender Rosenbrücken, Blumenrabatten und kleinen Zierbäumchen. Die rufenden Stimmen in ihrem Haus hörte sie nicht mehr.
„Wo ist sie? Such du im Wohnzimmer, ich geh rauf zum Dach“, schallte die männliche Stimme aus dem gläsernen Oberlicht empor.
„Hier ist sie nicht“, rief Elisa von unten. Die Tür zur Dachterrasse stieß ruckartig auf und Lorenzo blickte seiner Mutter entgegen.
„Mama! Da bist du ja. Ich hab sie gefunden“, rief er die Treppe hinunter und rannte sofort auf sie zu. „Komm Mama, wir müssen gehen! Es wird Zeit!“
„Ich geh hier nicht weg!“, antwortete Francesca apathisch.
„Wir müssen aber schnell von hier fort. Er bricht aus!“
Nun kamen auch Lorenzos Schwester und Elisa aufs Dach gerannt.
„Mutter! Zeit zu gehen!“, rief Sara voller Sorge, umarmte sie kurz und packte Francesca an der Hand.
„Ich kann hier nicht weg. Das alles…“
„… wird schon bald nicht mehr existieren! Los!“, rief Lorenzo mit noch mehr Nachdruck.
Sara sah immer mehr Gebäude schwanken und schrak zusammen, als sich im Stadtzentrum eine schwere Explosion ereignete. Kurz nach dem Feuerball erfolgte auch der Knall.
„Mutter!“, schrie sie, „Wir müssen raus aus Neapel!“
Lorenzo ohrfeigte seine eigene Mutter zur Vernunft.
„Reiß dich zusammen, oder willst du, dass deine Enkelin mit dir stirbt?“
„Großmama, bitte komm schnell!“, rief Elisa flehend.
„Nein, natürlich nicht“, antwortete sie abwesend, kaum begreifend, warum ihre Liebsten bei ihr waren. Das durften sie doch nicht. „Was macht ihr hier? Seid ihr verrückt, hier herzukommen? Seht ihr nicht…“       
„Sie ist weggetreten. Du musst sie tragen, Lorenzo!“, rief Sara bestimmend und zuckte zusammen, als sie die Kirche in unmittelbarer Nachbarschaft wie ein Kartenhaus in sich zusammenstürzen sah. „Oh Gott!“
„Nein, nicht ohne meine Katzen!“, brüllte Francesca zurück. „Ich kann sie nicht sterben lassen.“
„Wir können sie nicht alle fangen und retten. Elisa, schnapp dir die Tasche dort“, zeigte Lorenzo auf eine Tragetasche für Katzen und schnappte sich Thai aus Francescas Armen. Hastig stopfte er die Heilige Birma in die Tasche.
„So, ich hab deine Katze. Nun los!“
„Ist dieses Haus erdbebensicher?“, fragte Elisa ängstlich und bereute ihre Entscheidung, heute unbedingt mitkommen zu wollen.
„Nicht sicher genug, fürchte ich. Wir müssen vom Dach runter!“ Lorenzo zerrte seine Mutter hinter sich her und rannte auf den Fahrstuhl zu. Seine Schwester und Elisa folgte ihnen.
„Nicht in den Fahrstuhl!“, rief Sara aus zahlreichen Erinnerungen diverser Katastrophenfilme. Zu oft wurden Fahrstuhlschächte bei Stromausfällen, Feuer und Erdbeben zu lebensgefährlichen Todesfallen.
„Wir haben keine Wahl!“, zog er sie schnell durch die Tür und drückte den Knopf zum Erdgeschoss. Die Tür schloss sich.
Die Angst fuhr mit und pochte jedem bis zum Hals. Ruckartige Erschütterungen brachten sämtliche Verkleidungen des Fahrstuhles zum Klappern. Nur das moderne Licht wollte nicht so flackern wie in den Filmen. Es leuchtete kühl und beständig. Alle starrten auf die Stockwerkanzeige, die sich viel zu langsam dem Erdgeschoß näherte.
„Komm schon, komm schon!“, betete Sara leise vor sich hin.
Als sich schließlich die Fahrstuhltür öffnete und das Tageslicht blendete, rannten sie so schnell sie konnten aus dem Haus.
„Alter, NEIN! Wo ist meine Karre?“, fluchte Lorenzo laut, als ihm einfiel, dass er in aller Eile weder den Zündschlüssel abgezogen, noch den Wagen verschlossen hatte. „Merda, das gibt’s doch nicht. Jemand hat ihn geklaut. Figlia di puttana!“
Ein Blick die leere Straße hinunter machte ihnen deutlich, wie schnell sie ins Freie mussten. Fassade um Fassade krachte zu Boden und begrub Autos wie Bürgersteige mit Steinen und Dachziegeln.
