Home » Buchmesse, Pro & Kontra

Vernetztes Lesen, verletzte Privatsphäre?

15 Okt 2011

Es war einmal, lange bevor das elektronische Papier erfunden wurde. Da verblüffte ein Berliner Autor sein Publikum mit einer Anekdote über New Yorker Bibliotheksangestellte, die im Dienst Schusswaffen tragen. Nicht beim Wandeln zwischen den Regalen, aber im Außendienst, wenn sie bei säumigen Ausleihern an der Haustür klingeln. Nur eine Räuberpistole? Zusammen mit dem E-Book-Trend scheinen neuerdings die rauen Sitten aus Alphabet City auch in unser Leseland einzuwandern. Die Umsätze mit gedruckten Medien bröckeln, und die Buchbranche schießt sich auf die Leser ein. Statt ihr Geld brav in die Buchhandlung zu tragen, klicken die elenden Subskribenten sich durch dubiose Download-Portale auf der Suche nach kostenlosen Raubkopien. Motiviert werden sie dabei nicht nur durch überhöhte E-Book-Preise und lästiges Digital Rights Management, vulgo: Kopierschutz. Viele Titel aus der Backlist werden offiziell in elektronischer Form oft noch gar nicht angeboten.

Die Verleger und Bouquinisten rufen: „Haltet den Dieb!“

Was Lesern recht und billig erscheint, empfinden die Anbieter als Schlag ins Kontor. Glaubt man einer aktuellen Studie zur digitalen Content-Nutzung, wurden hierzulande im Jahr 2010 knapp 14 Millionen elektronische Bücher illegal heruntergeladen. Bei 23 Millionen E-Book-Downloads insgesamt sind das zwei Drittel der Gesamtmenge. Hat also die „Napsterisierung“ der Gutenberg-Galaxis begonnen? Verleger und Bouquinisten rufen schon: „Haltet den Dieb!“ So etwa Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Bei der Vorstellung der oben genannten Studie im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse postulierte Skipis: „Ohne Aufklärung und gegebenenfalls Sanktionen für illegales Verhalten funktioniert der E-Book-Markt auf Dauer nicht“. In die Pflicht nehmen will man etwa die Provider – sie sollen die Netzaktivitäten der User stärker überwachen und gegebenenfalls Warnhinweise einblenden.

Mit auf dem Podium saßen Vertreter des Bundesverbandes Musikindu­strie sowie des Lobbyverbandes „Gesell­schaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen“. Gebrannte Kinder des Medienwandels, sollte man meinen. Mit allen Mitteln kämpfte die Unterhaltungsindustrie erst gegen das Kopieren und Brennen von CDs und DVDs, dann gegen das Downloaden von MP3s. Doch was haben Digital Rights Management, einschüchternde Anzeigenkampagenen oder die Androhung von Netzsperren gebracht?

„Wer nur noch Kunden verklagt, hat kein Geschäftsmodell mehr“

Vor allem wohl eine Erkenntnis, die Matt Mason in seinem Klassiker „The Pirate’s Dilemma“ so formuliert: „If suing customers [d.h. das Verklagen von Kunden] becomes central to a company or industry’s business model, then the truth is that that company or industry no longer has a competitive business model.“

Mason führt auch gleich selbst vor, wie man es besser machen kann.Vermarktet hat er die Printversion seines Buches (Unterttitel: „How Youth Culture reinvents Capitalism“) nämlich mit einer E-Book-Version, bei der man den Preis selbst bestimmen kann, angefangen bei 0 Cent. Auf ähnliche Weise haben auch selbstbewusste Autoren wie Paul Coelho oder Cory Doctorow es geschafft, die Verkaufszahlen ihrer gedruckten Werke in die Höhe zu treiben. „Piracy isn’t a threat, it’s an opportunity“, schlußfolgert Matt Mason.

Doch auch aus ganz anderen Gründen ist das Für und Wider in Sachen Kopierschutz bei E-Books ein Streit um Gutenbergs Bart. Bei Musikfiles und Hörbüchern wird der Verkauf en détail längst durch monatliche Flatrates abgelöst. Selbst das Wort „Download“ klingt angesichts von Streaming aus der Rechnerwolke antiquiert. Wohin die literarische Reise geht, zeigt ein Blick auf Amazons neues Fire-Tablet. Elektronische Bücher sind hier nur noch eine weitere drahtloseContentsäule neben Musik und Video. Tendenziell sogar kostenlos. Für Premiumkunden plant der Online-Buchhändler bereits einen Gratis-Verleihservice.

Funktioniert vernetztes Lesen ohne verletzte Privatsphäre?

Anstelle der Urheberrechtsdebatte müssen wir eigentlich eine ganz andere Diskussion führen – wie kann in Zukunft vernetztes Lesen ohne eine verletzte Privatsphäre stattfinden? Welche Lektüre zu Hause im Regal steht, wusste früher allenfalls die Stasi, die bei Verdächtigen konspirativ Buchrücken fotografierte. Die Bibliothek in der Rechnerwolke registriert nun sogar, wieviele Seiten wir lesen, welche Passagen wir markieren und mit Freunden teilen.

Bei E-Readern bzw. Tablets von Amazon, Apple oder Sony geht etwa die Electronic Frontier Foundation schon jetzt davon aus, dass solche Daten nicht nur gesammelt, sondern nach geltendem Recht an Dritte weitergegeben werden, darunter auch Strafverfolgungsbehörden, Geheimdienste und andere Regierungsbehörden (vgl. den E-Book Buyer’s Guide to E-Book Privacy)

Doch auch Verlage und Buchhandel in Deutschland mischen beim vernetzten Lesen kräftig mit, sie betreiben E-Stores und verkaufen drahtlos funkende Lesegeräte. Bisher gehörte die Buchbranche zu den wichtigsten Garanten der Informationsfreiheit. Die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit wäre ohne sie gar nicht denkbar gewesen. Welche Rolle will sie zukünftig spielen? Eins sollte klar sein: Pistolen im Halfter passen zu Gutenbergs Erben genausowenig wie die Kragenspiegel der Tscheka.

[Eine gekürzte Version dieses Kommentars ist am 13. Oktober auf The European und Der Standard erschienen]