Vom Buch zum Blog? So funktioniert Sascha Lobos Sobooks

Fast ein Jahr lang rätselte die Buchbranche über Sascha Lobos Sobooks-Projekt – nun wurde pünktlich zur Buchmesse das Geheimnis gelüftet: „Bücher sind bei uns eigentlich Webseiten, schon um die Kraft des Internets zu nutzen“, umschrieb Lobo den Kern des Projekts bereits Anfang der Woche im FAZ-Interview, in den Frankfurter Messehallen gab’s dann weitere Details: Jedes Buch bekommt eine eigene URL, kann aber wahlweise auch als epub- oder PDf heruntergeladen werden, und zwar ohne DRM. Im Zentrum der „Social Books“ von Sobooks steht aber die Website – denn online soll jede Menge Interaktion zwischen Lesern und Texten stattfinden: man hinterlässt Kommentare, die wiederum kommentiert werden können, oder postet Zitate in Richtung Twitter oder Facebook, inklusive Rückverlinkung auf die jeweilige Textstelle.

Mischung aus PressBooks & Readmill

Die ersten Screenshots erinnern an eine Mischung aus Blog-dein-Buch, wie man es von der WordPress-Erweiterung PressBooks kennt, und einer Richtung offenem Web aufgesprengten Social-Reading-App à la Readmill. Noch mehr Text-Zirkulation soll die Möglichkeit bieten, ein Web-Book an bis zu drei Freunde auszuleihen. Aber Lobo geht’s offenbar nicht nur um maximale Reichweite von Literatur inklusive der litarischen Kommunikation, sondern auch um’s Prinzip. Mit Büchern und dem Internet sei es so ähnlich wie mit Kifferläden: Gebe es dort alles rund ums Kiffen, bloß nicht den Stoff selbst, erhalte man bisher im Web „alles rund um Bücher. Die Bücher selbst, ihren Inhalt, aber nicht. Oder nur in homöopathischen Dosen als Lesepröbchen“. Das werde mit Sobook nun eben anders.

Zahlreiche Verlage schon mit an Bord

Abgesehen von der Ironie der Irokesen hat Lobo aber auch etwas Balsam für die Nerven der vom Medienwandel gestressten Bibliophilen parat: so erhält Sobooks selbst im Web die klassische Seitenstruktur der Texte, was wohl zusätzliche Orientierung für digitale Immigranten bieten dürfte. Außerdem können mißtrauische Verleger ihre Produkte mit einem digitalen Wasserzeichen versehen, also einer Variante von „sozialem“ bzw. „weichem“ DRM. Tatsächlich sind schon eine Menge großer wie auch kleiner Verlage an Bord, von Random House bis SuKuLTuR. Am letzten Tag der Buchmesse (13. Oktober) startet eine geschlossene Beta-Phase mit einer Handvoll ausgewählter Titel zum Testen.

„Post-Amazon-Konzept“

„Das, was wir tun, nennen wir mittelgrößenwahnsinnig: Post-Amazon-Konzept“, hat Lobo ausgerufen – etwas mehr als die geschlossenen (App-)Universen der großen Portale bietet Sobooks auf jeden Fall. Gerade in punkto „Discoverability“ bieten deutsche Buchhandels-Portale bisher kaum überzeugende Lösungen. Amazon dagegen besitzt mit Goodreads neuerdings sogar eine eigene Social Reading-Plattform. Die perfekte Integration von Online-Leseumgebung, Community und E-Store jedoch ist bisher auch Jeff Bezos nicht gelungen. Hier könnte der strategische Vorteil von Newcomern wie Sascha Lobo liegen, die zwar erfolgsorientiert denken, aber eins erklärtermaßen nicht möchten: zum Gatekeeper werden.

Veröffentlicht von

Ansgar Warner

Ansgar Warner arbeitet als freier Autor im Medienbüro Mitte (Berlin). Neben diversen Brotarbeiten für Presse & Rundfunk bloggt er hier rund um's Thema Elektronisches Lesen. Die spannende (Vor-)Geschichte der elektronischen Bücher erzählt Ansgar in "Vom Buch zum Byte". Praktische Infos für Autoren, Verleger & alle E-Reading-Interessierten vermittelt das "e-book & e-reader abc".

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