Drei Häuser stadteinwärts eilte eine weitere sechsköpfige Familie vor das Haus und warf Koffer und Kinder in Panik in den bereitstehenden blauen Van. Dachpfannen stürzten vom Dach über den Balkon auf das Auto, so dass die getönten Scheiben barsten. Sara blieb die Luft im Hals stecken, noch ehe sie einen Schrei ausstoßen konnte.
„Achtung! Vorsicht! Das Haus bricht zusa…!“, rief Elisa schockiert. Sie wollte die Familie noch warnen, als sich das marode Mauerwerk löste und auf die neben dem Wagen stehenden Erwachsenen stürzte. Tonnen aus Schutt und Gestein begrub die gesamte Familie, quetschte das Fahrzeug zusammen, dass die Achsen brachen.
Elisa schrie und wandte sich ab. Auch Sara kämpfte mit der Fassung. Noch nie hatten sie dem Tod so nah ins Gesicht sehen müssen. Die Steine verbargen nicht alles.
„Sie sind…“, schluchzte Elisa
„Ich weiß, mein Schatz. Schau nicht hin!“ Doch aus dem begrabenen Van vernahm Sara plötzlich Rufe und weinende Stimmen der Kinder, die offenbar überlebt hatten.
„Hörst du das? Die Kinder im Auto“, horchte Elisa auf.
„Wir müssen hier weg!“, rief ihr Vater mit Nachdruck und sah den blutüberströmten Kopf des Familienoberhauptes auf der anderen Straßenseite. Die Ziegel hatten seinen Schädel bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert. Panisch starrte Lorenzo zu den Dächern hinauf. Er hatte nicht vor, der Nächste zu sein.
„Aber sie leben! Wir müssen sie da rausholen!“, protestierte Sara und wollte die Kinder mit bloßen Händen aus dem Geröll befreien.
„In dem Auto sind sie sicherer als wir. Wir müssen hier weg, oder uns passiert dasselbe! Los jetzt! Sie werden sicher befreit, wenn das überstanden ist.“
„Aber der Vesuv. Wenn die Lavaströme bis hier…“
Ehrfürchtig sah Lorenzo zum drohenden Gipfel empor. Dem Himmel sei Dank, passierte dort noch nichts.
„Sieh hin! Nur Rauch. Der bricht nicht aus“, betete er innerlich. Dafür konnte er das Beben spüren, das Haus um Haus zu Boden zwang. Erneut stürzte eine benachbarte Fassade krachend in sich zusammen. Sara erschrak.
„Seht ihr das? Kommt schon! Lava ist unser kleinstes Problem. Wir dürfen nicht stehen bleiben!“
„Bitte Lorenzo, nein! Die Kinder.“
„Wenn wir bleiben, sterben wir alle. Entweder sie oder wir!“
Die schreienden Hilferufe wurden immer lauter und durchdrangen Saras Mutterherz. Sie konnte es nicht zulassen und schüttelte den Kopf. Noch immer fielen Trümmer auf die Straße und den Van.
„Wir können ihnen nicht helfen!“, blickte er verbittert zum Van. Er konnte es sich nicht leisten, Held zu spielen. Er hatte eine Familie. Entschlossen packte er ihre Hände und zerrte alle die Straße hinunter. Vermutlich würde ihn diese Sünde ein Leben lang plagen und in Träumen heimsuchen. Doch dafür mussten sie erstmal überleben.
„Wo sollen wir denn hin? Wie kommen wir aus der Stadt raus?“, rief Sara verzweifelt und umarmte Elisa tröstend. Immer wieder sah sie zu den hilflos weinenden Kindern zurück.
Lorenzo überlegte hastig. Flaches Terrain oder starke Mauern. Wie ein Geistesblitz schoss es ihm durch den Kopf. Es gab nur einen halbwegs sicheren Ort.
„Zum Strand! Lauft! Schnell!“
 
An Bord der Vici
Marion wählte hastig die Nummer des vulkanologischen Observatoriums am Vesuv.
„Ja, Cartright hier, geben Sie mir Doktor Jacobi. Schnell! Es eilt! … Doktor Jacobi, hier ist Marion. Sie müssen die Männer vom Berg …“

 
Die Verbindung brach abrupt ab.
Es war 11:24 Uhr und 48 Sekunden.

 
Das Unfassbare nahm seinen Lauf.

Copyright Cover & Leseprobe: Christian Klemkow –
Publikation mit frdl. Genehmigung des Autors.

Christian Klemkow,
Exploration Capri (Sci-Fi)
Inferno – Teil 1 – E-Book (Kindle) 2,99 Euro
Verschollen – Teil 2 – E-Book (Kindle) 4,49 Euro
Zerstörung – Teil 3 – E-Book (Kindle) 4,49 Euro

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".